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Full text of "Outside The Box 01/2009-07/2019 ohne Nr. 2"

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EIN 
GESPRACH 
ENTSTEHEN 
LASSEN 


Als deutlich wurde, dass das Thema der nächsten 
Ausgabe „Gebären“ sein würde, kam im Outside- 
Umfeld die Idee auf, die „Mütter der Redaktion“ 
zu ihren Schwangerschafts- und Geburtserleb- 
nissen zu interviewen. Für uns war klar, dass ge- 
rade dieses Thema nicht nur aus einer analysie- 
renden Perspektive von außen behandelt werden 
soll. „Gebären“ bleibt trotz aller daran anknüp- 
fenden Themenfelder, die wir im Call for Papers 
formuliert haben, letztlich eine körperliche Ange- 
legenheit, etwas, das Menschen „am eigenen Leib 
erfahren“ — und das durchaus mit gemischten 
Gefühlen. Diese herrschten auch angesichts der 
Interview-Idee bei unseren Redaktions-Müttern 
erst einmal vor. Wollen wir das, uns mit unseren 
ganz persönlichen Erlebnissen in den Mittelpunkt 
stellen? Ist das, was wir zu erzählen haben, über- 
haupt politisch relevant? 


Schließlich ist ein Gespräch entstanden, in dem 
drei Mütter und eine Nicht-Mutter, drei Redakti- 
onsmitglieder und ein Nicht-Redaktionsmitglied 
gleichberechtigt über ihre Erfahrungen und Ge- 
danken reden. Von der Idee im Sommer 2010 bis 
zur druckreifen Fassung ist fast ein Jahr vergan- 
gen. In dieser Zeit haben wir viele Mails hin und 
her geschrieben, uns mehrmals zu durchaus auf- 
wühlenden Vorgesprächen getroffen, telefoniert, 
geplant und an Maikes® geraucht und gesoffen. 
Das eigentliche, lang vorbereitete Gespräch muss- 
te ganz klassisch verschoben werden, weil eines 
der Kinder krank geworden war. Und als es dann 
ans Bearbeiten ging, bekam eine von uns einen 
9-to-5-Job und eine andere quälte sich durch ihre 
Abschlussprüfungen, weswegen wir den Großteil 
der Kürzungen, der inhaltlichen Ergänzungen 
und sprachlichen Überarbeitung zu zweit ge- 
stemmt haben.! 


Für alle Teilnehmenden war das „Müttergespräch“ 
ein Anlass, innere Konflikte in Bezug aufs Kinder- 
kriegen zum ersten Mal bewusst in einem gesell- 
schaftlichen Kontext zu betrachten, sie nicht mehr 
(nur) auf sich selbst zurückzuführen und auf das 
Gefühl, der Situation individuell nicht gewachsen 
zu sein. Schnell wurde klar, dass unsere Unzu- 
friedenheit über die Unzulänglichkeit verfügba- 
rer Mutterschaftsdiskurse der Ausgangspunkt des 
Gesprächs sein würde: die Leerstelle an Erzählun- 
gen, die den Mutter-Vater-Kind-Glückserzählun- 
gen zuwiderlaufen, die die unangenehmen, ent- 
fremdenden Aspekte von Mutterschaft, eventuelle 
Versagensängste und den ambivalenten Umgang 
mit der Veränderung, die Kinderkriegen bedeu- 
tet, im sozialen Umfeld thematisieren. 


Es unterhielten sich: 


Lotte, 27, lebt in einer 5er-WG mit zwei ei- 
genen Kindern, Ronja und Lola, die beide 
recht unkompliziert zu Hause das Licht der 
Welt erblickten, kämpft seitdem innerlich 
wie äußerlich um den Erhalt von Zeiten und 


Räumen, in denen sie nicht zuallererst 
Mutter sein soll und muss und gleichzeitig 
gegen das mehr an Weiblichkeit, das Mutter- 
sein oft automatisch zu bedeuten scheint. 
Zudem ist sie in letzter Zeit immer wieder 
darüber erschrocken, wie oft sie selbst 

oder Mütter in ihrem Umfeld ihre Bedürfnisse 
gegenüber den angenommenen Bedürfnissen 
ihrer Kinder zurückstecken. 


Maike, 24, lebt in einer (Ex-)Studi-2er-WG ohne 
Kinder. War noch nie schwanger und hat auch 
keinesfalls vor, es zu werden - was sich dank 
„homosexueller Gesinnung“ (Zitat Frau vom 
Gesundheitsamt) relativ unkompliziert gestal- 
tet. Ist schon bei zwei Geburten dabei ge- 
wesen als Zuschauerin/Unterstützerin: einmal 
Kälbchen im Stall, einmal Baby zuhause. War 
beide Male aufregend, aber nur das Baby hat 
sie hollywood-like zum Heulen gebracht. Kommt 
aus dem katholischen Westen und war über- 
rascht, wie viel entspannter die neuen ost- 
sozialisierten Freundinnen mit dem Thema 
Kinderkriegen und Schwangerschaftsabbruch 
umgehen. 


Natalie, 28, erlebte Schwangerschaft und 
Geburt (im Krankenhaus) als relativ problem- 
los und hatte meistens das Gefühl, selbst- 
bestimmt über alles Wichtige entscheiden zu 
können. Besonders getroffen hat sie der 
„Clash der Welten“ kurz nach der Geburt: Die 
Welt, wie sie ohne Verantwortung für ein 
Kind war, die Welt, wie sie sie sich für die 
Zeit nach der Geburt ausgemalt hat, und die 
Welt, wie sie sich seit der Geburt tat- 
sächlich gestaltet. Insgesamt sieht sie ihr 
Leben mit ihrem Kind sehr ambivalent. Es 
treffen tiefe Liebe, viel Rücksichtnahme und 
zahlreiche Ansprüche von innen und außen auf 
eigene Bedürfnisse und Interessen. Dies mit- 
einander zu vereinbaren scheint eine große 
Kunst. Natalie lebt mit ihrem Sohn Frederik 
und einer Mitbewohnerin in einer WG. 


Ruth, 33, lebt mit ihrem Herzensmenschen 

und der gemeinsamen Tochter Mascha (2) und 
kämpft noch immer mit den traumatischen 
Folgen einer im Umfeld zumeist schöngerede- 
ten, selbst aber als grausam und entäußernd 
empfunden Geburt und den Folgen des Autono- 
mieverlustes seit ihrer Mutterschaft. Ist auf 
der Suche nach einem Raum, der es zulässt, 
über die Abgründe des Gebärens und die Frag- 
würdigkeit einer im Diskurs um Schwanger- 
schaft, Geburt und Mutterschaft stets anklin- 
genden Natürlichkeit nachzudenken und eigene 
Zweifel zu platzieren. Liebt gutes Essen 

in großen Portionen und versteckt Süßigkeiten 
vor Kind und Mann. Beide sieht sie derzeit 
aufgrund einer Vollzeitstelle nur in den 
Abendstunden und ist darüber gleichermaßen 
traurig und froh. 


® Alle Namen von der Redaktion 


geändert. 


1 Danke an alle, die uns beim 
Transkribieren unterstützt’ und 
die Rohversion kritisch kommen- 
tiert haben! 


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Ein Gespräch entstehen lassen 


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GEBURT/ 
SCHMERZ 


Maike: Lotte, von dir hat man ja vor allem Positives über die Schwan- 


gerschaften und Geburten gehört .. 


Lotte: Ich habe vor allem meine erste Geburt als sehr positiv, als etwas 
ganz Besonderes erlebt und bin mit dieser Wahrnehmung wohl eher dem 
gängigen Diskurs gefolgt - das bedeutet jedoch nicht, dass es von vorn bis 
hinten angenehm war. Trotzdem habe ich nach der Geburt meines ersten 
Kindes hinterher meinen Freunden erzählt, es sei ein schönes Erlebnis 
gewesen. Zwar habe ich auch die zwei Stunden erwähnt, in denen gar nichts 
mehr ging, in denen mir der Schmerz einfach unerträglich schien - aber: 
die gehen vorbei. Dass es diese Schmerzen zwar gab, ich ihnen aber in 
meiner Erzählung hinterher so wenig Raum gegeben, sie sofort rationalisiert 
und lapidar abgetan habe, das entspricht genau diesem klassischen „Im 
besten Fall vergisst man das schnell“. 


Maike: Du würdest also sagen, dass du die Schmerzen in deinen Erzäh- 
lungen verharmlost hast .. 


Lotte: Genau. Es wäre falsch zu behaupten: meine Geburten waren insofern 
gut, als dass ich da die ganze Zeit super mit mir klargekommen wäre 
(lacht). Bei beiden Geburten gab es ein bis zwei Stunden, in denen ich 
irgendwie gar nicht Frau meiner selbst war, sondern das, was da passierte, 
eigentlich kein bisschen ertragen konnte und nur gehofft habe, dass irgend 
jemand irgendetwas macht, damit es endlich aufhört. Aber danach, 

in dem Wissen, dass es vorbei ist, taucht auf einmal der Gedanke auf: Das 
gehört halt dazu und jetzt ist ja die Belohnung da. Man hat etwas vollbracht, 
man hat nämlich dieses Kind zur Welt gebracht und kann stolz sein. Und das 
Neue blendet das andere, den Schmerz und das Nicht-Aushalten-Können, 


einfach aus, obwohl es da gewesen ist. 


Natalie: Was ich verrückt daran finde, ist dass das Wort Schmerz auch 
während der ganzen Geburtsvorbereitung - und diese Zeit ist ja 
relativ lang - nie fällt. Dass nie davon gesprochen wird, dass die 
Geburt eine sehr schmerzhafte und durchaus auch im negativen Sinne 


prägende Erfahrung ist. 


Ruth: Ich hab das ganz anders erlebt. Ich habe durchaus erlebt, dass über 
Schmerzen gesprochen wurde, aber tatsächlich entweder im Sinne von: 

„Das gehört dazu.“ oder sogar noch: „Das ist ganz wichtig für das Kind - 
das braucht einen gesunden Geburtsstress, um die Anpassung an die Welt 
danach irgendwie gut zu meistern.“ Das ist die eine Erzählung, die, in der 
es um das angebliche Wohl des Kindes geht. Die andere Erzählung ist so 
eine Art Huldigung der Weiblichkeit: Frauen schaffen diesen Schmerz. 
Obwohl ich auch schon von Müttern nach der Geburt gehört habe: „Nie 
wieder, das war so heftig, das hat mich traumatisiert“, gibt es eben auch 


einige, die sagen: „Yeah, ich hab das geschafft und ich bin da durch“, 


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Ein Gespräch entstehen lassen 


und die darauf stolz sind. Und das ist das, was ich so schräg finde: dass, 
egal welche Erzählung den Schmerz begründet, dieser immer als notwendig 
und damit letztlich selbstverständlich dargestellt wird - obwohl er so 
zügellos, gewaltsam, grausam ist. 

Es ist doch absurd, dass der Vorgang der Geburt von den sonst gängigen 
aufklärerischen Bestrebungen wie Naturbeherrschung, Selbstbestimmung, 
körperliche Integrität etc. scheinbar ausgenommen scheint. Für den Vorgang 
der Geburt scheinen diese Bestrebungen nicht zu gelten oder sie geraten 
unter der Geburt zumindest ins Schwanken. Das, was auch ich will im Vertrauen 
auf Vernunft und Rationalität, nämlich Furcht beherrschen, Sicherheit und 
körperliche Unversehrtheit erfahren, das wird mir verwehrt oder findet beim 
Vorgang der Geburt nicht selbstverständlich statt und ich als Subjekt 
werde damit negiert. 

Im Diskurs um Geburt, aber auch Schwangerschaft und Muttersein, scheint 
auf einmal eine antiaufklärerische Dimension viel selbstverständlicher. 
Darauf hat die Autorin Isabelle Azoulay bereits hingewiesen, indem sie zeigte, 
dass, obwohl der Begriff des Instinkts eigentlich nicht mehr populär ist, 
er dennoch zum Beispiel in der Idee der uneingeschränkten und ad hoc bereit- 
stehenden Mutterliebe wieder bemüht wird. Es gibt, darauf weist Azoulay 
auch hin, kaum Erzählungen, in denen Mütter vorkommen, die ihr Kind nicht 
selbstverständlich lieben. Und wenn davon die Rede ist, dann wird es durch 
externe Faktoren begründet: Die Frau kommt aus einem problematischen sozi- 
alen Umfeld, ist arbeitslos, hat Probleme, etc- auf jeden Fall ist 
fehlende Mutterliebe pathologisch und nicht natürlich. Ein, um es mal 
überspitzt zu sagen, schlichtweg aggressives Potential einer Mutter 

gibt es nicht bzw. wird nicht thematisiert. 

Zweifelsohne geht es in dem Diskurs um Geburt und Co. auch um Selbstbe- 
stimmung, sind emanzipatorische Momente darin nicht ausgeklammert. 

Im Gegenteil: es ist eine moderne Errungenschaft vor allem der Frauenbe- 
wegung, dass man heute nicht mehr unter Fremden, unter Männern in vorge- 
schriebenen Positionen usw. gebären muss, es ist fortschrittlich, dass 
man heute zu Hause gebären kann, den medizinischen Zugriff im Detail auch 
verhandeln und mitbestimmen darf und letztlich eben viel individueller 
und selbstbestimmter gebären kann. Seltsam ist aber, dass das dann zumeist 
gegen Technik und Medizin gesetzt wird und zwei Pole entstehen: Natür- 
lichkeit, Weiblichkeit, sinnliches Erleben auf der einen und Technologie 
auf der anderen Seite. Zwischen diesen Polen wird polemisiert. 

Und um noch mal auf die Problematik vom Anfang zurückzukommen: Klar wird 
man hinterher belohnt und klar war ich froh, dass der Schmerz vorbei war, 
dass ich das geschafft habe und dass mein Kind gesund war - das macht aber 
die Situation, darüber nicht reden zu können in diesem mit Glück aufge- 
ladenen, den Schmerz aussparenden oder irgendwie eindeutigen Diskurs, nicht 
besser. Man bleibt mit dem, was an der Geburt vielleicht traumatisch war, 
alleine. ner 


Lotte: Ich würde diese Aspekte der Nichtselbstbestimmung und der 
Polarisierung, die du angesprochen hast, auch noch mal stärken. 

Ich würde auch sagen, es gibt den Moment, in dem über Schmerz gesprochen 
wird - und zwar im Sinne von: Geburt ist was ganz Schlimmes, kaum 
auszuhalten. Ich hab das Gefühl, das kennt man, dass Frauen, die schon 
geboren haben, erzählen: Das geht gar nicht, das war furchtbar. 
Schmerzen, Blut und das Ausgeliefertsein an die eigene Körperlichkeit. 


Und gerade diese Körperprozesse, die sonst in ihre Grenzen verwiesen 
werden, treten hier besonders heftig und unkontrolliert hervor und werden 
dann auch noch mit Ekel besetzt. h 


Und auf der anderen Seite wird es verherrlicht und zu etwas Sinnlichem, 

Mystischem, zu einer ursprünglicher Erfahrung verklärt, der man sich 

hinzugeben hat. Und wenn man die Natur einfach walten lässt, dann wird 

alles gut. Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille: einerseits 

diese Abwehr des Körperlichen, die ja auch den Boden bereitet, um davon > 
traumatisiert zu werden; und andererseits dann eben die Überhöhung, 

die dann im Zweifelsfall den anderen Aspekt deiner Subjektivität, deinen 

Verstand, für überflüssig erklärt. 


Ein Gespräch entstehen lassen 


Ich hatte auch das Gefühl, dass einem in der Zeit vor der Geburt nicht 
genügend verschiedene Geburtserzählungen zur Verfügung stehen - 

in dem Sinne, dass man die unterschiedlichen Abläufe kennt und alle 
Möglichkeiten hätte, darauf reagieren zu können. Vielleicht helfen der 
einen die ganzen Angehörigen und Freundinnen, die neuerdings dabei 
sein können, oder eine andere Geburtsposition oder Duftöle - aber jemand 
anderes braucht eben Schmerzmittel oder einen Kaiserschnitt. 

Es ist aber nicht so, dass das alles als bunte Palette zur Wahl steht. 
Dir wird nicht gesagt: Das sind die Varianten, so dass Du Dir als 
aufgeklärte Frau die Sachen ansehen und dann zwischen verschiedenen 
Optionen wählen kannst. Ich hatte nicht das Gefühl, in dieser Situa- 


tion zu sein. 


Ruth: Vielleicht gäbe es ja sogar die Möglichkeit, dass man schon während 
der Schwangerschaft so selbstbewusst ist, dass man sich Geburtshäuser 
oder Kliniken anguckt und seinen Willen und seine Forderungen klar formu- 
liert. Das Problem ist nur, dass man ja permanent konfrontiert ist mit 

so einem glückseligen Idealbild, mit so einer Freude und Unzweifelhaftig- 
keit, der man sich auch erstmal irgendwie widersetzen muss mit seiner 
Ängstlichkeit, Unsicherheit, mit seiner Idee davon, vielleicht anders 
gebären zu wollen. Und gerade als Erstgebärende, wo du sowieso schon mit 
einer radikalen Veränderung deines Lebens konfrontiert bist, ist es schwer, 
denherrschenden Vorstellungen deine eigenen, abweichenden entgegenzuhalten. 


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Bezeichnend für die männliche 
icht auf den weiblichen Körper 
st hier das maskuline Genus der 
ezeichnung »Uterus< für einen 
eil der weiblichen Geschlechts- 
rgane. 


Buse, Gundhild: Als hätte ich 
in Schatzkästchen verloren. Hys- 
erektomie aus der Perspektive 
iner feministisch- theologischen 
edizinethik. Münster 2003 


Hysterektomie = operative 
ntfernung der Gebärmutter 


Buse: S. 130. 


Zur Etymologie siehe u.a. 
use: S. 131. 


Buse: S. 136. 


Mandy Hauser 


Auszüge einer 
Kulturgeschichte der 
Gebärmutter 


Über Jahrtausende hinweg sind Vorstellungen 
der Gebärmutter (lat.: Uterus!) als definierendes 
Merkmal des weiblichen Körpers durch Mythen, 
religiösen Glauben, medizinisch-wissenschaftli- 
che Mutmaßungen und Vorurteile geprägt. Ob- 
wohl sie teils absurd anmuten und manchmal auf 
den ersten Blick eher zum Lachen anregen, ha- 
ben und hatten sie einen großen 


Schoss einer Frau für die Schwangerschaft, wes- 
halb das Zeugen und Gebären eines Kindes als 
Ausdruck der göttlichen Schöpfungskraft gelten. 
Nicht zuletzt deswegen kommt es zur Glorifizie- 
rung und entsprechend überschwänglich positiven 
Konnotation der Reproduktionsorgane der Frau. 
Weiterhin ist das alttestamentarische Denken 
durch die Vorstellung gekenn- 


Einfluss auf die heutige Sicht der HYSTERIKERINNEN zeichnet, dass den inneren Or- 
Frau, ihre Rollenbilder und zu- ganen bestimmte Gefühle zu- 
geschriebenen Charaktereigen- GABSEE Au geordnet werden. Die Leber 
schaften sowie die Erklärungsan- RUCKSICHTSLOS, beispielsweise galt sowohl als 
sätze und Therapien psychischer GEFÜHLSKALT, Sitz des Schmerzes als auch 
und physischer Beschwerden. der Freude und das Herz als 
Im Folgenden bewege ich mich NARDOEEE IND das Zentrum des Fühlens und 
durch die Kulturgeschichte die- EGOISTISCH. Denkens. Dem Uterus fielen 


ses Organs, beginnend im Ers- 

ten Testament mit der theologisch-anthropologi- 
schen Sichtweise auf den Uterus und den Körper 
der Frau, über die Antike und die platonischen 
Vorstellungen weiblicher Identität, bis in die Ge- 
schichte der Hysterie in Antike, Mittelalter und 
Neuzeit. Als vornehmliche Literaturquelle dient 
mir dazu die Dissertation von Gunhild Buse?, die 
sich aus der Sicht der feministisch-theologischen 
Medizinethik mit dem Eingriff der Hysterekto- 
mie? auseinandersetzt. Teil dieser ethischen Ana- 
lyse medizinischer Praxis ist ein Kapitel zu kul- 
turgeschichtlichen Aspekten der Gebärmutter, 
welches für die folgenden Ausführungen große 
Relevanz hat. 

Im Ersten Testament ist neben dem Herzen die 
Gebärmutter das am häufigsten erwähnte inne- 
re Organ eines Menschen. Der „Schoß der Frau“ 
gehört nach jüdischem Glauben Gott, denn er hat 
ihn erschaffen und schafft auch den Menschen im 
Mutterleib. Deshalb ist sowohl die Gebärmutter - 
sinnbildlich auch als »Schoß der Erde« bezeichnet 
- ein Zeichen des Segens, ebenso die Brüste einer 
Frau, die das Kind ernähren. Die Gebärmutter ist 
der Ort, an dem Gott Leben schafft: Er öffnet den 


die Emotionen Barmherzig- 
keit und Mitgefühl zu. Es lässt sich vermuten, dass 
das hebräische Wort für Mitgefühl oder Barmher- 
zigkeit »rachamim« vom Wort »rächäm« abgeleitet 
wurde, was als Gebärmutter oder Mutterschoß 
übersetzt werden kann.’ Die biologistische Be- 
trachtung so genannter weiblicher Tugenden als 
geschlechtsspezifische Charaktereigenschaften 
könnte dort ihre Ursprünge haben. Jedoch gilt 
Barmherzigkeit in der Bibel generell als Tugend, 
deren Erstreben für alle Menschen gleicherma- 
ßen bedeutsam ist. 
In der Antike wurde die Gebärmutter weit weni- 
ger wertgeschätzt. Auch begann hier eine weitrei- 
chende Pathologisierung dieses Organs als „Ursa- 
che tausendfachen Übels“. Ähnlich wie schon die 
alten Ägypter gingen die Griechen davon aus, dass 
die Gebärmutter im Körper einer Frau umher- 
wandern könne. Es existierte noch kein anatomi- 
sches Wissen über den Halteapparat aus Bindege- 
websstrukturen und Beckenbodenmuskulatur in 
dem sie sich befindet und der eine Lageverände- 
rung in diesem Ausmaß unmöglich macht. Durch 
ihre Bewegung, so wurde vermutet, könne sie je 
nach Ort, andem sie sich aufhielt, verschiedenste 


Mandy Hauser 


Krankheitssymptome hervorrufen: Sehleiden, 
Schwerhörigkeit, Zahnbeschwerden, Glieder- 
schmerzen etc. Eine Erklärung für die ‚Wander- 
lust lieferte Plato, der die Gebärmutter als ein 
Tier beschrieb, welches Kinder benötige, um be- 
sänftigt zu werden. Bleibt eine Frau lange Zeit 
kinderlos oder hat keinen Sex, durchstreift das 
Organ den ganzen Körper und erzeugt dadurch 
Krankheiten, bis die Frau endlich ihrer ureigenen 
Berufung als Mutter nachgeht. Für Plato war die 
Frau auf den biologischen Fortpflanzungsprozess 
festgelegt - Schwangerschaft und Geburt galten 
ihm als identitätsstiftende Momente weiblichen 
Lebens.” Im Gegensatz zum Mann sei die Frau 
nicht in der Lage, sich gegen ihren weiblichen 
Urtrieb zu Sex und Gebären zu wehren, weshalb 
beim Ausbleiben der Mutterschaft sich über kurz 
oder lang eine Krise in Form physischer und/oder 
psychischer Leiden einstellt. 

Diesen Vorstellungen entsprechend sahen auch 
die damals angewendeten Therapieverfahren bei 
Frauen aus. Hauptziel war es, den Uterus wie- 
der an seinen anatomisch 
normalen Ursprungsort 
zu locken. Ein vergleichs- 
weise harmloses Verfah- 
ren stellte die sogenannte 
Geruchstherapie dar. Bei 
dieser mussten die Frau- 
en gleichzeitig an übel 
riechenden Substanzen 
schnuppern und auf ei- 
nem Topf mit gut riechenden Bädern sitzen. Man 
ging davon aus, dass die Gebärmutter geruchs- 
empfindlich sei und sich zu den wohl riechenden 
Substanzen hinbewegen würde. Eine andere Me- 
thode waren lokale Einreibungen je nach mut- 
maßlichem Aufenthaltsort der Gebärmutter. 

Die sicherste Möglichkeit, die durch den wan- 
dernden Uterus hervorgerufenen Krankheiten zu 
heilen, war jedoch die (potentielle) Schwanger- 
schaft. Deshalb wurde vor allem Frauen, die bis- 
her über keine sexuelle Erfahrung verfügten, Ge- 
schlechtsverkehr als heilendes Therapieverfahren 
nahegelegt. 

Die Vorstellung der wandernden Gebärmutter 
hielt sich noch weit über die Antike hinaus. Zwar 
ging man im Mittelalter und in der Neuzeit nicht 
mehr davon aus, dass sie im ganzen Körper um- 
herstreifen könne, jedoch wurde erklärt, dass der 
Uterus einer Kröte ähnele - welche nach damali- 
gem Glauben als mystisches Tier mit Zauberkräf- 
ten galt. Demnach könne sich die Gebärmutter 
ebenso wie das Tier aufblasen und vergrößern und 
so verschiedenste Unterleibsbeschwerden bis hin 
zu Koliken auslösen. Im Körper des Mannes wur- 


EINE ERKLÄRUNG FÜR DIE »WAN- 
DERLUST’ LIEFERTE PLATO, DER 
DIE GEBÄRMUTTER ALS EIN TIER 
BESCHRIEB, WELCHES KINDER 
BENÖTIGE, 

UM BESÄNFTIGT ZU WERDEN. 


de im Mittelalter ein ähnliches Organ vermutet, 
der sogenannte Bärvater. Auch dieser sollte Be- 
schwerden in Bauch und Unterleib hervorrufen. 
Hippokrates war der erste, der in der Wanderung 
der Gebärmutter auch die Ursache der Hysterie 
als, wie man damals vermutete, typisch weibliches 
Krankheitsleiden sah. 

Der Begriff Hysterie stammt von dem griechi- 
schen Wort hystera, mit welchem der Uterus be- 
zeichnet wurde. Über Jahrhunderte hinweg gin- 
gen vorrangig männliche Wissenschaftler davon 
aus, dass es sich bei der Hysterie um eine Krank- 
heit handele, die ausschließlich Frauen betreffe 
und ursächlich mit der weiblichen Sexualität zu 
tun habe. 

Hippokrates erklärte, die Gebärmutter steige auf- 
grund eines Feuchtigkeitsmangels, der wiederum 
durch mangelnden Geschlechtsverkehr hervor- 
gerufen wurde, aus dem Unterleib auf und blo- 
ckiere die Atemwege. Dadurch käme es zu den 
Symptomen, die damals als typisch für die Hys- 
terie galten: Blindheit, Taubheit, Gefühllosigkeit, 
temporäre Lähmun- 
gen, Erstickungsan- 
fälle, Ohnmacht etc. 
Seine Therapiekon- 
zepte sahen oftmals 
Eheschließungen und 
Schwangerschaft vor. 
Der Mythos eines se- 
xuell unbefriedigten 
Organs hielt sich in 
der Ätiologie und Therapie der Hysterie für lan- 
ge Zeit. 

Betroffen von der Hysterie waren meist Frauen 
zwischen 20 und 40 Jahren. Unverheiratete Frau- 
en und Jungfrauen galten aufgrund ihres mangeln- 
den Sexuallebens als besonders gefährdet. In der 
Neuzeit erweiterte sich die ätiologische* Sichtwei- 
se um das Bild der hysterischen Frau, die ihre Se- 
xualität freizügig durch außerehelichen Sex, Mas- 
turbation, Prostitution auslebt. Hysterikerinnen 
galten als rücksichtslos, gefühlskalt, narzisstisch 
und egoistisch. Die Behandlung der Krankheit 
war entsprechend zutiefst repressiv und frauen- 
verachtend: Einsperren, körperliche Züchtigung 
und Bestrafung z.B. durch den Ehemann wur- 
den zu Therapiezwecken empfohlen. Einen Ge- 
waltakt, der seines gleichen sucht, stellte jedoch 
die operative Entfernung der Klitoris und/oder 
der Eierstöcke dar, was den Zweck hatte, den Ge- 
schlechtstrieb der Frauen zu unterbinden. 

In der Gegenwart wird der Begriff der Hys- 
terie aufgrund seiner Geschichte und seiner 
geschlechtsspezifischen Bindung nicht mehr ver- 
wendet. Als „Nachfolger“ der Krankheit bzw. 


7 Zu Platons Schrift Timaios 
siehe Schaps: S. 22£. 


8 ätiologisch: ursächlich 


Ef xog ey eprsıno 


6 


NAUYIHD 


Siehe: ICD-10 (International 
lassification of Diseases) der 
HO und DSM-IV (Diagnostic and 
tatistical Manual of Mental 
isorders) der American Psychia- 
ric Association. 


0 Auch hier kann nicht von einer 
rundlegenden Problematisierung 

er Klassifikation von Symptomen zu 
rankheits- bzw. Störungsbildern 
bgewichen werden. 


1 vonlat. histrio: Schauspie- 
er, Gaukler 


jiteratur 


use, Gunhild: Als hätte ich ein 

chatzkästchen verloren. Hyster- 

ktomie aus der Perspektive einer 
eministisch-theologischen Medi- 

inethik. Münster 2003. 


nzenhofer, Bettina: Krankheit 
rau. In: An.schläge. Das femi- 
istische Maganzin, Juni 2006. 


ischer-Homberger, Esther: Krank- 
eit Frau. Zur Geschichte der 
inbildungen. Darmstadt 1984 


chaps, Regina: Hysterie und 
eiblichkeit. Wissenschaftsmy- 
hen über die Frau. 

rankfurt/ Main; New York 1992. 


Mandy Hauser 


deren Bezeichnung gilt die IM KÖRPER DES MANNES dass heute bei Frauen, die 
für alle Geschlechter gelten- keinen Kinderwunsch mehr 
dedissoziativeStörung und WURD E IM MITTELALTER hegen, oftmals aus Bagatell- 
auch Kon-versionsstörung EIN AHNLICHES ORGAN gründen eine Hysterekto- 
und die histrionische Per- VERMUTET. DER mie vorgenommen wird. 
sönlichkeitsstörung.” Die- SOGENANNTE 5% RVATER. Kulturgeschichtlich gese- 


se Klassifizierungen fassen 
Symptome zusammen, die 
den „hysterischen“ Symptomen ähneln'’: Disso- 
ziative Störungen umfassen u.a. Erinnerungs- 
verlust,seelisch-körperlichesErstarren, Sprach- 
verlust, Pseudo-Krampfanfälle, Gehstörungen 
und Lähmungserscheinungen. Die histronische 
Persönlichkeitsstörung!' soll gekennzeichnet sein 
durch übertriebene Emotionalität, einem über- 
mäßigen Bedürfnis nach Anerkennung, Aufmerk- 
samkeit und Bestätigung, einer geringen Frustra- 
tionstoleranz, übermäßiges Beschäftigen mit der 
eigenen Attraktivität usw. 

Große Gefahren bestehen hier nach wie vor in 
der meist fremdbestimmten Pathologisierung von 
Charakterzügen bzw. psychischen Vorgängen und 
der Gradwanderung zwischen dem, was im medi- 
zinischen und gesamtgesellschaftlichen Diskurs 
als „normal“ gilt und dem, was davon abweicht. 
In der Gegenwart steht in Bezug auf die Gebär- 
mutter die Entfernung derselben in einer medizi- 
nisch-ethischen Diskussion. Buse spricht davon, 


hen steht das in der Tradi- 
tion der Reduzierung des 
Uterus auf rein reproduktive Zwecke, wobei die 
Funktionen des Organs nachgewiesenermaßen 
durchaus weitreichender sind: So hat es zum Bei- 
spiel eine große Bedeutung für die Stabilität des 
Beckenbodens und als Sexualorgan. 

Und auch wenn im medizinisch-psychologischen 
Diskurs eine kritische Haltung zum Zusammen- 
hang von Geschlecht und psychischem Befinden 
eingenommen wurde und wird, schließt das die 
erschreckend alltägliche Reduzierung von Frau- 
en auf ihre reproduktiven Fähigkeiten bzw. Re- 
produktionsorgane nicht aus: Die „Natürlichkeit“ 
der Mutterliebe, die „instinktive“ Empathie einer 
Frau, das Ulken über das Ticken der „biologische 
Uhr“ bei Frauen ohne eigene Kinder oder auch 
das allseits beliebte: „Schlechte Laune? Hast wohl 
deine Tage, wa?“ 


MANDY HAUSER 


‚nna 


OHNE TITEL 


\. fragt mich nach der Abtreibung. Ach ja, da war ja was ... Daran denke ich nicht 
o oft und nicht so gerne wie an die Geburt meiner Tochter. Ist auch nicht so ein- 
ach, es separat zu denken. Der Tod meiner Mutter war zeitgleich und dann, zwei 
der drei Monate später, war ich schon wieder schwanger und hab’s behalten. Das 
jängt alles irgendwie zusammen. 


Jie Abtreibung, Ich bin schwanger geworden, weiß auch genau, wann es passiert 
st. Hab es schnell gemerkt. Zwei Wochen später hab ich meine Tage nicht gekriegt, 
la war es mir eigentlich schon klar. Schwangerschaftstest, was ist an positiv bitte- 
)ositivv Dann Poleiminzetee (ein menstruationsfördernder Tee, den ich von 
iner Freundin hatte) getrunken, Fieber gekriegt, aber nicht geblutet. Schiss ge- 
riegt und doch zur Ärztin gegangen. Das erste Mal in Leipzig, zu welcher gehe 
ch? Kein Bock auf Moralkeule. Ich will auf keinen Fall jetzt ein Kind, wenn über- 
jaupt. Grade ein tolles Studium angefangen, meine Mutter liegt im Sterben, ich 
verde sie pflegen. Nicht die ganze Zeit, aber in den Semesterferien werde ich einen 
Monat übernehmen. Die meiste Zeit werden sich ihre Lebensgefährtin P. und die 
"reundin S. abwechseln. Ich kann nicht bei meiner Mutter sein und ein anderes 
Nesen in mir haben, sie braucht all meine Aufmerksamkeit. 


Mein Körper fühlt sich fremd an, ist mein Feind. Meine Brüste schmerzen und 
nir ist die ganze Zeit übel, von wegen nur morgens. Ich fühle mich von meinem 
“örper hintergangen, er gehört mir nicht mehr. Ich will ihn wieder haben. Ich 
abe noch nicht mal Lust zu rauchen. Die Frauenärztin will nicht, dass ich auf den 
3ildschirm schaue, gibt mir aber trotzdem ein Bild mit, für die Klinik, und eine 
Jberweisung, Grauer Fleck mit weißem Punkt drin. Das ist es also, so sieht es in 
nir aus. 


/oruntersuchung und Gespräch in der Klinik. Es gibt in Leipzig nur eine Tages- 
linik, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt, frau braucht also nicht über 
Nacht zu bleiben. Außerdem werden da noch Brustvergrößerung und Vorsorge- 
intersuchungen für Schwangere gemacht. Seltsame Mischung, Auch die Leute, die 
m Wartezimmer sitzen. Frauen mit dickem Bauch, Frauen, die heulen. Manche 
nit nem Typen dabei, manche ohne. Ich sitze da mit C., meinem Freund, und wir 
ühlen uns unwohl, wollen es schnell hinter uns bringen. Gespräch und Unter- 
uchung sehr unterkühlt, der Bildschirm muss nicht mehr weggedreht werden, 


teht sowieso so, dass ich nichts sehe. „Denken Sie nicht zu viel darüber nach.“ WAS ISTAN 
ur Krankenkasse, Kostenübernahme beantragen, wieso erzähl ich eigentlich POSITIV BITTE- 


SCHÖN POSITIV? 


chon wieder was über meine Gründe? Schwangerschaftskonfliktberatung, 
Mist, bei Pro Familia gibt's keinen Termin, also katholische Beratungsstelle, 
iberraschenderweise ganz okay. Zumindest will sie mich nicht überreden, das 
(ind zu bekommen, sondern eher rausfinden, ob ich es wirklich nicht will oder 
loß scheinbar vernünftige Argumente vorschiebe. Danach drei Tage Bedenkzeit, 
esetzlich vorgeschrieben. 


n der Klinik. Mifegyne: Heute ein Medikament, das die Gebärmutterschleimhaut 
ich ablösen lässt und die Öffnung des Muttermundes bewirkt, übermorgen das 
ndere, das Gebärmutterkontraktionen auslöst und es damit abbluten lässt. Erste 
’ille, da ruft P. an, meine Mutter ist zu Hause. Seit gestern ist sie nicht mehr in der 
linik, die Therapie ist beendet, weil sie keine Wirkung mehr zeigt. Es geht meiner 


£j xog oy+ eprsıng 


LL 


NAUVES9 


Anna 


Mutter sehr schlecht. Vielleicht stirbt sie bald, vielleicht in den nächsten Tagen, 
vielleicht in einem Monat. Diesen Punkt gab es in den letzten Monaten schon 
mehrmals. Meine kleine Schwester fährt zu ihr ins Wendland. Ich kann nicht, hab 
das tote Wesen im Bauch, morgen nehme ich die zweite Pille, morgen kommt es 
raus. Habe nie das Wort „Baby“ gedacht. 


Für die zweite Pille muss ich wieder in die Klinik. Es dauert etwas, bis sie wirkt, 
C. und ich gehen einen Kakao trinken. „Seien Sie in 1% Stunden wieder hier.“ Wir 
sind aufgeregt, aber auch froh und ängstlich. Dann zurück in die Klinik. Ich kriege 
Krämpfe, will mich hinlegen. Entweder mit C. im Wartezimmer sein oder ohne 
ihn im Dreibettzimmer liegen. Ich hätte ihn gerne bei mir, aber mein Bauch tut so 
weh, ich will ins Bett. 


Ich kriege Durchfall. Es fängt an zu bluten, in riesigen Brocken, da hilft nur auf 
dem Klo sitzen und laufen lassen. Ich schwitze und muss kotzen. Es tut so scheiße 
weh, ich frage nach einer Ärztin, nach Schmerzmitteln. „Da kann man nichts ma- 
chen, tut halt weh“, sagt die. Im Internet stand was anderes. Ich liege im Bett 
„DA KANN MAN und heule und wälze herum, probiere möglichst leise zu sein, da sind 
NICHTS MACHEN, schließlich noch zwei andre Frauen im Zimmer. Denen geht es nicht so wie 
TUT HALT WEH“ mir. Scheiße, läuft da was falsch? Irgendwann tut es nicht mehr ganz so weh. 
Blutet immer noch total. Aber ich werde nach Hause geschickt. Mit dem Taxi 
nach Hause, schnell aufs Klo, bevor der nächste Blutklumpen kommt. Zu spät. In 
der Dusche sitzen und heulen. Schicke C. Schmerzmittel holen. Leg mich ins Bett. 
P. hatte mir auf die Mailbox gesprochen, ich soll sie dringend zurückrufen. Ich 
rufe an. Meine Mutter ist gestern Nacht gestorben. Ich liege im Bett und heule 
und schlafe ein. 


Am nächsten Tag fahre ich ins Wendland, meine Mutter hatte sich ein Abschieds- 
fest gewünscht, keine Trauerfeier. Dafür, wie scheiße das alles ist, kriegen wir es 
doch ganz gut hin. Können zusammen weinen, uns in den Arm nehmen. Mein 
Bauch tut immer noch furchtbar weh, ich hab Krämpfe und blute. Meistens weiß 
ich nicht, warum ich weine, ob wegen meiner Mutter oder den Schmerzen oder 
dem Zellhaufen. Ich erzähl es vielen, hab nicht das Gefühl, mich rechtfertigen zu 
müssen, sondern will mich mitteilen, austauschen. Die Reaktionen sind sehr ver- 
ständnisvoll und mir wird noch mal deutlich, dass ich mit diesem Thema nicht al- 
lein bin. 


Wieder zu Hause, ein paar Tage später. Ich rufe in der Klinik an, um einen Termin 
für die Nachuntersuchung auszumachen. „Wie, es blutet noch? Kommen Sie so 
schnell wie möglich vorbei!“ Scheiße, C. ist nicht da, ich will nicht alleine dahin, 
wer weiß, was die mit mir machen. Fühle mich nicht mehr als Herr der Lage, ich 


weiß nicht, was in meinem Körper passiert. Kann es jetzt nicht einfach schnell vor- 
bei sein? Frage A., ob sie mitkommt. Klar, macht sie. Stundenlang sitzen wir im 
Wartezimmer. Wieder diese Pro-7-Brustvergrößerungsdoku in Dauerschleife. 
Dann die Untersuchung, eine fremde Ärztin — aua, ist die rabiat! Ich soll noch ein 
anderes Medikament nehmen. Und was ist los?! „Ist nicht alles abgegangen, das 
neue Medikament wird Wehen auslösen.“ Als ich die Liste mit den Nebenwirkun- 
gen durchlese, wird mir schlecht. Ich soll es eine Woche lang nehmen — wenn's 
nicht klappt, droht 'ne Ausschabung (Frechheit, dass die dieses Wort in der Klinik 
noch benutzen). Es passiert nichts. Außer, dass ich heulend das Baby bitte — 


Anna 


inzwischen denke ich dieses Wort manchmal -, es jetzt endlich gut sein zu lassen 
und zu gehen. 


Dann die Ausschabung, im Fachjargon N achcurettage, „Wenn Sie früh in den OP 
kommen, müssen Sie nicht warten, sonst bis zu drei Stunden.“ Hey, ich hab Fra- 
gen, ich fühle mich nicht ausreichend aufgeklärt und will nicht bis mittags in 
diesem bescheuerten Wartezimmer sitzen und mir Arztserien anglotzen! Als ich 
das sage, werde ich endlich mal ernst genommen. Meine Fragen werden von einer 
Ärztin, der ich noch nicht begegnet bin, beantwortet und ich muss dann doch 
keine drei Stunden warten. Vollnarkose, Ausschabung, Aufwachen im Dreibettz- 
immer. Ich muss noch zwei Stunden hier bleiben, zur Kontrolle. Es tut nicht weh, 
ich schlafe. Als ich aufwache und mein Zeug zusammensuche, liegt eine Frau im 
Zimmer und weint, sie hat ihr Baby verloren. 


Ich bin unendlich froh, es endlich hinter mir zu haben. Das Ganze hat über einen 
Monat gedauert. Solche Komplikationen wie bei mir gibt es bei 2-5% der 
Schwangerschaftsabbrüche dieser Methode. 


Zweimal kriege ich noch meine Tage, dann bin ich wieder schwanger. Ich bin 
wieder unsicher, aber es fühlt sich anders an, mein Körper gehört mir. Es soll wohl so 
sein und ich entscheide mich dafür, dieses Kind zu kriegen. Die Situation ist anders. 


ANNA 


lebt in kollektiven Zusammenhängen und studiert in Leipzig. 


£j xog ey4 eprsıno 


ge 


NYAYIHD 


in diesem 
Jahr 


Grete Thau, Johannes Knauss 


Aufgeklärt 


Das Museum für Verhütung und 
Schwangerschaftsabbruch in Wien 


Museum für Verhütung und Schwangerschafts- 
abbruch — das klingt in vielen Ohren vielleicht 
zunächst einmal wenig vertrauenserweckend. Zu 
sehr ist man gewohnt, über diese Themen von um- 
triebigen ProLife-AktivistInnen aufgeklärt“ und 
informiert zu wer- 
den, sodass die Be- 
fürchtung nahe liegt, 
alsder/die Besucher- 
In beim Eintritt von 
einem Häuflein Fa- 
natikerInnen in Emp- 
fang genommen zu 
werden. Diese un- 
angenehmen Zeitge- 
nossen haben be- 
kanntlich die Ge- 
wohnheit, mit den 
Mitteln einer kruden Splatter-Pädagogik zu agi- 
tieren und so machten wir uns beim 
Eintritt darauf gefasst, dass die Expo- 
nate vor allem aus blutigen Föten und 
Fotos von Abtreibungskliniken beste- 
hen könnten... 

Zum Glück wurden diese Befürchtun- 
gen gleich zu Beginn der Ausstellung 
in Luft aufgelöst. An der Empfangsthe- 
ke liegt eine Petition aus, auf welcher 
man den Staat Österreich mit einer Un- 
terschrift dazu auffordern kann, kos- 
tenlos Kondome zur Verfügung zu 
stellen. Neben Informationsbroschüren 
von Beratungsstellen zum Schwanger- 
schaftsabbruch u.a. findet sich eine 
Schale mit kleinen Plastikdöschen mit 
der Aufschrift »www.femcase.at: und 
dem Hinweis »Boxen für 2 Tampons 
und 2 Schmerztabletten« zur kostenlosen Mitnah- 
me und nicht zuletzt stellt sich schnell heraus, 


BEIM BETRETEN DES MUSEUMS FÜHLT 
MAN SICH AN DIE REZEPTION 
EINER ARZTPRAXIS ERINNERT. DAS GAN- 
ZE HINTERLÄSST ALLERDINGS KEIN 
STERILES ODER BEKLEMMENDES 
GEFÜHL, SONDERN IST VIELMEHR EINE 
AUTHENTISCHE UND GELUNGENE 
KULISSE FÜR DIE AUSSTELLUNG. 


dass das Museum mit einer Ambulanz für 
Schwangerschaftsabbrüche zusammenhängt. 
Wer die in allen Reiseführern angepriesene Wie- 
ner Museenlandschaft kennt, ist womöglich über- 
rascht ein Museum zu diesem Thema und in die- 
ser Größenordnung 
zu sehen. Anders als 
die monumentalen 
Kunsttempel in der 
Innenstadt 
sich unser Museum 
sehr bescheiden aus, 
denn es befindet sich 
abseits der Touris- 
tenströme in der ers- 
ten Etage eines ge- 
wöhnlichen Wohn- 
hauses auf dem Ma- 
riahilfer Gürtel. Beim Betreten des Museums 
fühlt man sich an die Rezeption einer Arztpraxis 
erinnert. Auch das übrige Interieur verstärkt 
dieses Gefühl. Die Exponate, Informations- und 
Schautafeln sind in rückwärtig beleuchteten 
Schaukästen ausgestellt und die nicht genutzten 
Wände werden von weißen Vorhängen verdeckt. 
Das Ganze hinterlässt allerdings kein steriles 
oder beklemmendes Gefühl, sondern ist vielmehr 
eine authentische und gelungene Kulisse für die 
Ausstellung. Nach der ersten Erleichterung fällt 
sofort auf, dass man es hier mit einem ziemlich 
kleinen Museum zu tun hat. Zwei eher kleine, 
helle Räume beherbergen die gesamte Ausstel- 
lung, sodass unweigerlich der Eindruck auf- 
kommt, auf solch kleinem Raum könne nur wenig 
Information geboten werden. 

Doch schon bald ist man von den Schaukästen 
gefangen und wird glücklicherweise eines Besse- 
ren belehrt. Die Ausstellung ist zwar sehr text 
stark, doch das gut ausgewählte, kurzweilige Quel- 
lenmaterial, zahlreiche historische Anekdoten und 


nimmt 


srete Thau, Johannes Knauss 


lie vielen kuriosen Exponate stellen ein ange- 
nessenes Gegengewicht dar und illustrieren das 
selesene sehr gut. Videosichtplätze zu verschie- 
lenen Themen u. a. mit Zeitzeugenberichten, Do- 
umentationen oder auch Filmsequenzen und 
‚iedern, bieten eine gute Abwechslung zu den 
angen Informationstexten und ermöglichen den 
MacherInnen, eine beträchtliche Fülle von Ma- 
erial auf kleinstem Raum unterzubringen. Wer 
lann immer noch nicht genug hat, kann zusätz- 
ich auf die Möglichkeit einer Audioguidebeglei- 
ung zurückgreifen oder an einer geführten Be- 
ichtigung teilnehmen. 


'aum 1: Verhütung in altrosa 


Es wäre einer der größten Triumphe der Mensch- 
eit, eine der fühlbarsten Befreiungen vom Na- 
urzwange, dem unser Geschlecht unterworfen 
st, wenn es gelänge, den verantwortlichen Akt 
ler Kinderzeugung zu einer willkürlichen und be- 
bsichtigten Handlung zu erheben, um ihn von 
er Verquickung mit der notwendigen Befriedi- 
ung eines natürlichen Bedürfnisses loszulösen.“ 
Freud, Sigmund: Die Sexualität in der Ätiologie 
er Neurosen. 1898)! 


)ie beiden Räume der Ausstellung sind thema- 
sch getrennt. Im ersten Raum wird in in altrosa 
ehaltenen Schaukästen die Kulturgeschichte der 
erhütung nachgezeichnet, während der zweite 
aum sich der Geschichte des Schwangerschafts- 
bbruchs widmet. 

Vir beginnen unseren Rundgang beim wissen- 
haftlichen Rätselraten um den weiblichen Zyk- 
ısundder Entdeckung der fruchtbaren Tage (1929) 
on Hermann Knaus und Kyusaku Ogino. Ihre 
renden VorgängerInnen hatten im letzten Jahr- 
undert die widersprüchlichsten Theorien zu die- 
»m bis dahin noch ungelösten Problem aufge- 
ellt, tragischerweise auch solche, in denen just 
ie unfruchtbarsten Tage als die einzig fruchtba- 
n ausgegeben wurden.? Im weiteren Fortgang 
irdeeine Vielzahl von einfallsreichen Verhütungs- 
ethoden aus den unterschiedlichsten Epochen 
nd Weltregionen präsentiert. Die Methode der va- 
nalen Ausspülung mit unterschiedlichen Instru- 
enten wie der »Mutterspritze< oder dem »Mutter- 
hr, deren Anwendung übrigens verboten war, 
ird sehr anschaulich gezeigt; so wird die wahre 
unktion des Bidets in einer kleinen Geschichte 
ıthüllt, in der es sich nicht als »lovely« Waschbe- 
en >|...] to wash the baby in [...\ darstellt, son- 
rn sich viel mehr als ein Becken »|...] to wash 
e baby out [...« entpuppt. Verschiedenste Kon- 
ymkonstruktionen aus unterschiedlichsten Ma- 


terialien sind ausgestellt, von denen eine auf ei- 
ner Werbetafel von 1936 damit beworben wird, 
nun nicht mehr nur ein halbes Jahr sondern gan- 
ze drei Jahre lang verwendbar und darüber hin- 
aus beinahe unzerreißbar zu sein. Die aufwendi- 
ge Herstellung von modernen Kondomen - von 
der Kautschukgewinnung bis zum fertigen Kon- 
dom — kann in einer zweiteiligen Kurzdokumen- 
tation angesehen werden. 

Luftanhalten, Springen, schlängelnde Bewegun- 
gen oder Kniebeugen nach dem Geschlechtsver- 
kehr zwischen Mann und Frau, eine bestimmte 
Stellung beim Sex, das Einführen von Krokodil- 
kot in die Scheide, Spülungen mit Coca Cola, ein 
Stift zum Verschluss des Penis, der die Ejakula- 
tion verhindern soll, die Ablehnung des Spermas 
durch die weibliche Psyche und diverse andere 
sehr phantasievolle, mystische und leider un- 
brauchbare Praktiken gegen das Schwangerwer- 
den verdeutlichen die einstigen Irrpfa- 
de um Empfängnis und Verhütung und 
ebenso auch das stets vorhandene In- 
teresse daran, die menschliche Fort- 
pflanzung steuern zu können. 

An der gegenüberliegenden Wand wer- 
den Verhütungsmethoden wie Pille, 
Spirale, Vasektomie, Sterilisation der 
Frau u.a. in Wirkungsweise und Ent- 
stehungsgeschichte zusammengestellt 
und deren hürdenreicher Weg zur Le- 
galisierung und öffentlichen Akzeptanz 
aufgezeigt; denselben Weg, den die Pil- 
le danach gehen musste. Mittlerwei- 
le ist sie in einigen westeuropäischen 
Ländern rezeptfrei in der Apotheke 
erhältlich. Ein Kommentar, der auch 
auf die BRD zutrifft: »Leider nicht in 
Österreich! Bei uns ist sie derzeit noch 
rezept- und apothekenpflichtig. Auch 
die Kosten von ca. 13-15 Euro werden 
in Österreich nicht von der Kranken- 
kasse übernommen.« 

Der Raum schließt mit dem aktuellen 
Stand der Verhütungsforschung und 
Entwicklung von Methoden, die sich 
sowohl auf die Frau als auch auf den 
Mann beziehen. Zurzeit versucht sich 
die Wissenschaft an einem empfäng- 
nisverhütenden Nasen- und Hautspray 
für die Frau. Die Forschungen an der 
Pille für den Mann wurden eingestellt, 
da, so der Kommentar, Männer eben- 
so wie Frauen gelegentlich die Ein- 
nahme vergessen könnten, sich aber 
kaum Frauen dem Risiko, wegen eines Einnahme- 
fehlers des Partners schwanger zu werden, aus- 


1 Dieses Zitat eröffnet die Aus- 
stellung im Museum für Verhütung 
und Schwangerschaftsabbruch. 


2 Hätte frau sich auf die Berech- 
nungen von Friedrich Eduard 

Bilz von 1900 verlassen, der die 
fruchtbaren Tage vom 26. bis 

zum 6. Tag des Zyklus vermutete, 
wäre sie definitiv nicht nicht 
schwanger geworden. Hingegen bil- 
det die Festlegung der fruchtba- 
ren Tage auf die gesamten 28 Zyk- 
lustage im American Journal of 
Obstetrics und Gynecology von 1900 


eine ziemlich wasserdichte Ver- 
hütungsbasis. 


„Diva*-Präservativs aus Seidengummi 


Mein yaxeizi, 


wenchnizues 
Kondom 
ausge- 
zogen! 


£/ xog ey2 oprsıng 


GL 


NYAYIHO 


; Die Bezeichnung >Engelmacher- 
'n< wird heute meist von Abt- 
'eibungsgegnerInnen für die Per- 
‚on, die Abtreibungen durchführt, 
'erwendet. Früher bezeichnete 

:r Frauen, welche ungewollte Kin- 
ler in Pflege nahmen und sie in 
inausgesprochenem Einvernehmen 
‚bsichtlich sterben ließen. 

ie >machten die Kinder zu Engelns, 
ie haben sie quasi >geengelt<. 
‚erhard Bronner schrieb 1957 zu 
iesem Beruf das Lied >Die al- 

'e Engelmacherin<, das man auch 
m Museum anhören kann. 


setzen würden. »Somit wäre die Pille für den Mann 
ein wirtschaftlicher Flop, selbst wenn sie medizi- 
nisch funktionieren würde. 

Am Durchgang zum zweiten Raum werden Schwan- 
gerschaftstests zu Zeiten des alten Ägyptens bis 
heute vorgestellt. Beispielsweise musste die Frau 
einen Brei aus Datteln und Bier essen; wenn ihr 
übel wurde, war der »>Schwangerschaftstest< posi- 
tiv. Einer der ersten zuverlässigen und schnellen 
Tests war der sogenannte Froschtest, der ab 1940[!] 
weit verbreitet war und erst in den Sechzigern 
hierzulande von heute noch bestehenden Metho- 
den abgelöst wurde. In manchen Ländern wird er 
noch heute gebraucht. Bei diesem Test wird Frö- 
schen der Harn der Frau unter die Haut gespritzt. 
Beginnt der weibliche Frosch zu laichen bzw. der 
männliche Frosch Spermien zu pro- 
duzieren, gilt die Frau als schwanger. 
In einem Video sprechen Zeitzeugen 
über diese Methode. 

Alles in allem wird die Geschichte der 
Verhütung im ersten Raum als eine 
durchschlagende Erfolgsstory präsen- 
tiert. Es wird deutlich, dass das Be- 
dürfnis von Frauen oder Paaren die 
Fortpflanzung zu steuern ein sehr al- 
tes ist, dass aber gleichzeitig die Mittel 
zur verlässlichen, hygienisch und me- 
dizinisch einigermaßen verträglichen 
Verhütung Errungenschaften aus der 
jüngsten Vergangenheit sind. Dass un- 
ter dieser lang andauernden Unwissen- 
heit (besonders vor dem Hintergrund 
der patriarchalen Verhältnisse) vor al- 
lem die Frauen litten, wird in der Ausstellung 
deutlich. So witzig auch manche Exponate beim 
ersten Blick anmuten, kündet die Vielzahl teil- 
weise schmerzhafter Methoden (Ausspülen der 
Vagina mit verdünnter Essigsäure etc.) vor allem 
von der Verzweiflung, die besonders den weibli- 
chen Teil der Menschheit dazu trieb, hier eine 
unglaubliche Kreati- 
vität an den Tag zu 
legen. Der qualitati- 
ve Sprung, der sich 
auf dem Gebiet der 
Verhütung im Lau- 
fe des 20. Jahrhun- 
derts vollzog, zeigt 
sich besonders prägnant daran, dass selbst Tech- 
niken wie die noch in den sechziger Jahren gefei- 
erte Krötenmethode des Schwangerschaftstests 
(s.o.) für die heutige BetrachterIn unendlich ana- 
chronistisch, ja, geradezu »mittelalterlich< wirkt. 
Eine einigermaßen liberale Gesetzgebung in den 
meisten europäischen Ländern sowie die auf- 


ABTREIBUNGSVERBOTE VERÄNDERN 
NICHT DIE ANZAHL DER ABTREI- 
BUNGEN, SONDERN NUR DIE UMSTÄNDE 
IN DENEN SIE STATTFINDEN. 


Grete Thau, Johannes Knauss 


grund des wissenschaftlichen Fortschritts mög- 
lich gewordenen Verhütungsmethoden ermögli- 
chen es heute, mit einer empathischen Haltung 
auf solche Phänomene als endgültig überholte Zu- 
mutungen der Vergangenheit zurückzublicken. 


Raum 2: Von den ‚EngelmacherInnen’ 
zur Legalisierung von Abtreibungen 


Wenn man sich in den anschließenden zweiten 
Raum begibt, ist man von blaugrauen Schaukäs- 
ten umgeben. Das zeitweilige Amüsement aus 
dem ersten Raum verblasst allmählich in Anbe- 
tracht der hier behandelten Geschichte und Ge- 
genwart des Schwangerschaftsabbruchs. 

Die linke Wand ist dem illegalen Schwanger- 
schaftsabbruch gewidmet, die gegenüberliegende 
Wand dem legalen. Die beiden Seiten werden ver- 
knüpft durch die Darstellung der Entwicklung 
der Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch. 

Das Thema wird eröffnet mit der Vorstellung von 
Madame Restell. Sie ist eine der bekanntesten 
EngelmacherInnen? des 19. Jahrhunderts. Sie hat- 
te trotz gesetzlichen Verbots gemeinsam mit ih- 
rem Mann ein Versandunternehmen für Verhü- 
tungsmittel aufgebaut und führte Abbrüche in 
Boston, New York und Philadelphia durch. Auf- 
grund ihres Bekanntheitsgrades entstand das Sy- 
nonym »Restellismus« für den »illegalen Abbruch«. 
In weiteren Schaukästen sind Zeitungsannoncen 
von EngelmacherInnen zu sehen, welche sich we- 
gen der Illegalität ihres Gewerbes als Hebammen 
ausgaben und sich verschlüsselter Hinweise wie 
Echt französische Mittel oder Hilfe gegen Stö- 
rungen« bedienen mussten. 

Durch die gesetzliche Verfolgung von Frauen, die 
abtreiben und abtreiben lassen, und derer, die 
diese Abtreibung vornehmen, waren die Frauen 
gezwungen ohne ärztliche Unterstützung Abtrei- 
bungen vorzunehmen und eigene Methoden zu 
entwickeln und diese in Codes, wie z.B. Liedern 
und Gedichten wei- 
terzugeben. Da il- 
legale Abbrüche im 
Geheimen gesche- 
hen müssen, gibt es 
auch keine frei er- 
hältlichen, geeigne- 
ten Instrumente und 
keinen offenen Wissensaustausch über die Metho- 
den. So ist u. a. eine Fahrradspeiche als »gynäko- 
logisches Instrument« ausgestellt. Auch ein Stück 
Seife wurde zur Einleitung einer Fehlgeburt ver- 
wendet. 

Welchen Risiken sich die Frauen aussetzen und 
wie unsicher und gefährlich die Methoden sind, 


Grete Thau, Johannes Knauss 


zeigen verschiedene Zeitungsartikel über Frauen, 
die beim Versuch einer Abtreibung starben. Ein 
plastischer Körperschnitt zeigt die tödlichen Fol- 
gen eines missglückten Abbruchs: Das Einfüh- 
ren eines spitzen Gegenstands in die Gebärmut- 
ter kann diese leicht durchstoßen und so innere 
Blutungen auslösen. Die Zeitungsartikel verdeut- 
lichen auch die Vielzahl von Schwangerschafts- 
abbrüchen trotz des Verbots. Abtreibungsverbote 
verändern nicht die Anzahl der Abtreibungen, son- 
dern nur die Umstände, in denen sie stattfinden. 
An einem Videosichtplatz kann man einen Aus- 
schnitt aus dem Aufklärungsfilm Frauennot — 
Frauenglück (1929) von dem Schweizer Sergei Ei- 
senstein sehen, in welchem von über zwei Mio. 
illegalen Schwangerschaftsabbrüchen jährlich be- 
richtet wird. 

Nachdem einige europäische Länder in den fünf- 
ziger Jahren die Abtreibungsgesetzgebung libe- 
ralisierten — Vorreiter waren hier die Schweiz so- 
wie einige sog. realsozialistische Länder - setzte 
schon bald ein regelrechter Tourismus von Frau- 
en ein, die in ihren Heimatländern keine legale 
Abtreibung vornehmen lassen konnten. Die weite 
Verbreitung dieser Praxis schlug sich bisweilen 
sogar in der Alltagssprache der jeweiligen Länder 
nieder, so dass Voyage Suisse« in Frankreich und 
»Going to England: in Irland schon bald zur ste- 
henden Wendung für Abtreibung: wurde. Mit der 
sich ändernden Gesetzeslage änderten sich auch 
die Routen der abtreibewilligen Frauen, sodass 
nach der Schweiz u.a. Großbritannien und Hol- 
land zu Zentren des Abtreibetourismus wurden. 
Ein besonders groteskes Beispiel ist das Verhält- 
nis von Schweden und Polen: während früher 
Schwedinnen ins realsozialistische Polen reisten, 
hat sich nach dem juristischen Rollback im Zuge 
der Rekatholisierung im postsozialistischen Polen 
die Reiserichtung Hilfe suchender Frauen umge- 
kehrt.* 

Der Grundstein zum Abtreibungsverbot ist schon 
zu Zeiten der Kaiserin Maria Theresia 1768 gelegt 
worden. Als Strafe galt die Hinrichtung durch das 
Schwert. Von dort an hat das Verbot des Schwan- 
gerschaftsabbruchs es bis zu einem Paragraphen 
(218$ (BRD)/96$ (A)) ins heutige Strafgesetzbuch 
(StGB) geschafft und ist mit Freiheitsentzug be- 
legt. In diversen Subregelungen in diesen Paragra- 
phen wird exakt bestimmt unter welchen Bedin- 
gungen eine Abtreibung in Österreich und der 
BRD straffrei ist. 

Bis dorthin war es allerdings ein steiniger Weg. 
Auf herausnehmbaren Tafeln werden einzelne 
Abtreibungsprozesse und Fälle durch die Jahr- 
zehnte geschildert, die die Grausamkeit dieser 
Gesetze verdeutlichen. Die Frauen wurden meist 


mit Kerker und Peitschenhieben bestraft. Den 
Hebammen, welchen die Durchführung einer 
Abtreibung nachgewiesen werden konnte, wurde 
ein lebenslanges Berufsverbot ausgesprochen, was 
sie schließlich durch die Arbeitslosigkeit in die Ar- 
mut trieb. 

In diesem Zusammenhang stellt das Museum 
die berechtigte Frage: »Wer entscheidet über die 
Fruchtbarkeit%. Ein Schaublid zeigt eine weibli- 
che »Notausgangfigur«, welche vor den Institutio- 
nen: Mann/Vater/Bruder/Sohn, Arzt/Ärztin, Mili- 
tär, Justizsystem, Wirtschaft, Kirche, Staat fliehen 
will. Zum Staat wird Kurt Tucholsky das Wort er- 
teilt: 

‚Für mich sorgen sie alle: Kirche, Staat, Ärzte 
und Richter. Neun Monate lang. Wenn aber diese 
neun Monate vorbei sind, dann muß ich sehn, wie 
ich weiterkomme. Die Tuberkulose? Kein Arzt 
hilft mir. Nichts zu essen? keine Milch? — kein 
Staat hilft mir. Qual und Seelennot? Die Kirche 
tröstet mich, aber davon werde ich nicht satt. 
Fünfzig Lebensjahre wird sich niemand um mich 
kümmern, niemand. Da muß ich mir selbst hel- 
fen. Neun Monate lang bringen sie sich um, wenn 
mich einer umbringen will. 

Sagt selbst: Ist das nicht eine merkwürdige Für- 
sorge? (Nach: Die Leibesfrucht spricht. 1931) 
Dieser chronologischen Darstellung über die Ent- 
stehung des Abtreibungsverbots 
und des damit einhergehenden 
Kampfes dagegen ist die Über- 
schrift Die Unbarmherzigkeit des 
Staates... ist überwunden« gege- 
ben. 

Denn 1975 wird der Schwanger- 
schaftsabbruch finalement legali- 
siert. Dass die Müttersterblichkeit 
durch die Aufhebung des Verbots 
zurückgehen würde, war schon 
1926 bekannt, da die Sowjetunion 
bereits ab 1920 Abtreibungen lega- 
lisiert hatte und die positiven Fol- 
gen spürbar waren. 

In diesem Raum wird vor allem 
eines noch einmal deutlich vor 
Augen geführt: die schreiende 
Diskrepanz zwischen den me- 
dizinischen Möglichkeiten, dem 
Bedürfnis von Frauen abzutrei- 
ben und der Gesetzgebung. Denn 
ein Blick auf die hier ausgestell- 
ten Weltkarten des Abtreibungs- 
rechts offenbart, dass es außer- 
halb von Europa, Nordamerika 
(mit Kuba) und einigen wenigen 
Ländern, wie z.B. Südafrika und 


4 Polen hat bereits 1955 Abtrei- 
bungen legalisiert, doch die 
Wiedereinführung des Abbruchver- 
bots 1993 [!] dauert bis heute 


an. Dieses Jahr im Herbst wird im 


polnischen Parlament über eine 


Novellierung des Abtreibungsgeset- 


zes entschieden, welche Abtrei- 
bungen in Polen u.a. auch bei Ge- 
fahr für das Leben der Mutter 


verbietet. In Barbara Schnalzgers 


Artikel in dieser Ausgabe >»Erst 
rette ich Polen, dann mach‘ ich 
die Wäsche< zum Matka Polka- 

Mythos kann mehr zur Situation 


in Polen gefunden werden. 


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NaUYES9 


; Zugang für die weltweite Öffent- 
lichkeit bietet eine sehr um- 
angreiche virtuelle Museumstour 
ıuf der Homepage des Museums 
(http://de.muvs.org/museum/tour). 
lier stehen Videos und eine 
<omplette Bilderreihe der Ausstel- 
lung und vieles mehr zu freien 
Jerfügung. 


{USEUM FÜR VERHÜTUNG UND 
SCHWANGERSCHAFTSABBRUCH 
Aariahilfer Gürtel 37, 1. Stock 
1150 Wien 

YWW.muvs.org 


Tunesien, um das Recht auf Abtreibung ziemlich 
düster bestellt ist. Auch wenn vielleicht mancheR 
KulturrelativistIn dies nicht wahr haben möchte, 
der/die Abtreibungsrechte für westlichen Quatsch 
hält, die die vermeintlich so anderen Frauen au- 
Berhalb der »ersten Welt: vielleicht gar nicht nötig 
haben, spricht die Empirie eine andere Sprache: 
Abgetrieben wird überall, meistens jedoch unter 
potentiell tödlichen Bedingungen. Denn wäh- 
rend eine sachge- 
mäß durchgeführ- 
te Abtreibung auf 
dem wissenschaftli- 
chen state ofthe art 
unter gesundheitli- 
chen Aspekten für 
die Frau weniger ge- 
fährlich ist, als die 
Geburt eines Kin- 
des, sterben nach 
wie vor 186 Frauen 
täglich an den Fol- 
gen einer illegalen Abtreibung. Diesen Zustand 
im globalen Maßstab zu ändern, bleibt auch im 
Jahr 2011 eine Forderung der feministischen Ge- 
sellschaftskritik. 

Die Tnitiatividee für das Museum hatte Dr. Chris- 
tian Fiala, Arzt für Allgemeinmedizin und Gynä- 
kologe aus Wien. Durch seine Reisen in unter- 
schiedliche Teile der Welt, bei welchen er immer 
wieder auf die widrige Situation von Müttern und 
Frauen gestoßen wurde, hatte er die Idee zum 
Museum für Verhütung und Schwangerschafts- 
abbruch. Er selbst ist Leiter der dem Museum ge- 
genüberliegenden Ambulanz für Beratung zur 
ungewollten Schwangerschaft und Schwanger- 
schaftsabbruch (www.gynmed.at), deren Home- 
page sehr fundierte und gut sortierte Informa- 
tionen enthält. 

Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, 
dass das Museum ebenso wie zahlreiche andere 
FeministInnen, AbtreibungsärztInnen usw. be- 


ES WIRD DEUTLICH, DASS DAS BEDÜRF- 
NIS VON FRAUEN ODER PAAREN DIE 
FORTPFLANZUNG ZU STEUERN EIN SEHR 
ALTES IST, DASS ABER GLEICHZEITIG 
DIE MITTEL ZUR VERLÄSSLICHEN, HYGIE- 
NISCH UND MEDIZINISCH EINIGER- 
MASSEN VERTRÄGLICHEN VERHÜTUNG 
ERRUNGENSCHAFTEN AUS DER 
JÜNGSTEN VERGANGENHEIT SIND. 


Grete Thau, Johannes Knauss 


reits zur Zielscheibe der sexuellen Konterrevo- 
lution geworden ist. Neben vereinzelten Protest- 
aktionen vor dem Museum versuchen ProLife- 
AktivistInnen und VertreterInnen der Katholi- 
schen Kirche der öffentlichen Werbung der 
Abtreibungsambulanz entgegenzuwirken: Neben 
jedem Plakat der Ambulanz in den Wiener U- 
Bahnstationen hängt nun ein Werbeplakat der 
Kirche. Doch wer weiß, vielleicht hätten sich 
selbst Maria und Jo- 
seph damals über 
diese Beratungsstel- 
le gefreut...? 

Es bleibt zu hoffen, 
dass das Treiben 
oben genannter Ge- 
stalten dem Erfolg 
des privat finanzier- 
ten Museums kei- 
nen Abbruch tut 
und es vielleicht so- 
gar einmal mittels 
staatlicher Fördergelder die Möglichkeit erhält, 
eine größere Öffentlichkeitswirkung zu entfal- 
ten.° Ein Besuch lohnt sich indes bereits jetzt, 
denn in diesem im besten Sinne des Wortes auf- 
klärerischen Museum kann wohl jedeR noch et- 
was über ein Thema erfahren, das leider immer 
noch nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es 
eigentlich verdiente. 


GRETE THAU UND JOHANNES KNAUSS 


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Ein Gespräch entstehen lassen 


I — 
AUFKLÄRUNG & 
NATUR- 
SEHNSUCHT 


Ruth: Ich finde das so doppelzüngig oder doppelmoralisch. Auf der einen 
Seite - und das meinte ich vorhin mit dieser antiaufklärerischen 
Dimension - wird heute so viel Wert auf Autonomie, auf materielle Unab- 
hängigkeit, Naturbeherrschung, auf körperliche Unversehrtheit und das 
Recht der Abwehr des Zugriffs gelegt. Und auf der anderen Seite wird in 
Bezug auf Geburt über diesen, ich sag jetzt mal: animalischen Aspekt 
lieses Vorgangs, der der Selbstbestimmung der Frau total zuwiderläuft, 
sinfach nicht geredet. In Bezug auf Geburt scheint es auf einmal wieder 
‚öllig normal, dass Natur wirkt. Also dass das, was Aufklärung alles 
bedeutet, für Frauen, die ein Kind gebären, nicht gilt! 


Maike: Um mal eine Gegenposition einzunehmen: ist nicht die Tatsache, 
dass da „Natur wirkt“, wie du das gerade ausgedrückt hast, auch etwas, 
was es zu bewahren gälte? Geburt ist ja tatsächlich einer der wenigen 
Bereiche, in dem etwas auf einer körperlichen Ebene passiert, das sich 
der eigenen Kontrolle entzieht, ein Vorgang, in dem man notgedrungen über 
sich hinaus wächst - dass das auch grausam sein kann, das glaub ich 
euch sofort - aber trotzdem: ist nicht dieser Aspekt der Grenzerfahrung 
und des Erlebens einer „natürlichen“ Kraft auch reizvoll? Ich kann mir 
vorstellen, dass das auch ein Grund ist, warum Frauen das gerne machen 
wollen, schwanger sein und gebären. Weil es solche Bereiche kaum noch 
gibt in dieser durchrationalisierten Gesellschaft, in der es sowieso schon 
genug um Naturbeherrschung und Effektivität geht, darum, sich selbst 
immer schön im Griff zu haben, sich zu „beherrschen“. 


Ruth: Aber wenn man Lust hat auf Furcht und Lebensbedrohung kann man 
ja einen Survivaltrip machen und sich im Nirgendwo aussetzen lassen. 
nenn ich mich aber entscheide, ein Kind zu bekommen, weil ich ein Kind 
will, und ich bin dann notgedrungen in so einer Situation, dann ist 
las doch bekloppt! 


Natalie: Es geht ja um die Wahlfreiheit. Ein Survivaltrip ist etwas, 
das ich freiwillig machen kann, aber bei einer Geburt hast du zwischen- 
durch kaum die Kontrolle über dich und deinen Körper oder kannst deine 
Bedürfnisse nur schwer vermitteln, und dann kannst du es dir auf einmal 
nicht mehr aussuchen - dann ist es etwas, das einfach mit dir passiert. 


Ruth: Ja und es passiert schon viel früher, und das ist das was mich 

an diesem Thema so irre beschäftigt - dass dadurch, dass diese 

Naturhaftigkeit“ verbunden ist mit diesem Diskurs, man da schon vor 

ler eigentlichen Geburt nicht dran vorbeikommt. Das ist alles so 

aufgeladen mit so einer scheinbaren Natürlichkeit, die überhaupt nicht r 
mehr in Frage gestellt wird. Das hatten wir zuletzt schon, als es 

jarum ging: Stillen ist das natürlichste und wunderbarste fürs Kind. 

As gibt tausend Frauen, die nicht stillen können und es gibt tausend 

technische Hilfsmittel, die dazu benutzt werden, damit Frauen stillen 


Ein Gespräch entstehen lassen 


können. Es gibt: Hütchen und Tütchen und haste nicht gesehen. Wenn das 
ganze Ding so natürlich ist - dann ist das doch total schräg. Oder 
eine anderes Beispiel: dieses Bonding!. Das Bonding ist angeblich ganz 
wichtig für das Kind. Das Kind kommt auf die Welt und wird auf die 
Brust gelegt und - zack! - das ist der Moment, wo die Mutterliebe ganz 
natürlich losspringt. Was ist mit Frauen, die aus irgendwelchen 
Gründen kein Bonding haben können? Und was ist mit Frauen, die das Bon- 
ding haben, aber hinterher trotzdem nicht ad hoc die „natürliche“ 
Mutterliebe empfinden? 


Maike: OK, ich verstehe was du meinst - und ich würde euch in eurer Kritik 


auch voll und ganz zustimmen. Trotzdem glaube ich, dass Schwangerschaft 


und Geburt auch etwas ist, worauf Sehnsüchte projiziert werden, die sonst, 


scheinbar, nirgends Platz finden. Außer vielleicht in der Paarbeziehung, 
die ja auch völlig überladen ist mit Ansprüchen und Erwartungen. Das und 
dieser enge Kontakt zwischen Mutter und Kind, beim Stillen, sind die 
Bereiche, in denen eine körperliche Verschmelzung, eine Entgrenzung, ein 
Einswerden denkbar wird bzw. sogar erwartet wird. Ich denke schon, dass 
man dieses Bedürfnis ernst nehmen muss, auch wenn ich die Umsetzung, also 
das Abschieben der Bedürfnisse auf ganz bestimmte private Räume proble- 


matisch finde. Eine gesellschaftskritische Perspektive muss ja auch mitden- 


ken, dass noch mehr Naturbeherrschung und noch mehr Autonomie im Sinne 
von sich selbst ganz individuell unter Kontrolle haben nur die eine Seite 
ist. Die andere Seite wäre die Frage: wo gehen wir aber hin mit einer 
Sehnsucht nach so was Unmittelbarem, nach so was ganz Körperlichem, einem 


Raum, wo sich unsre Grenzen in einem positiven Sinne auflösen, wo wir 


mit unserer eigenen Naturhaftigkeit konfrontiert werden .. Mal in den Raum 


gestellt, ob das überhaupt geht. 


Ruth: Ja, aber gerade für diese Leute gibt es schon ganz viel. 

Du kannst in deiner Schwangerschaftsvorbereitung sinnliches Yoga machen 
und Bauchtanz mit körperlicher Selbsterfahrung - das Angebot ist 

riesig. Der Punkt ist doch, dass dieser Diskurs gerade diesbezüglich so 
eindeutig ist. Es gibt jenseits von: „Sie haben ein Bedürfnis nach 
Natürlichkeit, dann kommen sie doch zu uns und bringen sie ihr Kind unter 
Schmerzen auf die Welt - juhu“ keine oder kaum eine andere Art, 
Schwangerschaft und Geburt selbstbestimmt zu erleben. 


Maike: Stimmt - aber dieses Bedürfnis gilt ja jetzt nicht nur für Schwan- 
gere. Ich meinte eher noch eine Stufe davor - also grundsätzlich als 

ein Bedürfnis von Menschen nach einer Körperlichkeit, die vielleicht auch 
einen Aspekt des nicht gänzlich Berechenbaren hat und in der eine Grenz- 
überschreitung oder Entgrenzung im positiven Sinne erfahren werden kann. 
Dass zumindest Frauen tendenziell die Möglichkeit haben, sich das, 
natürlich ideologisch völlig aufgeladen, über Schwangerschaft zu holen. 


Ruth: Ja, aber das Problem ist, dass man oder dass zum Beispiel ich in 
diesem Diskurs gefangen bin und dadurch selber im Vorfeld der Geburt 
die Vorstellung und den Wunsch nach was Romantischem und Schönem hatte 
und dachte, o.k. ich schaff das, ich und mein Kind, wir kriegen das hin; 
aber da ich dann letztlich einen Notkaiserschnitt hatte, war und bin ich 
vom Gefühl des Scheiterns geplagt und von so Gedanken wie: ich habe mei- 
nem Partner das Kind nicht richtig geboren, ich hab die natürlichste 
Sache der Welt nicht geschafft, ich hab es nicht hingekriegt mit oder 
trotz dieser Weiblichkeit. Weißt du, was ich meine? Das ist ja auch 
noch so ein Punkt, dass selbst wenn man auf diese Körperlichkeit Lust 
hat, man Erfahrungen des Scheiterns machen kann und das dann proble- 


matisch ist. Aber ich weiß auch was du meinst. 


Lotte: Dieses einfach Natur sein können, welches Frauen im Vergleich zu 
Männern sowieso schon stärker zugeschrieben wird, kann und wird von den 
Frauen in den Momenten von Schwangerschaft, Geburt und Muttersein oder 
auch in der körperlichen Zweisamkeit mit einem Baby expliziter ausgelebt. 


Ich würde dir schon auch zustimmen, Maike. Möglicherweise ist das schon 


1 steht in der Entwicklung- 
spsychologie für den ersten 
Bindung stiftenden Kontakt 
zwischen Mutter und Kind, 
der häufig in dem Moment nach 
der Geburt gesehen wird, 
in welchem der Mutter ihr 
Neugeborenes auf die Brust 
gelegt wird. 


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NaUYaS9 


Rürhs O.X8, 


auch ein Grund, so eine Sehnsucht nach krasser Nähe, einer krassen Körper- 
lichkeit, nach einem Gefühl, das sonst wenig Raum hat. Auch wenn sich in 
diesem romantischen Bild von Schwangerschaft und Geburt dann doch nicht 
alle wiederfinden, oder manche auch merken: das ist gar nichts für mich. 
Dieses ideologisch Aufgeladene ist daran zu kritisieren, aber nicht das 
Bedürfnis selbst, das vielleicht auch andere Menschen haben, denen jedoch 
ein Raum fehlt, es sich holen zu können. 


das verstehe ich. 


Maike: Aber das sind eben genau die zwei Seiten von dieser Ideologie. 
Einerseits ist diese Ideologie der einzige Raum - nicht der einzige aber 
ein ganz großer Raum - wo das reininterpretiert wird, also wo solche 
Bedürfnisse hingeschoben werden. Und wenn ich jetzt denke: ich will mehr 
Geborgenheit und ich will ganz viel Innigkeit und ganz viel Nähe, dann 
komme ich auf die Paarbeziehung und von der Paarbeziehung ganz schnell zum 
Baby. Inwieweit kriegen Leute wirklich Kinder, weil sie Kinder total 
super finden - oder vielleicht kriegen sie auch Kinder, weil sie Sehnsucht 
nach Sicherheit, nach Geborgenheit, nach Kuscheligkeit haben und weil 

das halt was ist, was zu wenig auf anderem Weg erfahrbar ist? Und anderer- 
seits hält die Ideologie einfach nicht, was sie verspricht, und produziert 
dann unter anderem dieses Gefühl des individuellen Scheiterns, von dem du 


„gesprochen hast, Ruth. 


Ruth: Ja das sagt man ja auch, dass einer der häufigsten Kinderwünsche 


verknüpft 
bedeutet, 


ist mit dem Wunsch nach Sicherheit und Kontinuität, was ja 
er resultiert aus einer Situation der Unsicherheit und Dis- 


kontinuität. Bedürfnisse sind ja eine Reaktion auf Mangel. Und heftig 


ist, dass es dann häufig diesen Bruch nach der Schwangerschaft gibt - 


ich meine klar, vielfach ist es dann vielleicht auch ein Gefühl von Kon- 


tinuität und Sicherheit - aber für einige bedeutet es eben auch 


Einsamkeit oder Überforderung und man ist nicht mehr sicher. Und die 
Körperlichkeit heißt dann nur noch Müdigkeit. 


7 


Melanie Babenhauserheide 


„Nicht ohne Sträuben “ 


Libido und Fortpflanzungsfunktion 


In Gerd Brantenbergs Roman Die Töchter Ega- 
ias aus den 70er Jahren, dessen Handlung in ei- 
nem zu den patriarchalen Verhältnissen spiegel- 
verkehrten Matriarchat spielt, wird deutlich, wie 
‚entral die Gebärfähigkeit für die Herausbildung 
:iner Geschlechterhierarchie war: In dieser fikti- 
»nalen Umkehrung sind Frauen das starke Ge- 
chlecht, weil sie ja die Kinder in die zarten Hän- 
le der Männer gebären. Dass diese nur den Sa- 
nen geben, während die Frauen aktiv Kinder 
yroduzieren, weist Männern gesellschaftlich die 
ıntergeordnete Position und einen Platz in der 
teproduktionssphäre zu. In unserer Gesellschaft 
iingegen wurden Frauen 
inter Bezugnahme auf ih- 
e Gebärfähigkeit in die 
;phäre der Reproduktion 
bgeschoben und mit Na- 
ur assoziiert bzw. auf ih- 
e Naturnähe und Natür- 
chkeit festgelegt — und 
lamit oft auch als unfähig 
u großen kulturellen Leistungen begriffen. Die 
sebärfähigkeit von Frauen nahm in der Ge- 
chichte feministischer Bewegungen einen wich- 
igen Stellenwert ein - von den Demonstrationen 
egen den $218 bis zu differenzfeministischen 
‚nnahmen. Im Zeitalter von (De-)Konstruktivis- 
tus, Queer-Politics und Doing Gender-Ansätzen, 
ı denen die (soziale) Konstruktion von Ge- 
hlecht ins Zentrum (post-) feministischer The- 
riebildung rückt und in einigen poststruktura- 
stisch inspirierten Ansätzen sex und gender 
eitgehend in eins fallen!, stellt Schwangerschaft 
nd Gebärfähigkeit feministische Theorie vor ei- 
ige Herausforderungen. Schließlich liegt, wenn 
; ums Gebären geht, die Frage nach dem Ver- 
ältnis von Natur und Geschlecht nahe, denn au- 
»nscheinlich gibt es hier etwas, das zumindest 
ele Frauen in einem bestimmten Zeitabschnitt 


GERADE IM FALLE DER 
SCHWANGERSCHAFT SCHEINT 
DIE VERQUICKUNG VON 
NATUR UND KULTUR OFFEN- 
SICHTLICH. 


ihres Lebens von Natur aus können, Männer aber 
nicht. Darin, wie schwangere Frauen behandelt 
werden, dass sie etwa von GynäkologInnen zu teil- 
weise gefährlichen Untersuchungen überredet und 
mit Nahrungsergänzungsmitteln vollgestopft wer- 
den oder plötzlich auf Partys alleine dasitzen, 
weil sie als Trägerinnen eines als unschuldig und 
reinzuhaltenden imaginierten Wesens nicht mal 
auf drei Meter Entfernung mit Zigarettenrauch 
konfrontiert werden dürfen, wird deutlich, dass 
die biologisch-medizinische Herangehensweise an 
Schwangerschaft ideologisch ist und Ideologie bi- 
ologisch-medizinisch argumentiert. Tendenziell 
antwortete postmoderner 
Feminismus darauf mit ei- 
ner grundsätzlichen Pro- 
blematisierung von Vor- 
stellungen von Natur. Mit 
dem linguistic turn wurde 
der Körper der Tendenz 
nach im Zeichen aufge- 
löst, zur Materialisierung 
von Bedeutung reduziert?. Das Auseinanderklaf- 
fen von alltäglichem Umgang mit Schwangeren, 
der weitgehend der Medizin überlassen wird, und 
postmodernen Ansätzen, erweckt den Anschein, 
als müsse man sich zwangsläufig auf eine Seite 
schlagen: Entweder ist das Geschlecht biologisch 
oder sozial gemacht. Unter der Hand wird aller- 
dings auch die Konstruktion von Geschlecht mit 
der Biologie belegt, etwa wenn Menschen, die 
mit uneindeutigem Geschlecht geboren wurden, 
zum Zugpferd für queere Lebensweisen gemacht 
werden. Auch äußerte kürzlich jemand in einer 
Diskussion mit mir, die Tatsache, dass Männer 
und Frauen beide abspritzen könnten, sei ein Be- 
weis dafür, dass Geschlechtsunterschiede ledig- 
lich sozial hergestellt seien. (Was darin offensicht- 
lich verloren geht, ist der Unterschied, dass im 
männlichen Ejakulat in der Regel Spermien vor- 


1 Das lässt sich recht deutlich 
beobachten an der regen Butler- 
Rezeption. Siehe beispielsweise 
Loick 2001, S.137ff. Reimut Rei- 
che hat ausführlich kritisiert, 
wie die Kaprizierung auf Gen- 
der die prinzipielle Konflikthaf- 
tigkeit von Sexualität verdrängt 
und damit die Geschlechterord- 
nung, die demnach irgendwie durch 


die Macht-Trope >Hetero< geschmie- 


det werde, umso unverrückbarer 
erscheinen lässt. Reiche 1997. 


2 Butler 1993, S.31f. Eine 
ausführlichere Kritik zu dieser 
Problematik bei Judith Butler 
findet sich bei Quadfasel 2006. 


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E74 


Nauyaz9 


3 Natürlich gibt es nicht „die 
Psychoanalyse“, sondern un- 
terschiedliche psychoanalytische 
Ansätze, von denen einige ganz 
doofe und einige sehr kluge 
Weiterentwicklungen von Freud 
darstellen. 


4 Adorno 1997, S. 44f. Ebenfalls 
ist es wichtig zu reflektieren, 
was sich mit der Psychoanalyse 
nicht erklären lässt, wo ihre 
Grenzen liegen. 


5 Im Gegenteil kritisiert Freud 
aus seinen Erkenntnissen heraus 
die normative Moral, die sexuelle 
Befriedigung an die Fortpflan- 
zungsfunktion koppelt: „Die Objekt- 
wahl des geschlechtsreifen Indi- 
viduums wird auf das gegenteilige 
Geschlecht eingeengt, die mei- 
sten außergenitalen Befriedigun- 
gen als Perversionen untersagt. 
Die in diesen Verboten kundgege- 
bene Forderung eines für alle 
gleichartigen Sexuallebens setzt 
sich über die Ungleichheiten in 
der angeborenen und erworbenen Sex- 
ualkonstitution der Menschen 
hinaus, schneidet eine ziemliche 
Anzahl von ihnen vom Sexualgenuß 
ab und wird so die Quelle schwe- 
rer Ungerechtigkeit.[...] was von 
der Ächtung frei bleibt, die he- 
terosexuelle genitale Liebe, wird 
durch die Beschränkung der Legi- 
timität und der Einehe weiter be- 
einträchtigt. Die heutige Kultur 
gibt deutlich zu erkennen, daß 
sie sexuelle Beziehungen nur auf 
Grund einer einmaligen, unauf- 
lösbaren Bindung eines Mannes an 
ein Weib gestatten will, daß sie 
die Sexualität als selbstständige 
Lustquelle nicht mag und sie nur 
als bisher unersetzte Quelle für 
die Vermehrung der Menschen 

zu dulden gesinnt ist.“ Freud 2, 
5.234. Diese Ungerechtigkeiten, 
so Freud weiter, seien keineswegs 
harmlos und das Sexualleben da- 
durch stark beschädigt und beein- 
trächtigt. 


6 Beispielsweise verwerfen Ge- 
genstandpunkt-nahe Marxisten die 
Psychoanalyse in der Annahme, 

sie sei deterministisch, wider- 
spräche der Idee vom freien 
Willen, leugne die gesellschaft- 
lichen Problematiken und ope- 
riere mit haltlosen Konstrukten. 
Siehe bspw. Krölls 2006, S.39, 
S.a2ff. und S.62f. 


7 Schneider 1995, S.25f£. 


8 Libido ist das lateinische 
Wort für Lust, Begierde, Verlan- 
gen, Vergnügen und Lüsternheit. 
„Wir heißen so die als quantitati- 
ve Größe betrachtete [...] Energie 
solcher Triebe, welche mitall dem 
zu tun haben, was man als Liebe 
zusammenfassen könnte“ Freud 7, 
5.85. 


handen sind - keine schlechte Erkenntnis für Em- 
pfängnisverhütung....) 

Gerade im Falle der Schwangerschaft scheint die 
Verquickung von Natur und Kultur offensichtlich. 
Um dieser Tendenz des Entweder-Natur-Oder- 
Kultur zu entgehen, liegt die Auseinandersetzung 
mit einer Theorieströmung nahe, die ein solches 
Kippen von Biologismus in Sozialkonstruktivis- 
mus und umgekehrt nicht mitmacht, sondern sich 
mit dem schwierigen Spannungsverhältnis von Na- 
tur und Kultur in der geschlechtsspezifischen 
Subjektkonstitution auseinandersetzt: Die Psycho- 
analyse’. Sie kommt allerdings heute in feministi- 
scher Theorie nicht selten zu kurz, vor allem weil 
ihr einige Vergehen vorgeworfen werden: Erstens 
gehe sie zu sehr vom Individuum aus und über- 
gehe die gesellschaftlichen Verhältnisse. Dieser 
Vorwurf trifft daneben, denn schon Freud hat 
sich mit Themen wie 
Krieg, Moral, Massen- 
bildung und Kunst aus- 
einandergesetzt, weil er 
das Subjekt stets schon 
im Spannungsverhältnis 
Subjekt - Objekt, Natur 
— Kultur, Innen — Au- 
ßen denkt. Dieser Vorwurf hingegen stellt sich 
offensichtlich das Individuum als ein Thema vor, 
das nicht gesellschaftlich ist, und denkt sich Ge- 
sellschaft und Individuum als getrennte Entitä- 
ten, die sich höchstens irgendwie gegenseitig be- 
einflussen (oder kann eigentlich gar nicht mehr 
trennen zwischen Gesellschaft und Individuum). 
Adorno hingegen hat versucht, die Problematik 
in all ihrer Widersprüchlichkeit zu fassen: „Die 
Wissenschaften von der Gesellschaft und von der 
Psyche, soweit sie unverbunden nebeneinander 
herlaufen, verfallen gemeinhin der Suggestion, 
die Arbeitsteilung der Erkenntnis auf deren Sub- 
strat zu projizieren. Die Trennung von Gesell- 
schaft und Psyche ist falsches Bewußtsein; sie ver- 
ewigt kategorial die Entzweiung des lebendigen 
Subjekts und der über den Subjekten waltenden 
und doch von ihnen herrührenden Objektivität. 
[...] Was die arbeitsteilige Wissenschaft auf die 
Welt projiziert, spiegelt nur zurück, was in der 
Welt sich vollzog, Das falsche Bewußtsein ist zu- 
gleich richtiges, inneres und äußeres Leben sind 
voneinander gerissen.“' Die Konzentration der 
Psychoanalyse auf das Individuum in seinen Be- 
ziehungen ist gerade geeignet zu rekonstruieren 
und zu erklären, wie auf der ontogenetischen Ebe- 
ne aus einem Naturbündel ein vergesellschaftetes 
Subjekt wird. Der zweite Vorwurf an die Psycho- 
analyse lautet, dass sie antifeministisch sei, weil 
sie ein negatives Frauenbild habe. Darin aber wer- 


WIE WIRD AUS EINEM POLYMORPH 
PERVERSEN, HILFLOSEN WESEN 
EIN BÜRGERLICHES, GESCHLECHT- 
LICH VERFASSTES SUBJEKT? 


Melanie Babenhauserheid&@ 


den die Ergebnisse der Analyse mit einer normati- 
ven Setzung verwechselt, etwa so, als würde man 
KritikerInnen am Lohngefälle zwischen Män- 
nern und Frauen unterstellen, sie affirmierten 
dieses dadurch, dass sie es überhaupt feststellen®, 
Drittens wird der Psychoanalyse immer mal wie- 
der vorgeworfen biologistisch zu sein. Dies speist 
sich nicht zuletzt aus einer Missinterpretation des 
Triebbegriffes, den Freud, im Gegensatz zum In- 
stinkt, als einen Grenzbegriff zwischen Soma und 
Psyche, zwischen Biologie und Kultur fasst. Der 
Ausdruck »biologistisch« erfüllt dabei allerdings 
auch häufig die Funktion, zu vermeiden, dass die 
Sprache darauf kommt, dass Menschen auch sinn- 
liche und leibliche Wesen sind und nicht rein ver- 
geistigt (sprachlich konstituiert, Schnittmenge 
von Diskursen...). Er dient in diesem Falle einer 
Abwehr jedes materialistischen Gedankens an 
die Lebensnot und einer 
Leugnung von Natur. 
Der Triebbegriff hin- 
gegen steht dafür ein, 
dass der Mensch zu- 
gleich Naturwesen und 
nicht Natur ist: Das Ver- 
hältnis der Menschen 
zu ihrer Natur wird in der Freudschen Psychoana- 
Iyse als konflikthaft gedacht. Viertens behauptet 
manch eine Kritik, die Psychoanalyse argumen- 
tiere deterministisch“. Tatsächlich geht die Psy- 
choanalyse davon aus, dass individuelle Trieb- 
schicksale, Symptome etc. sich rekonstruieren las- 
sen, dass sie von der Vergangenheit bestimmt sind. 
Doch dieser Vorwurf verkennt zugleich das zent- 
rale Prinzip der Nachträglichkeit” in der Psycho- 
analyse, nach dem frühere Ereignisse mit späte- 
ren Erfahrungen neu gedeutet und verändert 
werden können. Ein Ziel psychoanalytischer The- 
rapie ist es gerade, vergangene Fixierungen und ge- 
ronnene Deutungen wieder zu verflüssigen. Die 
Psychoanalyse kann zwar rekonstruieren, aber 
nicht prognostizieren. 

Zu all diesen Vorwürfen ließen sich viele weitere 
Einwände vorbringen, die den Rahmen des Tex- 
tes übersteigen würden. Im Folgenden soll statt- 
dessen das widersprüchliche Verhältnis zwischen 
Libido® und Gebärfunktion in der psychoanalyti- 
schen Theorie unter die Lupe genommen wer- 
den. Meines Erachtens kann die Psychoanalyse 
eine Menge zu einer feministischen Theorie bei- 
tragen, die die Verquickung und Widersprüch- 
lichkeit von Natur und Kultur ernst nehmen will, 
aus denen das Geschlechterverhältnis seine Ge- 
walt gewinnt. Nicht zuletzt, weil sie die Naturbe- 
herrschung, die sich historisch oft gerade gegen 


Melanie Babenhauserheide 


die mit Natur assoziierte Weiblichkeit gerichtet 
hat, auf der Ebene des Subjekts analysiert. 

Seine Vorlesung Die Weiblichkeit hat Freud da- 
mit eingeleitet, dass, obwohl Menschen in der Re- 
gel diejenigen, denen sie begegnen, unwillkürlich 
in männlich oder weiblich einteilen, die anatomi- 
sche Wissenschaft diese ach so sichere Entschei- 
dung kaum teilen kann: Da sich die Geschlechts- 
organe aus den gleichen Anlagen entwickeln, die 
sonstige Beeinflussungen des Geschlechts sich als 
inkonstant erweisen und sich männliche wie weib- 
liche Eigenschaften an beiden Körpern finden las- 
sen, hinterlässt die Anatomie das Bild der „Zwie- 
gschlechtlichkeit, Bisexualität, als ob das Indi- 
viduum nicht Mann oder Weib wäre, sondern 
jedesmal beides, nur von dem einen so viel mehr 
als von dem anderen.“ Der einzige Punkt, an 
dem sich Freud zufolge eine klare Unterscheidung 
treffen lässt, ist die allerkleinste Einheit: Sperma- 
tozoon und Ei. Die Psychoanalyse will hingegen 
erforschen, „wie sich das Weib aus dem bisexuell 
veranlagten Kind entwickelt.“! Sie setzt dabei we- 
der die Fixierung auf die Genitalien als von An- 
fang an vorhandene voraus, noch betrachtet sie 
den heterosexuellen Ausgang als natürlich, sondern 
rekonstruiert, wie die Libido auf die genitale Se- 
xualität und die Erfüllung der Fortpflanzungs- 
funktion eingeschränkt wird (oder auch nicht, ein 
ebenso möglicher Ausgang der Libidoorganisa- 
tion wäre z.B. Fetischismus): „Die psychoanalyti- 
sche Forschung, widersetzt sich mit aller Ent- 
schiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen 
als eine besonders geartete Gruppe von den ande- 
ren Menschen abzutrennen. Indem sie auch an- 
dere als die manifest kundgegebenen Sexualerre- 
gungen studiert, erfährt sie, daß alle Menschen 
der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind 
und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen ha- 
ben. [...] Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch 
das ausschließlich sexuelle Interesse des Mannes 
für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Phä- 
nomen und keine Selbstverständlichkeit, der eine 
im Grunde chemische Anziehung zu unterlegen 
ist.“'! So geht Freud davon aus, dass sich auch 
bezüglich der Entwicklung von Weiblichkeit „die 
Konstitution nicht ohne Sträuben in die Funktion 
fügen wird“. Die Bereitschaft Kinder zu bekom- 
men, sei kein Endpunkt einer natürlichen Abfol- 
ge, sondern Folge einer komplizierten Entwick- 
lung, in der der „Libido mehr Zwang angetan wur- 
de, wenn sie in den Dienst der weiblichen Funk- 
tion gepreßt ist“'°, also mit der Gebährfähigkeit 
kompatibel gemacht wurde. „Nicht ohne Sträuben 
fügen” und „in den Dienst der Funktion gepreßt“ 
klingt nach einem Gewaltakt, dessen Rekon- 
struktion die Psychoanalyse viel und kontrovers 


beschäftigt hat. Der erklärungsbedürftige hete- 
rosexuelle Ausgang mit Kinderwunsch in der 
weiblichen Libidoorganisation und die ihm zu- 
grundeliegenden unbewussten!* Konflikte soll in 
diesem Text aus einer psychoanalytischen Pers- 
pektive beleuchtet werden. Das kann in dieser 
Kürze nur grob erfolgen, zumal die psychoanaly- 
tische Theorie vom Fallmaterial der PatientInnen 
lebt, also dem, was auf der Couch durch freie As- 
soziation, Übertragung und Gegenübertragung 
zum Vorschein kommt. Da Freud und seine Nach- 
folgerInnen die Theorie immer am Material ent- 
wickelt und korrigiert haben, ist eine Bereinigung 
der Theorie vom Fallmaterial grundsätzlich pro- 
blematisch, weil sie die Dynamik herausnimmt 
und zum Schematismus neigt". 


Da Freud eben nicht davon ausgeht, dass hetero- 
sexuelles, genitales Begehren als vererbtes von 
Geburt an vorhanden ist'‘, rekonstruiert er die 
Organisation der Libido, der Sexualität, und zwar 
lange bevor sie genital strukturiert und an die he- 
terosexuelle Fortpflanzungsfunktion angepasst ist. 
Die Kernfrage dabei ist: Wie wird aus einem po- 
Iymorph perversen, hilflosen Wesen ein bürgerli- 
ches, geschlechtlich verfasstes Subjekt (mit all sei- 
ner Handlungsfähigkeit in den bestehenden Ver- 
hältnissen und seiner Bereitschaft zur Unterwer- 
fung unter diese)? Am Anfang der menschlichen 
Existenz steht die Lebensnot, das Kind ist exis- 
tentiell angewiesen auf Erwachsene, die bereits 
vergesellschaftet sind, die sprechen können und 
ihre eigenen (unbewussten) Wünsche gegenüber 
ihren Sprösslingen hegen. Dadurch kommt es da- 
zu, „daß das unreife Kind mit Botschaften, die 
mit Sinn und Begierde beladen sind, konfrontiert 
ist, deren Schlüssel es jedoch nicht besitzt“. Der 
Säugling nimmt diffus ein Begehren der Mutter!%/ 
der Erwachsenen wahr, doch ihm ist unklar: Wa- 
rum füttert, hält und wärmt meine Mutter (oder 
eben die Personen, die an ihrer Stelle stehen) 
mich? Könnte sie das auch nicht tun? Was will sie 
von mir, was bindet ihr für mich lebensnotwendi- 
ges Interesse an mich? Aber es kann diese Fragen 
noch nicht denken, nicht stellen, es antwortet da- 
her mit Begehren auf das der Mutter. Damit ist 
schon das Stillen mehr als ein biologischer Akt. 
„Die lebensnotwendige Körperfunktion stellt |...] 
der Sexualität eine Quelle, die erogene Zone, und 
ein Objekt, die Brust, zur Verfügung. Das sich 
bildende Sexualziel jedoch schießt — um eine pa- 
radoxe Formulierung zu gebrauchen — über das 
Ziel hinaus. Indem eine Lust zum Ziel wird, die 
[.. .] nicht auf die Befriedigung des Hungers redu- 
zierbar ist, separiert sich der Sexualtrieb und es 
entsteht ein neues Bedürfnis: das Bedürfnis nach 


9 Freud 4, S.546. 


10 Ebd., S.548. 


11 Freud 5, S.56. 
12 Freud 4, 5.548. 


13 uBhd,5 5,361: 

14 Unbewusst bedeutet in der 
Psychoanalyse nicht einfach 

nicht bewusst. Das durch Verdrän- 
gung konstituierte Unbewusste 
folgt eigenen Regeln und Gesetzen 
und drückt sich in verzerrter, 
verschobener, verdichteter Form 
im Bewussten aus: Nicht nur in 
Träumen, Versprechern, Witzen und 
der Kunst, sondern auch in Zu- 
fallshandlungen, politischen Ideo- 
logien und vielem mehr. Selbst 

im bewussten Denken ist oft der 
unbewusste Wunsch Vater des 
Gedankens. 


15 Dieses Problem findet sich 
auch ganz elementar in Butlers 
Psychoanalyse-Rezeption. Ich 
empfehle daher die im folgenden 
zentralen Texte von Chasseguet- 
Smirgel und Torok als Lektüre 
(ebenso wie die Fallgeschichten 
von Freud), durch die die £ol- 
genden Rekonstruktionen erst 
eingeholt werden können. 


16 Was ihn etwa von C.G. Jung un- 
terscheidet, der dem Ödipuskom- 
plex einen komplementären Elektra- 
komplex entgegensetzt, der eine 
natürliche heterosexuelle Anzie- 
hung voraussetzt. 


17 Laplanche 1988, S.187. Hierin 
findet sich für Laplanche der 
Ursprung des Triebes. Siehe auch 
Laplanche 2003, S. 25. 


18 Um Missverständnisse zu ver- 
meiden: Wenn hier von der Mutter 
die Rede ist, ist niemals nur 

die reale Mutter gemeint. Der Säug- 
ling kann gar nicht von Anbeginn 
an die Menschen deutlich unter- 
scheiden und kennt auch noch kei- 
ne Geschlechterdifferenz. Wie 
sich im analytischen Material 
zeigt, verdichten sich häufig ver- 
schiedene reale Menschen im Bild 
der Mutter. Die nährende, mütter- 
liche Figur kann zunächst eben- 
so gut ein Mann sein. Sie wird auf 
der mütterlichen Position ver- 
ortet, weil es üblicherweise die 
Mutter ist, die stillt, weil 
Kinderpflege als weibliche Tätig- 
keit verbreitet ist und mit der 
Person, die eineN geboren hat as- 
soziiert wird usw. 


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19 Tuschling 2003, S.16. 
20 Maihofer 1995, S.115. 
21 Freud 4, 5.548. 

22 Ebd., S.548. 


23 Es handelt sich beim ödipa- 
len Begehren des Jungen um „die 
nach dem Urbild der dyadischen, 
unmittelbaren Verbindung von Mut- 
ter und Baby gebildeten Phan- 
tasien. Der Inzest-Wunsch stellt 
ein Phantasma unmöglichen Ge- 
nießens dar: Während das genita- 
le Begehren die zielgerichte- 
ten Triebe des autonom werdenden 
Individuums repräsentiert, wel- 
ches seine Lüste in einem Organ 
vereinheitlicht hat, soll die 
(Wieder)Vereinigung mit der, die 
ihn geboren und gesäugt hat, die 
Individuierung und ihre Schmer- 
zen zurücknehmen“ Dehnert/ Quad- 
fasel 2002, S.53. Was den kleinen 
Jungen schließlich davon ab- 
bringt, die Mutter als das Objekt 
des Begehrens beizubehalten, 
nennt Freud Kastrationsangst und 
hängt logisch zusammen mit die- 
ser Unmöglichkeit: Zurück in die 
Mutter oder mein Penis. Die Er- 
kenntnis, dass Frauen keinen 
Penis haben, die Kastrationsdro- 
hung, das Masturbationsverbot, 
der Eindruck, dass es mit diesem 
Organ etwas besonderes auf sich 
hat (durch den besonderen Umgang 
damit) und es besonders lose 

zu sein scheint, in Anbindung an 
frühere Verlusterfahrungen (Brust, 
Kot) löst bei dem Jungen die 
Angst aus, jenes Organ könne ihm 
geraubt werden. Eine Kastrati- 
onsdrohung muss aber nicht real 
stattgefunden haben. Für das 
Kind reicht bereits die phantas- 
matische Kopplung aus, dass der 
Vater als die Drohungen in die 
Tat umsetzende Autoritätsperson 
auf die Eifersucht und das Be- 
gehren gegenüber der Mutter mit 
der Ausführung der Kastration 
reagieren könnte. Die Mutter, in 
der das Organ beim Koitus ver- 
schwindet, wird selber als kas- 
trierend vorgestellt. Das Inzest- 
tabu, dass mit dieser Angst 

vor einem brutalen Verlust der 
körperlichen Integrität wirk- 
sam wird, verbietet dem Jungen 
zwar die inzestuöse Liebe zur 
Mutter, eröffnet ihm aber durch 
Identifikation die Möglichkeit 
sich selbst in Zukunft nach dem 
Vorbild des Vaters eine Frau zu 
wählen, die nach der Latenz- 
phase, in der Pubertät, im Falle 
des heterosexuellen Ausgangs 
zum Tragen kommt. Diese Identi- 
fikation ist immer prekär, denn 
das Inzesttabus sagt ja: Du 
sollst wie der Vater sein, aber 


Wiederholung der Lust [...] Während es auf der 
Seite des Mangels, der das Kind nach der Geburt 
ist, zu einer Aufhebung, einer Sättigung kommt 
(diese Bewegung wird nachfolgend im Bedürfnis 
repräsentiert), entsteht auf der anderen Seite zu- 
gleich eine Unersättlichkeit, ein unendliches Drän- 
gen und Streben.” Durch das ständige Scheitern 
von Wiederholung konstituiert sich das Begehren 
durch Entstellungen, Ablenkungen, Umwege und 
Verschiebungen als unabschließbar. Das ermög- 
licht Geschichte, jedoch gibt es durch die darin 
enthaltene Logik der Zweizeitigkeit niemals ei- 
ne lineare, kausale, lückenlose, widerspruchsfreie 
Geschichte des Subjektes. Ließe sich das Subjekt 
gradlinig ableiten, gäbe es keine Freiheit, alles 
wäre determiniert. Weil es aber bei der Wieder- 
holung nicht um das reale Objekt geht, sondern 
um das unwiederbringlich verlorene, setzt hier der 
Eintritt in die Welt der Bedeutungen ein und die 
ist ebenso wenig gesetzmäßig oder abgeschlossen. 
Die Organisation der Libido ist also selber eine 
der Verschiebungen und beruht auf Verfehlun- 
gen. Sie wird weiter vorangetrieben in der analen 
Phase, der Zeit der Sauberkeitserziehung, Schon 
in der oralen Phase löst sich die Libido zuneh- 
mend von dem Bedürfnis nach Selbsterhaltung 
ab und entwickelt eine Eigendynamik, die durch- 
aus nicht mehr funktional für die basale Aufrecht- 
erhaltung des Organismus sein muss. Durch die 
nicht grundsätzliche Verfügbarkeit der Mutterbrust 
beginnt das Kind auch erstmals sich als Getrenn- 
tes wahrzunehmen, aber noch unter Unterschei- 
dungskriterien wie: Alles Gute (z.B. die Milch) 
bin ich, alles schlechte (z.B. der Hunger) nicht. 
Die anale Phase ist ein Schritt zur Autonomie und 
die impliziert „dieselbe Dialektik von Herrschaft 
und Unterwerfung wie das moderne Subjekt“?”, 
da durch die Unterordnung unter bestehende Ge- 
setze (wie z.B. in diesem Fall die - durch die EI- 
tern repräsentativ durchgesetzte — Norm eine Toi- 
lette zu benutzen) und ein gewisses Maß an Selbst- 
beherrschung (in diesem Falle Beherrschung des 
Schließmuskels) Handlungsfähigkeit hergestellt 
wird. Das Kind lernt unter dem Einfluss der El- 
tern seine Körperfunktionen zu beherrschen, es 
kann das Ausgeschiedene als von sich Unterschiede- 
nes, selbst Produziertes, wahrnehmen. Diese Be- 
herrschung ist gekennzeichnet von einem sadisti- 
schen Zug, der Lustan Ausscheidung, Destruktion 
und dem Wunsch nach Bemächtigung durch das 
Zurückhalten. Das Kind erkennt, dass es Einfluss 
auf seine Eltern hat, es kann ihnen an bestimm- 


du darfst nicht der Vater sein, du sollst auf das verzichten, was Wie-der-Vater- 


Sein erst interessant macht, nämlich die Mutter. Das Inzesttabu bildet in seiner 


Doppeltheit von Machtübertragung und Repression den Grundstock der Verbote und 
konstituiert das Über-Ich. Es verschärft noch einmal, dass das Begehren unabschließ- 
bar ist, weil das ursprüngliche, verdrängte Objekt immer schon verloren ist. 


24 Luquet-Parat 1979, S.120. 


25 Freud 1, S.298 ff. 


26 Freud 6, S.258 und Freud 3, S.247. 


Melanie Babenhauserheide 


ten Stellen seine Fäkalien schenken oder vorent- 
halten und sie damit verärgern oder erfreuen. In 
diesen Stadien ist die Libidoorganisation weitge- 
hend geschlechtsneutral. Der Einschnitt, der die 
Geschlechter- und Generationendifferenz zur Gel- 
tung bringt, ist die triangulierende ödipale Situa- 
tion, die beim heterosexuellen Ausgang für Jungen 
und Mädchen unterschiedlich verlaufen muss, ge- 
rade weil der Ausgangspunkt derselbe ist: Da so- 
wohl dem kleinen Jungen als auch dem Mädchen 
im Rahmen der frühkindlichen Abhängigkeit in 
der bürgerlichen Kleinfamilie als erstes Liebes- 
objekt eine Person auf der mütterlichen Position 
zufällt, denn „die ersten Objektbesetzungen er- 
folgen ja in der Anlehnung an die Befriedigung 
der großen und einfachen Lebensbedürfnisse“?!, 
stellt sich die Entwicklung des Mädchens mit he- 
terosexuellem Ausgang als „die schwierigere und 
kompliziertere“”? dar. Um zur Heterosexualität 
und dem Wunsch zur eigenen Mutterschaft zu 
gelangen, muss es nicht nur, wie der Junge, den 
Geschlechts- und Generationenunterschied wahr- 
zunehmen lernen und das Inzesttabu verinnerli- 
chen, sondern auch einen Objektwechsel von der 
Mutter zum Vater bzw. von der Frau zum Mann 
vollziehen und neben oder änstelle der Klitoris 
auch die Vagina als Lustorgan besetzen. „Als Ob- 
jektwechsel bezeichnet man den Vorgang, in des- 
sen Verlauf das kleine Mädchen seine Besetzung 
von der Mutter als Liebesobjekt abzieht, um den 
Vater zu besetzen“**. Dabei ist freilich nicht da- 
von auszugehen, dass sich die ödipale Liebe zu- 
nächst nur auf die Mutter richtet. Freud schreibt 
auch vom positiven und negativen? oder vom ak- 
tiven und passiven Ödipuskomplex: „Der Knabe 
will auch als Liebesobjekt des Vaters die Mutter 
ersetzen“”* und umgekehrt. 


Während sowohl männliche als auch weibliche 
Kinder gegenüber der Person, auf die sie unbe- 
dingt angewiesen sind, auch Hass empfinden, 
weil diese Liebesansprüche des Kindes auch von 
der allerbesten Mutter nicht befriedigt werden kön- 
nen und die Abhängigkeit Aggressionen generiert, 
stellt sich die Frage, warum eher Mädchen den Ob- 
jektwechsel vollziehen, also gegenüber den Jungen 
häufiger dem anderen ödipalen Begehren den Vor- 
zug geben. Freud rekonstruiert an einigen Stellen, 
dass dieser Vorgang offenbar mit dem Penisneid 
zusammenhängt, der im analytischen Fallma- 
terial immer wieder in den Assoziationen der Pa- 
tientinnen auftaucht. Die enttäuschende Wahr- 


Melanie Babenhauserheide 


nehmung des Mädchens, dass es selbst keinen 
Phallus hat, und daran anschließend irgendwann 
die, dass die Mutter auch keinen hat, verknüpft 
sich mit den Enttäuschungen, narzisstischen Krän- 
kungen durch Versagungen, der Eifersucht und 
den Aggressionen. Es wendet sich von der Mutter 
ab, „weil“ diese ihm keinen Penis gegeben hat und 
auch selber als kastriert wahrgenommen wird. 
Was dabei nämlich plötzlich unmöglich erscheint, 
ist die Erfüllung der diffusen kindlichen Phanta- 
sien, mit der Mutter ein Kind zu zeugen, also an die 
Stelle des Vaters zu treten: Diese beruhen auf der 
erschreckenden Erkenntnis der Urszene?', dass die 
Person, von der ich abhängig und auf deren Liebe 
ich unbedingt angewiesen bin, heimlich etwas 
mit jemand anderem 
hinter verschlossener 
Zimmertür teilt, wovon 
ich ausgeschlossen bin: 
Das Rätsel, was die El- 
tern da eigentlich ohne 
mich machen, wird ge- 
koppelt an die Lebens- 
gefahr: Ich bingetrennt, 
nicht alles (für die Mutter), mir fehlt etwas. Die 
Mutter könnte mich nicht mehr lieben und füt- 
tern, wenn ich ihr das nicht geben kann! Sie könn- 
te mit dem Papa (Freund, Nachbarn etc.) durch- 
brennen und mich ganz alleine lassen, denn der 
kann ihr Kinder machen! Diese Unmöglichkeit, 
die wirkliche Nummer 1 für die Mutter zu wer- 
den, bildet einen Anstoß zur Abwendung von ihr — 
und mitunter auch zur Abwendung von der Klito- 
ris als Lustorgan, weil diese nicht hergibt, was sie 
zuvor als Phallus versprochen hat. Zugleich siegt 
das gegenteilige ödipale Begehren zum Vater, wäh- 
rend die Mutter vermehrt die Bedeutung der 
Konkurrentin einnimmt, die der Einheit mit dem 
Vater, der noch den erhofften Phallus anzubieten 
hat, im Wege steht. In diesem Fall siegt das hete- 
rosexuelle über das homosexuelle Begehren. 

An einigen Stellen bei Freud allerdings klingt die 
Entstehung dieses Penisneides ein bisschen zu 
einfach: Die Erkenntnis, dass die Klitoris nicht 
das gleiche ist wie ein Penis, scheint für ihn an 
diesen Stellen bereits auszureichen®®, Hier stellt 


den Phantasien über den Phallus wider: „Auf 
der rein analen Ebene scheint der Penis, der 
als nicht vom Körper getrennte Kotsäule emp- 
funden wird, ein Zeichen dafür zu sein, daß 
die Sphinkter-Autonomie seines Besitzers 
nicht angetastet wurde.“ Torok 1979, S.224. 


31 Chasseguet-Smirgel 1979, S.159. 

32 Chasseguet-Smirgel 1988, S.25. 

33 Torok: 1979, 5% 1197 

34 Chasseguet-Smirgel 1979, S.164. 

Sa ER 3.308, 

36 An dieser Stelle wäre darauf zu verwei- 
sen, dass diese Symbolik auch auf historisch 


entstandenen realen Machtverhältnissen 
beruht. 


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ES STELLT SICH DIE FRAGE, 
WARUM NUR DAS MÄDCHEN DIE ER- 
KENNTNIS ÜBER DEN UNTER- 
SCHIED DER GESCHLECHTSORGANE 
SO WICHTIG NEHMEN SOLLTE. 


sich die Frage, warum nur das Mädchen die Er- 
kenntnis über den Unterschied der Geschlechts- 
organe so wichtig nehmen sollte. Die französische 
Psychoanalytikerin Janine Chasseguet-Smirgel 
hat aus ihrem Fallmaterial entwickelt, wie der Pe- 
nis sich überhaupt mit einer solchen Bedeutung 
aufladen kann, die freilich von tradierten patriar- 
chalen Vorstellungen über männliche Überlegen- 
heit unterstützt wird: Die überlebenswichtige Ab- 
hängigkeit des Kleinkindes von der Mutter führt 
zur „Herausbildung einer allmächtigen Mutter- 
imago“”, die sowohl eine beschützende als auch ei- 
ne böse Seite enthält, da infolge der eigenen Ohn- 
macht, Versagung und des eigenen Verzichts? 
auch auf die zärtlichste Mutter ein Bild der 
Feindseligkeit proji- 
ziert wird®'. Der Pe- 
nisneid gilt bei Chasse- 
guet-Smirgel als „Aus- 
druck des Wunsches, 
die allmächtige Urmut- 
ter dadurch zu besie- 
gen, dass man ein Or- 
gan besitzt, das der 
Mutter fehlt”, der sich deshalb umso mächtiger 
präsentiert, je erdrückender die Mutterimago 
sich ausgebildet hat. Dabei stehe der Phallus als 
Symbol für Autonomie und Macht, er gelte als 
Garant von Freiheit und Sicherheit, der seinen 
Besitzer gegen Angst und Schuldgefühle immu- 
nisiere und ihm zur Verwirklichung aller Wün- 
sche verhelfe®. Einen Phallus zu erwerben ist ein 
Symbol für jeden Versuch, einen Mangel auszu- 
gleichen”, jede Art von Gelingen und Ermächti- 
gung, für Vollkommenheit. Der Penisneid ist dabei 
keine als Selbstzweck konzipierte Männlichkeits- 
forderung, sondern eine „Revolte gegen die Per- 
son, die als Ursprung der narzißtischen Krän- 
kung erscheint: die allmächtige Mutter”®. Der 
Phallus ist deshalb symbolisch mit Macht gleich- 
gesetzt, weil er den Wunsch repräsentiert, sich 
aus der Ohnmacht zu befreien?®. Wenn nun also 
narzisstische Kränkungen, Versagungen und Be- 
herrschung durch die Mutter dazu beitragen, 
dass das Mädchen sich von der Mutter abwendet, 
bildet der »böse« Charakter des ersten Objektes 


27 Urszene meint beim späten 
Freud eine „Szene der sexuellen 
Beziehung zwischen den Eltern, 
die beobachtet oder aufgrund be- 
stimmter Anzeichen vom Kind 
vermutet und phantasiert wird.“ 
Laplanche/Pontalis 1972, S.576 
Die Urszene gewinnt ihre trauma- 
tische Qualität nicht nur durch 
die lebensbedrohliche Infragestel- 
lung der eigenen Position (>Ich 
bin nicht alles für die Mutter), 
sondern auch daraus, dass das 
Kind mit seiner wenig gebundenen 
und gehemmten Sexualität in der 
Sexualität der Erwachsenen kaum 
unterscheiden kann zwischen Lust 
und Gewalt: Die verzerrten Ge- 
sichter, seltsamen Laute und Be- 
wegungen, das Eindringen und 
Verschlingen lässt sich nicht dem 
ein oder anderen zuordnen. Auch 
die Geschlechterfrage ist hier 
noch äußerst verworren: Wem gehört 
eigentlich der Phallus (was nicht 
zwangsläufig einfach deckungs- 
gleich ist mit dem Penis, ebenso 
kann ein Finger, die Zunge, ein 
Dildo, eine Peitsche in das Bild 
des Phallus einfließen)? Der 
Person, an der er hängt? Die Per- 
son, die ihn in der Hand hält? 
Dem Menschen, der ihn - ob oral, 
anal, genital ist dabei einiger- 
maßen scheißegal, weil die Un- 
terscheidung zwischen einzelnen 
Körperöffnungen noch nicht 
vorhanden oder äußerst vage ist - 
verschlingt wie ein Würstchen 
(und wohlmöglich zerkaut)? Wird 
er wie die Exkremente ausge- 
schieden? Wer hat in diesem Drun- 
ter und Drüber bloß die Macht? 
Die Person, die oben liegt? Wer 
tut da wem weh/ Lust an? Diese 
Verworrenheit gilt ebenso, wenn 
das Kind einen homosexuellen 
Akt beobachtet oder - wie Freuds 
berühmter „Wolfsmann“-Patient - 
Hunden beim Kopulieren zuschaut 
und daran Phantasien über die 
Eltern knüpft (oder umgekehrt). 
Dieser Patient, in dessen Analy- 
se Freud erstmalig den Begriff 
der Urszene einführt, macht auch 
deutlich, dass die nachträgli- 
che Verknüpfung mit der Kastra- 
tionsangst den traumatischen 
Charakter der Urszene besiegeln 
kann: Bei ihm ist die Urszene 
zusammengeschmiedet aus der 
(eventuell imaginierten) Beob- 
achtung sich begattender Hun- 

de und der Eltern beim Koitus a 
tergo, der Kastrationsdrohung, 


einem Märchen, in dem einem Wolf der Schwanz abgeschnitten wird u.v.m. und nimmt 
eine wichtige Funktion in der Ausbildung seiner Angst und der Verdrängung des 


Wunsches, vom Vater koitiert zu werden, ein. 


28 Freud hat auch die Darstellung des Ödipuskomplexes und des Penisneides immer 


wieder ein wenig anders gefasst. Besonders simplifizierend erscheint seine Äuße- 


rung zum Penisneid in Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunter- 


schieds: „Es [das Mädchen] bemerkt den auffällig sichtbaren, groß angelegten 


Penis eines Bruders oder Gespielen, erkennt ihn sofort als überlegenes Gegenstück 


seines eigenen, kleinen und versteckten Organs und ist von da an dem Penisneid 


verfallen. 


[..] Sie ist im Nu fertig mit ihrem Urteil und ihrem Entschluß. Sie hat 


es gesehen, weiß, daß sie es nicht hat, und will es haben.“ Freud 6, 5.261. 


29 Chasseguet-Smirgel 1988, S.17. 


30 Die Brust oder Flasche ist nicht immer anwesend, gewisse Regeln und Verbote 


werden durchgesetzt. Die Psychoanalytikerin Maria Torok hat aus dem Fallmaterial 


ihrer Patentinnen entwickelt, wie insbesondere der durch das Masturbationsver- 


bot und durch die mütterliche Herrschaft über die Exkremente und das Körperinnere 


(während der Sauberkeitserziehung) ausgelöste Hass auf die Mutter im Penisneid 


ausgedrück wird und zugleich beschwichtigt. Diese Bedeutungen spiegeln sich in 


£/ xog eyı »prsıno 


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37 Chasseguet-Smirgel 1979, S.138 
und Luquet-Parat 1979, S.124. 


38 ‘Im Rahmen der Mischung der 
Triebe finden sich im sexuellen Be- 
gehren zärtliche und sadistische 
Aspekte zugleich: Zur Durch- 
führung des Koitus bedarf es z.B. 
einer gewissen Bemächtigung des/ 
der anderen im Akt der Einver- 
leibung und des Eindringens. In 
der Triebentmischung werden 

nun aggressive und zärtliche Im- 
pulse gespalten, die einen nur 
dem idealisierten, die anderen nur 
dem als böse interpretierten 
Objekt entgegengebracht. 


39 Chasseguet-Smirgel 1979, 5.164. 


40 Bleibt die Triebentmischung 
bestehen, so kann, wie Chas- 
seguet-Smirgel ausführt, es dazu 
kommen, dass die Frau die zärt- 
liche Idealisierung des Vaters/ 
Penis’ aufrecht erhält, aus Liebe 
zum Vater abwehrt, sich mit der 
kastrierenden Mutter (die in der 
Phantasie dem Vater den Penis 
gestohlen hat) zu identifizieren, 
die eigenen sadistischen Be- 
mächtigungsphantasien verdrängt, 
mit schweren Schuldgefühlen 

auf eigenes Haben-wollen und Be- 
sitzergreifen reagiert, sich 

die erotische Besetzung der Vagi- 
na als Ort der Einverleibung 
untersagt und sich als Ersatz für 
den geraubten Phallus anbietet, 
also zur Vervollständigung von 
Männlichkeit in einem Akt der Wie- 
dergutmachung: Eine der Patien- 
tinnen beispielsweise empfindet 
ihren beruflichen Erfolg als 
Ärztin als Kastration des bäuer- 
lichen Vaters 
eine Symptomatik, mit der sie ih- 
ren eigenen Erfolg boykottiert. 
Eine andere Patientin, die für ih- 


und entwickelt 


ren Mann, einen erfolgreichen 
Komponisten, ihre eigene Karrie- 
re als Komponistin aufgegeben 
hat, kann nur noch komponieren, 
„wenn sie weiß, daß es sein 

Lied wird“ Chasseguet-Smirgel 1979, 
8.178. Diese Art von weiblichen 
Schuldgefühlen und dem damit ver- 
bundenen Bestreben, sich als Teil 
oder Prothese eines Mannes, als 
Gehilfin, Assistentin oder Stütze 
anzubieten, ist keine Selten- 
heit. Chasseguet-Smirgel begreift 
die Wiedergutmachungstendenz 
aufgrund von Schuldgefühlen auch 
als wichtigen Aspekt des weib- 
lichen Masochismus: „Es scheint, 
als müsse die Frau, um die Ein- 
verleibung des Penis vollziehen 
zu können, vortäuschen, ihre 
gesamte Person als Ersatz für den 
geraubten Penis anzubieten, 
indem sie ihrem Partner nahelegt, 
ihr [.] anzutun, was sie in ihrer 
Phantasie dem Penis angetan hat“ 
Chasseguet-Smirgel 1979, 5.184. 


41 Freud 3, S.250. 


42 Torok 1979, S.206. 


den Grund für den Objektwechsel, da das Mäd- 
chen nach einem guten Objekt sucht, das die ihm 
fehlenden Befriedigungen verschaffen und den 
Mangel des ersten Objekts ausgleichen soll. Da- 
bei werden alle guten Aspekte des ersten Ob- 
jektes auf ein zweites projiziert und die bösen — 
zumindest vorübergehend — auf das Urobjekt””. 
Diese Spaltung und die damit einhergehende 
Triebentmischung führen zur Idealisierung des 
Penis. 

Die Hinwendung zum Vater ist zunächst der Ver- 
such, dessen Penis zu bekommen: Der Wunsch, 
wie der Vater einen Penis zu besitzen, um in die 
Mutter eindringen zu können, wird transformiert 
in den Wunsch, dem Vater den Penis zu rauben, 
wie es in der Phantasie die Mutter getan hat”. 
Hier wird bereits die Vagina besetzt. Mit Hilfe 
der Identifizierung mit der Mutter und einer zu- 
mindest partiellen Auflösung der Triebentmi- 
schung“ findet dann der Übergang statt, der es 
dem Mädchen ermöglicht Liebe zum penisbesitz- 
enden Objekt zu empfinden und einigermaßen 
befriedet damit zu sein, sich den Penis lediglich 
beim Koitus einzu- 
verleiben, sich das 
begehrte Organ nur 
temporär zu eigen zu 
machen, quasi auszu- 
leihen. Diese Identi- 
fizierung mit der Mut- 
ter und ihrer Müt- 
terlichkeit legt einen 
verschobenen Wunsch 
nah: „Der Verzicht auf den Penis wird nicht ohne 
einen Versuch der Entschädigung vertragen. Das 
Mädchen gleitet - man möchte sagen: längs ei- 
ner symbolischen Gleichung — vom Penis auf das 
Kind hinüber, sein Ödipuskomplex gipfelt in dem 
lange festgehaltenen Wunsch, vom Vater ein Kind 
als Geschenk zu erhalten, ihm ein Kind zu gebä- 
ren. |...]. Die beiden Wünsche nach dem Besitz 
eines Penis und eines Kindes bleiben im Unbe- 
wußten stark besetzt erhalten und helfen dazu, 
das weibliche Wesen für seine spätere geschlecht- 
liche Rolle bereit zu machen.“ (Eine solche sym- 
bolische Gleichung kann aber auch besondere 
Schwierigkeiten mit sich bringen, nämlich wenn 
der Penisneid so stark erhalten bleibt und vor- 
nehmlich auf das Kind und nicht auch auf andere 
Objekte mit phallischer Bedeutung gerichtet 
wird, dass das Kind vornehmlich zur Vervollstän- 
digung der Mutter dienen soll: ‚Wenn das Kind 
die Rolle eines begehrten Penis-Objektes spielen 
muß, wenn es die Defekte ausgleichen und ihr 
[der Mutter, M.B.] zur Vollständigkeit verhelfen 
muß, wie sollte seine Entwicklung akzeptiert, sei- 


WIE SICH HIER ZEIGT, IST DER WEIB- 
LICHE WEG ZUR GENITALEN HETERO- 
SEXUALITÄT UND ZUM KINDER- 
WUNSCH EINE VON VERFEHLUNGEN, 
AGGRESSION UND VERSAGUNGEN 
GEKENNZEICHNETE ANGELEGENHEIT. 


Melanie Babenhauserheid@ 


ne Entfaltung in eigenen Bedürfnissen von ein: 
Mutter gewünscht und gefördert werden, die 
ohne das Kind in Verbitterung und Neid zurück“ 
fallen würde? Eine solche Mutter kennt nur ei- 
nen Wunsch: Das Kind-Penis als illusorischen 
Garanten ihrer Vollkommenheit an seinen Zu- 
stand als ewiges Anhängsel zu fesseln.) Somit 
kommt der Kinderwunsch nach einer langen Rei- 
he von Umlenkungen und Verschiebungen des 
Begehrens zustande: Von der phallischen Mutter 
zum idealisierten Vater, von der Klitoris als phal- 
lischem Organ zur Vagina als Ort der Einverlei- 
bung eines anderen Phallus, vom eigenen oder ge- 
stohlenen Penis als Objekt, das die Garantie für 
Autonomie bieten soll, zum eigenen Kind... 

Wie sich hier zeigt, ist der weibliche Weg zur geni- 
talen Heterosexualität und zum Kinderwunsch 
eine von Verfehlungen, Aggression und Versagun- 
gen gekennzeichnete Angelegenheit und das Ein- 
passen der Libido in die Gebärfunktion eine kom- 
plizierte Leistung. Dabei kommt es immer auch 
zur Verdrängung gegenläufiger Tendenzen im Be- 
gehren: (Geschlechts)Identität ist ein Ding der Un- 
möglichkeit, denn die 
Identifikation mit und 
das Begehren zu ei- 
nem bestimmten Ge- 
schlecht finden statt 
durch eine Spaltung, 
eine Abspaltung, Ver- 
leugnung, Gegenbe- 
setzung, Verdrängung 
des anderen Begeh- 
rens, die das Subjekt gegen und für sich selber 
durchsetzt. Der patriarchalen Ideologie, dass 
Frauen Natur und Männer Geist seien, kann 
schließlich mit der Psychoanalyse entgegenge- 
setzt werden, dass gerade die weibliche Heterose- 
xualität mit Wunsch zur Mutterschaft unter noch 
mehr und verschlungeneren Umwegen zustande 
kommt als die des heterosexuellen Mannes, also 
keineswegs unmittelbar natürlich ist. Heterose- 
xualität und Kinderwunsch sind wie Homosexua- 
lität, Masochismus und jede andere Form von Se- 
xualität kein automatisches Schicksal, sondern ein 
Resultat der konflikthaften Geschichte des Begeh- 
rens. Wer den Gegensatz zwischen bewusst und 
unbewusst, die dynamischen Bewegung zwischen 
beiden und die Tatsache, dass eine Identifikation 
und ein Begehren immer erkauft wird mit der 
Verdrängung, Abwehr etc. der gegenläufigen Ten- 
denz, verkennt, kann das manifeste Verhalten 
nicht in seiner Geschichte und seiner Wider- 
sprüchlichkeit verstehen, da beispielsweise „Frau- 
en mit Männlichkeitswünschen zur Vermeidung 
der Angst und der vom Manne gefürchteten Ver- 


Melanie Babenhauserheide 


geltung eine Maske der Weiblichkeit anlegen kön- 
nen“® oder der besonders starke Wunsch, ein voll- 
wertiger Mann zu sein, sich in einer Fixierung 
aufs Geschwängert-Werden ausdrücken kann. Es 
scheint dann so, als wäre dieses Triebschicksal 
von der Natur, der Gesellschaft, der Sprache oder 
Gott geplant und gradlinig ausgeführt. Wie ich am 
Anfang kurz dargestellt habe, kippen andere, we- 
niger materialistische Argumentationen schnell in 
die unterschiedlichen Fehlschlüsse, dass es entwe- 
der eine natürliche, angeborene Geschlechtsiden- 
tität gäbe oder dass Geschlechtszugehörigkeit 
nichts mit Natur zu tun habe, sondern ausschließ- 
lich mit sozialen Einflüssen. Die Psychoanalyse 
hingegen denkt Natur als eine Art gewordene Vo- 
raussetzung, indem sie nachvollzieht, wie sich die 
Konstitution im Laufe der konflikthaften Orga- 
nisation der Libido zu den natürlichen Funktio- 
nen in Beziehung setzt, wobei der Kinderwunsch 
nicht der einzig mögliche Ausgang ist. Aus der Er- 
kenntnis der schwerwiegenden Folgen heraus kri- 
tisiert Freud, wenn Menschen unter Zwang ge- 
setzt werden, die Einheit von Konstitution und 
Funktion gegen ihr eigenes Begehren durchzuset- 
zen. Dennoch ist es heutzutage vielleicht wichtig, 
darauf hinzuweisen, dass erstens „alle Menschen 
aus heterosexuellen Verbindungen hervorgegan- 
gen sind‘*' — wie vermittelt auch immer - und da- 
her Heterosexualität grundsätzlich auch dann ei- 
ne psychische Bedeutung erhält, wenn das nicht 
unmittelbar sichtbar wird und dass es zweitens 
durchaus auch dem Begehren entsprechen kann, 


wenn die Konstitution mit der Funktion kompati- 
bel wird. Heterosexuelles Begehren und Kinder- 
wunsch sind nicht nur Ausdruck von Repression, 
und beispielsweise Transsexualität und Frigidität 
richten sich nicht einfach nur gegen gesellschaft- 
liche Bestimmungen und sind schon gar nicht frei 
von ihnen, sondern die Geschichte, in der Sexuali- 
tät konstituiert wird, ist immer gezeichnet von Kon- 
flikten, die den Menschen als Natur und Nicht- 
Natur zugleich, als gespalten und widersprüch- 
lich bestimmen. 


Ich danke Sonja Witte. Ohne unsere Zusam- 
menarbeit und ihre hilfreichen Anmerkungen 
gäbe es diesen Text so nicht. 


MELANIE BABENHAUSERHEIDE 
promoviert derzeit zur Ideologie in den Harry 
Potter-Schmökern und wohnt in Bielefeld. 


43 Riviere 1996, S.103. Riviere 
argumentiert hier an verschie- 
denen Fallbeispielen: Das Auftre- 
ten einer solchen Art von weib- 
licher Maskerade reicht von einer 
handwerklich sehr versierten 
Hausfrau, die jedes mal, wenn ein 
Fachmann ins Haus kommt, sich 
unterwürfig verhält, „indem sie ih- 
re Anordnungen in einer unschul- 
digen und naiven Art trifft, als 
wären sie >glücklich erraten<“ 
(Riviere, S.107), und den Eindruck 
erweckt, als hätte sie keine 
Ahnung, bis zu einer intellektu- 
ellen Dame, die zwanghaft nach 
ihren Vorträgen mit Männern aus 
dem Publikum flirtet und koket- 
tiert. 


44 Reiche 1997, 5.943. 


£/ xog eyı sprsıng 


67 


NAUYES9 


Literatur 


Adorno, Theodor W.: Zum Verhält- 
nis von Soziologie und Psycho- 


logie. In: Soziologische Schrif- 
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Frankfurt am Main 1997. 


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Chasseguet-Smirgel, Janine (Hrsg.): 


Psychoanalyse der weiblichen 
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Bd. III. Frankfurt am Main 2000. 


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puskomplexes. In: Studienausgabe 
Bd. V. Frankfurt am Main 2000. 


-*- (4): Die Weiblichkeit. In: 
Studienausgabe Bd. I. Frankfurt 
am Main 2000. 

-*- (5): Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie. In: Studienausgabe 
Bd. V. Frankfurt am Main 2000. 

-"- (6): Einige psychische Fol- 
gen des anatomischen Geschlechts- 
unterschieds. In: Studienausgabe 
Bd. V. Frankfurt am Main 2000. 

-“- (7): Massenpsychologie und 
Ich-Analyse. In: Studienausgabe 
Bd. IX. Frankfurt am Main 2000. 


Krölls, Albert: Kritik der 
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Das Vokabular der Psychoanalyse. 
Frankfurt am Main 1972. 


Laplache, Jean: Die allgemeine 


Verführungstheorie. Tübingen 
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rum der Psychoanalyse. Vol.19, 
No. 1/2003. http://www.springer- 
link.com/content/u2gw/bkuad- 
jepeuf/fulltext.pdf (10.08.2011) 


Loick, Daniel: kill the matrix 
with a groove - Die Dekonstrukti- 
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bei Judith Butler. In: Jungdemo- 
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give the feminist a cigarette. 
Ein Feminismusbuch. Berlin 2001. 


Luquet-Parat, Catherine J.: Der 


Objektwechsel. In: Chasseguet- 
Smirgel, Janine (Hrsg.): Psycho- 
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lität. Frankfurt am Main 1979. 


Maihofer, Andrea: Geschlecht 
als Existenzweise. Frankfurt am 
Main 1995. 


Quadfasel, Lars: Puppenstuben- 
idyll, postmodernes. In: Gigi. 
Zeitschrift für sexuelle Emanzi- 
pation Heft 43 2006. 


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Geschichte, Funktion und Funk- 
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Psychoanalyse und ihre Anwen- 
dungen. Heft 09/10 1997. 


Riviere, Joan: Weiblichkeit als 
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Ausgewählte Schriften. Tübingen 
1996. 


Torok, Maria: Die Bedeutung des 
Penisneides bei der Frau. 

In: Chasseguet-Smirgel, Janine 
(Hrsg.): Psychoanalyse der weib- 
lichen Sexualität. Frankfurt 
am Main 1979. 


Schneider, Peter: Wahrheit und 
Verdrängung. Eine Einführung in 
die Psychoanalyse und die Ei- 
genart ihrer Erkenntnis. Berlin 
1995, 


Tuschling, Anna: Was Sie schon 


immer über Sex wissen wollten... 
Zur Aktualität des Freudschen 
Sexualitätsbegriffs. In: initia- 
tive not a lovesong (Hrsg.): 
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Christa Bürger 


Bettine von Arnim, 
die Grenzgängerin 


Ich stelle sie mir wieder vor, wie sie auf ihrem 
Schemel sitzt zu Füßen ihrer Lieben Frau Aja' — 
vom Goldenen Kopf, dem Brentanohaus in der 
Sandgasse, bis zum Großen Hirschgraben hat sie 
es nicht weit — die junge Bettine, die Elisabeth 
Goethe mit dem „so theuren Nahmen Mutter nen- 
nen“ darf,” wie sie einander Märchen erzählen, wo- 
bei sich allmählich 
die Erzählfäden in- 
einander verweben, 
das Lebensmärchen 
einer alten Frau von 
der Kindheit und Ju- 
gend ihres eingebo- 
renen Sohnes, einer, 
die, wie sie der jun- 
gen Freundin, dem 
„liebsten Vermächt- 
nüß meiner Seele“, in 
einem ihrer letzten Briefe am 28. 8. 1808, dem 
Geburtstag des Sohnes, schreibt, „den Becher der 
Mutterfreude bis auf den letzten Tropfen gelehrt 
hat“,? und Bettines romantisches Märchen vom 
Königssohn. Achim von Arnim, den sie einige Jah- 
re später heiraten wird, nimmt es in seine Zeitung 
für Einsiedler seltsamerweise nicht auf, mag sein, 
daß er die allegorische Bedeutung des Märchens 
verstanden hat und verdrängen mußte oder daß 
ihn der unbestimmte Status des Textes gestört 
hat, das Schweben zwischen Kunst- und Volks- 
märchen, Traum und Allegorie, Erinnerung und 
Ahnung. 

Denn die Bettine erzählt, mit ihrer dunklen Alt- 
stimme, von einem König, dessen Reich an das 
der Tiere grenzt und der „ein Weib nahm um ih- 
rer Schönheit willen und daß er Kinder bekom- 
me“. Die Königin wird auch wirklich schwanger. 
„Die Zeit des Gebärens verstrich aber, ohne daß 
sie eines Kindes genesen wäre.“ Der König, der 
sich „an ihrer Mißgestalt ärgert“, verbannt sie in 
den entlegensten Teil des Schlosses. „Hier trug sie 


DAHER SPRICHT DIESES KIND, DAS 
BETTINE VON ARNIM SICH IN IH- 
REM „TIEFEREN LEBEN“ ERFINDET, DAS 
KIND, DAS SIE GEWESEN SEIN WILL, 
DIE SPRACHE DES BEGEHRENS, ABER 
JETZT OHNE DIE ANGST, AN DEN 
WAHNSINN ZU GRENZEN. 


langsam und traurig ihre schwere Bürde durch die 
einsamen Gärten und sah die wilden Tiere aus 
dem Walde an das jenseitige Ufer des Flusses kom- 
men, um sich zu tränken... da wünschte sie oft in 
schwerer Verzweiflung, auch ein reißendes Tier zu 
sein.“ Am Ende von sieben Jahren gebiert sie oh- 
ne Hilfe am Flußufer einen Sohn, den ihr eine Bä- 
rin entführt, darauf 
noch sechs Kinder. 
Nun wird die „glor- 
reiche Mutter“ mit 
Freuden aufgenom- 
men, aber während 
ihre Kinder heran- 
wachsen, trauert sie 
um ihren verlorenen 
ersten Sohn. Als der 
Königseinen Tod na- 
hen fühlt, richtet er 
ein großes Fest aus, um seinen Söhnen die Herr- 
schaft abzutreten. Da kommen die Tiere über 
den Fluß herangeschwommen, mitten unter ihnen 
„ein schönes Antlitz, das aufrecht zum Himmel 
blickt“. Die Königin erkennt ihren Erstgebore- 
nen, der nun alleiniger König wird, aber „ein Kö- 
nig über Tiere und Menschen im Geist, sonder 
Sprache“. 

Das Märchen erzählt in Bildern vom heimlichen 
Grenzgängertum Bettines, ihrer Sehnsucht nach 
einer anderen Sprache und nach einem anderen 
Denken, von dem sie während ihrer Freundschaft 
mit Karoline von Günderrode geträumt hat: ihrer 
Schwebe-Religion. Wie die Königin ihres Mär- 
chens lebt sie zwei Leben, ein öffentliches und ein 
verborgenes, ein Tag- und ein Traumleben, auf 
der Grenze zwischen Natur und Kultur, allein un- 
ter ihren vielen Geschwistern. Das Märchen und 
der Traum drängen aber auf Wunscherfüllung, 
auf Versöhnung, und so begründet, was Bettina 
von Arnim in ihrem zweiten Leben hervorbrin- 
gen wird, eine andere Ordnung des Schreibens, 


1 Elisabeth von 


Goethe, die im 


>Königsbuch< Bettine von Arnims 


mit dem Titel de 
Frau Rat erschei 


s Mannes die 
nt, wird von den 


Freunden des jungen Johann'Wolf- 


gang Frau Aja genannt nach der 


Mutter der >Haimonskinder< aus 


einem alten Volksbuch. 


2 Vgl. den Brief von Elisabeth 
Goethe an Bettina Brentano vom 


135.84. 1807, ins 
ternhaus, hrsg. 


Briefe aus dem El- 
v. E. Beutler. 


Frankfurt/Leipzig 1997, 857. 


3 Ebd., 886. 


4 Das Märchen fi 
Bettina von Arni 


ndet sich in: 
m. Ein Lese- 


buch, hrsg. v. Ch. Bürger. Stutt- 


gart 1987, 279E£. 


£4 xog oyı oprsıno 


LE 


naUyaS9 


5 Vgl. Bettine von Arnim, Werke 
und Briefe, hrsg. v. W Schmitz/S. 
v. Steinsdorff u.a. 4 Bde, Frank- 
furt 1986-2004; hier IV, 51 (an 
Savigny, August 1807). Diese Aus- 
gabe wird im folgenden im Text 
zitiert. 


6 In: Achim von Arnim und die ihm 
nahe standen, hrsg. v. R. Steig/H. 
Grimm. Stuttgart/Berlin 1913; II, 
396f. 


lebendige Form, wo alles Bedeutung hat, weil al- 
les mit allem sich liebend berührt, Geist und Na- 
tur. 

Äußerlich unterscheidet sich das Leben Bettine 
Brentanos kaum von dem einer „Tochter aus gu- 
tem Hause“. Geboren 1785 in Frankfurt als Toch- 
ter eines der angesehensten Handelsherren der 
Stadt, verliert sie früh die Mutter, die in der Ehe 
mit Peter Brentano unglückliche Maximiliane von 
La Roche, die der junge Goethe aus der Ferne 
verehrt hatte. Die drei jüngsten Brentanotöchter, 
zunächst einem Ursulinenkloster anvertraut, wach- 
sen unter der Obhut der Großmutter auf, Sophie 
von La Roche, seit ihrem auf dem Höhepunkt der 
Sturm- und Drangbewegung erschienenen Brief- 
roman Das Fräulein von Sternheim eine der weni- 
gen erfolgreichen Schriftstellerinnen der Epoche. 
Im Offenbacher Haus der Großmutter begegnet 
die Siebzehnjährige zum ersten Mal bewußt dem 
Bruder Clemens, dessen Erscheinung sie als eine 
große Wendung in ihrem Schicksal begreift. 

Die rückhaltlosen Geständnisbriefe der jungen 
Bettine an diesen Bruder und an den späteren 
Schwager und preußischen Staatsminister Fried- 
rich Carl von Savigny offenbaren ein unglückliches 
Bewußtsein, das die eigene Existenz als ein Tau- 
meln zwischen Selbstgewißheit und Selbstzweifel 
erlebt — an der Grenze des Wahnsinns. Dieses 
Entwicklungsdrama hätte für Bettine Brentano 
vielleicht einen harmloseren Verlauf genommen, 
hätte nicht der geliebte Bruder sie darin festgehal- 
ten. Clemens Brentano ist, sei es auch mit einem 
nach seinem eigenen Begriff „verwilderten“ Werk, 
in die kulturelle Ordnung eingetreten. Aber die 
Schwester verkörpert für ihn die romantische Na- 
turpoesie schlechthin, eine neue Mignon, ebenso 
exzentrisch wie die rätselhaft androgyne Gestalt 
Goethes, die durch die Wanderjahre irrlichtert. 
Bettine selbst erfährt als beängstigendes Chaos, 
was ihre Einbildungskraft aus dunklen Tiefen an 
Bildern zutage fördert, 
wenn sie „alle Schleusen 
öffnet“. Ihrerichtungslo- 


IM SCHWEBENDEN REICH DES 


Christa Bürger 


Quellen, nur unfruchtbaren Boden wässern? — Lieber 
Alter, soll denn mein ganzes Wesen ungenossen wie- 
der vertrocknen, keinem wohltun, unbeachtet wieder 
schlafen gehen, so wie es aufwachte?? 


Bettines Frage faßt das Dilemma vieler Frauen 
vor ihr und nach ihr zusammen, die sich schrei- 
bend zu verwirklichen versuchten, und es kamen 
mir beim Lesen dieser traurigen Briefe Verse von 
Ingeborg Bachmann in den Sinn: Erklär mir Lie- 
be, was ich nicht erklären kann: / sollt ich die kur- 
ze schauerliche Zeit / nur mit Gedanken Umgang 
haben und allein / nichts Liebes haben und nichts 
Liebes tun? — Angesichts dieses Dilemmas trifft 
Bettine Brentano eine Entscheidung: Sie heiratet 
den Freund des Bruders, den Dichter und Guts- 
herrn Achim von Arnim. Sie geht den „Weg zum 
Sozialen“, wie sie ihn in ihrem Märchen vorweg- 
genommen hatte. 

Die wenigen erhaltenen Briefe aus der Zeit der 
Werbung Achims um die Schwester seines Freun- 
des sind so spröde, daß sie das komplizierte Ver- 
hältnis dieser Liebenden allenfalls ahnen lassen. 
Da Arnims Verfügung über sein Vermögen auf- 
grund einer Fideikommißeinrichtung zugunsten 
seiner zukünftigen Kinder beschränkt ist, ent- 
schließt er sich, „das Meinige zu thun, um recht- 
mäßige Kinder zu haben. Da brauchte es nicht 
langer Zweifel, ich wußte niemand auf der Welt, 
von der ich so gern ein Ebenbild besessen hätte... 
und auch keine, mit der ich auch ohne diese Ver- 
doppelung so gern mich erfreut, gestritten, ge- 
wacht und geschlafen hätte, als Dich“.® Bettine 
Brentano, die sich mit der „menschlichen Liebe 
bescheiden“ will, gibt ihr Jawort in der Form ei- 
ner Frage: „Warum, wenn Du an mich verlangst, 
soll ich Dir nicht geben?“ (IV, 129) 

Bettine und Achim haben es nicht leicht mitein- 
ander. Achims Begriff von Ehe ist mit dem des Ei- 
gentums und der Heimat eng verbunden. Bettine, 
die Schweifende, hat kein Verhältnis zum Besitz. 
Sie kann nicht auf dem 
Land leben, in Wiepers- 
dorf, Achims Gutsherr- 


se Phantasie findet kei- KINDES BETTINE GELTEN schaft, er nicht in Ber- 
nen Widerstand an der DIE VERKEHRTEN GRUNDSATZE lin. So führen sie meist 
Form. In ihrer Umge- DER KUNST NICHT. getrennte Haushalte. In 


bung, im großen Haus 
der Brentanos, ist sie ei- 
ne Fremde. Sie spürt selbst, daß sie sich nicht 
mitzuteilen vermag, weder in ihren Lebensbegeis- 
terungen noch in ihrer Melancholie, so daß ihr 
am Ende die eigenen Phantasieprodukte als ein 
begriffs- und gestaltloses Reden erscheinen. Da- 
bei verlangt es sie nach Anerkennung, Teilnahme 
- Verwirklichung. 
... sollen denn Begeistrung und Sehnsucht die wechsel- 
weise aus einem jungen Gemiüth fliesen wie zwei 


den ersten Jahren ihrer 

Verbindung ist Achim ak- 
tives Mitglied der Christlich-deutschen Tischge- 
sellschaft, zu der auch Clausewitz, Fichte, Kleist 
und Savigny gehören. Wenn ich mir die an Wert- 
vorstellungen des Mittelalters orientierte National- 
staatsidee, die rückständige Familienideologie die- 
ses Freundeskreises vergegenwärtige, zu schwei- 
gen von ihrem Antisemitismus, dann frage ich 
mich, wie diese junge Frau mit ihrem freien Geist 
in einer solchen Umgebung sich bewegen konnte. 


Christa Bürger 


Denn sie ist, wie ihre späteren vielfältigen politi- 
schen Initiativen zeigen, der ersten revolutionä- 
ren Begeisterung, die die Lektüre der Briefe Mi- 
rabeaus noch im Hause der Großmutter in ihr 
geweckt hatte, zeitlebens treu geblieben. Es muß 
wohl in dieser Ehe eine so tief gründende Über- 
einstimmung gegeben haben, daß nichts die Zu- 
sammengehörigkeit von Beans Beor und Amans 
Amor, wie sie einander in der Verlobungszeit nen- 
nen, zerstören kann. Als Mann und Frau leben 
sie im Bewußtsein gegenseitigen Anerkanntseins 
und erkennen die Wirklichkeit ihrer Liebe an ih- 
ren Kindern. 

Bettina von Arnim bringt sieben Kinder zur Welt 
- wie die Königin in ihrem Märchen. In der wun- 
derbaren Gestalt der Frau Aja in Goethes Brief- 
wechsel mit einem Kinde, dem Buch, das sie be- 
rühmt gemacht hat, wird das utopische Bild einer 
freien Kindheit erkennbar. Gegen Achims im Stan- 
desdenken verhaftete Grundsätze, mißtrauisch 
gegenüber allem „Pädagogenwesen“, setzt Betti- 
ne ihre rousseauistischen Vorstellungen einer Er- 
ziehung ohne Zwang durch. Dabei ist ihr die Zeit 
nicht günstig. Die zwanziger Jahre des 19. Jhdts. 
sind überschattet von den Folgen der napoleoni- 
schen Kriege und der durch die Kontinentalsperre 
ausgelösten Wirtschaftsmisere. Die Versorgungs- 
grundlage ihres „großen Hauses“, samt Diener- 
schaft, Hauslehrern und Freunden, sind die Er- 
trägnisse von Achims Gütern, die er in ganzen Wa- 
genladungen nach Berlin schaffen läßt. Sie macht 
sich bei ihrem Hausarzt, einem Anhänger des mes- 
merischen Magnetismus, kompetent in der Na- 
turheilkunde und beschränkt sich bei der Pflege 
kranker Kinder auf homöopathische Mittel. 

In diesen langen Jahren ihrer „irdischen Not“, von 
dem im Briefwechsel der Eheleute so viel die 
Rede ist, nimmt Frau von Arnim ihre eigenen 
künstlerischen Versuche zurück auf das Maß des 
Dilettantismus, sie zeichnet, singt, schreibt Brie- 
fe. So lernt sie bei dem Versuch, „gut zu seyn und 
gutes zu thun“ (IV, 128), eine für sie neue Erfah- 
rung kennen: die Schuld, dem eigenen Lebensge- 
setz untreu geworden zu sein. In der irritieren- 
den Aura der Fremdheit, die manche Besucher 
ihres Berliner Salons verstört, verrät sich das alte 
Bedürfnis nach Ausdruck, die Sehnsucht nach 
Selbstverwirklichung. 

Als Achim von Arnim 1831 überraschend stirbt, 
kehrt Bettine zu dem Weg zurück, von dem sie sei- 
netwegen abgewichen war. Schreibend entdeckt 
sie, im tiefen Brunnen der Vergangenheit, ein ver- 
lockendes und verheißungsvolles Bild: das Kind 
Bettine. 


So wollen wir dann das Kloster verlassen, in dem kein 
Spiegel war, und in dem ich also während vier Jahren 
vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszüge, 


meiner Gestalt gesucht haben würde, doch ist es mir 

in dieser ganzen Zeit nie eingefallen daran zu den- 

ken, wie ich wohl aussehe; es war mir eine große Über- 
raschung, wie ich im dreizehnten Jahre zum ersten- 
mal mit zwei Schwestern, umarmt von der Großmutter, 
die ganze Gruppe im Spiegel erblickte. Ich erkannte 
alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden 
Wangen, mit schwarzem fein gekräuseltem Haar; ich 
kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen, 
ein solches Gesicht hab’ ich schon im Traum geliebt, 

in diesem Blick liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, 
diesem Wesen muß ich nachgehen, ich muß ihr Treue 
und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trau- 
ern, wenn sie freudig ist, will ich ihr still dienen, ich 
winke ihr, - siehe, sie erhebt sich und kommt mir ent- 
gegen, wir lächeln uns an, und ich kann's nicht län- 

ger bezweifeln, daß ich mein Bild im Spiegel erblickt. 
(II, 471) 


Das Spiegelerlebnis der jungen Bettine findet sich 
in einem Buch der Liebe überschriebenen Tage- 
buch, das den dritten Teil von Goethes Briefwech- 
sel bildet. Es ist ein ganz und gar unlacanianisches 
Stück Erinnerung oder imaginierter Selbstbegeg- 
nung, denn das Kind, das sich im Haus der Groß- 
mutter zum ersten Mal sieht, erkennt sich selbst 
als liebendes und geliebtes Ich zugleich. „Ich ha- 
be nämlich nichts anderes erlebt, als die Liebe, 
und in ihr kein anderes Ereigniß, als daß mit oder 
ohne Gegenstand mein Geist glüht.“ (II, 863) Da- 
her spricht dieses Kind, das Bettina von Arnim 
sich in ihrem „tieferen Leben“ erfindet, das Kind, 
das sie gewesen sein will, die Sprache des Begeh- 
rens, aber jetzt ohne die Angst, an den Wahnsinn 
zu grenzen. Es ist die Sprache einer „mystischen 
Philosophie der Liebe“ (II, 499), der sich die 
Schriftstellerin, die sie fortan sein wird, erinnernd 
überläßt. 

Diese Sprache entfaltet sich am schönsten im Ge- 
spräch mit der Freundin, Karoline von Günderro- 
de, die das Dilemma weiblicher Künstlerschaft 
auf eine andere Weise in sich austrägt und die am 
Ende an der herrschenden Vorstellung von Kunst 
scheitert. 

Daß Bettina von Arnim die Erfüllung ihrer so 
lange Jahre unterdrückten Wünsche gelingt, liegt 
an der unversehrten Kraft einer Erinnerung, die 
sich speist aus der Unmittelbarkeit des Vertrau- 
ens in die Günderode. Seltsamerweise erkenne 
ich erst jetzt in ihr eine Vorläuferin der italieni- 
schen Feministinnen — wir haben sie in den 80er 
Jahren nur „die Italienerinnen“ genannt — , denn 
sie hat wirklich vorgelebt, „wie weibliche Freiheit 
entsteht“.” Das kleine Mädchen, von dem sie in ih- 
ren Briefbüchern erzählt, ist ein eigensinniges Ge- 
schöpf, das sich auflehnt gegen die „Verkehrthei- 
ten“ der herrschenden Bildungsvorstellungen, ge- 
gen die abstrakten Begriffe der Philosophie und 
der Geschichtswissenschaft und das seine ganze 
Lebensanstrengung auf ein einziges Ziel richtet: 
das Ich sich zum Eigentum zu machen. Sie will 


7 Dies ist der deutsche Titel 
des Buches der Libreria delle don- 
ne di Milano, erschienen in 
Berlin, im Orlanda Frauenverlag 


1988. 


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133 


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3 Achim von Arnim und die 
ihm nahestanden, II, 62f£. 


) Wie weibliche Freiheit 
sntsteht, 137. 


0 B. v. A., Werke und Briefe, 
ırsg. v. G. Konrad/J. Müller. 
; Bde., Frechen/Köln 1959/61, 
ter:,1r,381; 


ll In: Karoline von Günderrode, 
Der Schatten eines Traunms [..], 
ırsg. v. Christa Wolf. Darmstadt/ 
Veuwied (Sammlung Luchterhand) 
1981, 193. 


12 Ebd., 88. 


nicht lernen, „die Dinge ordentlich zu betrach- 
ten, ohne sie sogleich an den Mund zu führen“ 
(IV, 17). 


Meine Seele ist eine leidenschaftliche Tänzerin, sie 
springt herum nach einer innern Tanzmusik, die 

ich nur höre und die andern nicht... Das gelob ich vor 
Dir, daß ich nicht mich will züglen lassen, ich will 

auf das Etwas vertrauen, was so jubelt in mir, denn am 
End ist's nichts anders als das Gefühl der Eigen- 
macht. (I, 63) 


Die Melancholie, über die sich die junge Bettine 
in so vielen ihrer Briefe beklagt, läßt sich mit den 
Italienerinnen verstehen als Eingeständnis einer 
Niederlage, die in ihrer Zugehörigkeit zum weib- 
lichen Geschlecht gründet. In der Tat macht sie 
die Erfahrung, daß Achim von Arnim und Cle- 
mens Brentano sie in ihrer Wunderhorn-Samm- 
lung nicht als Mitarbeiterin nennen und daß ihre 
eigenen Lieder, die sie mit ihrer schönen Altstim- 
me vorträgt, nur als spontane Improvisationen auf- 
genommen werden. Und so überläßt sie sich ihrer 
„innern Tanzmusik“, ihren wilden Andachten vor 
der Natur, klettert auf Mauern und Türme, um 
von oben auf die Welt sich stürzen zu können, im- 
mer bereit, die Welt zu verzehren, um den Hun- 
ger nach dem eigenen Ich zu stillen. 


Mit der Sonne das höchste Gebürg ersteigen, mit ihr 
auf allen Gipfeln lammend durchdringend alles berühren, 
wie ein Sturmvogel sich niederstürzen... still! still!® 


Daß Bettine an ihrem Nichtverstandenwerden 
leidet, zeigt aber, daß sie das Gefühl der Eigen- 
macht in sich lebendig erhält. Und um diese Le- 
bendigkeit zu unterstützen, sucht sie nach einem 
anderen Ich, dem sie vertrauen und dem sie sich 
anvertrauen kann. Die Italienerinnen haben ein 
solches Verhältnis Affıdamento genannt. 

Denn diese Beziehung entsteht dort, wo eine Frau 

der Welt gegenüber gleichzeitig Fremdheit und Willen 

zu siegen verspürt. Zwischen ihr und der Welt gibt 


es nichts, was diesen extremen Widerspruch aufheben 
kann - außer einer weiblichen Vermittlung.” 


Ob ich allerdings Karoline von Günderrode den 
Namen einer symbolischen Mutter, der in dem 
italienischen Manifest eine zentrale Rolle spielt, 
geben soll, weiß ich nicht recht, obwohl die Jün- 
gere von den „wunderbaren Lehren“ erzählt, mit 
denen die Günderode „die Unmündigkeit [ihres] 
Geistes genährt“ habe (II, 67). Aber es ist das Kind 
Bettine, das den Bedeutungsraum dieses bezau- 
bernden Zwiegesprächs stiftet. In der begeister- 
ten Rede des Kindes wird die Naturphilosophie 
Schellings, in die die Freundin sie einzuführen 
versucht, umphantasiert in seine große Sprache. 


Wenn ich der Natur lausche... Siehst Du, da fühl ich al- 
les, was in ihr vorgeht, ... grad, als wär ich die Natur 
selber oder vielmehr alles, was sie erzeugt... das dringt 


Christa Bürger 


mir alles mit etwas ans Herz, soll ich’s Sprache 
nennen?!" 

Zusammen mit der Freundin will sie eine „Religi- 
on stiften für die Menschheit, bei ders ihr wieder 
wohl wird... Ein bißchen Spazierenreiten in den 
Himmel“ (I, 445): ihre Schwebe-Religion. 

Aber das erinnerte Gespräch durchzieht ein ele- 
gischer Ton, denn die junge Bettine ahnt, daß die 
Freundin sich ihr entzieht, daß die Symmetrie 
der Affidamento-Beziehung gestört ist. Und die 
Schreibende, im Angedenken an den selbstge- 
wählten Tod Günderrodes, erkennt, daß sie von 
Anfang an eine Verschwindende geliebt hat, in de- 
ren Gedichten sie jetzt die Klage einer Seele und 
eine bestimmte Todesbereitschaft vernimmt. Es 
wird ihr, während sie sich an ihre helle Verschwö- 
rung mit der Günderode erinnert, bewußt, daß je- 
de Begegnung mit ihr immer schon ein Abschied 
gewesen ist, wie bei einer mystischen Bootsfahrt 
auf dem Rhein. 


Wie’s in jener himmlischen, zauberhaften Nacht war, 
auf dem Rhein, wo wir zusammen unter der blühenden 
Orangerie auf dem Verdeck saßen... ganz allein... 

und meinen Pelz warfich um Dich und saß zu Deinen 
Füßen, und der deckte mich auch noch, und wie schön 
war die Mondnacht... Da warst Du auch so stille, 

und wenn ich ein Wort sagte, dann verlor sich’s gleich 
im tiefen Schweigen... und dann kam der Wind... 

und es fielen Blüten auf Dich und mich, und da sah ich 
mich um nach Dir, hinauf zu Dir, da lächeltest Du, 
weil es zu schön war, was uns da widerfuhr... und wir 
fuhren um die stillen Inseln und kamen näher ans 
Ufer, daß die Weiden herüberhingen... da warst Du 
erschrocken aufgewacht... (I, 710) 


Es waren die Weidenbüsche, unter denen man 
sie gefunden hat, mit dem Dolch im Herzen, ein 
Handtuch voller Steine um den Hals gebunden. 

Vom Ende her versteht Bettina von Arnim aber 
auch den Mißklang in ihrem Verhältnis zu der äl- 
teren Freundin. Karoline von Günderrodes Stre- 
ben nach Anerkennung ließ ihr nicht die Freiheit 
zu einem Denken und Dichten außerhalb der herr- 
schenden Vorstellungen von Kunst und Philoso- 
phie. Es war ihr nicht gegeben, die F reundschaft 
mit der Bettine als Maßstab ihres eigenen Werts 
zu erfahren, sich an den schönen Grundsatz ihrer 
gemeinsamen Schwebe-Religion zu halten: die 
Unbedeutendheit. Clemens Brentano gegenüber 
bekennt sie sich zu ihrer Sehnsucht, „mein Leben 
in einer bleibenden Form auszusprechen, in einer 
Gestalt, die würdig sei, zu den Vortrefflichsten 
hinzutreten, sie zu grüßen und Gemeinschaft mit 
ihnen zu haben“.'! Bettine aber ahnt, daß Form 
tödlich sein kann im ganz wörtlichen Sinn.Gün- 
derrode, die sich immer weiter von ihr entfernt, 
wird in ihrem Werk verschwinden, wie sie es dich- 
tend vorweggenommen hat, unter dem Zwang, 
„was mich tödtet zu gebähren“.'” Es gelingt ihr 
nicht, sich kenntlich zu machen mit einer eigenen 


r 


Christa Bürger 


lyrischen Sprache. Clemens Brentano - in einem 
Brief, der ein Meisterwerk der Bosheit darstellt — 
wundert sich, daß sie ihre Gedichte zum Druck 
geben will. Es sei ja alles „sehr schön versifiziert“, 
nur müsse man der ganzen Sammlung vorwerfen, 
„daß sie zwischen dem Männlichen und Weibli- 
chen schwebt“.'® Dahinter steckt die Rede vom 
(weiblichen) Dilettantismus, und der bedeutet den 
Ausschluß aus der Institution Kunst.'* 

Bettina von Arnim hat mit Der Günderode, um 
noch einmal die Italienerinnen zu zitieren, ihre 
symbolische Schuld 
gegenüber der Freun- 
din abgetragen. Denn 
es mag wohl sein, daß 
sie in der Allianz mit 
einer anderen Frau, 
die größer war als sie 
selbst, die frühe Er- 
fahrungder Niederla- 
ge hat umwerten kön- 
nen in den Durch- 
bruch zum Ich. Im 
schwebenden Reich 
des Kindes Bettine 
gelten die verkehrten 
Grundsätze der Kunst 
nicht. Und Bettina von Arnim setzt sich in ihrem 
zweiten Leben hinweg über das Gesetz der Form, 
das die freien Gedanken, die nach Ausdruck 
drängenden Lebensregungen unterdrückt. „Drum 
kann ich nicht dichten. Dichten ist nicht nah ge- 
nug, es besinnt sich zu sehr auf sich selbst.“ „Wie 
hätt’ ich unsere orangenblühende Nacht, unsere 
selige Alleinigkeit verpfuschen sollen, in engher- 
zige Verse einklammern, was so weiche Zweige in 
die Luft ausstreckt.“' 

Bettina von Arnim hat sich nicht darum geküm- 
mert, ob das, was sie schrieb, sich in den Formen- 
kanon ihrer Zeit fügte. Ihre Bücher gelten von 
jeher als formlos, und auch ich bin erst nach wieder- 
holten Annäherungsversuchen dazu gekommen, die 
Formlosigkeit ihrer Prosa als notwendige Form 
zu verstehen. Wie hätte sie die temperament- und 
gemütvolle Rede der Frau Rat, der sie viele Stun- 
den und Tage gelauscht hat auf ihrem Schemel, 
aus der Erinnerung anders aufschreiben sollen, 
als indem sie die Sprechweise der alten Freundin 
übernahm, die Dialektfärbung, die Sprunghaftig- 
keit, den Verzicht auf die Glättung eines Rede- 
flusses, der von belanglosen alltäglichen Begeben- 
heiten unvermittelt in philosophische und poli- 
tische Reflexionen überging? Gerade mit dieser 
mimetischen Einstellung gegenüber der Erzähle- 
rin auf dem Sessel vor ihr wird Bettina von Ar- 
nim zur Vorläuferin des inneren Monologs, eines 
modernen Erzählverfahrens, das als solches erst 


INDEM BETTINA VON ARNIM IHREN 
BÜCHERN DIE FORM GAB, DIE 
IHRE QUELLEN HATTEN, DIE ORIGI- 
NALEN BRIEFE, VERDECKTE SIE DEN 
FORMUNGSPROZESS UND ÜBER- 
LÄSST UNS DIE WAHL, OB WIR SIE 
ALS ERFUNDENE GESCHICHTEN 
UND DIALOGE, TRÄUME, ROMANTI- 
SCHE NATURBESCHREIBUNGEN 
ODER DOKUMENTE LESEN WOLLEN. 


fast ein halbes Jahrhundert nach der Veröffent- 
lichung ihres Königsbuchs als solches erkannt 
wird. In der Entwicklungsgeschichte dieser lite- 
rarischen Technik kommt der Name Bettina von 
Arnims nicht vor, eine historische Ungerechtig- 
keit, von der nicht zufällig eine Frau betroffen 
ist. 

Mein langer Weg durch die Literaturwissen- 
schaft" ist schließlich auch einer zu Bettina von 
Arnim gewesen; denn am Ende waren ihre Brief- 
bücher für mich Romane eigener Ordnung und 
Wunschautobiogra- 
phie zugleich, Zeug- 
nisse eines Leben- 
Schreibens jenseits 
des Begehrens nach 
dem WERK. Indem 
von Arnim ihren Bü- 
chern die Form gab, 
die ihre Quellen hat- 
ten, die originalen 
Briefe, verdeckte sie 
den Formungsprozeß 
und überläßt uns die 
Wahl,obwir sieals er- 
fundene Geschichten 
und Dialoge, Träume, 
romantische Naturbeschreibungen oder Doku- 
mente lesen wollen. Immer befinden wir uns auf 
dem unbestimmten Territorium Bettine des Kin- 
des und entdecken darin die Möglichkeit einer an- 
deren Philosophie, einer Philosophie der Liebe. 


CHRISTA BÜRGER 

geb. 1935 in Frankfurt a.M. war von 1973 bis 1998 
Professorin an der Johann-Wolfgang-Goethe- 
Universität in Frankfurt a.M.. Ihre Lebensstationen 
hat sie beschrieben in „Mein Weg durch die 
Literaturwissenschaft” (Edition Suhrkamp, Frank- 
furt 2003); Ihre letzte Veröffentlichung ist als 
Insel Taschenbuch erschienen (Frankfurt 2009) 
unter dem Titel „Goethes Eros”. 


13. Ebd, 190, 


14 Zu diesem Begriff vgl. Ch. B., 
LebenSchreiben. Die Klassik, die 
Romantik und der Ort der Frauen. 
2. Aufl. Königstein/Ts. 2001, dar- 
in besonders die Vorbemerkung 
und das Kapitel „Dilettantism der 
Weiber“. 


15 Vgl. dazu Erotik des Gesprächs: 


Bettina von Arnim und die Gün- 
derode, in: 
schwinden des Subjekts/Ch. B., 
Das Denken des Lebens. Frankfurt 
2001, hier: 414. 


16 Dies ist der Titel meiner Ab- 
schiedsvorlesung, als Buch er- 
schienen in der edition suhrkamp. 
Frankfurt 2003. 


Peter Bürger, Das Ver- 


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NHUYIHD 


Ruth Schmidt 


Quesne, Kant und Signa. 


Eine Erfahrungsanalyse. 


Vivarium Studio ist eine Pariser Theatergrup- 
pe um Philippe Quesne. In ihrem Stück La Me- 
lancolie des Dragons (2008) hat eine Jungsclique 
eine Autopanne im Schnee. Eine Frau betritt den 
Schauplatz, möchte helfen. Aber auch zusammen 
kriegen sie den Wagen nicht flott und müssen war- 
ten. In dieser (erzwungenen) Muße-Situation ent- 
puppt sich das Auto mit seinem Anhänger vor den 
Augen der Frau als Wunderkasten. Er enthält die 
Bedingungen des Theaterzaubers: eine Nebelma- 
schine, Ventilatoren, Perücken, ein paar Stühle. 
Die Bühnenkünstler zaubern offen. Sie führen 
der Frau im Wind wehende Perücken vor, eine 
riesige Bauplane, die durch den Ventilator aufge- 
blasen wird oder ein Naturpanorama aus Nebel- 
maschine, Seifenblasen und Licht. Als wäre das 
kaputte, funktionslose Auto ein Katalysator, sind 
plötzlich alle Dinge aus ihrem Zweck genommen, 
sind kurzfristig überflüssig, können zu etwas an- 
derem werden. Die im Wind wehenden Perücken 
sind ein Rockkonzert, die riesige aufgeblasene 
Bauplane ist ein gestrandeter Wal, sie ist der Fel- 
sen der Loreley oder in düsterer Beleuchtung ein 
Teil von Stonehenge, je nachdem, wie die Situa- 
tion sie neu bestimmt. Die Frau zollt den Kunst- 
stücken naive Begeisterung, während die Künstler 
jene dankbar als Anlass für ihre Präsentation neh- 
men. Eine scheinbar klassische Rezeptionssituati- 
on: Die stumme Betrachterin (und Muse), die das 
Inswerksetzen der Künstler beobachtet. 


Einer der wichtigen Theoretiker eines philoso- 
phischen Geniegedankens ist Immanuel Kant. 
In seiner Kritik der Urteilskraft entfaltet er eine 
Kunsttheorie, die das Genie beschreibt als einen 
von der Natur begabten Schöpfer, der sich in Be- 
griffen keine Rechenschaft über sein Tun ablegen 
kann, sondern in einem quasi natürlich-intuiti- 
ven Schaffensprozess ein Produkt hervorbringt, 
das nur seinen eigenen Regeln gehorcht und da- 


durch Originalität besitzt. Wir kennen noch das 
„Schwangergehen mit Ideen“, den „gebärenden 
Schöpfungsakt“ als Reste eines solchen ästheti- 
schen Diskurses, der einen geburtsmäßigen Vor- 
gang in einer (»klassischen«) Männerdomäne, der 
Kunst, beschreibt. Kant denkt aber auch darüber 
nach, wie wir Kunst rezipieren, wann wir etwas 
als schön wahrnehmen. Wo er diese Frage stellt, 
wo er die Bedingungen unseres ästhetischen Ur- 
teilsvermögens bedenkt, kommt eine Wahrneh- 
mungstheorie zum Vorschein, die die Grenzen 
zwischen Welt und Kunst, zwischen Produzen- 
tIn und RezipientIn radikal in Frage stellt und 
dadurch seine ästhetische Theorie eigentlich zum 
Politikum macht. 

Wann nennen wir etwas schön? Kants Antwort 
hängt mit einem unserer Erkenntnisvermögen 
zusammen, der ästhetischen Urteilskraft. Zu ur- 
teilen bedeutet im normalen Sprachgebrauch, et- 
was als etwas anderes zu identifizieren, eine Ver- 
bindung zwischen zwei disparaten Gegenständen 
herzustellen. Am Urteil Das ist schön sieht man: 
Etwas (das) wird als etwas anderes (schön) be- 
griffen. Durch Urteile verstehen wir etwas, wir 
sortieren all die Vorkommnisse unserer Welt in 
einer für uns (oder die Gesellschaft) sinnvollen 
Weise. Urteilskraft ist ein Orientierungsvermö- 
gen und eine sinnstiftende Instanz. Nach Kant 
gibt es verschiedene Urteilsformen, von denen 
die ästhetische Urteilskraft etwas besonderes 
leistet: Sie ist produktiv. 

In einem Erfahrungsurteil ordnen wir eine empiri- 
sche Wahrnehmung einem vom Verstand bereitge- 
stellten Begriff zu. Im ästhetischen Urteil machen 
wir eine Wahrnehmung, die unmittelbar mit Ge- 
fallen verbunden ist und für die es eine Begriffslü- 
cke gibt. Wenn wir dann sagen Das ist schön, dann 
drücken wir nicht eine bestimmte Eigenschaft des 
Objekts aus, sondern unseren eigenen Gemüts- 
zustand. Der befindet sich in einer Art »freien 


Ruth Schmidt 


Assoziation«, in der Begriffe und Vorstellungen 
mit Überschuss produziert werden, ohne dass 
hinterher eine bestimmte Verbindung zwischen 
Wahrnehmung und Begriff fixiert wird. Ange- 
sichts dessen, was wir schön nennen, lösen sich die 
Denkregeln, anhand derer unser Verstand im Er- 
fahrungsurteil funktioniert; es macht uns nachden- 
ken. Kant spricht vom freien Spiel der Kräfte. Ge- 
meint sind Einbildungskraft und Verstand, die sich 
„subjektiv zweckmäßig“ verhalten, d. h., die nicht 
auf eine bestimmte Erkenntnis hin zusammenar- 
beiten, sondern nur die grundlegenden Bedingun- 
gen des Urteilsvermögens überhaupt, nämlich ihr 
harmonisches Zusammenspiel, dem Urteilenden 
bewusst machen. Denn 
in jedem Urteil, auch im 
Erfahrungsurteil, har- 
monieren Anschauungs- 
und Begriffsvermögen. 
Im ästhetischen Urteil 
erfährt das Subjekt re- 
flexiv etwas über genau 
diese eigene Konstitu- 
tion als urteilendes Wesen, darüber, wie Erfah- 
rung funktioniert; es erfährt den Prozess des Ur- 
teilens!. 

Dieser Zustand wird ausgelöst durch Gegenstän- 
de, die wir schön nennen. Wir können alle in die- 
ser freien Gemütslage sein, denn sie ist Bedin- 
gung unseres Urteilens - darin funktionieren wir 
als Menschen alle gleich; eine emanzipatorische 
Annahme, die keine Unterschiede machen kann 
und will. Und dieser Zustand ist produktiv. Was 
Kant hier entwickelt, ist auch etwas anderes als 
eine Theorie der Kunst (des Genies). Wenn wir 
die Welt betrachten, gibt uns diese Theorie keine 
Möglichkeit, zwischen „Kunst“ und „Nicht-Kunst“ 
zu unterscheiden, denn es geht um eine subjekti- 
ve? Gestimmtheit, die durch alles ausgelöst wer- 
den kann. Schön (und wir sagen heute vielleicht 
interessant oder es funktioniert...) ist das, was 
uns in diesen produktiven Zustand versetzt. Die- 
ser Zustand ist es, der etwas schön macht?, der uns 
eine bestimmte Erfahrung erlaubt, der etwas zu 
„Kunst“ macht. Es fällt die klare Unterscheidung 
zwischen KünstlerIn und RezipientIn, zwischen 
Kunst und Nicht-Kunst. Der oder die Betrach- 
tende wiederholt und bearbeitet, ist in der Wahr- 
nehmung produktiv‘. Das Verstehen, der Nach- 
vollzug ist eigenständiger Vollzug und nichts der 
Kunst Äußerliches. Die Lektüre der Welt ist ihre 
Re-Lektüre; Produktivität in der Kunst und ihre 
Reproduktion sind im ästhetischen Urteilsprozess 
miteinander vernäht. 


DURCH URTEILE SORTIEREN 
WIR DIE VORKOMMNISSE 
UNSERER WELT IN EINER FÜR 
UNS (ODER DIE GESELLSCHAFT) 
SINNVOLLEN WEISE. 


Die Melancholie der Drachen legt mir diesen 
ganzen Prozess offen: Die kontextlosen Dinge auf 
der Bühne sind Leerstellen, die durch ihre Neu- 
verwendung wieder gefüllt werden; sie verändern 
sich und bleiben zugleich dieselben. Ohne Be- 
denken sage ich zu einer Bauplane »gestrandeter 
Wal«, »Loreleyfelsen<, »Stonehenge«. Meine Wahr- 
nehmung nimmt und verwirft sich ihre Begriffe 
in freiem Spiel; ich lege den Bezug fest, be(ver-) 
urteile sie. Ich sehe der Entstehung von Bedeu- 
tung, sehe einem zusammenfügenden und ord- 
nenden Urteil zu; ich erfahre mein ästhetisches 
Das ist schön. Es ist etwas, was mir sonst nicht 
zugänglich ist, weil mein Bewusstsein immer et- 
was zu spät kommt. Es 
ist der Moment, den 
man bei einer wirkli- 
chen Erfahrung immer 
zugunsten des Erfahre- 
nen verpasst. 

Aber im nächsten Mo- 
ment schon verfallen 
meine Zuschreibun- 
gen im stetigen Wechsel. Hier liegen Komik und 
Schrecken nebeneinander. Ich lache, weil die 
Bauplane plötzlich ein gestrandeter Wal ist und 
zugleich nicht. (Ich erkenne etwas, den Wal, wie- 
der, erkenne auch, dass die Frau das auch so sieht, 
sonst würde sie sich nicht so über die Darbietung 
freuen; ihre erstaunten Ausrufe markieren mir ihr 
Wieder-Erkennen). Ich lache auch, weil es eine 
verrückte und lustvolle Angelegenheit ist, dass ich 
zwei so verschiedene Dinge wie die Bauplane (An- 
schauung) und einen gestrandeten Wal (Begriff) 
zur Deckung bringen kann. Ich kann das, weil es 
Sinn ergibt, weil ich so Sinn mache. Aber ich mer- 
ke auch, dass meine Ordnung am seidenen Faden 
hängt, willkürlich von mir verfugt, bodenlos ist. 
Das alles, die Bauplane und den Wal, zugleich 
zu sehen, den Prozess des Zusammenfügens und 
des Zerfallens zu sehen, ist mir nur möglich, weil 
die Frau dort auf der Bühne steht. Ohne sie wäre 
es an mir, der anderen Betrachterin, mich allen 
Ernstes für wehende Perücken zu entzücken, weil 
die Schausteller sonst ihre Show einpacken wür- 
den. So bin ich auch entzückt, aber von der Komik 
der Situation. Was tut die Frau dort genau, wer ist 
sie, dass sie das ermöglicht, woher nimmt sie die 
Kraft, die Welt ins Spiel zu setzen? 

Im Kunstkontext, im Theater, sind die Dinge von 
ihrer alltäglichen Umgebung abgeschnitten. Nicht 
mehr auf ihrem gewohnten Platz, aus dem tägli- 
chen Gebrauch gelöst, sind sie in ihrer Funktions- 
losigkeit aus dem Sinnzusammenhang freigesetzt. 
Sie könnten alles sein. Meistens merke ich das 


1 Daran hängt auch die subjekti- 
ve, aber allgemeine Gültigkeit, 
die ästhetische Urteile nach Kant 
beanspruchen. Ich würde weiter 
sagen: Als Erfahrung der eigenen 
Erkenntnisverfasstheit legt das 
ästhetische Urteil die Bedingungen 
allen Urteilens offen und geht 
als Suche nach „neuen Begriffen“ 
dem klassischen Erkenntnisur- 
teil voraus. Trotzdem ist nicht 
ganz klar, was das „freie Spiel 
der Kräfte“ tatsächlich sein soll. 


2 Diese Subjektivität ist nicht 
Privatmeinung, sondern fordert 
allgemeine Gültigkeit; von ihr 
hängt der Zwischenstatus des 
Urteilsvermögens als Bindeglied 
zwischen Verstand und Vernunft 
ab. Die Begründung für diese sub- 
jektive Allgemeinheit ist zent- 
ral für Kants ganzes System. 


3 Kant denkt das nicht so konst- 
ruktivistisch, wie es klingt: 

er geht von davon aus, dass eine 
Interdependenz zwischen unseren 
Erkenntnisvermögen und der Welt 

besteht, sie in einer Weise also 
so beschaffen ist, dass wir sie 
erkennen können - wenn auch nur 
unter unseren subjektiven Rück- 
sichten. 


4 Was allen verbitterten Bekämp- 
ferInnen des Copy&Paste-Wunders 
Helene Hegemann gesagt sei 


£4 xog @y2 oprsıno 


LE 


NYUYIHD 


5 Das Miterleben von de Sades 
Die 120 Tage von Sodom in Salö war 
zwar, was Kopulation, Blut und 
Exkremente angeht, nicht „echt“, 
hat aber in Kopenhagen einen 
Skandal hervorgerufen. 


nicht, denn das Theater ist ein Rahmen, ich als 
Zuschauerln bin Teil der Abmachung, dass hier 
Kunst passiert. Es gibt Tricks, mir das bewusst zu 
machen, und auf der Bühne noch eine Bühne auf- 
zubauen, ist einer davon; so kann ich den Rahmen 
nicht mehr übersehen. Im Schnee entsteht durch 
die Vorführung der Kunststücke ein solches Büh- 
nendoppel, mit der Frau ist begeistertes Publikum 
vertreten. Und ich? Bin außenvorgesetzt; schein- 
bar auch ohne mich erfüllt sich, dass jedes Thea- 
ter seinen Betrachter braucht. Ich kann nicht nur 
der Kunst, sondern auch ihren Bedingungen, dem 
Rahmen selbst, zusehen. Die so scheinbar klas- 
sische Künstler-Betrachterin-Situation verschiebt 
sich und kippt. 

Die Frau ist ehrfürchtig und in der Ernsthaftig- 
keit der Kunst befangen; die Künstler erklären ihr 
in schlechtem Englisch, dass sie aus den Grund- 
gegebenheiten etwas hervorbringen (Look, Iwork 
with the elements, with water and air!); sie neh- 
men sich wörtlich als (göttliche) Schöpfer sehr 
ernst. Aber weil die Frau als Betrachterin mit auf 
der Bühne steht, bleibt es nicht dabei. Ihre Anwe- 
senheit (die meine Anwesenheit als Betrachterin 
vertritt) macht die Rezeptionssituation selbst zum 
zentralen Moment der Performance; Künstler und 
Betrachterin kommen zusammen als Kunst in den 
Blick. Das verändert auch die Künstlertruppe, die 
in meinem, über die Frau reflektierten Blick, nicht 
mehr als bewunderte Schöpfer, sondern eher als 
spielende Kinder auftreten, die ihren Teil ebenso 
beitragen wie die Rezipientin. Die reflexive Struk- 
tur der doppelten Rahmung stellt die Frage: Wer 
ist hier KünstlerIn? Wer ist nın wer? 

Es ist die Grundfrage des komischen oder gro- 
tesken Schauspiels. Durch die Artifizialität der 
Figuren wird die Einheit des Handelns, werden 
soziale Rollen hinterfragt. Im komischen Ver- 
wechslungsspiel wird der 


Ruth Schmidt 


zugleich) ist, dass es hier für niemanden den „rich- 
tigen“ Platz gibt — genauso wie die Bauplane so- 
wohl der Wal ist wie auch Stonehenge und zugleich 
keins von beidem. Es ist die Betrachterin auf der 
Bühne, die mir diese Reflexion erlaubt und fragt: 
Wer ist wer? Die Komik liegt im Durchscheinend- 
Machen der Verhältnisse. In der Melancholie der 
Drachen wird mir mein eigener Blick und eine 
Wahrnehmungssituation durchsichtig, in der nicht 
mehr klar ist, wer KünstlerIn ist. Die Erfahrung 
der produktiven Sinnstiftung lässt diese Grenzen 
verschwimmen. 


Unter einer Erfahrung stellt man sich oft etwas 
Direktes, Unmittelbares vor, dem man sich nicht 
entziehen kann, das ohne Distanz über einen he- 
reinbricht. Die Performances von Signa, einem 
dänischen Installations- und Performanceduo, 
werden so beschrieben. Signa erschaffen hyper- 
realistische, detailreich ausgearbeitete Räume, in 
denen über Stunden, manchmal über Tage oder 
Wochen eine Parallelwelt produziert wird. In der 
leben und spielen nicht nur die PerformerInnen, 
sondern auch die BesucherInnen werden in die In- 
stallation ungewöhnlich radikal eingebunden. Mit 
Betreten einer solchen Live-Installation kriegt je- 
deR eine Rolle zugeteilt. Manchmal aggressiv wie 
in Night at the Hospital, wo die Besucher Patien- 
tinnen eines Krankenhauses waren und ihre Klei- 
dung gegen Kittelchen vertauschen mussten mit 
der Verpflichtung, mindestens eine Nacht zu blei- 
ben; manchmal untergründiger wie in Der Welt 
abhanden kommen, wo das Publikum sich den Ort 
und die eigene Rolle darin erst erkunden musste 
- allerdings um überhaupt wieder hinaus zu dür- 
fen. Die strikte Weisung an die vielen Mit-Perfor- 
mer, unter keinen Umständen aus der Rolle, aus 
der Welt zu schlüpfen, lässt für die BesucherlIn- 

nen eine fiktionale, geschlos- 


wir gi den a ne EIN TISCH IST EIN he re sie 
en, die Prinzessin betritt die sich nicht entziehen können. 
Bühne, wenn der Prinz er- TISCH UND EINE FRAU Ich bin sofort mitten drin, ab- 
wartet wird — schon hat sie IST EINE FRAU. solut distanzlos und jede mei- 


seinen Platz eingenommen. 

Dass etwas zu etwas anderem wird, indem es ei- 
nen fremden Platz einnimmt, an anderem Ort auf- 
taucht, hat hier wörtliche Wirkung. In der klas- 
sischen Tragödie führt eine Verwechslung zum 
tragischen Tod, in der Komödie ist sie die Lust 
an der ständigen Verschiebung, in der Groteske 
beides zugleich. Verwechslung und daraus re- 
sultierende Neuzuordnung, die in der nächsten 
Verwechslung wieder in Frage gestellt ist, sind 
lustvoll, weil die RezipientInnen die Eingeweih- 
ten sind, die den Reigen der Zuschreibungen als 
solchen erkennen. Komisch (und erschreckend 


ner Handlungen wird in die 
Fiktion eingebunden. Wie in einem Computer- 
spiel bleibt mir eine gewisse Wahlfreiheit, aber in- 
nerhalb eines strikten Systems, das keine Brüche 
duldet und oft durch enorme Körperlichkeit und 
Gewalt besticht: alles ist echt, damit das Publi- 
kum „wirkliche“ Erfahrungen machen kann. Und 
die scheinen um so realer zu sein, desto schockie- 
render und brutaler sie sind?. 
Wo mir bei Quesnes Melancholie der Drachen die 
doppelte Betrachterinsituation eine reflexive Dis- 
tanz geschaffen hat, bin ich bei Signa nicht mal in 
einer »normalen« Rezeptionsrolle, sondern unmit- 


Ruth Schmidt 


telbar Teil. Das Nicht- DIE SCHEINBAR SO werde, wo ich mein ei- 
aus-der-Rolle-Fallen UNMITTELBARE ERFAHRUNG genes Urteilen erfahren 
(-Können/-Dürfen) ist kann (und die doppelte 
das Gegenteil der dupli- IST NUR EIN INTENSIVES Rezeptionssituation ist 
zierten Rahmung. Was ERLEBNIS, DAS SCHON die Bedingung dafür), 
ist das für eine wirkli- GEMACHTE ERFAHRUNGEN dass erst dort, wo ich 
che Erfahrung, die ich BESTÄTIGT. meinem eigenem Sinn- 


bei Signa (angeblich) 
mache? 

Das abgeschlossene, fiktionale System, die mög- 
lichst authentische Illusion, in der ich mich befin- 
de, erlaubt keinen reflexiven Blick auf mich, meine 
Position oder die anderen; ein Außen gibt es nicht. 
Diese absolute Bruchlosigkeit verbietet mit jeder 
Distanz(-ierung) auch jede Komik, die immer ein 
Heraustreten und Von-außen-Sehen bedeutet. 
Der Prozess der ständigen Bedeutungsverschie- 
bung und Neuzuschreibung, der bei Vivarium 
Studio so beeindruckt, kann in Signas Welt nicht 
stattfinden: Ein Tisch ist ein Tisch und eine Frau 
ist eine Frau. Die Zeichen sind fixiert, weil sonst 
der Sog in die Unmittelbarkeit nicht funktioniert; 
weil sich sonst automatisch eine Distanz auftun 
und eine Reflexion auf den Betrachter und da- 
mit auf die Fiktionalität selbst stattfinden würde. 
Wo Ödipus um sein Dasein auf einer Bühne weiß, 
ist die Tragik gebrochen; wo bei Signa jemand 
aus seinem Charakter fällt, ist die schockierende 
Echtheit in Gefahr - und dann würde ich plötzlich 
nur noch die Erfahrung des Als-ob, eines Theater- 
abends machen. 

Mit Kant und Quesne kann man sehen, dass erst 
dort, wo ich in der Wahrnehmung produktiv 


gebungsprozess beiwoh- 
nen kann, dass ich erst 
dort tatsächlich eine eigene Erfahrung mache. 
Weil bei Signa ein Tisch ein Tisch ist und bleibt 
und mir ein Blick von außen verboten wird, erle- 
be ich immer nur etwas, was schon vor mir da ist: 
Eine Frau ist eine Frau. Die scheinbar so unmit- 
telbare Erfahrung ist nur ein intensives Erlebnis, 
das schon gemachte Erfahrungen bestätigt. Mei- 
ne Produktivität ist außer Kraft gesetzt, mir bleibt 
nichts als Affirmation (auch wenn mir das in dem 
Moment wahrscheinlich nicht klar ist). Ich erlebe 
eine Welt, in der alles unverrückbar sich zu einem 
materialistischen Beziehungsgeflecht, zu einem 
hierarchischen Spiel aus Macht und Ohnmacht, 
zusammenzieht. Es wird keine Kommunikation 
über diese Welt mit mir geführt. So klassisch und 
konventionell La Melancolie des Dragons auf den 
ersten Blick gegen die Erlebniswelten von Signa 
aussehen mag, erlaubt es mir doch einen ganz an- 
deren, überraschenden Blick auf die Dinge. 


RUTH SCHMIDT 
studiert Angewandte Theaterwissenschaft in 


Gießen. 


JUNGLE-WORLD.COM 


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6£ 


NYUYIHO 


Virginia Spuhr 


VON DER SCHWIERIGKEIT 
DER FREIEN ENTSCHEIDUNG 


Die erste Frage lautet wohl: Wie kam es dazu? Auch wenn ich die Frage hier fehl 
am Platz finde, weil die Motivationen dafür — moralischer Zeigefinger und detek- 
tivische Neugier — mir nicht angebracht zu sein scheinen, will ich sie beantworten: 
Ich weiß es nicht mehr. Als ich noch ein paar Jahre jünger war und das Moralische 
mir darum wichtiger, war ich überzeugt davon, alles richtig gemacht und einfach 
Pech mit der Verhütung gehabt zu haben. Heute weiß ich nicht mehr, ob man 
eigentlich alles richtig machen kann. Wie überhaupt die meiste Zeit in meinem Le- 
ben sich in einer seltsam verwischten Erinnerung verwirrt, so ist es auch mit dies- 
er Zeit bis zu dem Tag, an dem ich den Test machte. Die darauffolgenden Wochen 
haben sich leider bei mir festgebissen. 


Sonntags machte ich den Schwangerschaftstest. Ich hatte ihn tags zuvor geholt und 
auf den Morgenurin gewartet. Ich war alleine auf dem Klo. Dann zeigte ich die 
zwei berühmten Striche meinem Freund. Er meinte nur: Der Test irrt sich sicher, 
und drehte sich fortan um sich selbst. Ich hingegen konnte keine zwei Sätze 
geradeaus denken. Das Wochenende war fast vorbei, und so begann der Alltag un- 
serer Fernbeziehung wieder: Er fuhr weg. Es war früher Abend. Bitte bring’ mich 
noch zur Straßenbahn, ich muss jetzt los — schau’ erst mal, was die Ärztin sagt, 
und wein’ bitte nicht mehr. 


Es begab sich also, dass ich am Montag um zehn Uhr ohne ihn zur Frauenärztin 
ging, Ich hatte ihren Namen im Internet gefunden und sie arbeitete um die Ecke 
von der WG, in der ich seit zwei Monaten wohnte. Meine erste WG mit zwei lie- 
ben, jungen Studentinnen. Die Ärztin war weniger lieb, mehr eine richtige Ost- 
ärztin. Nicht die ernste Mama, die ich gewohnt war von zuhause, sondern so eine 
richtig trockene Medizinerin. Hier sehen Sie das Ultraschallbild auf dem PC und 
das weiße Pünktchen ist es: der Embryo. Okay, sie war nur unsensibel, nicht fies, 
aber ich zwanzig und neu in der Stadt und ungewollt schwanger. Und der Stempel 
klebte auf meiner Stirn oder meinem Bauch, alle sahen ihn, sahen durch meinen 
Wollmantel und meine zwei Pullis — es war einer dieser sibirischen Kälteschübe, 
wie ich später lernte — durch meine Haut und meine Gebärmutterwand auf dieses 
Zellhäuflein. Brrr. 


Ich hörte auf zu rauchen und trank alkoholfreies Becks, genau ein Mal und dann 
nie wieder — richtiges Bier würde ich vermissen — und zugleich rief ich die gesetzli- 
chen Beratungsstellen an. Alle überfüllt. So ein Kind, das wäre doch nix Schlimmes, 
andere Menschen haben auch Kinder, dachte ich manchmal. Das klang verdächtig 
nach einer schlimmen Krankheit. Das Kind. Die evangelische Beratung hatte als 
einzige einen Termin zehn Tage später. In der Zwischenzeit saß ich in meinem Zu- 
hause mit Erker und Kohleofen, hübsch und kalt, und ließ mich von Hörbüchern 
ablenken. Ich war, glaube ich, viel alleine in meinem Zimmer in der Zeit. Meinen 
zwei, drei neuen Freunden, gerade ein paar Wochen in meinem Leben, erzählte 
ich nichts davon, ging nicht ans Telefon. Worüber sollte ich auch mit ihnen reden? 


Da ist ein schlimmes Detail aus diesen Tagen: das Wartezimmer. Bei der Ärztin, 
sowie bei der Beratung; Prospekte mit dicken Bäuchen, Kinderzeichnungen an der 
Wand, Schwangere oder Frauen mit Kleinkindern sitzen strahlend herum. Und 
morgens aufwachen: Verschlafen liegt manchmal meine Hand auf meinem Bauch, 
und das Gefühl ist warm und irgendwie aufregend und nett. Zumindest, bis ich 
richtig wach werde. 


£4 xog ©y4 eprsıng 


14 


NYAUYydY9 


Virginia Spuhr 


Der Besuch bei der Krankenkasse folgte noch, wo ich an der Information sagen 
sollte, warum ich da war. Was haben Sie gesagt, ich habe Sie nicht verstanden? 
Dort wenigstens keine Babyprospekte, aber dafür eine Reihe Leute, die mich an- 
glotzen. Ah, sie will abtreiben. Diesmal Freude über den Osten: Zumindest keine 
Moralisten, kein Kopfschütteln. 

Als er am Ende der zweiten Woche wieder zu mir kam, waren wir viel unter- 
schiedlicher als zuvor. Er hatte sich eine Woche frei genommen von seinem Neben- 
job, um mich zu begleiten. Und auf mich eingeredet, ich solle meiner Familie nichts 
davon sagen, es sei nur zwischen uns wichtig. Er wollte es gerne behalten. Natür- 
lich wollte er es gerne so, was hatte er zu verlieren? 


Ich weiß, ich soll hier von meiner Abtreibung erzählen, nicht von meiner Bezie- 
hung, aber das ist so verwoben, alles. Jahre später sagte eine Bekannte mir, sie 
habe sich für ihr Kind entschieden, weil die Entscheidung dagegen auch eine ge- 
gen eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Freund gewesen wäre. Nichts von dem, 
was ich hier erzähle, soll allgemeingültig sein. Ich freue mich für jede Frau, die es 
auf die weniger schwere Schulter nehmen kann, aber für mich war es nicht leicht. 


Er war ein paar Jahre älter als ich, bald sollte sein Studium zu Ende sein. Wir 
sprachen mit der Elternberatung vom Studentenwerk, die zwar von vielen Unter- 
stützungsvarianten erzählen konnte, aber doch meinte, alles sei heillos überfüllt 
und durchaus keine frühe Ganztagsbetreuung möglich. Und als wir so zusammen- 
saßen in einem Cafe, das familienfreundlich war und leicht esoterisch (auf der an- 
deren Straßenseite das leicht punkige Kneipending mit Aschenbechern auf allen 
Tischen, das ich in den Wochen zuvor frequentiert hatte), und uns ausmalten, wie 
es wäre mit Kind, entstand dieses Bild: 


Wir würden zusammenziehen in die kleine Stadt, aus der ich eben weggezogen 
war, ich mein eben begonnenes Studium auf Eis legen oder abbrechen und er seins 
schneller beenden. Dann ginge er arbeiten, und ich könnte perspektivisch in ein, 
zwei Jahren wieder mehr an mich denken - mit der Hilfe meiner Familie, natür- 
lich. Irgendwas dämmerte mir, als ich in mich versunken und mit einer leichten 
Übelkeit im Magen neben ihm herlief. Zum Glück dämmerte es mir! 


Das zweite Mal bei der Ärztin, fragte sie mich noch mal, wann ich meine Tage zu- 
letzt gehabt hätte. Ich log, Ich hatte inzwischen nachgelesen und verstanden: Für die 
Abtreibungspille hat man 49 Tage Zeit in Deutschland (in Frankreich und England 
weitaus länger), gerechnet ab dem ersten Tag der letzten Regelblutung. Das waren 
also drei Wochen vor meinem Eisprung, das wiederum war zwei Wochen vor dem 
Test gewesen, das wiederum nun 14 Tage her... genau sieben Wochen. Den Termin 
um drei Tage verschieben, und ich hätte noch Zeit, zur Klinik zu gehen! Aber all das 
mit mir selbst ausmachen. Sie gab mir das Bild und notierte sich das Datum. 


Die Klinik war so ein Ding für sich, steril sowieso, aber dazu noch eine Beauty- 
Klinik. Ich wurde aufgerufen. Diese Pille schlucken Sie bitte jetzt mit einem 
Becher Wasser und dann müssen wir eine Stunde auf Sie aufpassen, damit Sie 
nicht erbrechen. Was, wo Sie die nehmen können? Na ja, im Wartezimmer, wir 
haben keine Räume dafür. Er war bei mir, eigentlich wollte er ja jede Entschei- 
dung mittragen. Aber als ich die Pille nahm, direkt neben dem Tresen der Sprech- 
stundenhilfe, rannte er raus, schlug die Tür zu. Ich konnte ihm nicht hinterher. 
Und das Wartezimmer starrte mich an. 


Eine Stunde später fand ich ihn am Eingang der Klinik sitzend, weinend. Es war 
sehr kalt, immer noch, und ich hatte einen Termin mit meiner Übungsgruppe für 


Jirginia Spuhr 


lie Uni. Ich hatte tatsächlich nicht geweint, seit er mich darum gebeten hatte, und 
konnte ihn darum prima trösten. Später saß ich in der Rauchermensa bei einem 
Treffen mit meiner Lerngruppe, die Gerüche stiegen mir zu Kopf, ich weiß nicht, 
9b wegen der Schwangerschaft oder wegen der Tablette. Einer meiner neuen 
Freunde war dabei. Er sah mich an und fragte, was los sei. Er habe mich oft an- 
serufen. Und ich sei so bleich. 


Am nächsten Tag schon begann meine Blutung, wenn auch schwach. Und tags da- 
rauf ging ich wieder zur Klinik, die zweite Tablette nehmen, die die Krämpfe aus- 
löst. Die Ärztin freute sich, dass mein Körper von selbst die Blutung begonnen 
hatte, wollte mir aber keine Schmerzmittel verschreiben. Es tut eben immer ein 
bisschen weh, aber dann wissen wir wenigstens, dass der Körper intakt ist. Ich 
war leider nicht in meiner stärksten Verfassung, sonst hätte ich ihr sicherlich etwas 
sntgegnet. Na ja. 


Er wollte mich abholen kommen nach den drei, vier Stunden, die ich in der Klinik 
bleiben sollte, aber wegen Platzmangels wurde ich früher aus dem Dreibettzim- 
mer für Abtreibungsfälle ausgewiesen. Die Blutung hatte nun richtig angefangen 
ınd ich war von der Warterei, den Schmerzen und der Kälte völlig gaga. 


Die duftenden Wurststände — wie viel Wurst kann eine Stadt eigentlich essen? — 
setzten mir jetzt zu, mir war übel. Und dann setzte ich mich einfach in die nächste 
Kirche. Dort war es einigermaßen warm, ruhig, geruchsneutral, und niemand 
störte eine, die alleine rumsaß. Das war ziemlich ideal und auch seltsam. Eine 
Stunde später kam er mich abholen, und den Rest des Tages verbrachte ich zu- 
hause mit Schmerzen und Tabletten von einer Apothekerin, die mir etwas Rezept- 
pflichtiges mitgegeben hatte, einfach so. 


Was soll ich sagen? Über die Blutung könnte ich noch reden. Aber ich glaube, das 
will ich noch mit niemandem teilen. Auf dem Klo rief ich dann doch meine Mutter 
ın. Sie weinte sehr. Sie meinte etwas feindselig, in so einer Situation brauche eine 
Tochter ihre Mutter, keinen nutzlosen Mann. Am nächsten Tag schickte ich ihn 
heim, und sie kam mich endlich besuchen. 


Die Monate nach der Abtreibung waren bestimmt die intensivsten, die ich bis zu 
diesem Zeitpunkt erlebt hatte. Ich fühlte mich so jung, wollte nur mein Leben ge- 
nießen und alles tun, was junge Leute so tun, nur manchmal brach dann doch alles 
iber mir ein. Aber meine neuen Freunde waren da und toll, und ich hatte so viele 
neue Ideen: Irgendwie war mir meine Freiheit bewusster. 


Nachtrag 1: 

In den Tagen, in denen ich alleine war und in denen ich mit niemand darüber 
sprach, dachte ich irgendwann: So viele Frauen haben vor dir in dieser Situation 
sesteckt, sogar zumeist unter so viel schlechteren Bedingungen. Die sind jetzt bei 
lir. Das war zwar ein wenig verrückt, half aber. 


Nachtrag 2: 

Heute bin ich wieder bei derselben Frauenärztin. Ich hab’ ihr gesagt, dass ich das 
Ultraschallbild damals lieber nicht gesehen hätte und verunsichert war von ihr, 
ınd sie nahm das gut auf. Nur die blöde Ärztin aus der Klinik macht mich immer 
noch wütend. 


VIRGINIA SPUHR 
ebt in Leipzig und ist Teil der outside the box Redaktion. 


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NIAYIHD 


Ein Gespräch entstehen lassen 


U 
SOLIDARISCHES 
UMFELD 


Natalie: Für mich war immer klar, dass sich meine soziale Sicherheit 
nicht darüber definiert, dass ich eine Paarbeziehung habe oder ein Kind. 
Sicherheit gibt mir vor allem mein restliches soziales Umfeld, Freunde, 
mit denen ich reden kann und die für mich da sind. Meine Eltern sind total 
selbstverständlich davon ausgegangen, dass mein Freund und mein Sohn 
meine neue Familie sind - und ich dachte immer: nein, das ist nicht meine 
Familie, das ist ein Teil meiner großen Familie. Sehr verwundert hat 

mich dann, dass sich nach der Geburt von Frederik auch Freunde zurückge- 
zogen haben, mit genau dieser Begründung, dass ich ja jetzt eine neue 
Familie hätte. Ich wollte das ja überhaupt nicht so, hätte denen gern gesagt: 
ihr seid meine Sicherheit, nicht das Kind! Es hat sich im Laufe der Jahre 
ein bisschen relativiert, die Leute haben gemerkt, dass ich immer noch da 
bin als Freundin und dass mir das sehr wichtig ist, aber gerade am Anfang 
war das ein ganz schwieriger Punkt für mich und hat mich total traurig ge- 
macht. Weil ich nicht die Kraft hatte, nach außen zu gehen, präsent zu 
sein und vielleicht auch Aufmerksamkeit einzufordern. Das Baby hat mich am 
Anfang einfach sehr eingenommen, klar. Und gerade da hätte ich es 
gebraucht, dass Leute auf mich zukommen - und sich eben nicht abwenden, 
weil sie unterstellen, ich bräuchte auf einmal nur noch Kleinfamilie 

und keine Freunde mehr. 


uth: Da ist sie wieder, die Eindeutigkeit. Die Mutter, die will jetzt 
ieber ein kuscheliges Nest, lieber alleine sein mit Mann und Kind. 
lso ich kenne das auch, zum Beispiel auch nicht mehr gefragt zu werden, 
b ich mitkommen will, wenn irgendwelche Veranstaltungen, Partys, 
onzerte oder so sind. Und die Leute meinen das ja noch nicht mal böse - 
ie glauben einfach, das entspräche meinen Bedürfnissen oder zumin- 
est meiner Situation als Mutter, die eben bedeutet: man kann abends 
icht mehr weggehen. 


Lotte: Ja, sowohl das soziale Umfeld als auch man selbst hat solche Bilder 
im Kopf, die ungemein mächtig sind und nur durch Thematisieren und Kom- 
munizieren aufgedeckt und verändert werden können. Man darf nicht vergessen, 
dass die Geburt eines Kindes immer noch einen krassen Bruch darstellt. 
Nach der Geburt geht es ja erst mal um die Vereinbarkeit von dem Leben, 
das du vorher hattest - deine Identität, deinen Interessen und Vorlieben - 
mit den Bedürfnissen eines von dir abhängigen Kindes. Und am Anfang ist 
dieser Bruch besonders krass spürbar, da so ein Neugeborenes sehr viel 
braucht und fordert. Besonders wenn man dem Rat folgt, das Kind nach Bedarf 
zu stillen und am besten auch sonst in allem den Signalen des Kindes zu 
folgen, also nur noch zu reagieren. Dann bist du mit deinen Interessen und 
Bedürfnissen erst mal weg. Und wenn dann die Leute von außen merken, 

sie kommen da nicht ran, sie fühlen sich von dieser neuen Zwei- oder Drei- 
samkeit ausgeschlossen, und sich daraufhin zurückziehen - dann kann man 
sich plötzlich sehr allein gelassen fühlen. 


aike: Noch mal zu dem solidarischen Umfeld. Mein eigener Versuch, 

ei einem Baby von Freunden als dritte Bezugsperson einzusteigen, 

st leider gescheitert. Im Nachhinein glaube ich, dass das nicht 
uletzt daran lag, dass ich das Gefühl hatte, ich werde nicht gebraucht. 


Ein Gespräch entstehen lassen 


Die Eltern sind die Experten, sind im Gegensatz zu mir rund um die 

Uhr da und wissen eh alles besser als ich. Mein Eindruck war immer: 
die schaffen das, auch ohne Unterstützung von außen. Wenn ich vorbei- 
komme, kann ich zwar dilettantisch mal die Windeln wechseln und dem 
Baby ein Schlaflied singen, und das ist auch nett - aber irgendwie 
nicht notwendig. Ich hätte sozusagen ein Bedürfnis der Eltern gebraucht, 
das mir signalisiert: es ist wichtig, dass du da bist. Ohne das war 


meine eigene Motivation nicht stark genug. 


Lotte: Ich denke, gerade an diesem Beispiel wird deutlich, wie tief diese 
Vorstellung sitzt: Sobald ein Kind auftaucht, bilden die Eltern und das 
Kind eine geschlossene Einheit. Das wird einfach um einen herum überall 
gelebt und sich dann dagegen zu wenden, bedeutet einen krassen Akt der 
Auseinandersetzung, gedanklich und auch praktisch. Als Eltern hat man dann 
vielleicht im Kopf: wir haben uns für das Kind entschieden, also sind wir 
jetzt auch dafür verantwortlich und müssen das alleine hinkriegen. Ich ken- 
ne das von mir selbst auch - wie schwer es ist, Hilfe aus dem sozialen 
Umfeld einzufordern. Lieber versuch ich erstmal, alles selber hinzukriegen, 
als andere zu fragen, die es doch im Kampf mit dieser Scheißgesellschaft 
selbst schon schwer genug haben. Dann kommt noch hinzu, dass das Baby auf 
die dritte Person anders reagiert und möglicherweise mehr weint und 
schreit, und das dann auszuhalten und zu sagen: uns ist es aber wichtig, 
dass eine dritte Person dazukommt, auch wenn nicht gleich alles klappt, 
ist echt nicht so einfach. 


Maike: Wir hatten dieses Experiment ja auch deswegen gestartet, 

weil wir eben keine Lust hatten, auf diese traditionellen Strukturen, 
keine Lust, diese Trennung zu vollziehen zwischen den Eltern auf der 
einen Seite, und auf der andren Seite den Freunden, die Party machen. 
Unser Fehler war vielleicht, dass uns nicht klar war, dass dieses 
Ausbrechen aus den gegebenen Strukturen dann doch viel komplizierter 
ist. Das es nicht reicht, bloß theoretisch entschieden zu haben, 

dass man das nicht will, sondern dass man daran arbeiten muss auf eine 
Art, immer wieder reden und gucken, wo man doch wieder in irgendwelche 
Muster zurückfällt oder wo äußere Zwänge und Notwendigkeiten es viel- 
leicht auch nicht erlauben, jetzt alles ganz anders zu machen. 


Ruth: Ich hätte mir an vielen Stellen auch einfach mehr Auseinanderset- 
zung, mehr Gespräche darüber gewünscht. Ich war nach der Geburt nur 

drei Monate zuhause und hab dann mein Studium fortgesetzt, mich um meine 
Karriere gekümmert. Mein Partner war zuhause und die Hauptbezugsperson 
für das Kind - und ich war darüber nicht nur glücklich und hab gedacht: 
„Yeah, Rollenmuster aufgebrochen!“ Ich habe, im Gegenteil, extrem an 

mir gezweifelt, extrem an dieser Mutterliebe gezweifelt, die da doch ei- 
gentlich ganz natürlich und eindeutig da sein und mich rund um die Uhr 
nach meinem Kind verlangen lassen sollte. Auch wenn ich sehr viel lieber 
in die Bibliothek gegangen bin, denn dort konnte ich Zigaretten rauchen, 
Kaffee trinken und hab Freunde gesehen. Ich konnte raus gehen, konnte bei 
mir sein und hatte ein Gefühl von Autonomie. Ich konnte das Kind stun- 
denweise mal vergessen und fand das geil. Aber ich fand es eben nicht nur 
geil, weil diese Normalitätsvorstellungen so tief verankert sind. 

Wir haben das alle gefressen. Und so habe ich mich, obwohl das alles wohl- 
überlegte Entscheidungen waren, die mein Partner und ich gemeinsam 
getroffen hatten, oft gefragt, ob mit mir was nicht stimmt. Es hat mir 
gefehlt, dass jemand gekommen ist, der gesagt hat: ja klar, wenn du 

das so willst, wenn das für euch passt, ist doch super. Es reicht ja nicht, 
die Struktur für sich persönlich zu ändern - es braucht auch eine 
Auseinandersetzung darüber im sozialen Umfeld, in der Öffentlichkeit. 


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Conrad Jackisch 


GEBÄREN LASSEN 


Eigentlich hat sich mit der Geburt meiner Tochter alles verändert. Und so wun- 
derbar jeder Tag mit ihr auch ist, kann ich mir nicht vorstellen, mich jemals be- 
wusst und planend für ein Kind entscheiden zu können - das ist einfach eine Num- 
mer zu groß. Ich möchte ein paar Aspekte aus meiner erlebten Vaterperspektive 
aufzeigen, die ich gerade erst zu sortieren beginne. 

In einem politischen Wohnprojekt mit anderen Kindern lebe ich schon jenseits 
kleinfamiliärer Situationen. Promotion, Projekte und Politkram liefen die letzten 
1 1/2 Jahre eher auf Sparflamme. 


Dimension 1 * Die Gesellschaft und ich 


Die „frohe Kunde“ von der anstehenden Geburt hat eine Welle von Wohlwollen, 
Unterstützung und Nähe in der Familie ausgelöst. Ich kann mich an niemanden 
erinnern, der_die nicht positiv reagiert hat. Einerseits vielleicht weil es mein erstes 
Kind ist? Anderseits vielleicht weil alles doch auch „so schön passt“? Hat das 
Konzept „Kleinfamilie“ jetzt auch was mit mir zu tun? Geht es am Ende doch ums 
Mitspielen in den Normativen? Gibt es in einer Mutter-Vater-Kind Konstellation 
daraus einen Ausweg? Wenn ja, wohin führt der? 

REALE VERBINDLICH- 1 den Monaten vor und nach der Geburt ging es natürlich viel darum, was 
KEITEN UND DER _ von mir erwartet wird und was ich von mir erwarte. „Ich habe jetzt eine Fami- 
SOG GESELLSCHAFT- lie zu ernähren.“ Alle Welt schien plötzlich nur noch übers Kinderkriegen zu 
LICH VORGEGEBENER reden und das Teilnehmen am Geburtsvorbereitungskurs ist genauso selbst- 
ROLLEN SIND verständlich wie das Funküpteren u der ArbeitKarsere. Be Yu 
= also doch vorausgesetzt, dass die Ernährerfunktion von mir ausgefüllt wird 

GROSSER GEWORDEN. und dass meine Freundin den ganzen Reproduktionskram schmeißen muss. 
Und das geht so weiter: „Wo ist denn die Mutti?“ zeigt immer wieder auf, was 
Phase ist. Der Vater ist schon der Held, wenn er mal mit dem Kind in den Zoo 
oder auf den Spielplatz geht - von der Mutter wird alle Aufopferung für das Kind 
selbstverständlich vorausgesetzt. Für mich ist es schon ein bisschen schizophren, 
dass mit großer Bewunderung gesehen wird, wenn ich manchmal die „Mutti“ bin. 
Im nächsten Moment steht das Funktionieren in Arbeit/Karriere aber auch nicht 

in Frage. 


Dimension 2 * Ich mit mir 


Krass, ich kriege ein Kind. Eine unendliche Flut an Vorstellungen, Ängsten, Unsi- 
cherheiten, Träumen wird ausgelöst. Das neue Hobby mit Arztbesuchen, Kurs, 
Hebamme gibt etwas Halt. Irgendwann kann ich mich ein bisschen in den dicken 
Bauch meiner Freundin hineinversetzen. Eher Kopfsache? Ich muss mich 
schließlich meinen Ansprüchen und den gesellschaftlichen Reflektionen stellen, 
habe aber körperlich nichts auszuhalten. 

Die Geburt - über dutzende Stunden hinweg aufmerksam sein für meine Freun- 
din, ihr die Sache zu erleichtern wo es nur geht, sie vor allem auch emotional stark 
zu unterstützen. Und irgendwann ist es einfach wunderbarerweise da — fast wie 
eine Heilung von einer Krankheit. 

Ab dann war dann doch alles ganz anders als erwartet und vorbereitet. Und es ist 
keine Kopfsache mehr. Alles will neu bewertet werden. Es geht mir meistens nicht 
mehr um mich, sondern um »uns«. Sich darin zumindest ein Stück weit selbst zu 
verlieren ist keine Schwierigkeit. 


Conrad Jackisch 


So findet ein Gerangel um das „alte Leben“, die „neuen Aufgaben“ und die neue 
Situation statt. Manches erledigt sich von allein, weil ich einfach nicht mehr dazu 
komme. Anderes drängelt so sehr, dass es dann unter großen Mühen doch irgend- 
wie gemacht wird. Wenn ich dieses Gerangel mit genug Gelassenheit hinnehmen 
kann, geht’s mir gut. Aber die Unzufriedenheit mit mir selbst, wenn ich die vielen 
Dinge, die mir wichtig sind, nicht mehr hinkriege, schleicht sich oft ein. 


Dimension 3 * Unsere Beziehung und das Kind ICHKANN MIR NICHT 


MEHR VORSTELLEN, 
Mit der Schwangerschaft begann ein pubertäres Wechselspiel von Launen und JE OHNE DIE KLEINE 


Gefühlen. Zu zweit schaukeln wir uns da gut hinein. Seit der Geburt nimmt in 

der Beziehung die Begegnung im Organisations-Hyperspace zu. Sobald ein EXISTIERT ZU HABEN. 
sroßer Teil der Kinderbetreuung alleinig bei einer Person liegt, kratzt die Un- 
zufriedenheit mit sich selbst schnell an einer Depression. Erstaunlich euphorisch 
ist es dagegen, wenn die Kleine jeden Tag Neues lernt und ich trotzdem meine Sa- 
chen schaffe — weil andere die Betreuung tragen. 

Wie sieht es eigentlich mit unseren Rollen aus? Sind wir eine amouröse Bezie- 


hung? Mama/Papa? Alleinerziehend? g 
Reale Verbindlichkeiten und der Sog gesellschaftlich vorgegebener Rollen sind E 
srößer geworden. In dieser Situation ist das sich aus dem Weg gehen nicht einfach. r 
Ein großer Teil Leichtigkeit weicht krampfigen Versuchen, nicht zu kurz zu kom- E 
men. Einfach mal weggehen bedarf schon einiger Absprachen und Planung. Ge- & 
meinsam mal zu 'ner Party? Fast aussichtslos. Das ist keine lockere Situation für er 
»ine Beziehung. y 
Das Gebären lassen S 
Die drei vorgestellten Aspekte sind ein erster Anfang für mich, zu sortieren, wo 3 
Entscheidungspunkte und wo Fallstricke für einen emanzipatorischen Umgang ei 


nit Kindern liegen. Gibt es letztendlich doch nur die Option, sich dafür zu ent- 
;cheiden? 

Dahin ist einiges an Leichtigkeit und jugendlicher Spontanität. Nicht weil ein Kind 
liese per se nicht zulässt. Ich glaube vielmehr, dass ich noch an meinen alten Priori- 
äten klammere. 

Einen ganz wesentlichen Entscheidungspunkt sehe ich darin, sich gleichermaßen 
uf die neue Situation einzulassen und sehr viel Empathie — auch für sich selbst — 
wfzubringen. Wenn ich mit mir nicht im Klaren bin, wird es das Kind gnadenlos 
infordern. Kleines Geknirsche verstärkt sich mit nöligen Kindern schnell zum 
Streit, in dem fundamentale Fragen offen liegen. Sobald sich die Reproduktions- 
ätigkeiten auf eine Person konzentrieren, ist die Depression nicht weit. Das stellt 
ieles in Frage. 


Nas soll also so toll sein am Gebären lassen, wenn man mehr vom Leben will als 
Xinderhüten? Seit drei Monaten gibt es einen Platz bei einer Tagesmutter und seit 
lem ist alles viel einfacher. Ein Stück weit kommt die Freiwilligkeit wieder zurück. 
ch kann mir nicht mehr vorstellen, je ohne die Kleine existiert zu haben. 


>ONRAD JACKISCH 
2bt in Leipzig und versucht den Spagat zwischen politischem Hausprojekt, 
\aturwissenschaftlicher Promotion und emanzipiertem Leben. 


T CANT BELIENE IT. 
T FORGOT TO 
HAVE CHILDREN! 


Felicita Reuschling 


Produktives Gebären: 


Elemente einer feministischen 
Okonomiekritik 


Haus-und Pflegearbeiten, erst recht aber Gebären 
und Stillen gelten nicht als „produktiv“. Dies hatte 
sowohl in einer orthodoxen marxistischen Lesart, 
als auch im bürgerlichen Alltagsverständnis ähnli- 
che Bewertungen und Ausblendungen dieser ge- 
sellschaftlichen Zusammenhänge zur Folge. 


Als produktive Arbeit gilt bei Karl Marx nur sol- 
che, die mehrwertschaffend ist. Nicht entlohnte 
Tätigkeiten fallen deshalb grundsätzlich nicht in 
diese Kategorie. Obwohl Marx betonte, dass es ein 
„Pech“ sei, produktiver Arbeiter zu sein, würdigte 
er gleichzeitig Arbeitsteilung und Produktivitäts- 
steigerung des industriellen Kapitalismus als 
emanzipatives Potential für den Kommunismus. 
Diese Ambivalenz führte in der gesamten marxis- 
tischen Theorie zur Abwertung bzw. Ausblendung 
von nicht industrialisierten oder nicht lohnförmig 
vermittelten Tätigkeiten. Zu den zentralen ökono- 
miekritischen Er- 


der Ware Arbeitskraft weitgehend auf unbezahlter 
Arbeit und staatlich subventionierten Leistungen 
basiert. 
Feministinnen in den 1970-1980er Jahren haben 
deshalb versucht, die gesellschaftliche Abwertung 
reproduktiver Tätigkeiten im Zusammenhang mit 
der Logik des Kapitalismus zu thematisieren. 
Bei fast allen feministischen Theorien dieser Zeit 
findet sich implizit oder explizit der Gedanke, dass 
der Kapitalismus auf der zumeist unbezahlten 
Reproduktionsarbeit von Frauen beruht oder 
von dieser abhängig ist. Sehr unterschiedlich waren 
jedoch die Antworten darauf, wie der Zusam- 
menhang von Lohnarbeit und unbezahlter Repro- 
duktionsarbeit begrifflich zu erfassen und zu poli- 
tisieren wäre. 
Auffällig ist für viele dieser Ansätze die starke 
Orientierung an Marxscher Theorie und das 
Bedürfnis, diese Kritik der politischen Ökonomie 
mit einer feministi- 


kenntnissen und For- BEI FAST ALLEN FEMINISTISCHEN schen Position zu- 


derungen des Femi- 


nismus 1968 ff ge- THEORIEN DIESER ZEIT FINDET SICH 


sammen zu denken. 
Andererseits ging es 


hörte es, die gene- IMPLIZIT ODER EXPLIZIT DER im Verlauf dieser fe- 
rative Reproduktion GEDANKE. DASS DER ministischen Diskus- 


und die Reprodukti- 
onsarbeit als funkti- 


sionen immer stärker 


KAPITALISMUS AUF DERZUMEIST auch darum. sich 


onale Bestandteile UNBEZAHLTEN REPRODUKTIONS- nicht einfach in die 
kapitalistischer Ge- ARBEIT VON ERAUEN BERUHT ODER bestehende Theorie 


sellschaft sichtbar zu 


einzuschreiben bzw. 


machen, die im Mar- VON DIESER ABHÄNGIG IST. diese zu ergänzen, 


xismus und im bür- 

gerlichen Alltagsverständnis gleichermaßen nicht 
erfasst wurden. Damit wurde auch die bis dahin 
kaum in Frage gestellte Arbeitsteilung zwischen 
den Geschlechtern politisiert. Auf der Ebene einer 
feministischen Ökonomiekritik ging es aber auch 
darum, darzulegen, dass der Kapitalismus keines- 
wegs die Voraussetzungen für Akkumulation selbst 
warenförmig erschafft, sondern die Reproduktion 


sondern das politi- 
sche Subjekt, die Klassentheorie und den Begriff 
der Arbeit bei Marx infrage zu stellen und neue 
Antworten darauf zu entwickeln. 
Eine dieser Antworten war die strategische 
Forderung nach „Lohn für Hausarbeit“, mit der 
eine Anerkennung für jene Arbeit eingefordert 
wurde, die auch Gewerkschaften/ Genossen/Ehe- 
männer nicht wahrnahmen. Einige Positionen 


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l Zu den sogenannten Bielefelde- 
rinnen gehörten vor allem Maria 
Mies, Veronika Bennhold Thomsen 
ınd Claudia von Werlhof, deren 
Ansatz sich aus einer Diskussion 
ım Produktionsweisen und der 
Produktion im Trikont entwickelt 
hatte und diese mit unbezahlter 
Reproduktionsarbeit von Haus- 
frauen strukturell analogisier- 
ten. Aber auch z.B. Adelheid Bie- 
seckers und Christa Wichterichs 
Positionen in den achtziger 
Jahren gingen in diese Richtung 


gingen jedoch darüber hinaus, indem sie den 
Produktivitätsbegriff auf Hausarbeit und selbst 
auf das scheinbar kreatürliche Gebären auszuwei- 
ten versuchten. 


Ich möchte im Folgenden drei politische Kon- 
zepte miteinander 
vergleichen, die sich 
mit generativer Re- 
produktion und Re- 
produktionsarbeit 
auseinandersetzen 
und Marx als gemein- 
samen, wenn auch 
teilweise negativen 
Bezugspunkt haben. 
Alle Positionen schei- 
nen mir eine Auseinandersetzung unter diesem 
Gesichtspunkt wert, weil sie das Anliegen einer 
Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus 
verfolgen. Insofern enthalten sie das Versprechen, 
Feminismus mit einer materialistischen Kritik 
am Kapitalismus zu verknüpfen, ein Versprechen, 
an dem ich sie messen möchte. 

In den folgenden Abschnitten zu Differenzfemi- 
nismus und Postoperaismus in Empire (Michael 
Hardt/Toni Negri) will ich versuchen darzustel- 
len, warum diese Kritiken des männlich industri- 
ellen Lohnarbeiter-Subjektes in eine (neue) Onto- 
logisierung und Dichotomisierung von Herr- 
schaftsformen münden und damit ihren eigenen 
Ausgangspunkt untergraben. 

Im letzten Teil soll in der Diskussion der Tendenz 
des -Reproduktionsmaschinenkommunismus« 
hingegen eine aktuelle Fortschreibung der langen 
Traditionslinie feministischer Technikbegeisterung 
problematisiert werden, wie sie z.B. bei Shulamith 
Firestone und Simone de Beauvoir zu finden ist. 


In Deutschland waren die ökonomiekritischen Fe- 
ministinnen vor allem die sogenannten Differenz- 
feministinnen, die auch als Bielefelderinnen 
bekannt geworden sind.' Im Zentrum der diffe- 
renzfeministischen Thesen stand zu Beginn die 
Auseinandersetzung mit dem Begriff der produk- 
tiven Arbeit. Differenz bezeichnete in den 
frühen Texten die Abkehr von einer dichotomi- 
schen Begrifflichkeit, die ein Spiegelbild der bür- 
gerlichen Gesellschaft, ihrer sexualisierten Ar- 
beitsteilung, Subjekte und Sphären wäre, und 
nicht deren Kritik. Differenz bedeutete in diesem 
Sinne keine Entgegensetzung von zwei komple- 
mentären Polen wie männlich und weiblich, son- 
dern Vielgestaltigkeit oder Heterogenität. 

Der Begriff der Differenz hatte zu Beginn einen 
analytischen Charakter, der sich gegen die auf be- 


DER ZUNEHMEND ZU EINEM 
SCHIMPFWORT VERKOMMENE BE- 
GRIFF FEMINISMUS WURDE HÄUFIG 
SCHLAGWORTARTIG MIT TECHNIK- 

KRITIK UND ESOTERIK IN VERBIN- 
DUNG GEBRACHT UND DAMIT ALS 
GANZES DISKREDITIERT. 


Felicita Reuschling 


zahlte Arbeit fokussierte Eindimensionalität des 
Ausbeutungsbegriffes richtete. Hier zeigt sich 
eine Parallele zur Postmoderne, die eine Absage 
an das männliche autonome Subjekt, und damit 
auch an die hegelschen Begrifflichkeit von Tota- 
lität und Identität enthielt, auf der auch die Marx- 
sche Kritik der poli- 
tischen Ökonomie 
basiert. 
Zunehmend wurde 
dieser Begriff, der 
auf die Vielfältigkeit 
und Unterschied- 
lichkeit von Ausbeu- 
tungsformen und 
Subjektivitäten hin- 
gewiesen hatte, aller- 
dings zu einem negativen Abziehbild des ursprüng- 
lich Kritisierten. Frauen wurden zum Inbegriff 
Gebrauchswert-orientierter und damit per se gu- 
ter Lebensformen stilisiert, die dem industriellen, 
akkumulativen Prinzip und seiner Verkörperung 
im männlichen Lohnarbeiter-Subjekt dichoto- 
misch entgegengesetzt wurden. Damit geht eine 
technikkritische bis technikfeindliche Einstellung 
einher, die heute unter dem Namen Ökofeminis- 
mus ihre Fortsetzung gefunden hat. 
Paradoxerweise entwickelte sich der so genannte 
Differenzfeminismus also aus einer Fragestellung, 
die als Ausgangspunkt der Postmoderne bezeich- 
net werden könnte. Andererseits können die Dif- 
ferenzfeministinnen geradezu als die Erzfeindin- 
nen der Postmoderne gelten, die allen -ismen und 
Ontologisierungen skeptisch gegenüberstanden. 
Der zunehmend zu einem Schimpfwort verkom- 
mene Begriff Feminismus wurde häufig schlag- 
wortartig mit Technikkritik und Esoterik in Ver- 
bindung gebracht und damit als Ganzes 
diskreditiert. Diese entgegengesetzten Tendenzen 
beruhen nicht nur auf einer unterschiedlichen In- 
terpretation, sondern vielmehr auf einer tatsächli- 
chen Entwicklung und damit Veränderung des 
differenzfeministischen Theoriegebäudes. So wur- 
den auch die Bielefelderinnen seit den 1990er Jah- 
ren nicht mehr in der Linken diskutiert, obwohl 
sie ganz eindeutig zunächst dort ihre theoreti- 
schen Bezugspunkte hatten. Mit der Linken teil- 
ten sie den Streit um die Frage nach der Klassen- 
zusammensetzung und damit verknüpft dem 
politischen Adressat der Gesellschaftskritik. 


Die Abkehr linker Diskussionen von den Diffe- 
renzfeministinnen ist einerseits vom Resultat her 
verständlich, weil sich dort die neuen politischen 
Subjekte „Frau“ und „Bauern“ finden, die unter 
anderem jegliche Unterschiede zwischen Frauen 


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Felicita Reuschling 


einebnen. Verloren ging damit aber auch die 
Wahrnehmung, dass mit der Thematisierung von 
Subsistenzarbeit der männliche Industriearbeiter 
als traditionelles politisches Subjekt kritisiert wur- 
de. Geradezu antipodisch enthält diese Perspekti- 
ve eine Kritik am Fortschrittsbegriff kapitalisti- 
scher „Entwicklung“, weil sie die von Marxisten 
als rückständig und unpolitisierbar diskreditierten 
Klassen — Frauen und Bauern - endlich auch als 
politisches Subjekt adressierte. 

Die Frage nach der Zusammensetzung des politi- 
schen Subjektes wurde erst Ende der 1990er erst- 
mals unter anderem in Negri/Hardts Empire wie- 
der aufgegriffen. Obwohl die Bielefelderinnen 
und die Thesen in Empire recht unterschiedlich 
anmuten, kommen beide Positionen zu strukturell 
sehr ähnlichen Antworten. Zunächst soll die his- 
torische Position der Bielefelderinnen untersucht 
werden. Auf Empire und die gegenwärtige Dis- 
kussion komme ich später zurück. Spannend er- 
scheint mir an der Auseinandersetzung mit den 
Bielefelderinnen bzw. dem Differenzfeminismus 
die Frage, warum gerade der Versuch einer anti- 
kapitalistischen feministischen Kritik, die vom 
Anspruch ausging, die Heterogenität von Subjek- 
tivitäten und Klassenverhältnissen im Kapitalis- 
mus angemessen zu repräsentieren, in eine identi- 
täre Position umschlägt. Wie kommt es zu dieser 
eigenartigen Verschiebung? Ich möchte jedoch im 
Folgenden darstellen, dass mit dieser Wahrneh- 
mung leider auch etwas ganz anderes zum Ver- 
schwinden gebracht wurde, was rückblickend als 
typisches Symptom der postmodernen Diskussion 
gelten kann. 


Es war einmal in Bielefeld - 


Life is Life 


Im Anschluss an Rosa Luxemburgs Die Akkumu- 
lation des Kapitals ging es den Bielefelderinnen 
um eine Umkehrung der Perspektive bei Marx. 
Im Gegensatz zu Marx’ Prognose, dass in kapita- 
listischen Gesellschaften zunehmend alle Men- 
schen zunächst expropriiert und dann zu freien 
LohnarbeiterInnen würden, geht es hier um die 
Theoretisierung des Faktums, dass der Großteil 
der Weltbevölkerung heute nach wie vor nicht vor- 
wiegend von „doppelt freier Lohnarbeit“ lebt.? 
Damit wird die Abgeschlossenheit der so genann- 
ten „ursprünglichen Akkumulation“? bei Marx in 
Frage gestellt und stattdessen eine Gleichzeitig- 
keit und Persistenz unterschiedlicher Klassen- 
formen, Hierarchie- und Ausbeutungsverhältnis- 
se als funktionaler Bestandteil des Kapitalismus 
konstatiert. „|[Rosa Luxemburg] stellte nicht nur 
eine fortdauernde historische Gleichzeitigkeit von 


kapitalistischen und nichtkapitalistischen 
Bereichen in der Dritten und Ersten Welt fest, 
sondern baute ihre Theorie auf der Logik des 
Verhältnisses zwischen beiden auf: „Das Ent- 
scheidende ist, dass der Mehrwert weder durch 
Arbeiter noch durch Kapitalisten realisiert 
werden kann, sondern durch Gesellschafts- 
schichten oder Gesellschaften, die selbst nicht 
kapitalistisch produzieren.“ 

Daraus folgt ein durchaus spannender und ernst- 
zunehmender Perspektivwechsel, der bis heute 
kaum besser formuliert wurde.’ „Betrachtet man 
den Kapitalismus als Totalität, müssen also Ver- 
hältnisse als nicht nur ökonomische, sondern auch 
im Sinne der Akkumulation unabdingbare mitein- 
bezogen werden, die bislang für außer-öko- 
nomisch, ja, natürlich und damit überhistorisch 
gehalten wurden, bloß deshalb, weil sie sich nicht 
in einem Lohnarbeitsverhältnis abspielten; z.b. 
gerade Frauen-Arbeit: Kindergebären und -auf- 
zucht, Befriedigung der Bedürfnisse des Mannes 
nach Essen, Sexualität, Kommunikation.“ An 
solchen Stellen scheint mir die ungeheuerliche 
theoretische Dominanz der Marxisten in dieser 
Zeit selbst bei ihren Kritikerinnen theoretische 
Spuren in ihren Bezügen hinterlassen zu haben. 
Einerseits ist das erklärte Ziel verständlich: „Uns 
kam es darauf an, dass die Arbeit, die in die Pro- 
duktion des Lebens oder Subsistenz einging — 
hauptsächlich Arbeit von Frauen - als „Arbeit“ 
sichtbar wurde und nicht weiterhin ins Reich der 
Natur verwiesen wurde“', heißt es bei Werlhof. 
Und Maria Mies beschreibt diesen Zusammen- 
hang folgendermaßen: „Danach umfasst Subsis- 
tenzproduktion alle Arbeit, die bei der Herstel- 
lung und Erhaltung des unmittelbaren Lebens 
verausgabt wird und auch diesen unmittelbaren 
Zweck hat... Zu ihr gehört auch die Arbeit der 
Kleinbauern, die hauptsächlich für den eigenen 
Konsum arbeiten, vor allem Kleinbauern in den 
unterentwickelten Ländern.“ Damit wird das po- 
litische Subjekt des produktiven männlichen In- 
dustriearbeiters durch die SubsistenzarbeiterIn- 
nen — Frauen und Bauern - ersetzt. Scheinbar 
analog zur Begründung des produktiven Arbeiters 
als politisches Subjekt bei Marx wird auch die 
Subsistenzarbeiterin durch ihre Stellung im Pro- 
duktionsprozess definiert: „Damit steht der Be- 
griff der Subsistenzproduktion im Gegensatz zur 
Waren- und Mehrwertproduktion. Bei der Subsis- 
tenzproduktion ist das Ziel „Leben“, bei der Wa- 
renproduktion ist das Ziel Geld, das immer mehr 
Geld „produziert“, oder die Akkumulation von 
Kapital.“ Allerdings hat sich bei dieser Einschrei- 
bung in die Logik der Produktivität eine wichtige 
Verschiebung ereignet. Plötzlich wird die Subsis- 


2 So wie sich auch die repr 
tative Demokratie als angebl 
adäquate Herrschaftsform für 
Kapitalismus bekanntlich ke 
wegs überall durchgesetzt hat 


3 Das Kapitel zur ursprüngli 
Akkumulation im Kapital Band 
beschreibt den historischen P 
zess der Expropriation von Kl@ 
bauern und der Herstellung def 
doppelten Freiheit des Lohnarb, 
ters als Enteignungsprozess 
die dem Kapitalismus vorausgeh 
muss und deshalb doppelt frei 
ist: frei von direkter Herr- 
schaft, aber auch jeglicher Pro*® 
duktionsmittel enteignet. 


4 Luxemburg, Rosa: Die Akkumula 
tion des Kapitals. Zitiert nach 
Werlhof, Claudia von: Frauenarbeit, 
Der blinde Fleck in der Kritik 
der politischen Ökonomie. In: 
Beiträge zur feministischen 
Theorie und Praxis 1. München 
19781188 20, 


5 Und zunehmend wieder an Bedeu- 
tung gewinnt, was eine ökono- 
miekritische Diskussion des Kolo- 


nialismus angeht, wie z.B. bei 
Silvia Federici. 


6 Werlhof 1978. S. 23. 


7 Werlhof 1978. S. 117. 


xog @y2 »prsıno 


8 Mies, Maria: Subsistenzproduk- 
tion, Hausfrauisierung, Koloni- 


sierung. In: Beiträge zur femini- 
stischen Theorie und Praxis 
9/10. München 1983. S. 117. 


gEBE.NSkuILT, 


GEBAREN 


50 


QOutside the Box #3 


10 Ebd. S. 118. 


11 Mies, Maria: Gesellschaftli- 
che Ursprünge der geschlecht- 
lichen Arbeitsteilung. In: Benn- 
holdt-Thomson, Veronika/Werlhof, 
Claudia von/Mies, Maria: Frauen, 
die letzte Kolonie. 

Hamburg 1983. S. 169 ff. 


tenzarbeit nicht nur innerhalb, sondern gleichzei- 
tig transhistorisch und jenseits des kapitalistischen 
Produktionsverhältnisses verortet. Anstelle einer 
immanenten Kritik ist ein ontologisches Prinzip 
der gesellschaftlichen Produktivität getreten: „Es 
muss vielmehr darum gehen, die Subsistenzpro- 
duktion aus den Fängen des Polypen Kapital zu 
befreien und Autonomie über unsere Körper und 
unser Leben zurückzugewinnen.“'" Hier wird eine 
strukturelle Ähnlichkeit extrapoliert, die nicht nur 
eine analytische Kategorie sein soll, sondern be- 
reits der Vorschein einer besseren antikapitalisti- 
schen Gesellschaft. 

„Zunächst ist festzuhalten, dass Frauen ihren gan- 
zen Körper als produktiv erfahren können, nicht 
nur ihre Hände oder ihren Kopf. Aus ihrem Kör- 
per produzieren sie neue Menschen und die erste 
Nahrung für diese Menschen. Es ist von entschei- 
dender Bedeutung für unsere Fragestellung, dass 
der Zusammenhang zwischen Gebären und Näh- 
ren als echt menschliche, d.h. bewusste, historisch 
gesellschaftliche Tätigkeit gesehen wird. Frauen 
haben sich die Fähigkeit Kinder zu gebären und 
Milch zu produzieren, in der gleichen Weise ange- 
eignet, wie die Männer sich ihre körperliche 
Natur angeeignet haben, nämlich in dem Sinn, 
dass ihre Hände und ihr Kopf durch Arbeit und 
Reflexion Fertigkeiten erlangten bei der Schaf- 
fung und Handhabung von Werkzeugen. Darum 
ist die Aktivität der Frauen beim Gebären und 
Nähren von Kindern als Arbeit zu interpretieren.“ 
Nachvollziehbar erscheint mir hier die Deutung 
von Gebären als gesellschaftliche Leistung, Diese 
These hat angesichts der zunehmenden Bedeu- 
tung von PID und Kontrolluntersuchungen, sowie 
des Anspruches an Frauen, sich selbstbestimmt 
um ihre Gesundheit und ihre reproduktive Funk- 
tionalität zu kümmern, ihre Aktualität bewahrt. 
Problematisch dabei ist eine sich daran anschlie- 
ßende Dichotomisierung von guten = lebensför- 
derlichen und bösen = akkumulationsförderlichen 
Tätigkeiten im Kapitalismus. Gänzlich bizarr ist 
jedoch die Umdeutung jeglicher menschlicher Tä- 
tigkeit bzw. körperlicher Praxis als Arbeit im „voll 
entfalteten Sinne“. Damit wird der marxsche Ar- 
beitsbegriff wieder aufgenommen und in diesem 
Sinne auch Gebären als „produktiv“ definiert. Und 
warum wurde das Verständnis der Kategorie Dif- 
ferenz, insbesondere bei Maria Mies sowie ab 
1981 auch bei den anderen Bielefelderinnen, 
zunehmend vereindeutigt und damit auch gleich- 
zeitig selbst wieder dichotomisiert? 
Bemerkenswert ist an der Herangehensweise der 
Bielefelderinnen, dass dort versucht wurde, vom 
Subjekt des männlich industriellen Lohnarbeiters 
Abstand zu nehmen und stattdessen den Blick für 


Felicita Reuschling 


die Heterogenität von Arbeitsverhältnissen inner- 
halb der kapitalistischen Vergesellschaftung zu 
öffnen. Insofern scheint mir der Begriff Differenz 
eine Suche nach Verbindungslinien und Trennun- 
gen zwischen gesellschaftlichen AkteurInnen zu 
repräsentieren. Wie schon angedeutet, findet sich 
insbesondere in den Texten der späten 1970er Jah- 
re ein analytischer, nicht wertender Begriff von 
Differenz im Kapitalismus, der von der Zentralität 
des industriellen Lohnarbeiters Abstand nimmt. 
An diesem Punkt scheint der Versuch auf, der di- 
chotomischen Struktur der bürgerlichen Gesell- 
schaft und ihrer Repräsentation im Marxismus 
einen Begriff der Differenz entgegenzusetzen. 
Dieser kritisiert die Trennung zwischen Produk- 
tion und Reproduktion sowohl in Bezug auf das 
Geschlechterverhältnis, als auch auf eine globali- 
sierte kapitalistische Ökonomie. Andererseits ent- 
wickelte sich der Begriff der Differenz zuneh- 
mend auch als ontologischer, der neue Gemein- 
samkeiten schafft, gleichsam ein moralisches 
Dach, unter dem sich die SubsistenzproduzentIn- 
nen — Frauen und Bauern — zusammenfinden, die 
gemeinsam ein Gegenprinzip zum Kapitalismus 
leben. Damit verliert dieser Begriff jedoch seinen 
heterogenen Inhalt und wird zu einem negativen 
Abziehbild dessen, was er zuvor infrage gestellt 
hatte. Aus der analytischen Kategorie wird damit 
auch ein identitärer Begriff, der Frauen und Bau- 
ern qua ihrer Stellung im Produktionsprozess zu 
einer positiven ethischen Gemeinschaft stilisiert. 


Affektive Arbeit - die Subsistenz 
des 21. Jahrhunderts 


Wer sich fragt, ob derartige Positionen nicht längst 
veraltet sind und die Auseinandersetzung damit 
insofern nur noch historisch ist, der wird durch 
die Lektüre von Negri/Hardts Empire eines 
Schlechteren belehrt. Denn auch in Empire findet 
sich ein ganz zentraler Argumentationsstrang, in 
dem es um die „biopolitische Produktivität“ geht, 
die dort als ontologische Substanz gesellschaftli- 
cher Produktion bezeichnet wird. Ähnlich ist dort 
auch die ambivalente Konzeption, in der einerseits 
alle Arbeit als kapitalistisch subsumierte bezeich- 
net wird, während sie andererseits auch jenseits 
dieses Verhältnisses zu existieren scheint. Darun- 
ter ist in etwa zu verstehen, dass es auch innerhalb 
des bestehenden Kapitalismus schöpferische Dy- 
namiken gibt, die als allgemein menschlich ge- 
dacht werden und deshalb als Vorschein einer be- 
freiten Gesellschaft interpretiert und angeeignet 
werden können. Interessant erscheint mir auch, 
dass trotz der strukturellen Abwesenheit einer fe- 
ministischen Position in Empire die Thesen dort 


Felicita Reuschling 


zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie die der Diffe- 
renzfeministinnen führen — mit dem kleinen aber 
folgenreichen Unterschied, dass Negri/Hardt 
technikbegeistert und die Bielefelderinnen tech- 
nikkritisch argumentieren. Ganz in der Logik der 
Marxisten wird in Empire eine Technikbegeiste- 
rung sichtbar, die zu einer „neuen Verwendung 
der Maschinen“? führen könne. 

Was bei den Differenzfeministinnen die Subsis- 
tenzproduktion ist, ist bei Negri/Hardt die affek- 
tive Arbeit. „Affektive Arbeit bedeutet hier für 
sich und unmittelbar die Konstitution von Ge- 
meinschaften und kollektiven Subjektivitäten. In 
mehrfacher Hinsicht konnte so der produktive 
Kreislauf von Affekt und Wert als ein autonomer 
Kreislauf der Kon- 
stitution von Sub- 
jektivität erschei- 
nen, der imGe- 
gensatz zum Pro- 
zess der kapital- 
istischen Verwer- 
tung steht.“'? Diese 
sei, wie die imma- 
terielle Arbeit all- 
gemein, angesichts der Postmodernisierung des 
Kapitalismus an eine zentrale Stelle gerückt. Af- 
fektive Arbeit wird als Bestandteil der immateri- 
ellen Arbeit verortet. Immaterielle Arbeit bezeich- 
net zunächst die Zunahme von Arbeiten, die mit 
der Informatisierung der Produktion zusammen- 
hängen. Das Bild dieser Dienstleistungen ist ge- 
prägt vom Umgang mit dem Computer sowie von 
Kommunikation, womit diese Fähigkeiten zu Pri- 
märqualifikationen geworden sind. Der andere Teil 
ist die affektive Arbeit. Sie wird beschrieben als 
„Arbeit am körperlichen Wohlbefinden“ oder auch 
„Frauenarbeit“. Auch hier findet sich eine Dichoto- 
misierung von Tätigkeiten und Anforderungen, die 
dem postulierten neuen Subjekt der Multitude 
nicht gerecht wird. Umso wichtiger scheint es mir, 
die durchaus verbreitete Anwendung des Begriffes 
der affektiven Arbeit zu kritisieren. Dies geschieht 
z.B. in der Lesart von Rosemary Hennesy, die dort 
einen „Mehrwert“ verortet, der nicht vollständig 
kapitalistisch angeeignet werden könne. Auch bei 
Encarnacion Gutierrez Rodriguez findet sich eine 
Verwendung dieses Begriffes als „affektiver Wert“ 
von migrantischer häuslicher Arbeit.'’ Nicht zufäl- 
lig beziehen sich Negri/Hardt auch auf ökofeminis- 
tische Positionen wie die von Vandana Shiva, die 
von einer positiven Biopolitik von unten ausgeht. 
Die Stärke von Empire scheint mir nach wie vor 
darin zu liegen, einer neuen politischen Subjekti- 
vität nachzuspüren, die von den Autoren als die 
strukturell heterogene Multitude benannt wird. 


PLÖTZLICH WIRD DIE SUBSISTENZ- 
ARBEIT NICHT NUR INNERHALB, 
SONDERN GLEICHZEITIG 
TRANSHISTORISCH UND JENSEITS DES 
KAPITALISTISCHEN PRODUKTIONS- 
VERHÄLTNISSES VERORTET. 


Beide vorgestellten Konzeptionen - die der Biele- 
felderinnen und die von Hardt/Negri — stellen die 
Heterogenität der Klassenverhältnisse in den Mit- 
telpunkt ihrer Auseinandersetzung. Aus dieser Ab- 
kehr von einem einheitlichen politischen Subjekt 
erwächst jedoch die Notwendigkeit einer Synthesis 
oder Verknüpfung der Vielfalt. Wenn in der 
aktuellen Phase des Kapitalismus zunehmend alle 
Menschen auf sehr unterschiedliche Weise diesem 
Produktionsverhältnis subsumiert werden - 
also als Multitude, Heterogenität oder Differenz —, 
wie können die Menschen darin eigentlich 
gemeinsame Interessen erkennen und gemein- 
sam kämpfen? 

Die schlechte Lösung dieser politischen Frage be- 
steht in beiden Fäl- 
len in einer sekun- 
dären Homogen- 
isierung des poli- 
tischen Subjektes, 
die auf den apoli- 
tisch religiösen Be- 
griff des Lebens 
zurückgreift. Im 
Namen des Lebens 
ist es dann auch für marxistisch geschulte Feminis- 
tinnen und Postoperaisten möglich, einem Vitalis- 
mus zu frönen, der verkürzt als Produktivität des 
Gebärens oder Produktivität des Lebens - so gese- 
hen ein weisser Schimmel — bezeichnet werden 
könnte. „Nur die Subsistenzproduzenten (Frauen, 
Bauern) können nämlich Leben schaffen (Men- 
schen, Nahrung, Glück). [...] Die Ware selbst ist tot 
(Tauschwert), sie kann erst wieder durch Subsis- 
tenzarbeit, Lebensarbeit, Hausfrauenarbeit (Liebe) 
zum Leben (Gebrauchswert) erweckt werden.“ 
Die Produktivität des Gebärens erschafft ein 
politisches Subjekt, das keine Feindschaft gegen- 
über kapitalistischer Produktivität zusammenhält, 
sondern der Wunsch, positiv an Dynamiken wie 
Produktivität im Kapitalismus anknüpfen zu kön- 
nen. Deshalb erscheint die meist auf Mangel ge- 
gründete Subsistenzproduktion nicht als Teil des 
Problems kapitalistischer Vergesellschaftung, 
sondern als Teil der Lösung. Ärgerlicherweise 
wird in dieser Perspektive auch die zuvor als 
Unterwerfung kritisierte weibliche Hausfrauen- 
arbeit wieder als Liebe gefeiert, und nicht als Zu- 
mutung der „Arbeit als Liebe“ kritisiert. In 
Empire ist die Antwort ganz ähnlich, etwas weniger 
essentialistisch, dafür aber stärker von der herbei- 
halluzinierten Wiederaneignung der Produktions- 
mittel geprägt: „Affektive Arbeit produziert 
soziale Netzwerke, Formen der Gemeinschaft- 
lichkeit, der Biomacht.“'® Wie Susanne Schultz 
treffend formulierte, wird damit zugleich eine 


12 Negri, Antonio/Hardt, Michael: 
Empire. Die neue Weltordnung. 
Frankfurt a.M. 2002. S. 41l. 

13 Hardt, Michael: Immaterielle 
Produktion, Biomacht und 
Potenziale der Befreiung. URL: 
http://unirot.blogsport.de/images/ 
hardt_affektive_arbeit.pdf 


14 In Empire wird das ehemalige 
eindimensionale Subjekt der 
männlich industriellen Arbeiter- 
klasse durch ein neues, eher 
philosophisch konzipiertes Sub- 
jekt der Multitude ersetzt, 

in dem verschiedenste Arbeits- 
und Nichtarbeitsformen als glei- 
chermaßen unter das Kapital- 
verhältnis subsumiert thematisiert 
werden. 


15 Insbesondere in der englisch- 
sprachigen Diskussion wurde 
sogar zeitweise versucht, einen 
affective turn in der Diskus- 
sion um Dienstleistungsarbeit 
herbeizureden, siehe: Ticineto 
Clough, Patricia: The Affec- 


tive Turn. Theorizing the Social 


Durham 2007. 


16 Mies 1983. S.117. 
lässige hier absichtlich eine 


Ich vernach- 


Kritik an der bereits überholten 
Position von Maria Mies 

17 „Arbeit aus Liebe, Liebe als 
Arbeit “* 
genden feministischen Texte von 


war einer der grundle- 


Gisela Bock und Barbara Duden, 
die die Entstehung der Frauenar- 
beit im Kapitalismus, zu der 

die Unsichtbarkeit von privater 
unbezahlter Reproduktions- 
arbeit gehört, beschreiben. 


18 Negri/Hardt 2002. S. 304. 


£ xog oy+ eprsıno 


LS 


NaUyES9 


GEBÄREN 


58 


Outside the Box #3 


19 Schultz, Susanne: Neue (af- 
fektive) Arbeit, alte Dualismen. 
Zur feministischen Kritik am 
Begriff der „immateriellen Arbeit“. 
URL: http://www.linksnet.de/de/ 
artikel/24257 


20 Siehe dazu auch Kalender, 
Ute: Das Verhältnis von Linken 
und Queers zu Reproduktions- 
technologien. In: Jungle World 
Nr. 19/2011. 


21 Firestone, Shulamith: Frauen- 
befreiung und sexuelle Revo- 
lution. Frankfurt a.M. 1975. 5.191. 


22 Vgl. Hochschild, Arlie: Das 
gekaufte Herz. Frankfurt a.M. 
1983. 


lange Tradition linker Idealisierung von Repro- 
duktionsarbeit als Nicht-Entfremdung und Herr- 
schaftsfreiheit fortgeführt.” 


Reproduktionsmaschinen- 
kommunismus 


Gleichzeitig zur erfreulichen Wiederentdeckung 
von Marx am Ende der Postmoderne und des 
Endes des Endes der Geschichte finden sich zu- 
nehmend auch wieder Auseinandersetzungen mit 
Reproduktion. In diese Richtung argumentieren 
unter anderem auch einige AkteurInnen, die sich 
selbst als KommunistInnen und queer verorten. 
In Auseinandersetzung mit queeren Texten wie 
Beatriz Preciado oder Donna Haraway wird hier 
versucht, Technik und Produktivkraftsteigerung 
nicht nur für die Produktion, sondern auch für die 
gesellschaftliche Reproduktion als emanzipatives 
Potential zu untersuchen.” 

So schlägt z.B. Johannes Paul Raether in seiner Per- 
formance-Serie „Transformella“ vor, die Reproduk- 
tion im Moment ihrer massenhaften indus- 
triellen Anwendung durch eine globale 
Reproduktionsmedizinindustrie darauf hin zu un- 
tersuchen, welche Potentiale diese für eine neue 
Avantgarde eröffnen könnte. Die Avantgarde kommt 
von den Rändern der Gesellschaft, es sind die 
Queer-People, deren Kritik der Heteronomativität 
hier unmittelbar praktisch zu werden verspricht. 
Meiner Ansicht nach handelt es sich jedoch um 
die technologische Beantwortung einer sozialen 
Frage, womit eine herrschaftskritische Auseinan- 
dersetzung mit Gesellschaft umgangen wird. Als 
emanzipatorisch wird gewürdigt, dass durch die An- 
wendung von Reproduktionsmedizin eine nicht he- 
teronormative Elternschaft und damit eine Dekons- 
truktion der Zweigeschlechtlichkeit möglich werde. 
Diese Idee kann sich durchaus auf eine feministi- 
sche Traditionslinie berufen, die von Simone de Be- 
auvoir über Shulamith Firestone bis zur bereits er- 
wähnten Donna Haraway reicht. 

Allerdings handelt es sich um eine Tendenz, die 
der androzentrischen Vorstellung des autonomen 
Subjektes verhaftet bleibt, selbst wenn, wie bei 
Firestone, eine grundsätzliche Änderung der Ge- 
sellschaft angestrebt, und nicht nur eine gleichbe- 
rechtigte Teilhabe innerhalb des Bestehenden ge- 
fordert wird. In dieser Vorstellung wird der Körper 
der Frau — nicht aber der des Mannes - und die 
damit einhergehende nicht freiwillig gewählte 
Fruchtbarkeit nicht nur als eine Einschränkung 
der sexuellen Praktiken, sondern grundsätzlich als 
Problem thematisiert. Die Gebärfähigkeit der 
Frau gilt darin als der entscheidende Punkt, wes- 


Felicita Reuschling 


halb Frauen nicht gleichberechtigt in die produk- 
tive Arbeit einbezogen werden könnten. 

Dieser Vorstellung ist entgegenzuhalten, dass 
es dem Kommunismus doch hoffentlich um die 
Entwicklung eines Naturverständnisses geht, das 
mehr Subjektivitätsformen anerkennt als den ar- 
beitsfähigen männlichen Körper. Sonst droht 
diese Utopie - wie Raether durchaus selbst kriti- 
siert - in eine eugenische Position umzukippen, 
die die Natur von alten, jungen und anderen hilfs- 
bedürftigen Körpern weiter an der Norm der 
Funktionalität des Kapitalismus misst. Solche Posi- 
tionen berufen sich meist auf Friedrich Engels‘ 
Schriften, die den gesellschaftlichen Status der 
Frau aufihre Biologie zurückführen. Ganz analog 
zu Raether formuliert Firestone ihre Vorstellun- 
gen von Utopie: „Ich bin deshalb der Ansicht, dass 
die erste Forderung an irgendein alternatives Sys- 
tem lauten muss: 1. Die Befreiung der Frauen von 
der Tyrannei der Fortpflanzung durch jedes nur 
mögliche Mittel. Verlagerung der Kindererzie- 
hung auf die gesamte Gesellschaft, auf Männer 
sowohl wie Frauen. |...| Mit Kindertagesstätten 
speist man die Frauen billig ab und erleichtert nur 
die augenblickliche Last, ohne danach zu fragen, 
weshalb diese Last den Frauen aufgebürdet wird. 
Andererseits gibt es da die etwas ferner liegenden 
Lösungen, die auf dem Potential moderner Emb- 
ryologie aufbauen, d.h. also auf künstlicher 
Fortpflanzung.“”' Solange aber die Repro- 
duktionsmedizin weiter auf Menschen zur Pro- 
duktion angewiesen ist, scheint mir hier eher eine 
Delegation der Funktion des gebärfähigen Ge- 
schlechtskörpers an Leihmütter stattzufinden. 
Die Verschiebung der Reproduktion auf „dome- 
stic workers“, Eispenderinnen und Leihmütter 
hebt meiner Ansicht nach die bestehende gesell- 
schaftliche Heteronormativität nicht auf, sondern 
setzt die gesellschaftlich hergestellte Trennbarkeit 
von sexuellen Praktiken und generativer Repro- 
duktion qua Verhütungsmitteln unter kapitalisti- 
schen Bedingungen weiter fort. Wer es sich leisten 
kann, delegiert Haushaltsarbeit, heteronormative 
Arbeitsteilung und Gebären wieder an Frauen, 
die bekanntlich schon immer mit diesen Tätigkei- 
ten in Verbindung gebracht wurden. „Weil Frauen 
mit dem gesellschaftlichen Bild von Müttern in 
Verbindung gebracht werden, bittet man sie insge- 
samt eher als Männer darum, sich um psychische 
Bedürfnisse zu kümmern. Die Welt erwartet von 
den Frauen Mütterlichkeit, und dieser Sachver- 
halt verbindet sich unter der Hand mit vielen 
Arbeitsplatzbeschreibungen.“?? Diese Arbeiten 
werden zum allergrößten Teil unter prekären und 
schlecht bezahlten Bedingungen von Migrantin- 
nen übernommen - es findet sich also eine neue 


Felicita Reuschling 


Arbeitsteilung zwischen privilegierten und weni- 
ger privilegierten Frauen. Wie Melinda Cooper” 
andeutet, arbeiten dieselben Frauen häufig gleich- 
zeitig oder nacheinander als Eispenderin, „sex- 
worker“, Leihmutter und als „domestic worker“, 
ohne sich miteinander zu solidarisieren und poli- 
tisch zu unterstützen, da die Identifikation mit 
dem einen Job häufig über die Abgrenzung vom 
anderen läuft. Am Horizont wird aber erklärter- 
mabßen von Raether die ganz unkörperliche Zeu- 
gung, Austragung und Geburt herbeigesehnt. Der 
Mensch entspränge dann irgendwann tatsächlich 
dem Kopfe, und nicht mehr dem Uterus. 

Bis es mit der technischen Entwicklung soweit ist, 
könnten gerade historisch materialistische Denker- 
Innen die Zeit sinnvoll dafür nutzen, darüber 
nachzudenken, warum sich der Kinderwunsch im 
Kapitalismus immer auf das sogenannte „eigene“ 
Kind bezieht. Gibt es im globalisierten Kapitalis- 
mus nicht bereits genügend Kinder, die Bedarf 
nach fürsorglichen und verbindlichen sozialen El- 
ternschaften hätten? Was bedeutet das für die 
Utopie von gesellschaftlicher Reproduktion? Viel- 
leicht gälte es für die Entwicklung einer anderen 
Gesellschaft eher nach sozialen Beziehungsfor- 
men und Verhältnissen zu forschen, die die kind- 
liche Bedürftigkeit und Abhängigkeit aus der 
strukturell gewaltförmigen Kleinfamilie herauslö- 
sen könnten, anstatt im Kommunismus jedem In- 
dividuum sein/ihr/unser Kind zu ermöglichen. 
Unter anderem gälte es dabei die Selbstverständ- 
lichkeit in Frage zu stellen, mit der der Kinder- 
wunsch mit der romantischen Zweierbeziehung 
verknüpft wird, auch wenn diese homosexuell sein 
mag. Warum keine freundschaftliche Assoziation 
mit Menschen, die sich weder durch biologische 
Verwandtschaft noch durch Liebesbeziehung, 
sondern durch ähnliche Vorstellungen in gemeinsa- 
mer Kindererziehung zusammenfinden? 

All diese Fragen sowie die sich vermutlich daran 
anschließende Diskussion, wer welche Arbeiten 
für das Kind übernimmt, wenn es denn einmal da 
sein sollte, wird durch die Phantasie der techni- 
schen Machbarkeit meiner Ansicht nach eher des- 
artikuliert. Ich halte deshalb die Ausweitung der 
kommunistischen Technikbegeisterung auf die 
Reproduktion nicht für sinnvoll, auch wenn sie 
nicht-heteronormative Lebensgemeinschaften ad- 
ressiert und einschließt. Angesichts der zuneh- 
menden Verbreitung einer global organisierten 
Leihmutterschaftsindustrie, die Eispenderinnen 
und/oder Samenspender mit „ethnischer Experti- 
se“, Leihmütter aus Indien und internationale Re- 
produktionsmedizin in Verbindung setzt, gälte es- 
doch eher, die „Produktivität“ dieses Prozesses 
immanent zu kritisieren. 


Schluss/Aus/Ende/ 


Abschließend möchte ich die Frage in den Raum 
stellen, welche anderen Möglichkeiten es geben 
könnte, um eine Kritik der politischen Ökonomie 
mit einem materialistischen Begriff sozialer und 
generativer Reproduktion zu verknüpfen. Wie 
dargestellt, waren die 1968er ff von einer langen 
zähen Auseinandersetzung mit den theoretischen 
Vorgaben des marxschen Arbeitsbegriffes und der 
Produktivität geprägt, die letztlich eher naheleg- 
ten, dass eine Einschreibung in die marxistische 
Kritik an ihre Grenzen gekommen ist. Dennoch 
eröffnet die Auseinandersetzung mit dem Diffe- 
renzfeminismus einen Blick auf die Grenzen von 
Marx, auf die seit seiner Wiederentdeckung in den 
letzten Jahren bisher nur wenige überzeugende 
Antworten formuliert wurden. Das liegt nicht zu- 
letzt daran, dass es im Kapital von Marx eine Be- 
geisterung für die Produktivkraftsteigerung als 
Mittel gesellschaftlicher Befreiung gibt, die zu- 
meist nicht kritisiert, sondern wie in Empire nur 
transformiert wird. Ontologisierung ist darauf 
keine wünschenswerte Antwort, sondern eine 
Fortschreibung des Produktivismus, und führt 
stattdessen zu einer zunehmenden Verdrängung 
bzw. Verkehrung feministischer Erkenntnisse. 
Das gilt sowohl für die Bielefelderinnen als auch 
für Empire. 

Queere KommunistInnen können sich zwar auf 
eine feministische Traditionslinie von Technikbe- 
geisterung — von de Beauvoir über Firestone bis 
Haraway — stützen, die jedoch gesellschaftliche 
Befreiung gefährlich nah an neoliberale Konsum- 
strategien heranführt, und die zumeist auf das 
Idealbild des autonomen Mannes und nicht auf 
kreatürliche Bedingtheit oder Bedürftigkeit fo- 
kussiert ist. Das im Marxismus dominante Bild 
von der Maschine als utopisches Potential für ge- 
sellschaftliche Emanzipation sollte deshalb end- 
lich ruhen gelassen werden. Es müsste stattdessen 
um einen Begriff von Heterogenität oder Diffe- 
renz gesellschaftlicher Ausbeutungsstrategien und 
Herrschaftsformen im Kapitalismus gehen, der 
diese Erkenntnis nicht selbst wieder strategisch 
ummünzt. Gerade im Zusammenhang mit der Re- 
produktion einer Gesellschaft ginge es viel eher 
um die Entwicklung menschlicher Kooperation, in 
der die Einzelnen nicht als perfektible Masse ver- 
standen/angesehen werden, sondern das Ganze als 
Verhältnis von bedürftigen und verantwortlichen 
Subjekten konzipiert wird.’ 

Eine Auseinandersetzung mit der historischen 
Situiertheit des Differenzfeminismus scheint mir 
vielversprechend, weil der Ausgangspunkt der 
Postmoderne ein ähnlicher war, wenn auch ganz 


23 Vgl. Cooper, Melinda: Life au 
Surplus: Biotechnology and 


Capitalism in a Neoliberal Era, 
Washington 2010. 


24 Siehe dazu Federici, 


Silvia; 


Anmerkungen über Altenpflege- 


arbeit und die Grenzen des Marxi# 


mus. In: Linden, Marcel van 
der/Roth, Karl Heinz/Henninger 


Max: 


Über Marx hinaus. Arbeits- 


geschichte und Arbeitsbegriff in 
der Konfrontation mit den glo- 


balen Arbeitsverhältnissen des 2], 


Jahrhunderts. 


Berlin 2009. 


GEBÄREN 


60 


Outside the Box #f3 


25 Ich interpretiere hier Sigmund 
Freuds Thesen seines Textes zu 
Melancholie und Trauer, in dem es 
darum geht zu verstehen, warum 
ehemalige Liebesobjekte nicht 
fallengelassen werden können. Als 
Gegenstrategie wird in der 
Analyse Erinnern und Durcharbei- 
ten empfohlen. 


anders. Auch damals ging es darum, Dichotomi- 
sierung und Linearität in Frage zu stellen, und die 
Trennung von Ökonomie und Kultur aufzubre- 
chen. Allerdings war die Postmoderne auch ein 
langer Prozess der Melancholie, in dem bekannt- 
lich nicht nur Begriffe wie Fortschritt, Meta-Erzäh- 
lung und das politische Subjekt zu Grabe getragen 
wurden, sondern gleichzeitig auch die Erinnerung 
daran, was damit verloren ging. Auch wenn der 
Untergang des Realsozialismus zurecht begrüßt 
wurde, ist damit zugleich auch die Vorstellung ab- 
gewehrt worden, dass es denn etwas besseres als 
den Kapitalismus geben könnte. Damit wurden 
die bereits in den 1980er Jahren entwickelten The- 
sen vom Ende der Geschichte und der großen Er- 
zählungen historisch als Antikommunismus deter- 
miniert. Die Melancholikerin kann sich bekanntlich 
nicht auf das verloren gegangene Objekt der Be- 
gierde besinnen, weil sie im Prozess der Abwen- 
dung von dem verlorenen Liebesobjekt all seine 
Macht leugnen musste.”® Zum Glück gibt es seit ei- 
niger Zeit Anzeichen dafür, dass die Melancholie 
nach 20 Jahren auch in einen aktiven Trauerprozess 
umgewandelt werden kann, in dem es um die 
Durcharbeitung der verdrängten Vergangenheit 
geht. Nicht um diese zu rehabilitieren oder zu ro- 
mantisieren, sondern damit sich die blöden Ant- 
worten auf gute Fragen nicht endlos wiederholen. 
Ob die Epoche, in der Zukunft gestern war, an ein 
Ende kommt, hängt deshalb auch davon ab, wie fe- 
ministische Gesellschaftskritik weiterentwickelt 
werden kann, ohne die Fehler der vorangegangen 
Generationen zu wiederholen, oder zu behaupten, 
sie überspringen zu können. 


Felicita Reuschling 


FELICITA REUSCHLING | 

lebt und arbeitet in Berlin als Kuratorin und Auto- 
rin. Sie arbeitet zu feministischer Ökonomiekritik, 
insbesondere care work, reproduktiver Arbeit, 
Geschichte der feministischen Theorie und den 
Verbindungslinien von materialistischer Gesell- 
schaftskritik und Geschlechterverhältnis. 


Karolin Reinhold 


„To put it in most base terms: Malintzin, also 
called Malinche, fucked the white men who con- 
quered the Indian peoples of Mexico and destroy- 
ed their culture“(Moraga 1983:90). 

Was die Feministin Cherrie Moraga hier so 
schön pointiert formulierte, bezeichnet tatsäch- 
lich die lange vorherrschen- 


oder Dona Marina genannte 

(ihre indigenen Namen lauten Malinalli-Tenepal 
oder Malintzin) ist in dem Zusammenspiel ihrer 
Rollen als indigena!, Sklavin, Übersetzerin, Verrä- 
terin, Mutter, Hure allen Mexikaner_innen ein Be- 
griff. Von der historischen Person ist wenig bekannt, 
doch ist sie wiederholt Thema zahlreicher Bearbei- 
tungen in Geschichtsschreibung und Literatur. 
Als gesichert gilt, dass sie als Teil einer Gruppe 
Frauen oder Mädchen im April 1519 in Tabasco 
Hernän Cortes, einem spanischen Konquistador, 
der 1521 das Aztekenreich eroberte, und seinen 
Soldaten übergeben wurde und von einem spani- 
schen Priester auf den Namen Marina getauft wur- 
de. Cortes und Malinche hatten eine sexuelle Bezie- 
hung aus welcher Martin Cortes hervorging, später 
wurde sie mit dem Konquistador Juan Xaramillo 
verheiratet und hatte auch mit diesem ein Kind, 
eine Tochter. Nach 1526 verliert sich ihre Spur.? 


La lengua - die Stimme 


La Malinches Wirken als Übersetzerin für die Er- 
oberer ist die „Schlüsselfunktion“ ihrer Person 
und bedingt die daraus folgenden Diskurse. Ihre 
Kenntnis der Maya- und Nahuatl-Sprache, und der 
Umstand, dass sie das Kastilische rasch erlernte, 
machte sie zur lengua - zur Zunge, zur Sprache. So 
trat La Malinche aus der Masse der Sklav_innen 
heraus. Ihre über die bloße Übersetzertätigkeit 


La Malinche 


— Hurenmutter der Nation 


hinausgehende Bedeutung als faraute (vom fran- 
zösischen herault) - Kundschafterin, Interpretin, 
die Fähigkeit, die Verbindung zwischen zwei Kul- 
turen herstellen zu können - ist einzigartig in der 
Geschichte der Eroberung Amerikas, in welcher 
Frauen als Teil der Kriegsbeute lediglich Versor- 
gerinnenfunktionen inne- 


de Meinung zu einer der be- IHR KÖRPER WIRD hatten, welche die Bedürf- 
kanntesten Frauenfiguren ALS GEFÄSS, ALS nisse der Soldaten bedien- 
der mexikanischen Ge- KOMMUNIKATIONSMITTEL ten: Essen und Sex. Frauen 
schichte. Die von den Spa- standen generell den jewei- 
nier_innen u.a. La Malinche BENUTZT. ligen Siegern der Konflikte 


einfach zur Verfügung und 
so wurden die Indigenas als Teil der Kriegsbeute 
von den Spaniern bis 1532 gemäß ihres reinen Ob- 
jektstatus als piezas, Stücke, im reinsten Wortsin- 
ne gebrandmarkt. La Malinche hingegen wird auf 
Kodizes, Bilderhandschriften wie dem Lienzo de 
Tlaxalca, zentral gezeigt und in den spanischen 
Berichten als ehrbare Dame — Donia — oder Seniora 
Marina bezeichnet und der Name auf Cort6s über- 
tragen, der Capitän Malinche genannt wurde (vgl. 
Diaz del Castillo: 193f). Es scheint, als habe die 
Sklavin durch ihre Lengua Subjektstatus erhalten, 
wobei nicht vergessen werden darf, dass sie schon 
vor ihrer „Übereignung“ an die Spanier unfrei war 
und sozusagen weiter verschenkt wurde.? Doch ihre 
Stimme ist nicht unabhängig, ihr Körper nicht 
selbstbestimmt, denn Cortes äußert sich durch sie 
hindurch. Die Lengua, ihre Zunge, ist entäußert 
und steht als pars pro toto - ihr Körper wird so als 
Gefäß, als Kommunikationsmittel benutzt. Dies un- 
terstreicht auch ihre Wiedergabe in der indirekten 
Rede in der Chronik Bernal Diaz del Castillos. 


La madre chingada - 
Die mexikanische Eva 


Ihre Rolle als Traductora wandelt sich in eine Tra- 
ditora - von der Übersetzerin zur Verräterin - in 
den Diskursen um die Unabhängigkeit Mexikos. 
Ein historischer Ausgangspunkt ist die von den 


1 Da der Begriff India/o pejorativ 
konnotiert ist, wird in diesem 
Artikel das wertneutralere indf- 
genas verwendet, welches keine 
adäquate Übersetzung im Deutschen 
besitzt. 


2 Barbara Dröscher stellt das 
Befremdliche daran heraus, denn 
„[wlährend der Mangel an Daten 
über ihre Vorgeschichte noch aus 
der Indifferenz gegenüber einer 
zunächst ja nicht aus ihrem Umfeld 
hervorgetretenen Frau zu erklären 
ist, erweckt der Mangel an Daten 
über den Fortgang ihrer Lebensge- 
schichte doch Erstaunen, insbe- 
sondere angesichts der Tatsache, 
daß über Marinas Ehemann, Juan 
Xaramillo, diverse Quellen vorhan- 
den sind. Malinches Spur dagegen 
verliert sich in Erbstreitigkei- 
ten. Kein Dokument, kein Grabstein, 
keine Notiz kündet von ihrem Tod. 
Sie verschwindet spurlos aus 

der Geschichte“ (Dröscher/Rincön 
2001: 23). 


3 Die nicht gesicherte Überlie- 
ferung ihrer Herkunft lässt viel 
Platz für Legendenbildung, dich- 
terische Phantasien und Praktiken 
im Sinne des Selbstverständnis- 
ses der Chronisten. Bernal Diaz 
del Castillo inszeniert sie 

als schöne, eloquente und kluge 
Aztekin vornehmer Abstammung 
die verkauft wurde, um die Erban- 
sprüche ihres jüngeren Bruders 
nicht zu gefährden. Sonia Rose- 
Fuggle (1991) begreift La Malin- 
che in Diaz del Castillos Bericht 
sogar als narrativisches Element 
im Kontext eines nach Art des 
Ritterromans entworfenen Texts. 


Ef xog ey4 eprsıno 


19 


NFUYaa9 


GEBÄREN 


62 


Outside the Box #3 


4 Bezeichnend in dieser Episode 
in der Darstellung der spanischen 
Chronisten ist die Wiedergabe 
Malinches in direkter Rede. Sie 
wird so als Subjekt der Loyalität 
gegenüber den Konquistadoren 
inszeniert. 


5 Bereits 1942 veröffentlichte 
Rub&n Salazar Mallen einen Arti- 
kel zu dem Malinche-Komplex, 
welcher allen Mexikaner_innen 
innewohne und bedeute, dass eine 
vom Unterbewusstsein gesteuerte 
Bereitschaft existiere, welche 
dazu führe, dem „Fremden“ Tribut 
zu zollen und das „Eigene“ zu 
verachten. Diese Unterwürfigkeit 
werde durch Malinche symboli- 
siert und ist bei Salazar Mallen 
zudem generell eine Eigenschaft 
indigener Kulturen (vgl. Leitner 
2009:180ff). 


6 Nach Octavio Paz bezeichnet 
das Wort chingar, dass über etwas 
oder jemanden Gewalt ausgeübt 
wird. Es sei ein maskulines, ak- 
tives Verb, wohingegen das femi- 
nine Substantiv la chingada als 
Passivität in Reinform verstan- 
den wird. Malinche repräsentiere 
die „wehrlose* Chingada. Im Ge- 
gensatz dazu sei der Macho die 
Verkörperung des chingön, beispiel- 
haft nennt Paz die spanischen 
Eroberer. 


7 Das Chicano-Movement formierte 
sich parallel zu den politischen 
Bewegungen der 1960er Jahre in den 
USA und protestierte u.a. gegen 
Rassendiskriminierung, den Viet- 
namkrieg, die Lebensbedingungen 
der Landarbeiter_innen. Im na- 
tionalen Diskurs der Chicanas/os 
wurde das mythische Homeland der 
Azteken Atzlän zum Symbol, wel- 
ches auf den gemeinsamen (sowohl 
kulturellen wie auch geographi- 
schen) Ursprung verweist und das 
Konzept der Mestizaje mit politi- 
schen und kulturellen Forderun- 
gen vermengt. Diese homogeni- 
sierte kollektive Identität, die 
auf binären Identitätskonstruk- 
tionen fußte, wurde erst durch das 
Chicana-Movement in Frage gestellt. 


8 Als prominentes Beispiel kann 
hier Armando Rendöns Chicano 
Manifesto von 1971 zitiert wer- 
den: „We Chicanos have our share 
of malinches, which is what we 
call traitors to la raza who are 
of la raza, after the example 

of an Aztec woman of that name 
who became Cort&äs’ concubine un- 
der the name of Dofia Marina, 

and served him also as an inter- 
preter and informer against 

her own people. The malinches are 
worst characters and more dange- 
rous than the Tio Tacos, the 
Chicanismo euphemism for an unc- 
16 Tan. Bo. 
gringo, malinches attack 


In services of the 
their 
own brothers, betray our dignity 
and manhood, cause jealousies 
and misunderstandings among us, 
and actually seek to retard the 
advance of the Chicanos, if it 
benefits them - while the gringo 
watches“(Rendön 1971: 96£). 


Chronisten beschriebene Denunziation der Ver- 
schwörung von Cholula 1519 durch Malinche, die 
mit einem Massaker an den Einwohner_innen en- 
dete*. Von Moctezuma initiiert sollte diese zum 
Ziel haben, die Eroberer des Nachts in Cholula, 
dem zentralen Heiligtum des Gottes Quetzalcoatl, 
zu überfallen. Malinche soll durch eine alte Frau 
von dem Plan erfahren haben und denunzierte 
das Vorhaben. Mit dem Gebären ihres Sohnes, des 
symbolisch ersten „Mestizen“, beginnt der „mexi- 
kanische Ödipuskomplex“. 

Der Begriff “Mestize/Mestizin“ ist rassischen Ur- 
sprungs und bezeichnet Menschen, bei denen ein 
Elternteil „europäischer“ und der andere „india- 
nischer“ Herkunft war. Die so genannten „Mesti- 
zen“ stellen in den meisten süd- und mittelameri- 
kanischen Ländern die Bevölkerungsmehrheit 
oder einen großen Bevölkerungsanteil. Dennoch 
war ihnen politische Einflussnahme lange verwei- 
gert. Das von dem spanischen auf den amerikani- 
schen Raum übertragene „Statut zur Blutreinheit“ 
(Estatuto de limpieza de sangre) verhinderte, dass 
die indigene und mestizische Bevölkerung öffent- 
liche, politische Positionen einnehmen konnte. So 
gab es ein sehr ausdifferenziertes Kastensystem, 
orientiert an rassischen Kategorien. In Anlehnung 
an die europäische Definition der Nation als eine 
Art „Volksgemeinschaft“, die aufgrund von ethni- 
schen Kriterien bestimmt wird, wurde im Rahmen 
der Nationenbildung in Lateinamerika versucht, 
das Modell einer „gemischten“ Nation, repräsen- 
tiert durch die „MestizInnen‘“, zu etablieren. So 
sprach der mexikanische Intellektuelle und 
Bildungsminister Jos& Vasconcelos 1925 von „La 
raza cösmica“ und sah diese als Grundlage einer 
neuen von Lateinamerika ausgehenden allumfas- 
senden Kultur an. 
In diesem Sinne 
wird das Konzept 
der Mestizaje im 
Nationenbildungs- 

prozess Mexikos 
das wichtigstes Ele- 
ment, da es als 
Grundlage des Mo- 
dells der Mexicani- 
dad das Nebenein- 
ander von Mythen, 
Erzählungen und 
Anekdoten bündeln 
sollte, um eine kollektive Geschichte zu schaffen, 
die die nationalstaatliche Autorität wiederherstel- 
len sollte. Die mexikanische Revolution markiert 
den Beginn einer umfassenden kulturellen Insze- 
nierung eines nationalen Sozialpakts, einer „nati- 
onalen Familie“, die eine homogene Verbindung 


DURCH DEN „SÜNDENFALL“ DER 
MUTTER MALINCHE WERDE DIESE ZUR 
VERRÄTERIN UND 
VERANTWORTLICHEN FÜR DAS NICHT 
VERARBEITETE TRAUMA DER „SÖHNE“, 
DER ILLEGITIMEN ZEUGUNG UND 
GEBURT. DIES FÜHRE ZUR MASSIVEN 
MISSACHTUNG DER MUTTER UND 
ÜBERHÖHUNG DES VATERS. 


Karolin Reinhold 


des europäisch-spanischen mit dem india- 
nisch-prä-kolumbianischen Erbe anstrebte (vgl. 
Baxmann 2007:13f). 

Neben diesem Entwurf eines kulturellen „Vermi- 
schungsprozesses“, als dessen Initiatorin Ma- 
linche verstanden wird, gilt sie andererseits in der 
Abwendung von ihren indigenen Wurzeln als Ver- 
räterin der Nation — als Hurenmutter, die ihren 
Eigennutz über das Wohl ihres Volkes stellte. 
Octavio Paz’ 1950 veröffentlichte Essaysammlung 
El laberinto de la soledad (Das Labyrinth der 
Einsamkeit) wurde zum Referenzpunkt in der 
postrevolutionären Auseinandersetzung Mexikos 
um kulturelle Identitätsdiskurse.° Die Eroberung 
Mexikos versteht Paz als gewaltsamen Akt, als 
symbolische Vergewaltigung der aztekischen Kul- 
tur (neben den unzähligen reellen Vergewaltigun- 
gen): „Dona Marina ist zu einer Gestalt geworden, 
die für alle jene Indiofrauen steht, die von Spani- 
ern verzaubert, verführt, vergewaltigt worden sind“ 
(Paz 1950/1998:89). Durch den „Sündenfall“ 
der Mutter Malinche, da sie sich Cortes „freiwillig“ 
bzw. „passiv“ hingegeben habe, werde diese zur 
Verräterin und Verantwortlichen für das nicht 
verarbeitete Trauma der „Söhne“, der illegitimen 
Zeugung und Geburt. Dies führe zur massiven 
Missachtung der Mutter und Überhöhung des 
Vaters. Malinches Verhalten stehe als Paradigma 
für weiblichen Verrat und die Identitäts- 
problematik der Mexikaner_innen. Sie repräsen- 
tiere die geschändete Urmutter im Kontrast zur 
„intakten“ Jungfrau. 

Die Diskurse um den Begriff Mestizaje geraten 
mit dem Chicano-Movement” ab den 1960er Jah- 
ren in den USA in Bewegung. Die mexikanisch- 
amerikanische Bevölkerung konstruierte sich 
als „imaginierte na- 
tionale Gemein- 
schaft - La Raza -, 
deren Basis über 
die gemeinsamen 
kulturellen und his- 
torischen Wurzeln, 
über die Vision ei- 
ner »bronze people 
with a bronze cul- 
ture< und über die 
Abgrenzung von 
»Anglo-Amerika« 
definiert wurde“ 
(Pisarz-Ramirez 2005: 209). Die zunächst auf mas- 
kuline Privilegien ausgerichtete misogyne Chicano- 
Kultur mit der weiteren sexualisierten Zuschrei- 
bung Malinches als Traductora/Traditora® wird 
nach und nach durch das Chicana-Movement 
durchbrochen. Die Protagonist_innen bieten 


Karolin Reinhold 


neue Interpretationen und feministische Um- 
wertungen der Figur Malinche und des Begriffs 
der Mestizaje: 


What I want is an accounting with all three cultures 

— white, Mexican, Indian. And if going home is denied 
me then I will have to stand and claim my space, ma- 
king a new culture - una cultura mestiza — with my own 
lumber, my own bricks and mortar and my own femi- 
nist architecture (Anzaldüa 1987/2007:22). 


Die doppelte Marginalisierung der Chicanas 
durch den „als racially different ausgegrenzte[n] 
mestizische[n] Körper“ (Pisarz-Ramirez 2005: 6) 
und ihrem Geschlecht, führt zu einer Kombinati- 
on der Fragen nach racial und gender equality 
und weist dem Körper einen besonderen Stellen- 
ert als Ort des Widerstandes zugeschriebener 
Identitäten zu. Er wird als hybrides Produkt ver- 
‘standen, als Grenzraum, in welchem Differenzen 
verhandelt werden können: 


[T]he human body, our body, [...] is our true site for 
creation and materia prima. It's our empty canvas, 
musical instrument, and open book; our navigation 
chart and biographical map; the vessel for our ever- 
changing identities; the centerpiece of the altar [...] 
our body remains the matrix of the piece. Our body is 
also the very center of our symbolic universe [...] and at 
the same time, a metaphor for the larger sociopolitical 
body. Our bodies are also oceupied territories. Perhaps 
the ultimate goal of performance, especially if you are a 
woman, gay, or a person »of color: is to decolonize our 
bodies and make these decolonizing mechanisms 
apparent. (Gömez-Penia 2005: 23f.). 


Malinche wird zu einem Ort dieser Verhandlun- 


nbetween 


Die Opfer- bzw. Verräterinnenrolle La Malinches 
tt für Tzvetan Todorov und Stephen Greenblatt 
in Anbetracht ihrer Rolle als Vermittlerin, „als 

‚das erste Beispiel und damit auch das Symbol für 
lie Vermischung der Kulturen“ (Todorov 1985: 
124), in den Hintergrund: 


Doüa Marina is at once a figure on the margins and at 
the center, both an outcast and a great lady ... Object 
of exchange, agent of communication, model of conver- 
sion, the only figure who appears to understand the two 
eultures, the only person in whom they meet - Dona 
Marina is a crucial figure in The Conquest of New 
Spain. (Greenblatt 1991:142f).? 


In den Diskursen der Chicanakultur wird Malin- 
che ebenfalls zur Grenzgängerin, zur „Metapher 
ihrer eigenen Situation“ (Dröscher 2001:33) als 
Borderidentity. Gleich den Chicanas spricht auch 
‘sie mit Maya, Nahuatl und Castillano, „a language 
creation, a language suspended (yes) between 


English and Spanish“(Perez-Torres 1998:173). 
Der Zwischenraum, die Borderlands, in welchen 
die Chicanas/os verortet sind, wird nicht nur im 
Hinblick auf geographische Konzepte verstanden, 
sondern ist u.a. von Gloria Anzaldüa als Ort ver- 
handelbarer, nomadischer Identitäten entworfen 
worden. Sie stellte somit die auf bipolare Gegen- 
sätzlichkeit basierte essentialistische Identitäts- 
konzeption des Chicano-Movement in Frage und 
etablierte die Kategorie Chicana/o als performa- 
tives Konzept. Im Kontext dieser Entwicklungen 
wird Malinche zu einer Symbolfigur fragmentier- 
ter und transkultureller Identität umgewandelt, 
die die Metanarrativiken der Nationen in Frage 
stellt und diese dekonstruiert. Sie dient als 


conceptual spring board from which the Chicanas 
address and/or work-out, on the one hand, the inner 
tensions and contradictions present in their own natio- 
nal and cultural identity, in their role of bridge between 
two cultures and hyphenated peoples — Mexican and 
American -, and on the other hand, re-elaborate an 
image ofthemselves that challenges, undermines, 
subverts the masculinist construe or definition ofthe 
female image, identity, and sexuality (Birmingham- 
Pokorny 1996:122). 


In diesem komplexen Spiel von Identität und 
Differenz, der Revision der Paradigmen um das 
Eigene und das Fremde, vollzieht Malinche stete 
Schwellentransformationen und wird so zu einer 
„Tanzfigur der Uneindeutigkeit“ (Leitner 2009: 
304). 


KAROLIN REINHOLD 
lebt in Leipzig und promoviert über irgendwas mit 
Comics, Hybridität und den Amerikas. 


9 Jean Franco kritisiert an den 
Überlegungen, dass Greenblatt 
und Todorov den diesem Verhältnis 
zugrunde liegenden Gewaltakt der 
Vergewaltigung verschleiern (vgl. 
Franco 1996/2001:43). 


€} zog ey4 oprsıno 


£9 


NaUyES9 


GEBÄREN 


64 


Outside the Box #f3 


Literaturverweise: 


Anzaldüa, Gloria: Borderlands/La 


Frontera. The New Mestiza. San Fran- 
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Baxmann, Inge: Mayas, Pochos und 
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München 2007. 


Birmingham-Pokorny, Elba: La 


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Diaz del Castillo, Bernal: Historia 
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Dröscher, Barbara/ Rincön, Carlos 


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S. 41-61. Gömez-Pefa, Guillermo: Eth- 
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Chicago 1991. Leitner, Claudia: Der 
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bios. Boston 1983. Paz, Octavio: 


Das Labyrinth der Einsamkeit. Frank- 


furt a. M. 1950/1998. 


Anzeigen 


lies doch mal die 


Pörez-Torres, Rafael: Chicano Ethni- 
city, Cultural Hybridity, and the 

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ture Vol 70, No.l. 1998. S. 153-176. 
(http://www.jstor.org/stable/2902459) 


Pisarz-Ramirez, Gabriele: MexAmeri- 


ca. Genealogien und Analysen post- 
nationaler Diskurse in der kulturel- 
len Produktion von Chicanos/as. 
Heidelberg 2005. 


Potthast, Barbara: Von Müttern und 
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Lateinamerikas. Wuppertal 2003/2010. 
Rendön, Arnoldo: The Chicano Ma- 
nifesto. New York 1971. 


Rose-Fuggle, Sonia: Bernal Diaz del 


Castillo frente al otro: Dona Ma- 
rina, Espejo de Princesas y de Damas. 
In: Redondo, Augustin: La reprösen- 
tation de l’Autre dans l‘&space ibe- 
rique et ib&ro-am&ricain. Paris 1991. 


Todorov, Tzevetan: Die Eroberung 


Amerikas. Das Problem des Anderen. 
Frankfurt a.M. 1985. 


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278 
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Patrick Dratzmith 


Die Deutschen bekommen nicht genug. Anstatt 
ch zu freuen, so glimpflich mit der Vernichtung 
der europäischen Jüdinnen und Juden davonge- 
mmen zu sein, versuchen ihre mutigen Reprä- 
$entantinnen und Repräsen- 


gung wie des Dankes der 
‚schweigenden Mehrheit sicher sein konnte. Weit 
nteressanter als Hermans Äußerungen waren die 
Reaktionen dieser überaus mitteilungsbedürfti- 
sen Mehrheit: tausende Blog- und Forenbeiträge 
ind Zuschriften an Redaktionen, Fernsehsender 
ind die an der öffentlichen Diskussion Beteilig- 
ten. Zu letzteren gehörte etwa Wolfgang Wipper- 
nann, der in seinem Buch Autobahn zum Mutter- 
kreuz zu dem Schluss kommt, dass die Deutschen 
ich nicht nur die Dankbarkeit für das „größte 
Denkmal, das an Hitler erinnert“', die Autobahn, 
nicht verbieten lassen wollen. Nein, sie klammern 
‚sich auch hartnäckig an den Rockzipfel der Nazi- 
Mutter.” Diese ist zwar nicht aus Beton, aber viel- 
feicht ist sie gerade deshalb für die Ewigkeit ge- 
nacht. Denn sie ist nicht kalt und hart wie die 
utobahn, sondern warm und weich und spendet 
das Leben. Wer also für die Mutter so viel Gutes 
etan hat wie der Hitler, kann ja gar kein so 
schlechter Mensch gewesen sein. 
Diejenigen, die zu diesem Schluss kommen und 
für sich im postnazistischen Deutschland die Sor- 
te um das Wohl der Familie reklamieren, haben das 
Bedürfnis, Nazi-Deutschland um jeden Preis zu 


Haken des 


Mutterkreuzes 


| NS-Geburtenpolitik als Gegenstand der 
postnazistischen Geschichtsklitterung 


rehabilitieren. Sie verraten sich dadurch, dass sie 
sich überhaupt nicht um die Realität der NS- 
Familienpolitik scheren. Dieses zwanghafte Bemü- 
hen, auch mal die guten Seiten eines totalitären Sys- 

tems aufzuzeigen, das durch 


lanten alle Jahre wieder, das DENN DER NS BEFAND die volksgemeinschaftliche 
!inzufordern, was sich so viele SICH IN DEM BEREITS Ermordung der Jüdinnen 
still wünschen: auch einmal UMRISSENEN DILEMMA, und Juden zusammen gehal- 
lie guten Seiten des National- ten wurde und es von daher 
ozialismus würdigen zu dür- DIE FAMILIE MITTELFRISTIG unmöglich ist, nur einen 
fen. Die letzte Meinungsmär-  ZERSTÖREN ZU WOLLEN, winzigen, noch so entlege- 
rerin war Bei eg die KURZFRISTIG ABER AUF SIE nen Teil aus diesem Ganzen 
ch der Empörung der öffent- herauszutrennen, der nicht 
lichen Vergangenheitsbewälti- ANGEWIESEN ZU SEIN. das Zeichen der Vernichtung 


trägt, zielt immer auf die Re- 
lativierung der Shoah ab. Es ist deshalb so offen- 
sichtlich zwanghaft, da diese Bemühten geflissent- 
lich ignorieren, dass der NS beileibe kein 
Schutzpatron der Familie gewesen ist, wie es 
Claudia Koonz in Mütter im Vaterland deutlich 
macht: „Während die Propaganda die Familie |...] 
pries, trieben die Forderungen des neuen Staates 
faktisch ihre Auflösung voran.“” Darum führt auch 
die Bezeichnung des Nationalsozialismus als „kon- 
servative Revolution“ in die Irre, hatte er es doch 
nicht zuletzt auf die konservativen Heiligtümer 
Staat, Kirche und Familie abgesehen. Seine 
Feindseligkeit diesen drei Institutionen gegenüber 
konnte der NS hingegen gut kaschieren, da in Be- 
zug auf alle drei eine Diskrepanz zwischen öffent- 
lichen Absichtserklärungen und politischem Han- 
deln existierte. Was den Staat anbelangt, lässt sich 
der Erfolg der national-sozialistischen Selbstdar- 
stellung daran erkennen, dass die Auffassung, der 
NS sei ein monolithischer Staat gewesen, immer 
noch sehr weit verbreitet ist. Tatsächlich verhält es 
sich jedoch so, dass, wie Franz Neumann schon 
früh erkannte, nach der anfänglichen Verfolgung 
der Totalitätsdoktrin der Staat sich zusehends in 


1 Aus einem LeserInnenbrief an 
die Bild-Redaktion. Dokumentiert 


in: Wippermann, Wolfgang: Autobahn 


zum Mutterkreuz. Historikerstreit 
der schweigenden Mehrheit: Berlin 
2008. S. 113. In dem Buch wird ein 
guter Überblick über die gesamte 
Herman-Kontroverse gegeben und 
auch die Zustimmung der schwei- 
genden Mehrheit zu Hermans Posi- 
tionen eingehender untersucht. 


2 Vgl. ebd. S. 80. 


3 Koonz, Claudia: Mütter im Va- 


terland. Frauen im Dritten Reich. 


Freiburg (1986) 1991. S. 211. 


4 Vgl. Stephenson, Jill: Women 
in Nazi Society. London 1975. S. 
66-70. Die lesenswerte Studie 
Stephensons ist eine der ersten 
umfassenden zur Situation und 
Rolle der Frau im Nationalsozia- 
lismus und steht nicht im Bann 
der „Deutsche Frauen waren auch 
Opfer“-Erzählung, die zu der Zeit 
noch in der bundesrepublikani- 
schen Frauenforschung die vor- 
herrschende gewesen sein soll; 
wenn auch eine Bemerkung zum 
Scheitern der „4 Kinder plus“-Po- 
litik im Sinne eines heimlichen 
Gebärstreiks verstanden werden 
kann (Vgl. ebd. S. 70). 


£/ xog ©y4 oprsıno 


9 


nauyas9 


GEBÄREN 


66 


Outside the Box #3 


5 Zur Abkehr von der Totalitäts- 
doktrin s. Behe- 
moth. Struktur und Praxis des 
Nationalsozialismus 1933-1944. 
Frankfurt am Main (1944) 1984. 

S. 75-79.; Zur Bestimmung des NS 
BbU..:SK) I6cdß. 
„Banden“ meint hier mit 


Neumann, Franz: 


als „Unstaat“: 
5Aalff.; 
Neumann in Bezug auf den NS auto- 
nome Interessengruppen, bspw. 

die NSDAP, die „ihre eigene legis- 
lative, administrative und judi- 
kative Gewalt“(Ebd.. S. 542) 
besitzen, zwischen denen Kon- 
flikte informell, jenseits einer 
allgemein verbindlichen Rechts- 
grundlage ausgetragen werden, 
über denen also kein Staat als 
vermittelnde Instanz waltet. 


6 Vgl. Stephenson, J.: Women in 
Nazi Society. a.a.O. S. 196. 


7 So schwebte manchen NS-Visio- 
nären die Bigamie als Alternative 
vor. Vgl. ebd. S. 70. 

8 Vgl. Bleuel, Hans Peter: Das 
saubere Reich. Die verheimlichte 
Wahrheit. Eros und Sexualität 

im Dritten Reich. Bergisch Glad- 
bach (1972) 1979. S. 204£. 


9 Pohrt, Wolfgang: Die schwei- 
gende Mehrheit vor der Verwirkli- 
chung ihrer geheimen Wünsche 
durch ihre Opfer bewahren. In: Ge- 
walt und Politik. Ausgewählte 
Reden und Schriften. Berlin (1981) 
201048.85-90u 84489 


7: Po ESF Tr, RE ET ER, ST 


einen Unstaat verwandelte, in dem die verschie- 
denen Banden um Herrschaft rangen.? Nun ist 
Bande nicht gleich Bande und obwohl sie alle we- 
nigstens der Antisemitismus einte, gab es selbst 
bei der Frage, wie die in ihm angelegte Vernich- 
tungspolitik aussehen soll, Differenzen. Die be- 
sagte Diskrepanz und die Widersprüche inner- 
halb der nationalsozialistischen Bewegung sind 
also nicht nur einer Verschleierung der antikon- 
servativen Stoßrichtung des NS geschuldet, son- 
dern auch Ergebnis des instabilen Kräfteverhält- 
nisses zwischen den Banden. Es gab durchaus im 
klassischen Sinne rechtskonservative Kräfte im 
NS, deren Herz an den genannten konservativen 
Heiligtümern und der deutschen Nation hing. 
Diesen musste man eine Zeit lang Zugeständnisse 
machen, doch die Visionäre des tausendjährigen 
Reiches, wie zum Beispiel Heinrich Himmler, 
wollten sich so schnell wie möglich von den Fes- 
seln des Althergebrachten lösen. In der Phase, in 
der die Konservativen noch mit Konzessionen be- 
friedigt werden sollten, konnten sich christliche 
Nazis in dem Glauben wiegen, ihr Glaube sei der 
des Nationalsozialismus. Diesem war jedoch kon- 
sequenterweise nicht nur jeder „Judengott“ zuwi- 
der, er gewährte 
auch dem Chris- 
tentum nur eine 
Schonzeit, um es 
letztendlich mit 
Thors Hammer zu 
zerschmettern. Für 
die Familie gab es 
in der Vision des 
tausendjährigen 

Reiches genauso 
wenig Platz, da sie 
allein wegen der bescheidenen Rückzugsmöglich- 
keit, die sie trotz allem bot, dem NS ein Dorn im 
Auge sein musste.° Dieser sollte entfernt werden, 
um kühnen Blickes die mit den modernsten medi- 
zinischen Techniken kontrollierte archaische Sippe 
zu verwirklichen.” In der Übergangszeit allerdings 
war der Nationalsozialismus für die Verwirkli- 
chung des Vernichtungskriegs und im Gehorsam 
gegenüber seinem Wahn vom Überlebenskampf 
der arischen Rasse auf die Familie angewiesen: die 
vorläufig zuverlässigste Quelle des so dringend be- 
nötigten Menschenmaterials. Wenn sich aber ein- 
mal einer, wie z.B. Rudolf Hess, doch nicht zurück- 
halten konnte und, wie es sich für einen 
antibürgerlichen Revolutionär geziemt, Vorstöße 
zur Auflösung der Familie unternahm, wurde Em- 
pörung laut und andere Ideologen beeilten sich, 
diese Kühnheit zu relativieren, um die Ruhe zu 
wahren. Nur wäre es falsch, vor dem Hintergrund 


ar N ._ı\ı.. 


We 


DER APPELL AN DIE DEUTSCHE FRAU, 
IHREN KÖRPER FÜR DEN DIENST AM 
VOLK NOCH FRUCHTBARER ZU 
MACHEN, IST VOM GEIST DER 
MILITARISIERUNG DER MUTTERSCHAFT 
ERFÜLLT, IN DESSEN SINN AUCH DAS 
MUTTERKREUZ VERLIEHEN WURDE. 


Be DA ee ne A Dr = 


Patrick Dratzmith 


dieser oder vergleichbarer Begebenheiten mit 
Hans Peter Bleuel zu dem Schluss zu kommen, 
dass die Volksgemeinschaft für derartige radikale 
Schritte noch nicht bereit gewesen sei.° Denn dies 
behauptet eine Trennung zwischen eben dieser 
Nazigemeinschaft und der führenden Clique, die 
es so nicht gegeben hat. Auch wenn die Idee der 
Abschaffung der Familie zuerst eine Kopfgeburt 
jener Visionäre war, mussten sie diese nicht gegen 
den Willen der Masse durchsetzen. Sie fanden ge- 
rade dort, insbesondere unter den fanatisierten 
Jüngeren, willige Anhängerinnen und Anhänger, 
die die totale Umwälzung des Bestehenden voran- 
trieben, was die Grundlage des Generationenkon- 
flikts nationalsozialistischer Prägung bildete. 
Wolfgang Pohrt verweist auf diesen Konflikt, 
wenn er das Verhältnis zwischen Volksgemein- 
schaft und Familie, welches er auch im postnazis- 
tischen Deutschland fortbestehen sah, mit den 
folgenden Worten auf den Punkt bringt: „diese 
Volksgemeinschaft kennt zwar Muttertage und 
Mutterkreuze, Müttergenesungswerke und Kin- 
dergeld [...]; in Wahrheit aber kennt sie wie der 
Hitlerjunge, der seine Eltern bei der Partei ver- 
pfiff, weder Brüder noch Schwestern, weder El- 
tern noch Kinder, son- 
dern sie unterscheidet 
nur zwischen sich selbst 
als dem verstaatlichten 
Zwangskollektiv, der 
Verfolgergemeinschaft, 
und ihren auszumer- 
zenden Feinden.“® Der 
Nationalsozialismus 
trieb die Atomisierung 
der Gesellschaft voran, 
löste die Einzelnen aus 
dem traditionellen repressiven Zwangsverband, 
der Familie, heraus, um sie in etwas noch Schlim- 
merem, der Volksgemeinschaft, zusammenzufas- 
sen. Es wurde die Aufhebung der Widersprüche 
zwischen Kapital und Arbeit, Männern und Frau- 
en versprochen, wenn sich nur alle gleichermaßen 
an der Vernichtung der Juden beteiligten. 


Damit kein Missverständnis entsteht: gemäß der 
NS-Programmatik sollten die Widersprüche zwi- 
schen Männern und Frauen durch eine harmoni- 
sche Ergänzung der behaupteten geschlecht- 
lichen Gegensätze erreicht werden. Was sich wie 
aus einem spirituellen Lebensratgeber entnom- 
men anhört, bedeutete rechtlich erhebliche 
Einschränkungen für Frauen, die die bescheide- 
nen, wenigstens formell in der Weimarer Republik 
verwirklichten Freiheiten wieder aufhoben: 
Zurückdrängung aus höheren Berufen, den 


Patrick Dratzmith 


Universitäten, Ausschluss aus den politischen Ent- 
heidungsstrukturen, Vormundschaft des Ehe- 
manns.' Zusätzlich wurde das Abtreibungsrecht 

srschärft und nach der Verabschiedung des Ge- 
zes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses 
rden zwar gleichermaßen hunderttausende 
auen und Männer zwangssterilisiert, aber diese 
griffe hatten für weitaus mehr Frauen tödliche 
gen.!! Es wäre jedoch falsch zu sagen, der Na- 
lonalsozialismus sei außergewöhnlich frauen- 
[eindlich gewesen und nur dort habe der Staat das 
tperliche Selbstbestimmungsrecht von Frauen 
achtet — denn leider sah es in anderen europä- 
schen Ländern, besonders den römisch-katho- 
ch geprägten wie bspw. Frankreich, kaum an- 
rs aus. Es gab dort zur selben Zeit nicht nur eine 
enauso restriktive Abtreibungspolitik, sondern 
benfalls einen ähnlich verbissen geführten 
tampf gegen Empfängnisverhütung.'* Auch wenn 

e nationalsozialistische Ehegesetzgebung, nach 
nur „erbgesunde“ und „arische“ Paare eine 
e schließen durften, tatsächlich stärker in das 
rivatleben eingriff als in anderen Ländern, be- 
(eutet das nicht, dass ein ähnliches Gesetz dort 
ht möglich gewesen wäre. Im Gegenteil: Euge- 
fand in ganz Europa in allen politischen Spek- 
ten Anhängerinnen und Anhänger und auch die 
orge, das eigene Volk sterbe aus, war mitnichten 
in spezifisch deutsches Phänomen. Selbst die 
wangssterilisation von als „erbkrank“ deklarier- 
ı Frauen und Männern wurde nicht allein von 
en NationalsozialistInnen betrieben, sondern 
h in anderen Staaten, wie z.B. in der Schweiz, 
weden und den USA, teilweise mehrere Jahr- 
‚ehnte lang durchgeführt." 


Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik 
nachte nicht zuletzt durch ihren Kampf gegen die 
btreibungsgesetzgebung darauf aufmerksam, 
lass die Missachtung des körperlichen Selbstbe- 
fimmungsrechts von Frauen keine nationalsozia- 
stische Eigenart gewesen ist. Damit hatte sie den 
eisten Deutschen etwas voraus, die, wenn sie 
vicht insgeheim den Verlust des Führers und der 
olksgemeinschaft betrauerten, nichts von den ge- 
iellschaftlichen Voraussetzungen des National- 
jozialismus und dessen Fortwesen in seinen Nach- 
olgestaaten wissen wollten. Jedoch ging aus 


134-142. 
nd für eine Kritik der Subsumierung des 

$ unter den Begriff des Patriarchats s. S. 
(Fußnote 578); S. dazu auch Walterspiel, 
‚zweite Geschlecht‘ und das ‚Dritte 
FESTE 


riedfertige Antisemitin?. a.a.0.. S. 


Di en 


ef 


diesem Versuch, eben die Voraussetzungen des 
Nationalsozialismus zu begreifen, eine eigene 
Entlastungsstrategie hervor. Sie bestand darin, 
jede Form von Herrschaft als patriarchale verste- 
hen zu wollen, und als Folge daraus auch die Frau- 
en im NS als Opfer des Patriarchats anzusehen. 
Erst in den achtziger Jahren kam es innerhalb der 
Frauenforschung zu Auseinandersetzungen um 
diese Glaubenssätze, deren Ausgangspunkt die 
Kontroverse um Gisela Bocks Zwangssterilisation 
im Nationalsozialismus war. In ihrer Studie ver- 
sucht Bock darzulegen, dass der Nationalsozialis- 
mus keineswegs pro- sondern antinatalistisch ge- 
wesen sei. $o berechtigt und richtig ihr Hinweis 
auf die antinatalistische Seite der NS-Bevölke- 
rungspolitik auch ist, so falsch ist es, die pronata- 
listische als reine Propaganda abzutun.!' Aber 
Bock kann nicht anders, will sie doch nachweisen, 
dass es sich bei den Zwangssterilisationen nicht 
nur um grässliche bevölkerungspolitische Eingrif- 
fe des NS gehandelt hat, sondern „um geplante[n] 
und bewußte[n] Massenmord“’, eine „erste Etap- 
pe der Massenmorde an Frauen und Männern“. 
Wer sich wie Bock nicht scheut, die Shoah unter- 
schiedslos unter scheinbare und tatsächliche „Mas- 
senmorde an Frauen und Männern“ zu fassen, hat 
schon mehr als eine Etappe auf dem Weg zu ihrer 
Relativierung zurückgelegt. Der Weg Bocks be- 
ginnt mit der als Erkenntnis ausgegebenen Identi- 
fizierung eines „Spezifikum[s] des Nationalsozia- 
lismus in Zwang, Gewalt, Terror und Mord“"”, eine 
wichtige Wegmarke ist ein ähnlich präziser Rassis- 
musbegriff’‘, und endet konsequent mit dieser Ka- 
pitelüberschrift: „Rassenpolitik als Frauenpolitik: 
‘Die Lösung der Frauenfrage”“. - Als Nachwir- 
kung der Weigerung einiger Wissenschaftlerin- 
nen, allen voran Claudia Koonz, Bock auf ihrem 
eigentünmlichen Weg zu folgen, wurde allmählich 
aufgehört, der Illusion zu erliegen, Frauen seien im 
Nationalsozialismus nur passiv der Willkür der 
Männer ausgeliefert gewesen, wenn auch um die 
Frage nach der Verantwortung und Beteiligung je- 
ner bis heute noch gestritten wird.” 

Um diesen Sachverhalt zu erhellen, sollte zuerst 
mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, Frauen sei- 
en im Nationalsozialismus auf ihre Gebärfunktion 
reduziert gewesen, hätten unter einem Ge- 
bärzwang gestanden, wie es auch Georg Dom- 


10 Vgl. Domkamp, Georg: Rechte 
Frauen - Frauen ohne Rechte. In: 
>outside the box“ Nr. 1. S. 55-60. 
S. 56. sowie fast alle der hier 
aufgeführten Studien zu Frauen 
im NS. 


11. Vgl. Bock, Gisela: Zwangsste- 
rilisation im Nationalsozialis- 
mus. Studien zur Rassenpolitik und 
Familienpolitik. Opladen 1986. S. 
12. 


12 Vgl. Stephenson, J.: Women in 
Nazi Society. a.a.O. S. 4f. 


13 Für einen guten Überblick über 
die Geschichte rassehygieni- 
scher Politik und Informationen 
über ihre weit verbreitete Aner- 
kennung s. Bierl, Peter: Der 
Mensch ist keine Fruchtfliege. In: 
http://jungle-world.com/ 
artikel/2011/19/43203.html; Zur 
Zwangssterilisation in der 
Jütte, Robert: Die Frat- 
ze des Heilens. In: http://www. 
faz.net/artikel/C30405/die-frat- 
ze-des-heilens-30159681.html; 
Schweden: Rogalla, Thomas: Schwe- 
den ließ Zehntausende zwangs- 
sterilisieren. In: http://www. 
berlinonline.de/berliner-zei- 
tung/archiv/.bin/dump. fcgi/1997/ 
0828/politik/0013/index.html; 
USA: Corinth, Ernst: Noch vor 30 
Jahren wurden in den USA Men- 


Schweiz: 


schen zwangssterilisiert. In: 
http://www.heise.de/tp/artikel/ 
20/20106/1.html; für eine medizin- 
historische und -soziologische 
Darstellung der Entwicklung der 
Rassenhygiene und Eugenik s. 
auch: Czarnowski, Gabriele: 
kontrollierte Paar. Ehe- und 
Sexualpolitik im Nationalsozia- 
lismus. Weinheim 1991. 
das 1. Kapitel. 


Das 


besonders 


14 Vgl. Bock, G.: Zwangssterili- 
sation im Nationalsozialismus. 
a.a.0. S. 462. 


15 Ebd.. 8;:,379; 


16 Ebd.. 
17 Ebd.. S. 10. 


18 Vgl. ebd.. S. 14ff. 

19 Überschrift des Kapitels VII 
3, S. 456. Es soll nicht ver- 
schwiegen werden, dass Frick 
1933 Bock zufolge tatsächlich 
von der „Lösung der Frauenfrage“ 
gesprochen haben soll (Vgl. ebd. 
S. 461). 
Formulierung in ihrer Über- 


So wie Bock aber diese 


schrift aufgreift, legt sie nahe, dass die „Lösung der Frauenfrage“ eine mit der 
„Lösung der Judenfrage“ vergleichbare gewesen sei. Für eine umfassendere Kritik an 
Bock #, Radonic, Ljiljana: Die friedfertigs Antisemitin? Kritische Theorie über 


Geschlechterverhältnis und Antisemitismus, Frankurt am Main 2004. S. 


140ff. und 


Walterapiel, Gabriela: Das ‚zweite Geschlecht‘ und das ‚Dritte Reich‘. Über Rasse 
und Geschlecht im Feminismus. In: httpi//www.ca-ira.net/isf/beitraege/walterspiel- 


rasse,.geschlecht.html 


20 Für eine umfangreichere Darstellung #, Thürmer-Rohr, Christina: Die postmoder- 


ne These vom ‚Tod der Geschichte‘. 


Feminismus und der Holocaust. 


In: Niethamner, 


Ortrun (Hg.): Frauen und Nationalsoziallamus. Historische und kulturgeschichtliche 
Positionen, Osnabrück 1996. S. 24-40, und Schaumburg, Petra: Frauen im National- 
sozialiumus, Ein Überblick über die hintorische Frauenforschung und die femini- 
stische Dinkussion um Verantwortung und Beteiligung von Frauen am Nationalsozia- 


lismus. In: Ebd.. S. 42-56.; für eine Kritik des Opfermythos s. Radonic, L.: 


Die 


Eee a.» .. . u 2 _ 1. =... tr 3 2 2a. adan a 


£j} xog ey4 oprsıng 


19 


NAUYIHD 


GEBÄREN 


68 


Outside the Box #3 


21 Domkamp, G.: Rechte Frauen. 
a.a.0. S. 56. 


22 Vgl. Stibbe, Mathew: Women in 
the third Reich. London 2003. S. 
50. 


23 Vgl. Koonz, C.: Mütter im Va- 


terland. a.a.0. S. 29; Stephenson, 


J: Women in Nazi Society. a.a.0. 
S. 188f. 


24 Domkamp, G.: Rechte Frauen. 
ET 90 BON AR En 

25 Vgl. Stephenson, J.: Women in 
Nazi Society. a.a.0. S. 45. 

26 Vgl. Radonic, L.: Die fried- 
fertige Antisemitin?. a.a.0. S. 
129-32. Die Anziehung, die diese 
Organisationen besonders auf 
junge Frauen ausübten, ist ein- 
drucksvoll beschrieben in Koonz, 
C.: Mütter im Vaterland. a.a.0. S. 
2IDEE. 


27 Radonic, L.: Die friedfertige 
Antisemitin?. a.a.0. S. 125. 


28 Vgl. Benz, Ute (Hg.): Frauen 
im Nationalsozialismus. Dokumen- 
te und Zeugnisse. München 1993. 
D4, 130: 


29 Vgl. Tröger, Annemarie: Die 
Frau im wesensgemäßen Einsatz. 
In: Frauengruppe Faschismusfor- 
schung (Hg.): Mutterkreuz und 
Arbeitsbuch. Zur Geschichte der 
Frauen in der Weimarer Republik 
und im Nationalsozialismus 
Frankfurt am Main 1981. S. 246- 
272. In diesem Aufsatz wird wie 
in dem gesamten Sammelband und 
anders als bei vielen klassi- 
schen geschichtswissenschaft- 
lichen Studien, großer Wert auf 
die Analyse des Zusammenhangs 
zwischen der Organisation der 
kapitalistischen Produktion im 
Nationalsozialismus und dessen 
Politik gelegt. 


kamp in der ersten Ausgabe der outside the box 
nahe legt, wenn er schreibt: „Die «echt-deutsche» 
Frau hatte zu gebären, ob sie wollte oder nicht.“?! 
Sicher war das Recht der körperlichen Selbstbe- 
stimmung durch die Abtreibungs- und Verhü- 
tungsmittelverbote stark eingeschränkt, so dass 
schwangere Frauen tatsächlich nur unter den gro- 
ßen gesundheitlichen Risiken einer illegalen Ab- 
treibung und in Anbetracht der Gefahr schwerer 
Bestrafung einen Schwangerschaftsabbruch vor- 
nehmen konnten. Aber jenseits dieser Bestim- 
mungen und eines nicht zu verleugnenden sozia- 
len Drucks?? bestand die nationalsozialistische 
Geburtenpolitik vor allem darin, bei Frauen auf 
den Willen zum Gebären zu setzen und ihn zu 
fördern, da sie diese eben nicht gegen ihren Wil- 
len dazu zwingen konnte und wollte. Der Natio- 
nalsozialismus hat Frauen weitaus mehr als über 
einen eigenen Willen verfügend anerkannt und 
dementsprechend gehandelt, als es diejenigen, die 
in ihnen nur passive Verfügungsmasse des patriar- 
chalen Männerbunds sehen, wahrhaben wollen.” 
Wenn man Jüdinnen und Juden in ihrer Gesamt- 
heit vernichten möchte, muss man auch die Volks- 
gemeinschaft in ihrer Gesamtheit mobilisieren. 
Deshalb konnten Frauen nicht allein der patriar- 
chalen Vormundschaft ihrer Väter oder ihrer Män- 
ner überlassen werden; sie sollten die nationalso- 
zialistische Sache zu ihrer eigenen machen und 
selber jedes Vergehen gegen diese denunzieren, 
egal ob es sich dabei um den 
Vater, den Ehemann, die 
Nachbarin oder die Tochter 


ES WURDE DIE AUF- 


Patrick Dratzmith 


doch eine totalitäre Kontrolle zu gewährleisten, 
musste der „Alltag der gewöhnlichen Frau“ von ei- 
nem privaten zu einem politischen werden. Nicht 
zuletzt deshalb, weil in Frauen nicht nur die Müt- 
ter, sondern auch die ersten Erzieherinnen der 
neuen Generation gesehen wurden und ihnen da- 
mit eine große Verantwortung zukam.”° Mit dieser 
Verantwortung durfte man sie nicht allein lassen, 
weshalb mittels der von den Frauenorganisationen 
- die größten, die es in Deutschland bis dahin ge- 
geben hatte und in denen Millionen Frauen aktiv 
waren®® — durchgeführten Mütterschulungen die 
Erziehung im nationalsozialistischen Geist ge- 
währleistet werden sollte. Aber auch über diese 
speziellen Schulungen hinaus waren es, wie Ljilja- 
na Radonic aufzeigt, vor allem Frauen, die „die 
NS-Ideologie im häuslichen und nachbarschaftli- 
chen Bereich“? alltäglich durchsetzten. — Selbst 
in der Hausarbeit ließ man nichts anbrennen und 
entriss sie der Heimlichkeit, indem man die Haus- 
wirtschaft zum Ausbildungsberuf machte. Der 
NS erbrachte somit der Reproduktionsarbeit auf 
seine Weise die lang verwehrte Anerkennung. 

Für viele Frauen, nämlich die proletarischen, än- 
derte sich dadurch in ihrem Leben jedoch nichts, 
da der Nationalsozialismus, trotz seiner Propagie- 
rung des Gegenteils, spätestens mit der Inten- 
sivierung der Kriegsproduktion auf ihre Mehr- 
fachbelastung angewiesen war, sie also in der 
Pro-duktions- wie in der Reproduktionssphäre 
ihren Beitrag für die Volksge- 
meinschaft leisten sollten.?” 
Das ist sicherlich auch einer 


handelte. Domkamp geht HEBUNG DER WIDERSPRU- der Gründe dafür, dass trotz 
zwar ausdrücklich auf die CHE ZWISCHEN KAPITAL einer Vielzahl von Maßnah- 
Partizipation von Frauen an UND ARBEIT, MÄNNERN men, wie Ehestandsdarlehen, 
der nationalsözialistischen UND FRAUEN VERSPRO- Steuervergünstigungen und 
Vernichtungspolitik, sei es Mutterkreuzen, nur wenige 
als KZ-Wärterinnen, sei es CHEN, WENN SICH NUR deutsche Frauen dem Wunsch 
in den Rüstungsbetrieben, ALLE GLEICHERMASSEN des Führers nachkamen, die- 
sr verkenif, aber die Be- AN DER VERNICHTUNG Bernie und mehr Kinder zu 

eutung, die ihnen jenseits gebären. Die moderne Klein- 
dieser Tätigkeiten beigemes- DER JUDEN BETEILIGTEN. familie ließ sich nicht ohne 


sen wurde, wenn er schreibt: 

„Der Alltag der gewöhnlichen Frau stand noch 
weniger bis gar nicht im Fokus der Öffentlichkeit.“ 
„Öffentlichkeit“ ist leider ein so schillerndes Wort, 
dass ich nicht weiß, was genau Domkamp mit sei- 
ner Wendung gemeint hat. Es steht aber fest, dass 
dem „Alltag der gewöhnlichen Frau“ im National- 
sozialismus großes politisches Interesse galt und 
sehr viel daran gesetzt wurde, diesen Alltag zu po- 
litisieren, wenn nicht zu militarisieren. Denn der 
NS befand sich in dem bereits umrissenen Dilem- 
ma, die Familie mittelfristig zerstören zu wollen, 
kurzfristig aber auf sie angewiesen zu sein. Um je- 


weiteres zur nationalsozialisti- 
schen Sippe ausweiten. Von der wahnhaften Sorge 
umtrieben, das deutsche Volk könnte dem Volks- 
tod zum Opfer fallen, studierte man die Gebur- 
tenzahlen aufmerksam und sparte nicht mit Lob, 
als nach deren Tiefstand Ende der zwanziger Jah- 
re eine Steigerung zu verzeichnen war. Das sollte 
aber nur der Anfang sein, wie es 1938 in einer An- 
kündigung des Mutterkreuzes im Völkischen Be- 
obachter deutlich wird: „Wohl haben wir heute in 
der Geburtszahl das erreicht, was zur Bestandser- 
haltung des deutschen Volkes notwendig ist. Das 
aber kann für uns alle niemals das Ziel, sondern 


Atrick Dratzmith 


ur der Übergang sein zu weiterem Wachstum. 
Was nicht wächst, stirbt, das lehrt uns die Natur. 
Jas deutsche Volk aber soll leben und muß 
uchsen!“? Dieser Appell an die deutsche Frau, 
ren Körper für den Dienst am Volk noch frucht- 
irer zu machen, mehr Opfer im Kampf ums Da- 
ein zu erbringen, ist vom Geist der Militarisie- 
\ing der Mutterschaft erfüllt, in dessen Sinn auch 
as Mutterkreuz verliehen wurde. Aber selbst die- 
Auszeichnung zeitigte nicht den erwünschten 
tlolg - „Wachstum“ statt „Bestandserhaltung“ — 
uch wenn Irmgard Weyrather in Muttertag und 
tterkreuz auf der Grundlage eines Berichts des 
\S-Sicherheitsdienstes feststellt, dass der Orden 
d die Verleihungszeremonie in weiten Teilen 
or Bevölkerung Anerkennung gefunden und sie 
© „loyalisierende Funktion“ erfüllt haben.” Das 
var aber nur die eine Seite des Ordens. Im Schat- 
n der anderen Seite wurde über den „Kanin- 
‘henorden“ gewitzelt und mitunter die mit dieser 
szeichnung verbundene Gefahr erkannt. Denn 
as Mutterkreuz wurde selbstverständlich nicht 
in jede Mutter mit vier und mehr Kindern verlie- 
(en, sondern die Anwärterinnen und ihre Famili- 
n mussten sich einer Prüfung der Behörden aus- 
stzen, die noch mehr Informationen erfasste, als 
(e Einzelnen ohnehin mitzuteilen gezwungen 
yaren. Die Auszeichnung sollte nur an vorbildli- 
he und „erbgesunde“ Frauen vergeben werden, 
0 dass die Verweigerung des Ordens nicht nur 
ine Stigmatisierung der Betroffenen bedeutete, 
dern auch unter Umständen eine Zwangssteri- 
sierung zur Folge haben konnte. Dazu Weyrat- 
er: „Für die beim Mutterkreuz abgelehnten 
rauen und ihre Familien wäre es oft besser ge- 
esen, sie wären erst gar nicht für das Mutter- 
reuz in Betracht gezogen worden.“ Da die Müt- 
or sich häufig nicht selbst um das Kreuz bewarben, 
ondern oft die Block- und ZellenleiterInnen der 
SDAP Anträge an die in Frage kommenden 
Frauen in ihrem Einflussbereich weiterleiteten, 
mag eine Ahnung davon, wie schnell sich die 
Volksgemeinschaft gegen ihre Mitglieder wenden 
kann, manche dazu bewegt haben, alles daran zu 
etzen, nicht in den Genuss dieser zweifelhaften 
Aufmerksamkeit zu kommen. Ganz abgesehen da- 
on, dass ein Großteil der Frauen aufgrund der 
Vehrfachbelastung der Produktions- und der Re- 
toduktionsarbeit gar keine Kapazitäten für die 
jetreuung einer Großfamilie aufbringen konnten. 


gibt sicher noch weitere Gründe für das Schei- 
»rn der nationalsozialistischen „4 Kinder plus“- 
Politik. Aber nur weil der Großteil der Volksge- 
heinschaft in diesem Punkt das eigene Leben 
ht nach der Parteilinie ausgerichtet hat, ändert 


das nichts daran, dass er die Vernichtungspolitik 
duldete, guthieß und willig vollstreckte. Während 
die Nazis anhand der Entwicklung der Ge- 
burtenzahlen versuchten, das Vertrauen der Deut- 
schen in den Führer zu ermitteln, soll sie im 
postnazistischen Deutschland als Indikator für 
die unbeugsame Widerspenstigkeit der Bevöl- 
kerung herhalten. Anna Sigmund zum Beispiel 
möchte in ihrem Buch Das Geschlechtsleben 
bestimmen wir 2008 die Geburtenzahlen so 
verstanden wissen: „Es war eine stille, jedoch 
effiziente Rebellion, die sich in den Schlafzim- 
mern der Volksgenossen abgespielt hat.“ — Also 
doch. Es gab das andere Deutschland. Ich habe 
meinen Großeltern unrecht getan. Auch sie waren 
im Widerstand. Hätten die Alliierten ihnen nur 
mehr Zeit für ihre „stille, jedoch effiziente Rebel- 
lion“ gelassen. Dresden hätte nicht sein müssen. 


PATRICK DRATZMITH 
lebt in Offenbach am Main und bedankt sich bei 
Max für hilfreiche Anmerkungen und die Diskussion. 


30 Völkischer Beobachter vom 
25./26.12.1938 zit. nach: Benz, 
U.(Hg.): Frauen im Nationalsozia- 
lismus. a.a.0. S. 110. 

31 Weyrather, Irmgard: Muttertag 
und Mutterkreuz. Der Kult um die 
„deutsche Mutter“ im Nationalso- 
zialismus. Frankfurt am Main 
1993. S. 148.; Den folgenden Aus- 
führungen über den heimlichen 
Spott und über die Gefahren des 
Vergabeverfahrens liegt die Dar- 
stellung Weyrathers zu Grunde. 


32 Weyrather, I.: Muttertag und 
Mutterkreuz. a.a.0. S. 69. 


33 Sigmund, Anna Maria: Das Ge- 
schlechtsleben bestimmen wir. 
Sexualität im Dritten Reich. Mün- 
chen 2008. S. 176 £. 


£/ xog ey4 oprsıng 


69 


NIUYIHD 


Gespräch entstehen lassen 


YV _ 
NFORDERUNGEN 
N MÜTTER, VÄTER 
ND ANDERE 


e: In vielen Ratgebern heißt es, die Mutter erkenne an den unter- 
iedlichen Intensitäten des Schreiens, welches Bedürfnis dahinter 
eckt: Hunger, Müdigkeit, Bauchweh. Ich konnte das nie, auch beim zwei- 
n Kind nicht. Aber dass dann auch von außen an dich herangetragen 
rd: du musst doch jetzt wissen, was zu tun ist, du musst es doch zu- 
ieden stellen können - das ist echt stressig. 


Natalie: Und dass es überhaupt immer irgendetwas sein muss. Ich meine, 

so ein Kind schreit halt einfach auch öfter, aber du als kompetente Mutter 
musst immer eine Erklärung liefern können, warum das jetzt so ist. 

Das ist absurd - woher soll ich das denn wissen? Gerade zu Anfang ist das 
ja ein großes Rätselraten. Die Mutter muss, genau wie alle andren auch, 
verschiedenes ausprobieren und liegt vielleicht auch mal falsch. Und auf 
diesen Moment wird dann gelauert: es kann dir jederzeit passieren, 

dass dir völlig fremde Leute in der Öffentlichkeit erklären, wie du jetzt 
mit deinem Kind umzugehen hast, falls du doch mal mit deinem natürli- 
chen Mutterinstinkt danebenliegen solltest. So als würde es hier um eine 
für die Gesellschaft bedeutende Aufgabe gehen, sodass auch jeder das 
Recht oder sogar die Pflicht hat, sich mit reinzuhängen. 


h: Wobei ich sagen würde: was da von Seiten der Hebamme und der 
tgeber kommt - also zu sagen: die Mutter weiß schon, was ihr 

ind braucht - ist auch eine Strategie. Dir als Mutter wird Kompetenz 
iterstellt, um deine Persönlichkeit aufzuwerten - damit du das 

les in Angriff nimmst, damit du das auch durchziehst. (alle lachen) 


Maike: Das ist genau der Diskurs, der mich damals verunsichert hat. 

Die Mutter weiß natürlich am besten, was für das Kind gut ist, das heißt: 
ich habe von vornherein keine Chance, Ich bin nicht die Mutter, ich hab 
das Kind nicht 9 Monate in mir getragen, Ich hab es nicht geboren, das heißt: 
da ist ein Riesenerfahrungsunterschied, der niemals aufgeholt werden 
kann. Also natürlich ist da ein Erfahrungsunterschied - aber die Frage ist 
ja, ob es dem Baby nicht völlig schnuppe ist, wer es in den Schlaf wiegt, 
solange die Person sich nicht allzu bescheuert dabei anstellt. Und diese 
Verunsicherung wirkt ja wahrscheinlich auch schon auf die Väter, 


h: Aber das Schlimme ist ja, dass darüber nicht gesprochen wird. 
'h habe bisher nirgends über diese gefühlte Minderwertigkeit, 

er diese Ratlosigkeit angesichts meines schrelenden Kindes geredet. 
d meine Tochter ist schon zwei Jahre alt, 


Maike: Echt? 


th: Ja, es gibt wirklich kaum einen Raum, außer man hat jetzt privat 
einen coolen Freundeskreis, wo man das #0 offen thematisieren 

nn, weil dann kommt nämlich sofort die Anzweiflung deiner Mutterliebe, 
erhaupt, Mutterliebe - was heißt das denn? Du liebst dein Kind 
Sdingungslos, von Anfang an? Ich muss ganz ehrlich sagen, als Mascha 
£ der Welt war, hatte ich erst mal überhaupt keine Beziehung zu ihr, 
s ist gewachsen wie jede andere Beziehung auch wächst. 


£4 xog ey4 eprsıng 


L/ 


INKERSBVZEEC 3) 


Ein Gespräch entstehen lassen 


Lotte: Nach Lolas Geburt, als sie endlich da war und mir durch die Beine 
hindurch gereicht wurde, konnte ich sie erst mal 2 oder 3 Minuten lang 
nicht angucken. Ich hing noch so meinen Schmerzen nach, musste nach Luft 
ringen und zu mir kommen. Von diesem Moment hab ich später auch nur sel- 
ten erzählt. Er passt nicht in die Erzählung: Kind auf die Brust gelegt 
bekommen und selig lächeln. 


Ruth: Mein Partner, der hat ja das Babyjahr gemacht und war in diesen 
ganzen Frauenzirkeln, ob das jetzt Pekip! war oder Babyschwimmen, 

und er hat da wohl irgendwann mal gesagt, es sei schade, dass man nach 
einem Jahr nicht sagen könne: „Also das mit dem Kind, das hat sich 
nicht bewährt, ist zu anstrengend, wir probieren es einfach später noch 


mal.“ Das war ein unheimliches Schocking, ein Tabubruch, und an den 


7 BA ERTEILEN TEE 


heftigen Reaktionen der anderen wurde ihm klar, dass man so was ein- 
fach nicht sagen kann. Obwohl ich mir vorstellen könnte, dass es ganz 
viele Eltern gibt, die Gedanken haben, wie: da hätten wir auch noch 
drei Jahre warten können, oder: eigentlich ist das doch ne Nummer 


zu groß, ich kann das gerade nicht stemmen. 


Natalie: Das stellt sich auch die Frage, was mit den Frauen passiert, die 
wirklich mit dieser Situation nicht klarkommen. Nicht nur: ich weiß gerade 
nicht so genau was das Kind will, sondern die tatsächlich von den Anfor- 
derungen, die von außen an sie gestellt werden, komplett überfordert sind. 


Lotte: Nach der Geburt von Ronja, meiner ersten Tochter, bin ich auch 
an dieser Erwartung gescheitert, dass ich dachte, eine Zufriedenheit 


aus der Beziehung mit dem Baby ziehen zu können - bzw. zu müssen. Ich 
hatte dann 10 bis 12 Wochen nach der Geburt eine schwache Form post- 
partaler Depression. Mehrere Tage lang war ich total traurig und habe 


GEBÄREN 


mich selbst die ganze Zeit fertig gemacht, weil ich keinen objektiven 
‚Grund dafür gesehen habe. Ronja war da, war gesund und hat auch sonst 
keine ungewöhnlichen Probleme bereitet. Aber dieser krasse Wechsel 


72 


von meinem Leben vorher zu meinem Leben danach, in diese enorme Abhän- 
gigkeit, das hat mir mehr zugesetzt, als ich mir eingestehen wollte. 
Erst als mein Freund mich nach vielen Tagen tiefster Traurigkeit und 
vieler Tränen soweit hatte, Hilfe von außen zu holen, wurde es besser 
Meine Hebamme hat mir dann geholfen von den Selbstvorwürfen wegzukommen 
und zu sehen, dass Geburt einfach einen immensen Bruch bedeutet. 

Sie hat mir immer wieder versichert, dass ich das Recht habe, über be- 
stimmte Veränderungen traurig und enttäuscht zu sein, auch über die 
plötzliche Abhängigkeit und den Zugriff, den das Kind auf mich hat. 


Outside the Box #3 


Und das ich mit dieser Traurigkeit nicht allein bin, sondern viele Müt- 
ter solche Gefühle haben. Das Wichtige war wirklich, mir diese Trau- 
rigkeit zuzugestehen. 


Ruth: Genau das meinte ich mit so einer permanenten Konfrontation mit 
Idealbildern, die Maßstäbe setzen, und die letztlich nur dazu da sind, dass 
man an ihnen scheitert. Und das, was du beschreibst, hatte ich beispiels- 
weise in der Schwangerschaft schon, dass ich dachte: ich muss das doch jetzt 
genießen, ich muss das doch gut finden. Auch so eine Idee von: wenn ich 
schwanger bin und in der letzten Zeit nicht mehr so viel machen kann, dann 
gucke ich nur noch Serien, dann mache ich es mir gemütlich - herrlich! 

Aber ich war die ganze Zeit so verunsichert. Und zusätzlich zu dieser Verun- 
sicherung habe ich mir dann noch eingeredet, ich dürfte nicht unglücklich 
und verunsichert sein, es müsse sich doch alles toll und besonders und glück- 


lich anfühlen. Das hat alles noch viel schlimmer gemacht. 


Natalie: Aber man muss schon sagen, dass in Beratungsstellen auch darauf 
aufmerksam gemacht wird, dass es so etwas wie postpartale Depressionen 


gibt und dass du Unterstützung bekommen kannst 


Lotte: Ja, es gibt sogar Krankenhäuser mit einer ganzen Station für Frauen, 


die unter postpartalen Depressionen leiden. Und dennoch würde ich sagen, 


»>$1Lr a 2% u = A De re 


1 Abkürzung für Prager El- 
tern-Kind-Programm, das ein 
pädagogisches Konzept für 
eine Krabbelgruppe darstellt, 
dessen Angebot sich in den 
letzten Jahren zunehmender 
Beliebtheit erfreut. 


Gespräch entstehen lassen 


dass dem Thema gerade im Privaten, in persönlichen Gesprächen, wenig Raum 


zugestanden wird. 


h: Ich habe mir, als ich schwanger war, eine Broschüre der Bundes- 
trale für gesundheitliche Aufklärung geholt, und da war der erste 
z: „Sie sind schwanger. Herzlichen Glückwunsch.“ Damit war klar 

che Gefühle ich jetzt zu verspüren hatte: Freude und Glückseligkeit. 
gibt eine befohlene Heiterkeit, und wenn deine eigentlichen Empfin- 
en konträr dazu verlaufen, fühlst du dich falsch und allein damit. 
auch wenn du weißt, es gibt Beratungsstellen, auch wenn du weißt, 
annst dich an jemanden wenden, wenn du fit genug bist, damit umzuge- 
‚, bleibt ja trotzdem der Fakt, dass dir eine Störung unterstellt 

d. Über eine als traumatisch erlebte Geburt zu sprechen oder darü- 
‚ dass man ab und zu einfach gerne Pause hätte vom Muttersein, 

z2t die Befürchtung frei, dass mit dir irgendetwas nicht stimmt. 


Maike: Apropos „etwas stimmt nicht“: Wahrscheinlich kennen das alle 
Frauen vom Frauenarzt, dass man da ständig - ungefragt - auf seine Gebär- 
fähigkeit abgecheckt wird. Ich komme da hin, weil ich eine Infektion habe 
oder was auch immer, und jedes Mal kommt die Frage nach der Verhütung und 
nach der letzten Menstruation. Immer werde ich auch als potentiell 
Schwangere betrachtet, und als solche sind meine körperlichen Vorgänge 
und mein Sexleben nicht mehr nur meine Privatsache, sondern unterstehen 
einer medizinisch-staatlichen Kontrolle, Mich nervt es auch ungemein, 
dass viele Frauenarztpraxen so mit Babyfotos und Broschüren zum Thema 
Schwangerschaft überladen sind. Das suggeriert, dass es hier vor allem um 
dich als (potentielle) Mutter geht * und nicht um dich als Menschen, der 
eine auf bestimmte Körperteile und *vorgänge spezialisierte Ärztin aufsu- 
chen möchte. 

Die andere Seite ist aber, dass ich merke, dass diese Mutterschaftserwar- 
tung in den letzten Jahren von meinem „hnichtmedizinischen“ Umfeld über- 
haupt nicht mehr an mich herangetragen wurde - meine Oma hat mich schon 
lange nicht mehr nach Enkelkindern gefragt. Sobald man aus dem heterose- 
xuellen Bild rausfällt, wird das nicht mehr so selbstverständlich von 
einem erwartet. Ich finde das durchaus angenehm. Aber natürlich ist das 
eine ganz genau so ignorante Unterstellung wie die, dass du als heterose- 
wirst. In dieser Erzählung kommt 
überhaupt keinen Bock hat, Mutter 
E.. oder Mann oder Transe, die 


xuelle Frau früher oder später Mut 
weder die heterosexuelle Frau vor, ( 
zu sein, noch die nicht-heterosexu@] 
gern ein Kind haben will. ? % 

J >} 
alie: Und auf der nächsten Stufe, also wenn dann Kinder da sind, 
d es auch wieder die Frauen, denen die Verantwortung zugesprochen 
td - bzw. die sich auch selbst stärker in der Verantwortung sehen. 
nn ich zwei, drei Wochenenden hintereinander Auf irgendeine Party 
he, wird das zwar positiv aufgenommen, aber Ich muss mir trotzdem 
er noch die Frage stellen: wie kommt das rüber? Ist es okay, wenn 
h mal zwei Wochenenden hintereinander nicht primär für mein Kind 
bin, sondern einfach mache, worauf ich Lust habe? Und dann schiebt 
ch immer wieder so ein Schuldgefühl rein, egal auf welcher Party 
h bin, egal wie viel Spaß ich eigentlich gerade habe. Es wird auch 
z oft die Frage gestellt: „Wo ist denn Frederik gerade?“, ganz so, 
(s müssten die Leute sich noch mal versichern, dans ich hier nicht ge- 
de meine Mutterpflichten vernachlässige. Ich wette drauf, dass den 
ter niemand fragt, wo denn sein Kind gerade lat, wihrend er Party macht. 


Ruth: Tja, für Mütter ist das SOhhE ARE Fur Väter ist das Wahlpflicht. 
Ich will gar nicht sagen, dass an VWter nicht auch Pflichten herangetragen 
werden, nämlich Ernährer zu sein, EN her auch viele Männer in einen 
inneren Zwiespalt oder in den Burnout eibt. Aber es gibt vor allem das 
Narrativ: wenn der Vater sich auch noch um die Kinder kümmert, dann ist 
das super. 


ike: Ja, das ist witzig: wenn du feiern gehmt und das Kind ist bei 
inem Vater, dann kriegt er noch Extra-Credits dafür. Anders herum 


£/ xog ey4 oprsıno 


£L 


NaUyES9 


GEBÄREN 


74 


Outside the Box #3 


Ein Gespräch entstehen lassen 


ist das gar nicht vorstellbar. Der Papa geht auf eine Party und 
die Leute fragen: „Du, wo ist denn dein Kind?!“ „Naja, seine Mutter 


kümmert sich.“ „Ach, Mensch, das ist ja toll!“ (alle lachen) 


Lotte: Da kommt die ganze Geschichte der Reproduktionszuständigkeit in so 


einem kleinen Wortwechsel zum Ausdruck 


Ruth: Wobei es ja nicht immer nur Credits bedeutet für den Vater, 

wenn er sich ums Kind kümmert, sondern es auch ganz viele Frauen gibt, 
die einem Vater gegenüber mit sehr viel Argwohn gegenübertreten. 

Mein Partner hat das oft erlebt in Gruppen, dass ihm vermittelt wurde, 
dass es ganz schön komisch sei, dass die Mutter nicht hier wäre - 
„Aha, die geht arbeiten“ - und dass infrage gestellt wurde, dass er 
das alles auch allein hinbekomnmt. 


Natalie: Den Müttern wird oft aufgrund der Erfahrung von Schwangerschaft 
und Geburt ein Erfahrungsvorsprung zugeschrieben, der den Vätern angeb- 
lich fehlt, weswegen sie eine längere Zeit bräuchten, um sich an das Kind 
zu gewöhnen und es kennen zu lernen. „Du hast das ja schon 9 Monate im 
Bauch getragen, du hast das ja geboren, du kennst es doch viel besser und 
weißt wie alles läuft.“ Völliger Quatsch. 


Maike: Das heißt, du würdest sagen: in dem Moment, wo das Baby da ist, 


ist es für dich genauso neu wie für den Papa? 


Lotte: Ja klar, ich als Mutter kenne das Baby auch nicht. Woher soll ich es 
denn kennen? Ich hab es nicht gesehen, nicht gehört und so gut wie gar 
nicht mit ihm interagiert, und um seine Bedürfnisbefriedigung musste ich 
mich auch null kümmern. Und die Geburt als Kennlernprozess zu bezeichnen 
wäre echt absurd. Also muss die Mutter das Kind kennenlernen, wie jeder 


andere Mensch auch. 


Maike: Klingt eigentlich logisch, aber trotzdem hat man dieses Bild 
im Kopf. 


Lotte: Und nicht nur kenne ich das Kind nicht bis es auf der Welt ist, 
auch in seinem Entwicklungsprozess muss man sich immer wieder eine 
Offenheit bewahren. Wenn man sich das Leben mit Kind vorher vorstellt, 
sieht man sich selbst oft in ganz konkreten Situationen mit einem 
konkreten Kind. Es gibt bestimmte Dinge, die man an Kindern mag, die 
man spannend findet, und dann stellt man sich vor, was man mit einem 
Kind gerne machen will. Aber ich kann mir ja gar nicht aussuchen, wel- 


ches Kind mit welchen Eigenschaften, Interessen, Macken ich haben werde. 
Natalie: .. Das wird irgendein Kind und liebt dann vielleicht ausgie- 
bige Zoobesuche, auch wenn du darauf null Bock hast. Das ist wirklich 


total die Katze im Sack kaufen. 


Was übrig bleibt: 


So einiges. Ein Thema, das leider zu kurz gekommen ist, ist der große Be- 
reich Sexualität. Was bedeutet es für das Sexleben einer jetzt-auch- 
Mutter, ein „verwundetes Lustorgan“ zu haben? Wie wirkt sich die Besetzung 
des Körpers durch das abhängige Baby, eine durch die Schwangerschaft 
erlebte Entfremdung vom Körper auf die Empfindung von Lust und Begehren, 
auf das Selbstbild als sexuelles Subjekt aus? Auch der Komplex Partner- 
schaft bzw. Paarbeziehung-oder-nicht fand im Gespräch wenig Raum, ebenso 
wie der „neoliberale Powerfraudiskurs“. Das ist schade, lag aber nicht 
daran, dass uns diese Themen nicht wichtig gewesen wären, sondern eher an 
räumlichen und zeitlichen Begrenzungen. Für uns selbst bedeutete das 
Gespräch wie auch die intensive Arbeit daran einen große Bereicherung, 
intellektuell und emotional, und wir freuen uns sehr, wenn es weitere 
Gespräche entstehen lässt, die sich den scheinbaren Eindeutigkeiten und 


Selbstverständlichkeiten zu entziehen versuchen. 


WW 


m m nn mn nen an Tun nme me mn 


GEBÄREN 


76 


Outside the Box #3 


Gecko Neumcke 


GEBÄREN 


Dazu soll ich also aus Vätersicht etwas schreiben. Na gut, ganz abwegig ist das nun 
auch wieder nicht, ich war ja damals dabei. Und hier ist wahrscheinlich auch schon 
der Grund, warum dieses Thema nicht so leicht in Worte zu fassen ist. Obwohl es 
doch eher um eine gesellschaftliche Dimension des Ganzen geht, fällt mir als er- 
stes die ganz konkrete Geburt ein. Meine Sicht auf dieses Schauspiel, Bilder, die 
so beeindruckend waren, dass sie sich erstmal nicht eingeordnet haben. Eine un- 
reflektierte Direktansicht. Nun gut, das Private ist politisch, also immer voran: 
Die Geburt fand im Bauwagen statt, zum Teil, weil wir damals wenig Vertrauen in 
das Salzwedeler Krankenhaus hatten (zu Recht, wie andere Geschichten bewiesen). 
Zum Teil, weil, warum eigentlich nicht da, wo mensch sich wohl fühlt. Das hieß 
also, dass weder bei den Voruntersuchungen, noch bei der Geburt selbst ein männ- 
liches Hochstatus-Kittelwesen anwesend war, sondern eine Hebamme. Nachdem 
wir sie angerufen hatten, dass es losgeht, kam sie mit ihrem kleinen Auto aus dem 
Wendland rübergejuckelt. Während es nur langsam voran ging, schlief sie in einer 
Ecke des Bauwagens im Sessel und schnarchte. Irgendwann in der Nacht mischte 
sie sich dann doch mal ein und meinte, das mit dem Buckelwalgesang wäre ja ganz 
schön, aber jetzt könne es auch mal schnellere Musik geben und die Sache voran 
kommen. Also tanzten wir zu funky music durch die Gegend, sie tanzte mit, ein 
lustiger Anblick, der im Krankenhaus sicher eher auf Unverständnis gestoßen wäre. 
Aber es half den Muttermundzentimetern... naja, wie das technisch abläuft, das 
kann mensch ja woanders nachlesen. In meiner Erinnerung bin ich immer noch 
beeindruckt davon, was für eine Kraft und Entschlossenheit in dieser Situation zu 
spüren war. Mein Job war es, immer mal festzuhalten und angenehme Stimmung 
zu verbreiten. Das war eine ganz schöne Anstrengung und ich konnte trotzdem 
fast nichts dazu beitragen, das Ding mal eben zu wuppen. Technisch so etwa wie 
ein Roadie bei einer Hardcoreband, vorher und hinterher viel Geschleppe, aber 
beim Konzert selbst dann nur neben der Bühne stehend mit offenem Mund. Emo- 

tional mit auf den Höhen und Tiefen der Wellen und hinterher auch total er- 


DER ANSPRUCH schöpft glücklich. 
AN EIN KIND, DIE ER- 

WARTUNGEN EINES _Alsder kleine außerirdische lila Waurm mit verbeultem Kopf dann da war, war 
QUEEREN LEBENS- © E mich oe das we en auf der ganzen ir be a, 
“ ist hier wörtlich gemeint. Die ippenspalte war nur ein weiteres Schönheits- 
MODELLS ERFÜLLEN merkmal. Wir blieben drei Tage fast komplett im Bauwagen, das Catering lief 
ZU SOLLEN, BEDEU- perfekt, das war mal ein Punkt, an dem das Konzept Bauwagenkommune so 
TET SO ETWAS WIE richtig Sinn machte. Die Hebamme schaute immer mal rein, und erst als es um 
EINEN FREAK ZU PRO- die Anmeldung beim Amt ging, bekam das Ganze wieder eine gesellschaftli- 
DUZIEREN IN EINER = er . . Si ee De mit ed 
atten, aber das gehört hier nicht hin. Was daran nun queer sein kann? Keine 
NIC MO Ahnung, So etwas wie eine Gebärmutter oder die Möglichkeit zu Stillen sind 


doch nicht ganz unwichtige Aspekte bei diesem Thema. Um es mal dezent zu 
formulieren. Und ich kann mich noch gut an meinen Neid erinnern, das nicht 


zu können. Eigentlich bin ich der Meinung, dass es genügend kleine Kinder gibt, 
die sich freuen, wenn sich wer mit ihrer Aufzucht beschäftigt, es müssen nun wirk- 
lich nicht alle so einen Selbstverwirklichungstrip fahren, indem sie ihr Erbgut re- 
produzieren. Zudem sind Geburten auch gefährlich, Kaiserschnitte eine große OP, 
die Schwangerschaft eine körperliche und hormonelle Plackerei (jedenfalls viele, 
was ich so von außen mitbekomme). Kleinsüßknuddelig bleiben die Wesen auch 
nicht lange. Also wäre die Entscheidung für ein Nichtkinderkriegen wirklich die 


eko Neumcke 


'ionalere und sogar oft liebevollere. Lieber die vorhandenen Kinder mit Aufmerk- 
imkeit beglücken, Modelle stricken, die jenseits von Kleinfamilie oder Alleiner- 
end funktionieren, jenseits vorhandener Normen. Dem Leben Aufmerksam- 
it schenken und nicht nur der eigenen DNA. Andererseits möchte ich diesen 
oment der Intensität auch nicht missen. Da, wo die Natur sich kurz in ihrer Di- 
theit gezeigt hat, keinerlei Diskurs im Raum, nur diese Kraft, und ich durfte 
Teil davon sein. Natur, Natur, was redest du da, diese Kategorie ist doch immer 
ie gesellschaftliche! Auch klar. Stimmt ja. 


, wo wird jetzt das Private politisch? Die Möglichkeiten, bei der Kindererzieh- 
g einen nicht geschlechternormierenden Ansatz zu fahren, sind ja eher gering, 
r erste Satz im Dorf, als ich mit dem Baby spazieren ging, kam von einer älteren 
fau. Beim Blick auf die Lippenspalte: Oh, ist es wenigstens ein Junge? Dann kom- 


ion die Verwandten, Bekannten, die erste Frage ist die nach dem Geschlecht, 


ıben wir es nicht gesagt, so ist das eben bei Mädchen, Fruchtlose Debatten 
er gesellschaftliche Prägung, die ja auch nur interessant sind für Leute, die 


\türlich und Opposition dagegen nur mühsam und sinnlos und im Endeffekt 

os. Warum nicht das tun, was naheliegt? Siehst du, mit deinen Autos spielt sie 
jen nicht so gerne. An diesem Punkt einen gesellschaftlichen Kampf aufzuneh- 
ien, bedeutete auch immer, das Verhältnis zum Kind politisch aufzuladen, anstren- 
nd. Ich habe mich dabei dann irgendwann aufs Texten im Hintergrund be- 
/hränkt und ihr gezeigt, wie das mit dem Kämpfen geht für die Notfälle. Dieser 
spruch an ein Kind, die Erwartungen eines verrückten queeren Lebensmodells 
üllen zu sollen, bedeutet ja so etwas wie einen Freak zu produzieren in einer 
Yelt, die damit nicht klar kommt. 


nzwischen leben wir in einem Projekt, das doch irgendwie mit dem Label „queer“ 
yimpathisiert, also ein Umfeld, in dem ich nicht mehr für meine Haltung kämpfen 
huss. Aber in der Realität sind „natürlich“ die Peorgroup an der Schule, Bravo, 
‚chülerVZ und die aktuellen Kinofilme viel einflussreicher als einmal die Woche 
ine langweilige Kneipe unten im Haus, wo die Erwachsenen sich in ihrer queeren 
ommunity auf Kontaktsuche begeben, unlesbare Pultmagazine diskutieren und 
labei rauchen wie die Blöden... 


JECKO NEUMCKE 


freischaffender Hausmann in Leipzig. 


» Geschenke dementsprechend rosa und Prinzessin. Das Kind merkt, dass DEM LEBEN 
» das toll finden und spielt gerne mit den passenden Sachen und siehe da, AUFMERKSAMKEIT 
SCHENKEN UND 


esellschaft verändern wollen. Wer kein Bedürfnis nach Veränderung hat oder NICHT NUR 
inen Weg dahin sieht, für den ist eine gesellschaftliche Vorgabe eben quasi DER EIGENEN DNA. 


Ef xog ey4 oprsıno 


LL 


NaUvaS9 


DIE MÄNNLICHE ANGST 


Irgendwann ereilt sie wohl jeden heterosexuellen Mann, der sich noch nicht vorstel- 

len kann Vater eines Kindes zu werden: die begründete oder auch irrationale Befürch- 

tung, es sei beim Sex aufgrund fehlender oder schiefgegangener Verhütung „etwas 

passiert“. „Etwas“ meint, die Sexualpartnerin könnte schwanger und man selbst also 

in absehbarer Zeit Papa werden. Trotz der enormen Tragweite für das eigene Leben 

ist das Thema indes unter Männern im Grunde nicht präsent — und auch für Freund- 

innen und Familie sind männliche Gefühle diesbezüglich ein Tabu: „Männer können 

(und sollen) nicht über seine Gefühle sprechen.“ Dass die Gedanken und Ängste 

- rund um das mögliche Vaterwerden selbst in progressiven Zusammenhängen kaum 

eine Rolle spielen, mag unterschiedlichen reichlich antiquierten Vorstellungen ge- 

schuldet sein: beispielsweise dass man als Mann einfüch machen und nicht reden soll 

- und wenn dann lediglich über den erfolgreichen Vollzug des Aktes an sich. Unter 

Freunden gibt man dann den lässigen Typen, der höchstens beiläufig desinteressiert 

fragt, ob sie eigentlich die Pille nehme. Damit verknüpft ist die eigentlich längst 

überwunden geglaubte Ansicht, Verhütung sei nun einmal Frauensache, ebenso wie 

der bedauerliche, naive Glaube einiger Männer, sich einer Verantwortung für DENN IM 

mögliche Folgen aufgrund gottgegebener, männlicher Dispositionen beizeiten 

entziehen zu können. Konkret wäre hier das Selbstbild des „Lonesome Cow- GEGENSATZ ZU 
boys“ oder „Easy Riders“ zu nennen, der, entbunden von banalen alltäglichen NAHEZU ALLEN 
Verpflichtungen, ein wildes Leben in der großen, weiten Welt lebt. Die Vorstel- ANDEREN 

lung, in den ausschweifendsten Jahren Verantwortung für ein Kind übernehmen BEREICHEN DER 
zu müssen, passt da so gar nicht rein - weshalb Mann sich diesem „Konflikt“ am BESEILSCHAFT 
sichersten dadurch zu entziehen weiß, den Ort zu wechseln, abzuhauen. ERREICHT DIE 
Doch auch wenn sich diese männlichen Einstellungen und Verhaltensweisen 
bisweilen als Indifferenz gerieren mögen („Dann zahl ich halt...“), so sind sie „KON TROLL- 

doch zugleich Ausdruck und Ursache tiefsitzender und oft geleugneter Ängste FAHIGKEIT“ DES 
kinderwunschloser Männer, von denen man eine wielleicht als zentral erachten MANNES BEI DER 
könnte: Eng verknüpft mit der genannten „Cowbay"“Problematik ist die weitre- SEXUALITÄT IHRE 
ichende Angst vor dem Kontrollverlust, also dem Verlust von Selbstbestimmtheit, 

Autonomie, letztlich der eigenen Individualität, Der Gedanke an das plötzliche GRENZEN 
Ende eines spontanen, wilden und exzessiven onsstils heißt dabei fast, das 
Leben als solches zu verlieren. Denn im Gegensatz zu nahezu allen anderen Bere- 
ichen der Gesellschaft erreicht die „Kontrollfähigkeit" des Mannes bei der Sexualität 
ihre Grenzen, letztlich hat er nicht mehr wie sonst alle Fäden in der Hand, Neben 
einer Sterilisation bleibt das Kondom das einzige Verltitungsmittel, dass Mann aktiv 
zur Verhinderung einer Schwangerschaft benutzen kann. Doch dass dieses durch 
seine beispielsweise im Vergleich zur Pille recht hohe Fehlerquote zum Unsicher- 
heitsfaktor wird, bereitet vielen Männern — bewusst oder unbewusst — Angst, 

Ein wesentlicher Faktor ist dabei auch das Maß des Vertrauens in Handeln und Auf- 
richtigkeit der Frau: Das reicht dann von der Prage, ob sie die Pille wirklich bzw. 
regelmäßig nehme bis zum redundanten frauenfeindlichen Vorwurf, sie wolle dem 
Mann sowieso nur heimlich ein Kind „unterjubeln; Diese männliche Angst vor der 
unterschwelligen Macht und Bindungslust der Pr, die ihre biologischen Bigen- 
schaften zur Kontrollausübung ausnutzt, ähnelt der virulenten Aussage, jede Frau 
hätte ihren Mann unter „der Fuchtel“ respektive „dem Pantoffel“. 

Jene essentielle Vertrauensunsicherheit oder Zusehreibung typisch weiblicher hin- 
tertückischer Verhaltensweisen können denn auch ursächlich für „Schwanger- 
schaftsängste“ sein, die bis ins Pathologische relehen = von psychischen Problemen 
wie zwanghafter Kontrolle bis hin zum Libidoverlust: Andererseits liegen diesen Än- 
gsten natürlich nachvollziehbare Überlegungen zugrunde, die gerade dem aul- 


£j xog oy} oprsıng 


61 


NaSYyaS9 


Richard Menke 


geklärtesten Mann schlaflose Nächte bereiten können. Denn sollte bei der Verhüt- 
ung etwas schieflaufen (Kondom reißt, oh no) unterliegt alles Folgende nicht mehr 
seiner direkten Kontrolle, er wird im Grunde handlungsunfähig. Weder kann er über 
den Gebrauch der „Pille danach“ entscheiden, noch Informationen über körperliche 
Details oder das Einsetzen bzw. Ausbleiben der Tage einfordern, ebenso wenig wie 
einen Schwangerschaftstest. Und vor allem hat er kein Recht über eine mögliche Ab- 
treibung zu bestimmen. 

So richtig diese Überlegungen auch sein mögen, basieren sie nur bis zu einem 
bestimmten Punkt auf realen Verhältnissen: Denn zum einen missachten wir damit 
die faktische Macht, die Männer über Frauen ausüben (können), in dem sie beispiels- 
weise jegliche Form von Gewalt anwenden, um Handlungen und Entscheidungen 
zu erzwingen. Zum anderen vergessen wir die auf konstruktive Lösungen bedachten 
Aushandlungsprozesse zwischen Individuen, die Teilung von Verantwortung, ge- 


AUF DEREINEN SEITE _genseitige Rücksichtnahme und Achtung der Bedürfnisse der anderen. Denn die 

DIE ERWARTUNG AN männliche Angst vor Vaterschaft beruht ja vor allem auf der Vorstellung des Un- 

DEN MANN wahrscheinlichen: Mann und Frau versichern sich gegenseitig einvernehmlich, 

kein Kind zeugen zu wollen und auch alles in ihrer Macht stehende dafür zu tun 

B - und trotzdem passiert ein Missgeschick. Entschließt sich die Frau jetzt entge- 

ZU UBERNEHMEN, gen der Absprache abzuwarten und das Risiko einer möglichen Schwangerschaft 

AUF DER ANDEREN _ einzugehen, so hat der Mann, der sich auf sie verlassen hat, tatsächlich keinerlei 

DIE BERECHTIGTE Möglichkeit mehr eine Vaterschaft zu verhindern. Es bleibt ihm nur mehr die 

& ABWESENHEIT JEDES Wahl, sich entweder mit seinem „Schicksal“ und damit der Rückstellung seiner 

:< individuellen Bedürfnisse und Lebensplanung abzufinden oder sich diverser 

2) MITENTSCHEIDUNGS- „Arschlochverhaltensweisen“ zu bedienen (auf „Pille danach“ oder Abtreibung 

RECHTS. drängen, sich der Situation durch Abhauen entziehen). Glücklicherweise herrscht 

dieses Misstrauen selten und soll hier lediglich das grundsätzliche potentielle Di- 

lemma veranschaulichen. 

o Dieses wird paradoxerweise gerade aus männlicher pro-feministischer Sicht am 

x deutlichsten: Denn natürlich möchte Mann das Recht der Frau, über ihren Körper 

& ganz allein zu bestimmen, in keiner Weise infrage stellen und natürlich will man 

» keiner der verachtenswerten Idiotentypen sein - es ist ein heikler und äußerst am- 

e bivalenter Balanceakt, den man bewältigen muss. Da nach der Zeugung von der Be- 

£ fruchtung bis zur Geburt alles ohne den Mann passiert, muss er sich einerseits hinsi- 
oO 


VERANTWORTUNG 
8 


chtlich aller eigenen Bedürfnisse zurücknehmen, gleichzeitig aber als „Erzeuger“ 
ein hohes Maß an Verantwortung übernehmen. Er muss also auf der moralischen 
Ebene so tun als befände er sich in derselben Position wie die Frau, ohne jedoch die 
letztliche Entscheidung mit zu fällen. Es ist ein oft ausgeblendeter Spagat: Auf der 
einen Seite die Erwartung an den Mann, Verantwortung zu übernehmen, auf der 
anderen die berechtigte Abwesenheit jedes Mitentscheidungsrechts. Aber wer 
möchte verübeln, dass der Fokus nur selten auf diesen Konflikt gerichtet ist? 
Schließlich tragen nicht gerade die Männer das größte Risiko oder die meisten Be- 
lastungen hinsichtlich des Komplexes um Sex, Verhütung, Abtreibung und Gebären. 
Zudem widerspricht bereits die bloße Angst vor Schwangerschaft dem Selbstbild 
eines aufgeklärten Mannes. Denn eigentlich hat man ja nicht im Sinn, die Frau mit 
Unsicherheiten und Ängsten zu belasten, die sich im weitesten Sinne aufihren Körp- 
er beziehen. Und außerdem stehen Emanzipation und Selbstbestimmung ja auch für 
ein hedonistisches Leben ohne andauernde existenzielle Sorgen - und Sex für Lust 
und ungehemmte Freude statt gefahrvolles Risiko und Quelle mannigfaltiger Ängste. 


RICHARD MENKE 
Der Autor lebt in Leipzig. 


finna Linkerhand 


ist das Weib, von dem der Prediger 7 spricht und 
‚über das jetzt die Kirche jammert wegen der ungeheu- 
ten Menge der Hexen: „Ich fand das Weib bitterer 
Als den Tod; sie ist eine Schlinge des Jägers; ein Netz ist 
‚Ihr Herz; Fesseln sind ihre Hände; wer Gott gefällt, 
wird sie fliehen; wer aber ein Sünder ist, wird von ihr ge- 
‚Jüngen werden.“ Es ist bitterer als der Tod, d. h. als der 
'eufel. [H. Institoris, Hexenhammer] 


‚kleines Kind beobachtet seine Eltern beim lei- 
schaftlichen Sex und stürzt anschließend aus 
} Fenster. Der Vater, praktischerweise Psycho- 
apeut, konzentriert sich ganz darauf, seiner 
iernden Frau über den Verlust hinweg zu hel- 
Der Versuch, die Trauer und die damit ver- 
idlene Angst zu überwinden, führt das Paar in 
Waldhütte, wo, wie ein sprechender Fuchs 
lindet, das Chaos regiert: Die Natur und ihre 
turen schließen 
in und Frau in 
\ ein. Das Exil 


Liebesbezieh- 


chen Heilerfolgen als Wahnsinnige, die ih- 
Mann nach Leib und Leben trachtet. Um der 
‘örung seines Körpers Einhalt zu gebieten, 
led igt er sich der Frau mittels Erwürgen und 
rt standesgemäßen Hexenverbrennung und 
isst den Wald. 

s von Triers Antichrist verstörte 2009 in Can- 
lie Gemüter. Das Feuilleton stieß sich an den 
ssiven Gewalt- und Sexszenen, der überbor- 
len Symbolik und der schnell konstatierten 
ienfeindlichkeit des Films.! Unter dem Ein- 
k besonders des letzten Vorwurfs sollen im 
nden einige kritische Schlaglichter auf An- 
ist geworfen werden, inspiriert von Adornos 
Horkheimers Analysen der Aufklärung und 
Preud’schen Psychoanalyse. 


Wal wird zur SCHEN TRAUERPAARS BIETET AN, IM 
GEGENSPIEL DER BEIDEN PROTA- net werden muss. 
GONISTEN DEN GRUNDKONFLIKTDER Pa Naturin diesem 


Bitterer als der Tod 


Die Tragik der Geschlechter in Lars 
von Triers „Antichrist“ 


Aufklärung 


Wer sind der namenlose Mann und die ebenso 
namenlose Frau; welche Rollen spielen sie? 
Die Konstellation des Trier’schen Trauerpaars bie- 
tet an, im Gegenspiel der beiden Protagonisten 
den Grundkonflikt der Aufklärung zu erkennen: 
die vernunftgesteuerte Beherrschung von Natur, 
die erfordert, auch die eigene Natürlichkeit abzu- 
spalten, zu unterjochen und zu verdrängen. Als ei- 
ne Folge dieses Herrschaftsverhältnisses über die 
Natur und über sich selbst wird Natur - letztlich 
unbesiegbar, eben weil die Menschen selbst natürli- 
chen Ursprungs sind - dämonisiert. Die Angst vor 
wunderlichen Naturgeschöpfen und -geistern ent- 
spricht einer Wiederkehr des Verdrängten, der wie- 
derum mit aufklä- 


DIE KONSTELLATION DES TRIER- rerischen Maßnah- 


men ä „Gespenster 
gibt es nicht“ begeg- 


L Zusammenhang 
1 die Frau ent- AUFKLARUNG ZU ERKENNEN. stets auch als Weib- 
pt sich nach an- liches gesehen wird, 


hängen beide Rollen - die des Herrschenden wie 
diejenige des zu Beherrschenden - eng mit den 
Geschlechtscharakteren zusammen. Der Mann 
repräsentiert das Prinzip der Vernunft und des 
Geistes; die Frau fällt mit Natur und dem Körper 
als der inneren Natur in eins; zusätzlich sind bei- 
de, Mann und Frau, als aufgeklärte Subjekte noch 
einmal in sich selbst gespalten in Geist und Kör- 
per, Verstand und Gefühl, versehen mit dem Impe- 
rativ zur Selbstbeherrschung. Das Verhältnis der 
Einzelnen zu sich selber ist somit ähnlich gewalt- 
förmig und ausbeuterisch wie das der Geschlech- 
ter zueinander, die in der bürgerlichen Ehe öko- 
nomisch wie als Fortpflanzungsgemeinschaft auf- 
einander angewiesen sind und in der romantischen 


. B. Wenn zwei sich 
häuten im SPIEGEL vom 18.5.2009; 
Ein Mann fürchtet „böse“ weib- 
liche Sexualität in der WELT vom 
19.5.2009; Satan ist eine Frauin 
. vom selben Tag. 


Ef xog oyı sprsıno 


18 


NaaYEE9 


GEBÄREN 


82 


Outside the Box #3 


Liebesbeziehung immerhin als Gärtner ihres klei- 
nen Gefühlsutopiens. 


Diese patriarchale Ordnung — patriarchal, weil 
sie den Mann als Herrn über die Frau setzt — illu- 
striert Antichrist aufs Eindrucksvollste. Werfen 
wir einen gründlicheren Blick auf den Mann, des- 
sen Rolle ein wenig verblasst vor dem flammenden 
Wahnsinn, den seine Gattin im Laufe der Hand- 
lung entwickelt. Auf diesen Mann, so normal, ver- 
ständnisvoll und fürsorglich er sich gebärdet, ist 
das männliche Prinzip wie zugeschnitten, das sich 
totalitär, also vernichtend auswirkt, sobald es sei- 
ne Abhängigkeit von der Natur negiert: Die Ver- 
nunft ist ein eifersüchtiger Gott. 

Die Rationalität des Mannes im Film erweist sich 
als in höchstem Grade irrational. Es beginnt da- 
mit, dass er dem psychotherapeutischen Grund- 
satz zuwiderhandelt, nicht nächste Angehörige zu 
behandeln, deren Wohl und Wehe mit den eige- 
nen seelischen Bedürfnissen eng verknüpft ist. 
Folglich passiert, was passieren muss: Er trauert 
nicht selbst um den Verlust des Kindes, sondern 
reguliert seine Gefühle über die Trauer der Frau. 
Indem er ihr ständig mitteilt, in welcher Trauer- 
phase sie sich theoretisch gerade befinde und wel- 
che folgen werde, versucht er, gut aufklärerisch, 
die Angst im Begriff zu bannen, ohne sich auf den 
Schmerz seiner Frau emotional einzulassen. Um 
die abspaltende Übertragung zum Erfolg zu zwin- 
gen, grenzt er sich auch von ihrem Körper ab: Er 
verweigert ihr den Beischlaf, den sie vielleicht des 
Trostes wegen anstrebt, mit dem erzieherischen — 
und psychologisch wohl kaum haltbaren — Hin- 
weis: „Es wäre das Schlimmste, was ich dir jetzt 
antun könnte.“ Dass er mit diesem scheinbar un- 
eigennützigen Verzicht sowohl die Kontrolle über 
die partnerschaftliche Sexualität übernimmt als 
auch seine eigene Trost- und Schutzbedürftigkeit 
verleugnet, kommt ihm nicht in den Sinn. 


Hexentum 


Im Paradigma dieses Geschlechterverhältnisses 
betrachtet, nimmt es nicht wunder, dass der 
Mann sich nicht recht zu freuen vermag, als seine 
Bemühungen, die Frau von ihrer Trauer zu kurie- 
ren, anzuschlagen scheinen und sie lächelnd ver- 
kündet, es ginge ihr besser. Ihre wiedergewonne- 
ne Fähigkeit, die Vormundschaft über sich und ih- 
ren Körper zu übernehmen, macht sie ungeeignet 
zum Übertragungsobjekt und wirft den Mann auf 
sich selbst, auf seine verdrängte Emotionalität zu- 
rück. Genau in diesem Moment des Zurückge- 
worfenseins geschieht es, dass der Fuchs zu ihm 
spricht und ihm zu verstehen gibt, dass auch seine 


Korinna Linkerhand 


Wahrnehmung anfängt, die gewohnten Bahnen zu 
verlassen. 
Es hängt wohl mit dieser Verschiebung der Kräfte 
innerhalb der Paarbeziehung zusammen, dass die 
Frau urplötzlich einen irren Schritt geht: Adäquat 
zu den Therapieversuchen des Mannes, übernimmt 
sie seine Zuschreibung und erklärt sich zur Ver- 
rückten, Irrationalen, Triebgesteuerten. Da sie vor 
Jahren im Rahmen ihrer - schließlich abgebroche- 
nen — Dissertation über die frühneuzeitliche He- 
xenverfolgung geforscht hat, geht sie noch wei- 
ter und verkündet: „Alle Frauen sind böse.“ Der 
Mann versucht ihr diesen Aberwitz auszureden, 
doch vergebens: Am eigenen Leib erfährt er, dass 
die unberechenbare, unheimliche Gefährlichkeit 
der Natur - von der die sich abnorm verhaltenden. 
Tiere und die Eicheln zeugen, die nachts über 
Hüttendach kollern — auch von seiner Frau aus- 
geht. 

Manisch versucht sie, ihn zum Sex zu bewegen. 
Als Verführung nicht mehr ausreicht, ihn sich zu 
unterwerfen, bricht sich ihr Zerstörungswille 
Bahn: Sie zerschlägt seine Hoden mit einem Ham- 
mer und durchbohrt sein Bein mit einem Metall- 
stab, an dem sie einen Schleifstein befestigt, so- 
dass er nicht mehr weglaufen kann. Das Werkzeug 
erinnert dabei auf pervertierte Weise an die äl- 
testen Instrumente menschlicher Naturbeherr- 
schung: die Bearbeitung natürlichen Materials mit 
eigens dafür zurechtgesäbelten Steinen und Klöt- 
zen. — Diese splatterartigen Einstellungen för- 
dern zutage, was die Beziehung zwischen Mann 
und Frau in von Triers Lesart mit sich bringt: Die 
enge Verquickung von Sexualität und Gewalt im 
Film offenbart sich spätestens an der Stelle, an 
der das gefolterte Genital des Mannes Blut ejaku- 
liert. 


Paradox genug, dass historisch ausgerechnet der 
Gottesglaube als Triebfeder aufklärerischer Be- 
mühungen gewirkt und damit den schlimmsten 
Aberglauben befördert hat. Der Hexenhammer des 
Dominikanermönchs Heinrich Institoris (1486) ist 
ein eindrückliches Zeugnis von der Angst der Auf- 
klärer vorm Weib und dessen verderblichem Ein- 
fluss auf die Integrität des sich konstituierenden 
männlichen Subjekts: ein Einfluss, der sich in ers- 
ter Linie in sexuellen Dingen bemerkbar macht. 
Der fanatische Inquisitor Institoris behauptet, dass 
die Hexe — wiewohl gleichfalls imstande, Krank- 
heit und wirtschaftlichen Niedergang herbeizu- 
zaubern — sich vorrangig damit vergnüge, ihr 
männliches Opfer zum Beischlaf zu verführen 
oder aber ihm den Penis bzw. die Potenz fortzuhe- 
xen. Im Zusammenhang damit legt er ihr zur Last, 
die Empfängnis zu verhindern oder die Leibes- 


Inna Linkerhand 


zu behelligen, sich also die Macht über 
ung, Schwangerschaft und Geburt anzueig- 
Im Pakt mit dem Teufel stehend, sei sie ge- 
ie göttliche Ordnung verschworen. 
Psychoanalytiker Bernd Nitzschke schreibt 
In seinem famosen Buch Der eigene und der 
le Körper: „Die Sexualität war seit jeher der 
ind der Zauberei. Insofern hatten die Inqui- 
n recht, wenn sie die Fleischlichkeit, die Sin- 
it, das Begehren als den Bezirk bestimmten, 
ın Dämonen beherrscht wird. Selbstbeherr- 
ing und Abgrenzung sind dem gegenüber Mit- 
den Zauber und die Magie zu bannen. |...] 
lie Inquisitoren lehren und fordern, das ist — 
itbeherrschung. Im Be- 


hiber dem Körper der 


ischheit sind Mittel der 

ht, zunächst der Macht über den eigenen Kör- 
später der Macht über den fremden Körper, 
eit der nun — anstelle des eigenen — Erregun- 
terworfen werden kann, und seien es solche 
Schmerzes.“ 

| man diese inquisitorische Logik zugrunde, 
it von Triers Protagonist mit seiner so päda- 
‘isch daherkommenden Zurecht- und Zurück- 
ung nichts anderes als später seine Frau mit 
ı sadistischen Verstümmelungen. Sie schlägt, 
'scht und durchbohrt seinen Körper, um sich 
zu retten: vor der Natur, der überbordenden 
fzweiflung nach dem Tod ihres Kindes. Weil die 
it ebenso Subjekt ist wie der Mann, in sich ge- 
Iten in beherrschten Körper und herrschenden 
‚st, werden die Rollen des Antichristen wie des 
fistus, also des Aufklärers, in gewisser Weise 
fauschbar. Das ändert jedoch nichts daran, dass 
Frau auf den Antichristen abonniert bleibt — 
auch die Gestaltung des Filmtitels auf Kino- 
ikat und DVD verrät: Der letzte Buchstabe des 
rtes „Antichrist“ wird als Weiblichkeitssymbol 
lergegeben (ein Zeichen, das interessanterwei- 
las christliche Kreuz enthält). Beide, Frau wie 
n, finden nicht heraus aus dem Zirkel des Be- 
schen-Müssens; wobei die Frau von Anbeginn 
schlechteren Karten hat. 


» Identifizierung mit der malträtierten Natur 
igt deutlich heraus, wenn die Frau dem Mann 
ohtszuflüstert: „Ich hörte das Weinen und Schrei- 
all der Dinge, die sterben müssen.“ Die Dele- 
ng. der naturhaft-endlichen Körperlichkeit an 
% Frau bringt die Annahme mit sich, dass die- 
|be auch dem Tod näher stehen müsste (und ihn 
ich herbeizuführen trachtet). In Antichrist 


-Askese, Verzicht und DER ZAUBEREI. 


ist die Frau nicht allein „bitterer als der Tod“, son- 
dern der Tod selbst. Dass der Mann sie schließ- 
lich umbringt, auf rasche, unspektakuläre Weise, 
ist mithin Notwehr, nicht Mord. 


Er und Sie 


Bei dem Paar in Antichrist handelt es sich nicht 
um die psychopathologischen Realitäten eines 
spezifischen Mannes und einer spezifischen Frau 
in einer spezifischen Paarbeziehung. Da die bei- 
den ohne Namen bleiben, werden sie zu Repräsen- 
tanten ihres Geschlechts und ihre Beziehung wird 
dargestellt als die Beziehung zwischen Mann und 

Frau schlechthin, sozusa- 


en aber geht es um DIE SEXUALITÄT WAR gen archetypisch geprägt 
\bgrenzung des Mannes SEIT JEHER DER URGRUND von geschlechtscharakteris- 


tischen Eigenschaften, se- 
xueller Anziehung, Macht- 
kämpfen und der Definition 
als Fortpflanzungsgemeinschaft. Die Überzeit- 
lichkeit und eigentliche Ortlosigkeit des Gesche- 
hens gipfeln in der Benennung Eden für die Hüt- 
te in einem geographisch nicht näher bezeichneten 
Wald; „Eden“ und die Schöpfungsgeschichte sind 
folglich kein zusätzliches Deutungsangebot, das 
sich über ein realistisch in Raum und Zeit veror- 
tetes Geschehen legen würde, sondern anthropo- 
logische Konstanten, denen nicht zu entrinnen ist. 


In psychoanalytischer Interpretation steht die Ver- 
treibung aus dem Garten Eden als Chiffre für die 
Loslösung von der präödipalen Frau, der nähren- 
den Allmutter. Das göttliche Verbot, je wieder das 
Paradies zu betreten, konstituiert auf tragische 
Weise die menschliche Sexualität und dasasymme- 
trische Verhältnis der Geschlechter zueinander. 
Gott vertreibt Adam (hebräisch „der Mensch“) 
aus dem Paradies, weil er, entgegen Gottes Ge- 
bot, der Verführungskraft Evas erlegen ist, und be- 
straft ihn mit Arbeit: der Notwendigkeit, sich im 
Dienste seines Überleben körperlicher Mühsal zu 
unterwerfen, ergo seine Körperlichkeit, seine Trie- 
be, seine Natur zu disziplinieren. „Im Schweiß 
deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ 
(Genesis 3,19). Das paradiesisch-kindliche Schla- 
raffenland wird abgelöst von der Plage, der Na- 
tur mittels Ackerbau und Viehzucht das Lebens- 
notwendige abringen zu müssen. 

Evas Fluch hingegen besteht in der Unterwerfung 
unter den Mann. „Unter Schmerzen sollst du dei- 
ne Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach 
deinem Manne sein; und er soll dein Herr sein“ 
(Gen. 3,16): Die Erschaffung des Menschen liegt 
ferner nicht mehr in Gottes Hand, sondern voll- 
zieht sich in kreatürlicher Gebrechlichkeit - 


£/} zog oy4 Sprsıno 


%:] 


NIYVIHD 


GEBÄREN 


84 


Outside the Box #3 


durch Sex und Geburt. Die Sexualität wird zum 
Daseinsgrund der Frau und macht sie gleichzeitig 
abhängig vom Mann; und der Geburtsschmerz 
wird zur großen, schwächenden Last auf den 
Schultern der erniedrigten Frau. Freud drückt 
sich in seinen Untersuchungen der weiblichen Li- 
bido sehr klar aus: Die Frau wird psychisch erst 
zur solchen, wenn sie gelernt hat, ihr Sünderin- 
nenschicksal anzunehmen und ihre eigenen Ge- 
lüste nach Macht und Befriedigung denen des 
Mannes unterzuordnen. Der jedem Mädchen ei- 
gene infantile Penisneid — die ohnmächtige Wut 
und Sehnsucht nach der höheren Machtstellung 
der Jungs und Männer - soll dem Bedürfnis nach 
passiver Hingabe und ausschließlich vaginaler 
Lustfähigkeit weichen. Nicht umsonst beginnt 
Antichrist mit der Darstellung eines solcherart 
interpretierten Urakts des 
Lebens: der Penetration 
der Frau mit dem Penis. 


DER HOFFNUNGSLOSE 
AUSGANG VERKÜNDET UNAB- 


Korinna Linkerhand 


schuld und exzessiver Schuld, zwischen Täterin 
und Opfer; von der verwaisten Mutter und gehor- 
samen Partnerin wird sie zur Schinderin ihres 
Mannes. Von Triers Dialektik der weiblichen Ge- 
walt zeigt: Die Masochistin ist nur die Umkeh- 
rung der Sadistin und trägt diese schon in sich. 


Jener Umschlag zeigt sich im Fall des Antichrist 
in der Haltung der Frau gegenüber ihrem - männ- 
lichen — Kind: Aus dem Autopsiebericht erfährt 
der Vater, dass die Fußknochen des Kindes leicht 
verformt waren, und erinnert sich daraufhin an 
die gelegentliche scheinbare Nachlässigkeit der 
Mutter, dem Kleinen die Schuhe seitenverkehrt 
anzuziehen; womit sie ihrem Kind — das später 
die Hinterhältigkeit besitzen wird, sich umzubrin- 
gen - die Bocksfüße des Teufels oder des Dionysos 
antrainiert, die beide Ge- 
genspieler des vernunft- 
geleiteten Gottes sind. In 
der Retrospektive wird 


Auffällig, dass das Eden ÄNDERLICHE WAHRHEITEN somit deutlich, dass die 
im Film, entgegen der bi- ÜBER DAS VERHÄLTNIS VON Frau das Kind in ihre 


blischen Erzählung, den 
nachparadiesischen Zu- 
stand der Verworfenheit 
beider Menschen illustriert - möglicherweise ein 
Hinweis auf die Aussichtslosigkeit, sich von der 
Erbsünde und dem daraus resultierenden Krieg 
der Geschlechter zu emanzipieren, der hier im- 
merhin in der Tötung der Frau resultiert. Der 
Mann verlässt Eden allein, als reichlich mitge- 
nommener Überlebender. 


Unschuld 


In Antichrist nimmt Lars von Trier das Motiv der 
leidenden Frau wieder auf, wie es sich bereits in 
Medea (1988), Breaking the Waves (1996), Dancer 
in the Dark (2000) und Dogville (2003) findet. 
Wie in jenen früheren Filmen kann der Fokus 
gerade auf die ursprüngliche Unschuld der Haupt- 
darstellerin gelegt werden, auf ihre tragische Ver- 
strickung in ein Geschehen, das sie erst zur Ge- 
walt treibt — manches Mal sogar, wie die herz- 
zerreißende Selma in Dancer in the Dark, zum 
Selbstopfer. Die Gewalt, deren die Frauen plötz- 
lich fähig werden, ist freilich krass: Die beraubte 
Selma erschießt ihren Nachbarn, den diebischen 
Polizisten; die vergewaltigte Grace rächt sich an 
den Bewohnern Dogvilles, indem sie die Auslö- 
schung des Örtchens veranlasst. Selmas und Gra- 
ce’ genuine Unschuldigkeit gewinnt dadurch eine 
dämonische Dimension. 

Auch die Protagonistin in Antichrist entspricht 
diesem Frauenbild, sie bewegt sich zwischen Un- 


MANN UND FRAU. 


antichristlichen Umtrie- 
be einbezogen hat. Die 
Reaktion des Kindes be- 
zeugt dessen Unbehagen: Die Mutter beklagt, dass 
der Junge während eines früheren Aufenthalts in 
Eden - zu der Zeit, als sie an ihrer Hexenarbeit 
schrieb — immer von ihr weggelaufen sei. 
Trotzdem bildet der Tod des Kindes (das zumin- 
desteinen Namen hat, Nic) die Leerstelle des Films. 
Ob der Dreijährige tatsächlich Selbstmord began- 
gen hat, bleibt offen. Das schreckliche Ereignis 
kommt eher wie ein Unfall daher, an dem niemand 
schuld sein könne; weshalb auch die Schuldzuwei- 
sungen der Frau — zuerst an den Vater, dann an 
sich gerichtet — ins Leere laufen. Man muss Lars 
von Triers Drehbuch zugute halten, dass in der 
anfänglichen, objektiven Darstellung des Fenster- 
sturzes die Frau keinen Einfluss auf das Verhal- 
ten des Kindes hat, was ihre späteren Schuldphan- 
tasien als Phantasien einer von Trauer gequälten 
Mutter bestätigt. 

Gegen Ende des Films richtet sich ihre Trauer in 
all ihrer Destruktivität gegen sie selbst; sie schnei- 
det sich, in einem letzten und als masturbatorisch 
dargestellten Akt, die Klitoris heraus - als ein ul- 
timatives Schuldeingeständnis und als Akt der 
Selbstbestrafung. Die Abtrennung ausgerechnet 
dieses Körperteils, des Sitzes der weiblichen Or- 
gasmusfähigkeit, mithin des Sündigens, kann als 
Versuch gesehen werden, die Unschuld wieder- 
herzustellen. 


inna Linkerhand 


ch diesen Umbögen bleibt die Frage: Folgt von 
"rs Film den altbekannten Rechtfertigungen 
‚F'rauenunterdrückung; steht er in der Traditi- 
‚der Bibel und des Hexenhammers, des Ratio- 
lismus der europäischen Aufklärungsbewegun- 
, der stets auf Kosten der Frauen ging — oder 
n man ihn als Kritik durch Darstellung im 
ine der Kritischen Theorie verstehen, also eine 
eption voraussetzend, die das Dargestellte in 
er Kritikwürdigkeit erkennt und daraus klü- 


ird? 


letztere Herangehensweise stellt hohe Ansprü- 
an den kritischen Sinn der ZuschauerInnen; 
inläuft Gefahr, eine unsympathische Anhänger- 
laft anzulocken. Vom Standpunkt der Zuschau- 
ı verhielte es sich dann ähnlich wie beim Ki- 
teignis Borat vor einigen Jahren, einem Film 
durchaus guter, aufklärerischer Intention: Das 
lisement über die dokumentarisch dargestellte 
immheit vermischte sich mit dem Ärger über 
Dummheit einiger anderer KinobesucherlIn- 
, die unbeschwert den Antisemitismus US-ame- 
nischer Provinzler auf der Leinwand be- 
ten — schließlich kriegt man im Kino nicht 
Judenwitze zu hören.? 

© solche dysfunktionale Rezeption wäre in 
chen Fällen zu verorten, in denen dem Film 
Ichrist Frauenfeindlichkeit vorgeworfen wird. 
Rezensent übernimmt die Sichtweise des Man- 
‚oder, im Fall Bosrats, die des amerikanischen 
nzlers; dieser Sicht folgend ist es die Frau 
‚sind es die Juden, die nicht mehr alle Tassen 
schrank haben. Ist man auf dieses Identifikati- 
ngebot eingegangen, wird man genötigt, An- 
nitismus und Antifeminismus am Werk zu se- 


vermute, die quasi-feministischen Reaktionen 
Antichrist sind gefärbt vom allzu gewohnten, 
u normalen patriarchalen Blick auf das von 
sche Paar. Wer die Bedrohtheit des Film-Man- 
durch die dämonische Frau kritisiert, wer sich 
lich auf die Frau fokussiert, vernachlässigt den 
'k auf den rationalen Wahnsinn dieses Mannes, 
normalen, völlig gesellschafts- und rollenkon- 
hen, und betrachtet auf diese Weise nur die ei- 
seite der Tragödie. Die Grausamkeit und von 
herein verzweifelte Lage auch des männlichen 
agonisten, der von seiner Emotionalität und 
om körperlichen Erleben abgeschnitten ist, 
it dabei ungesehen. Bezieht man diese Aspek- 
ingegen ein, illustriert Antichrist das grandio- 
©heitern der männlichen Aufklärung, im Weib 


das Böse austreiben zu wollen; eine Anstrengung, 
die erst das Böse heraufbeschwört. 


Fehl geht meiner Meinung nach auch eine Inter- 
pretation, die an Antichrist die geschlechtsspezi- 
fischen Zuschreibungen kritisiert, deren prominen- 
teste diejenige von Frauen als Hexen ist - als gäbe 
es diese Identifikationen nicht, als wären sie haupt- 
sächlich Kopfgeburten des Lars von Trier und 
nicht gesellschaftliche Realität. Dabei existiert ein 
weiblicher Geschlechtscharakter, der, durch männ- 
liche Zuschreibung entstanden, gesellschaftlich 
äußerst wirkmächtig ist. Frauen sind, bis auf den 
heutigen Tag, notwendig auf Sexualität und den 
Körper als Natürliches verwiesen, weil dieses Ge- 
schlechterbild patriarchale Realität ist. Im Namen 
irgendeiner Aufklärung diese weibliche Partiku- 
larität zu verleugnen, die bis in die banalste All- 
tagserfahrung der meisten Frauen hineinreicht, 
wäre größter Unfug, Daher müssen sich Kunstwer- 
ke, denen es um die Problematik der Geschlech- 
ter zu tun ist, immer wieder mit den altbekannten 
Bildern auseinandersetzen und deren zerstöreri- 
sche Abgründe ausloten, um zu zeigen, wie sie 
funktionieren, und vielleicht, um Auswege aufzu- 
zeigen: auf individueller oder gesellschaftlicher 
Ebene. Anders kann die fatale „Spaltung von Men- 
schen in Männer und Frauen“ (Alice Schwarzer) 
nicht überwunden werden. 


Nichtsdestoweniger legt der Film eine frauenfeind- 
liche Sichtweise nahe: Der hoffnungslose Ausgang 
verkündet unabänderliche Wahrheiten über das 
Verhältnis von Mann und Frau. Von Triers extreme 
Zuspitzung und Verabsolutierung des patriarcha- 
len Normalzustands erlauben keine Alternativen. 
Die Geschlechter erhalten keine Chance, sich an- 
ders zu verständigen als über nackte Gewalt, sie 
kommen kein Stück aus ihrer Haut; auf diese Weise 
driften sie ins Essenzialistische. Der Mann ver- 
lässt den Schauplatz seiner Qualen mit dem Wis- 
sen, dass die Frau Satan ist, bis in den Tod fest- 
gelegt auf ihre zerstörerischen weiblichen Eigen- 
schaften. 

Mit dem Genre des Horrorfilms liebäugelnd, ver- 
längert Lars von Trier das Schreckliche und Jäm- 
merliche im Verhältnis der Geschlechter zueinan- 
der in alle Ewigkeit. Das ist umso unerfreulicher, 
als es sich immerhin um ein Verhältnis handelt, 
dass den Männern das Phantasma Frau bitterer 
macht als den Tod — zum größeren Schaden der 
Frauen. 


KORINNA LINKERHAND 
lebt, studiert und schreibt in Leipzig. 


2 Überhaupt bleibt fragwürdig, 
inwieweit es sinnvoll ist, sich 
an die Intention eines Kunst- 
werks zu klammern - wenn es ei- 
gentlich darum geht, sich über 
rassistische und sexistische 
Ausuferungen in Film und Fernse- 
hen zu vergnügen, der eigenen, 
tief verankerten gesellschaft- 
lichen Konditionierung gehor- 
chend. Ähnlich steht es um jene 
als Trash ausgewiesene Rezep- 
tionsweise, die sich die gesell- 
schaftskritisch ambitionier- 
ten Fans von Formaten wie Frau- 
entausch und Germany’s Next 

Top Model gern unterstellen: Die 
(meines Erachtens durchaus 
verzeihliche) Freude am Sexismus 
wird gerechtfertigt mit der 
Haltung, das Ganze lediglich in 
seiner kapitalistisch-menschen- 
verachtenden Scheußlichkeit 
unterhaltsam zu finden; bis irgend- 
wann die Schmerzgrenze erreicht 
ist. Doch das nur nebenbei 
bemerkt und in Absehung von 
Antichrist, der den meisten Gemü- 
tern wohl zu schwerverdaulich 
wäre für ein vorrangig voyeuri- 
stisches Konsumieren. 


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Karina Zimmerhackl 


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NYAYIHD 1:2: £/ xog ®yI »prsı4no 


rina Zimmerhackl 


oves like she don‘t care 
as silk, cool as air 
It makes you wanna ery! 


Bilder 


iz, Uffizien. Ich wandere durch die ersten paar 
imsräume und betrachte die mittelalterlichen 
ir. Alles blinkt vor lauter Gold, statische Kör- 
llen die Bilder aus, oft nur durch Details und 
Önner genau einzuordnen. Auch Maria ist un- 
en, mehrmals. Sie hingegen ist leicht zu er- 


tdasgängige Bild. Holzschnittartige Kontu- 
hreiben flache Körper, die fast geschlechts- 
ten und unter den sie umhüllenden Klei- 
füst verschwinden. Der Stoff bleibt starr, die 
fest, ein großer, flacher Kreis umstrahlt 
leiligenschein das Mutter-Kind-Paar. Alles 
nt in einer Zweidi- 
lonalität gefangen, ge- 


Das Bild ist voller 
her Insignien und 
Verzierungen; es ist überlebensgroß und Ma- 
ickt mich von schräg oben an. Ihr Blick ist 
ichzeitig nach innen und nach außen ge- 
t: In einem Moment schaut sie mich direkt 
nächsten ist sie abwesend und undurch- 
‚lich. Ihre Augen machen Maria inmitten der 
n und starren Ausgestaltung lebendig. Sie ist 
‚ Theotokos — die Gottesgebärende —, unbe- 
‚undrein, aber, und das eröffnet mir ihr Blick, 
auch menschlich und körperlich präsent. 


Thronende Haltung, das Kind auf dem. 


Maria (Theotokes) 


Deutlich zeichnen sich bei ihr unter dem Gewand 
die Brüste ab und verstärken diesen Eindruck. Es 
ist diese sich der Überhöhung widersetzende Herb- 
heit, die berührt und die ich als Individualität und 
Gegenwärtigkeit erfahre. Die Geschichte des Bil- 
des ist dadurch geprägt: Die Intensität der Ognis- 
santi-Maria wurde im 14. Jahrhundert „reguliert“, 
indem man ihr Gesicht übermalte, um die Direkt- 
heit in Blick und Ausdruck zu mindern und Maria 
damit in die für sie ersinnte Sphäre zu weisen. 


Der Weg durch die Museumsräume bringt mich 
weiter, führtmich durch die Bildergeschichte christ- 
licher Kunst hin zu einem Raum voller Bilder von 
Filippo Lippi. Verschiedene Frauendarstellungen 
sind zu sehen, meist Maria mit Kind in verschie- 
denen Posen. Während ich vor einem der Bilder 
stehe, überkommt mich ein Gefühl von Erkennt- 
nis: Das Gefühl, die Bildwerdung einer „mythi- 
schen Weiblichkeit“ gese- 
hen zu haben, denn in den 


Ehinei z SIE IST MARIA, THEOTOKOS ae ah 
I, hineingezwängt. r Bildern von Lippi erblicke 
s Madonna aus Og- - DIE GOTTESGEBARENDE -, ich eine »vollkommene« Ma- 
ti? ist eines dieser UNBERÜHRT UND REIN, ria, naturverbunden, sanft, 
‚ das jedoch heraus- 2 weich und von engelhafter 
I: Vor goldenem Hin- ABER, UND DAS EROFFNET Anmut. Die ae mit 
d sitzt Maria mit MIR IHR BLICK, SIE IST Kind und zwei Engeln?° sitzt 
ssusknaben, erhaben, AUCH MENSCHLICH UND auf einem Schemel, ihre 
er Schar Engel um- KÖRPERLICH PRÄSENT. Hände zur Andacht gefal- 


tet. Zwei Engel halten das 
Jesuskind, das seine Hände 
zu Maria reckt. Im Hintergrund ein Marmorrah- 
men, der den Blick freigibt auf ein Stück Natur. Zu 
sehen ist eine hügelige Landschaft, ein paar Felsen 
im Vordergrund, auch diese begrünt. Doch die Na- 
tur entspringt der Vorstellung des Künstlers, ist ei- 
ne Mischung aus abgezeichnetem „Heiligen Land“ 
und italienischer Landschaft. Ins Bild eindringend 
ist diese Natur keine an sich natürliche, sondern, 
im Gegenteil, ein Konzept ihrer selbst, das sich in 
diesem Bild vereint mit einem bestimmten Bild 


1 Blondie: Maria. 


2 Giotto di Bondone: Die Madonna 


aus Ognissanti (auch: 


Ognissanti-Madonna), Tempera auf 


Holz, 325x204 cm, um 1310. 


3 Filippo Lippi: Madonna col 
Bambino e angeli (dt.: Die 
Madonna mit Kind und zwei En- 
geln), 92x63 cm, 1465. 


4 Man malte das „Heilige Land“ 
meist nach Büchern mit Kopier- 
vorlagen, denn die meisten Künst- 
ler konnten damals (aus finanzi- 
ellen Gründen) nicht nach Israel 


reisen, um die Landschaft vor 
Ort zu studieren. 


£j xog oy2 eprsıng 


68 


NaUyaS9 


GEBÄREN 


90 


Outside the Box #3 


5 Die Geburt der Venus zeigt 
die Ankunft der Venus, die in ei- 
ner Muschel schwebend vom 

Meer ans Land getrieben wird; 
Der Frühling inszeniert das 
allegorische Erwachen der Natur 
und zeigt einen Paradiesgarten 
mit einer Reihe von verspielten, 
teils tanzenden, nur leicht 


umhüllten Figuren. 


6 Albrecht Dürer: 
der Birne, Mischtechnik auf 
Holz. 43%32 em, .1526. 


Maria mit 


7 HLD 4,1-7 [LUT] 


oder einem bestimmten Konzept von Frau und 
Mutter, wie man es heute kennt. Es ist dieses ande- 
re Bild, das abstrakte Bild einer Mutter und Frau, 
das mich aus dem Bild Lippis heraus ansprang: 
Maria sitzt anmutig, ihr Blick ist gesenkt, nach in- 
nen gerichtet. Von dem Schemel, auf dem sie sitzt, 
ist nur ein Detail sichtbar: eine Armlehne, orna- 
mental geschwungen und mit Schnitzereien ver- 
ziert, darauf liegend ein kleines Kissen, das aus 
Brokat zu sein scheint und fast die Farbe der Arm- 
lehne hat. Gemeinsam ergeben sie eine organisch 
geschwungene Form, die an einen Schwan oder an 
ein sich zusammenrollendes Schneckenhaus erin- 
nert. Die ornamentale Form ist sich rein ästheti- 
scher Selbstzweck und verschlüsselt den Inhalt, der 
Schnörkeldes Schemels verweist jedoch (auch durch 
seine Materialität) noch auf die Wucherung einer 
natürlichen, organischen Form. Diesem organisch- 
natürlichen Wachstumsprozess ist der Schemel 
nachempfunden, erist verstecktes Zeugnis der (Re-) 
Konstruktion von Natur, eine Bearbeitung von Na- 
tur, einer Idee von Natur, die sich eben auch in 
der Darstellung der Natur und Mariens wieder- 
findet. 

Die Farben sind gedeckt, Blau- und Ocker- bzw. 
Rottöne bestimmen das Bild, der Hintergrund ist in 
gedämpften Grüntönen gemalt; hell heraus leuch- 
ten einzig die Köpfe von Maria und dem Jesuskna- 
ben. Die Heiligenscheine bestehen nur noch aus ei- 
ner zarten Linie und scheinen fast verschwunden 
zu sein. Marias Kopftuch ist nur noch ein Hauch 
von Farbe, umschwebt transparent-transzendent 
ihren Kopf, der in feinen, aber klaren Konturen ge- 
zeichnet ist. Die Leichtigkeit von Heiligenschein 
und Kopfschmuck werden durch ihr wuchtiges Ge- 
wand kontrastiert. Massiv umhüllt dieses ihren 
Körper, verschluckt ihn fast gänzlich. Das latent 
sexuell-körperliche, das in Giottos Madonna noch 
auftaucht, ist hier vollkommen verschwunden; 
Reinheit, Natürlichkeit und zärtliche Anmut be- 
stimmen Maria und lassen sie zur Ikone mythi- 
scher Jungfräulichkeit werden. 

Wieder werde ich weiter durch die Räume gelei- 
tet, vorbei an Botticellis Die Geburt der Venus 
und Der Frühling’, Inbegriffe der Inszenierung 
des weiblichen Idealkörpers, hin zu einem kleinen, 
unscheinbaren Bild. Dürers Maria mit der Birne® 
zeigt eine einfach gekleidete Frau, die auf dem 
rechten Arm das (Jesus-)Kind trägt, in der ande- 
ren eine Birne, der Hintergrund ist flächig, dunkel. 
Marias nach unten gerichteter Blick ist uneindeu- 
tig. Einerseits scheint er auf das Kind gerichtet, 
das in seiner linken Hand eine einfache Blume 
hält, aber er fällt auch ins Leere und lässt sie ab- 
wesend und in sich gerichtet erscheinen. Heiligen- 
schein, Kopfschmuck oder anderweitige, sie als Ma- 
ria ausweisende Insignien scheinen auf den ersten 


Katharina Zimmerhackl 


Blick zu fehlen: Maria tritt mir hier schlicht als 
Frau und Mutter entgegen, als sei sie dem Alltags- 
leben und seiner weltlichen Einfachheit entsprun- 
gen. Ihre runden, weichen Züge strahlen Mütter- 
lichkeit und körperliche Nähe aus, einzig ihr 
doppeldeutiger Blick zeigt eine Abwesenheit und 
deutet auf Maria als Heilige hin. Denn in ihrer 
überbordenden Körperlichkeit, in ihren wallenden 
Locken und dem rundlichen Gesicht mit den molli- 
gen, herzförmigen, rot leuchtenden Lippen scheint 
ein Widerspruch auf: Gestik, Ausdruck und Sym- 
bolik verweisen Maria ins Paradiesische, die sym- 
bolische Frucht und die Sinnlichkeit der Erschei- 
nung lassen an die Lobpreisungen im Hohelied 
Salomos denken, die oft genug mit der Gottesmut- 
ter in Verbindung gesetzt wurden: 


„4,1 Siehe, schön bist du, meine Freundin. Siehe, du bist 
schön! [...] Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die 
vom Gebirge Gilead hüpfen. [...] 4,3 Wie eine karmesin- 
rote Schnur sind deine Lippen, und dein Mund ist 
lieblich. Wie eine Granatapfelscheibe [schimmert] deine 
Schläfe hinter deinem Schleier hervor. 4,4 Dein Hals 

ist wie der Turm Davids, der rund gebaut ist. Tausend 
Schilde hängen daran, alles Schilde von Helden. [...] 

4,7 Alles an dir ist schön, meine Freundin, und kein Ma- 


kel ist an dir.“ 


Erotische Allegorik durchzieht das Hohelied, ein 
Lobgesang physisch und geistigerfahrener Liebe — 
der Liebe Gottes zu den Menschen. Maria, die 
Makellose (ja, die Unberührte!) wird so zum Ge- 
genstück der sündigen Eva. Sie ist es, die den hoff- 
nungsvollen Blick auf reine Unschuld und Wieder- 
gutmachung des Sündenfalls wieder ermöglicht, 
denn sie ist der „verschlossene Garten“, sie trägt 
(mit und durch ihre Liebe) das Paradies in sich. 


Alsich nach dem Besuch der Uffizien begann, mich 
mit dem Marienbild zu beschäftigen, versuchte ich 
zwanghaft, innerhalb der vielen Darstellungen ei- 
ne Systematik zu finden. Um die Materialfülle zu 
bändigen und ein klareres Bild zu bekommen, stu- 
dierte ich die sich wiederholenden Bildtypen und 
die verwendete Symbolik. Es ergab sich zwar ein 
Zusammenhang, aber er schien nicht wirklich et- 
was sichtbar zu machen. Mehr und mehr schienen 
sich die Bilder zu widersetzen und es war klar, dass 
ich darin nicht ein Allgemeines, Zusammenhän- 
gendes finden konnte, sondern mich dem Besonde- 
ren, dereinzelnen Maria und ihrer Darstellung zu- 


wenden musste. In der Kunst ist sie viele Frauen 
gewesen, viele Mütter und die Einzige zugleich, sie 
war zärtlich und abweisend, anwesend und abwe- 
send, sie ist heroische Gottesgebärende und sorgen- 
de Mutter, sie posiert im Paradies und im Elend, 
ist Königin und Mädchen zugleich. Sie wandert 
durch die Jahre wie Woolfs Orlando, verschwin- 
det, taucht wieder auf, doch wechselt sie nicht ihr 
Geschlecht, sondern ihr Antlitz. 


Arina Zimmerhackl 


jÖsition Pasolini: Ein übergroßes Gesicht auf der 
and, den Blick nach oben gerichtet, das eben- 
ve Gesicht durch ein schwarzes Kopftuch ein- 
hmt. Wir betrachten sie von leicht oben, ihre 
wackeln, wirken verunsichert, weiche, kind- 
Züge bestimmen das Bild der Maria, die wir 
‚sehen. Sie ist deutlich angelehnt an Jahrhun- 
» gemalter Tradition. Gegenschnitt auf Joseph 
es, den sie anblickt), dessen zuckende Ge- 
Iszüge Fassungslosigkeitundinnere Unruhe ver- 
1. Er zweifelt. Erneute Großaufnahme, Maria 
ihre Augen, Joseph blickt sie noch einmal 
rnd an, und wendet sich ab. Ganzkörperaus- 
\itt, deutlich zeichnet sich der Bauch der schwan- 
Maria unter ihrem einfachen Gewand ab. 
ıph verlässt sie, Marias Blick folgt ihm. Ohne 
>, sprachlos also, beginnt der Film und erzählt 
so viel. Die erste Einstellungsfolge von Paso- 
s Verfilmung des Matthäus-Evangeliums? zeigt 
Maria und Joseph inmitten einer kargen und 
Inigen Landschaft mit ärmlicher Steinhütte. Es 
uns auch ein neues Bild der Maria: Dem stil- 
‚Bildder Malereitreten Bewegung und Montage 
gegen; der Blick, mein Blick, verdoppelt sich 
h die Kamera, wird durch sie gelenkt. Das 
rerste Bild ist die übergroße Nahaufnahme, 
ht von schräg oben zeigt sie mir eine kindlich- 
zige Maria, ärmlich gekleidet aber mit einer sto- 
en Ruhe und Selbstverständlichkeit - in gewis- 
Weise darin der Ognissanti-Madonna Giottos 
inlich. Nach der Blick- 


in den Richtung Na- 
sth wandernden Jo- 


hen. Er kniet nieder 

| legt verzweifelt seinen Kopf auf einen Felsen, 
‚schließt die Augen. Stille. Joseph schreckt auf, 
t Engel Gabriel erscheint: „Joseph, du Sohn Da- 
Is, fürchte dich nicht, Maria dein Weib zu dir zu 
ımen, denn ihr Kind ist aus dem heiligen Geis- 
Josephs Zweifel sind ausgeräumt, er kehrt zu- 
zu Maria und gibt ihr mit einem Lächeln zu 
rstehen. Sie erwidert es. 

larias Rolle im Film ist kurz, sichtbar wird sie 
ir in den ersten und letzten Minuten des Films.’ 
ine der eindringlichsten Szenen des Films be- 


SORGENDE MUTTER, SIE POSIERT 


schreibt Ihre amlbivalente Rolle sehr deutlich: Zu 
den Klingen von Odetta Holmes pilgern die Heili- 
gen, gefolgt von einer Menschenmenge, zur jun- 
gen Mutter und dem Jesuskind. Maria sitzt vor ei- 
ner Höhle, dus Jesuskind in den Armen, sie trligt 
jetzt ein weißen Kopftuch, Zeichen ihrer Unschuld. 
„Sometimen, I fuel like a motherless child |...] so- 
metimes I fool like I'm almost gone, way up in the 
heavenly land. ,,", Während Odetta diese Zeilen 
singt, sehen wir Maria. Verunsichert steht sie auf, 
nach einem Blick zu Joseph setzt sie sich wieder. 
Sie erscheint als Großaufnahme, erst mit zürtli- 
chem, aufdas Kind gerichteten, dann mit Blick auf 
die zur Ehrung Gekommenen. Nie ist sie kindlicher 
als hier, bei der Überlegung, ob sie die Anderen an- 
erkenntodernlcht, Ihr Blickist abschätzend, überle- 
gen undzärtlichzugleich, ihr Mund fürden Moment 
neckisch und leicht geöffnet. Im nächsten schließt 
sie ihn und überreicht das Kind. Ihre Rolle ist ihr 
klar, ihre Aufigabe erfüllt. Maria, vom hebräischen 
mirjam oder marjam abgeleitet, hat „das Bittere 
der Zeit getragen“, Sie trägt es und so wird Jesus 
geboren, von dem wir wissen, bitter wird es sein, 
denn er wird am Kreuz geopfert werden. Doppel- 
deutiggsind die gesungenen Zeilen. Maria bringt Je- 
sus auf die Welt, der wiederum zum motherless 
child wird, um die im abstrakten Sinne Mutterlo- 
sen, die Entfremdeten zu befreien. Maria „löst“ Je- 
sus von sich, gibt ihn und ihre Liebe her und so 
wird er zur autonomen Heilsfigur, zum sozialuto- 
pischen Prediger, der auf die Veränderlichkeit ver- 
weist, die in dem sometimes enthalten ist... Was 

weibliche Liebe nicht al- 


ie mit Joseph steht sie IN DER KUNST IST SIE les vollbringen kann. 

' Rand der kargen Für einen Moment je- 

inhütte und schaut VIELE FRADERE GEWESEN, VIELE doch blitzt Maria in die- 
nach, ein Choral MUTTER UND DIE EINZIGE ser Geste, in ihrer trotzi- 
ein. ZUGLEICH, SIE IST HEROISCHE gen Abschätzung als ei- 

» Kamera zeigt mir GOTTESGEBÄRENDE UND genständiges Subjekt auf, 


doch ihre Handlung ist 
schon beschlossen, auch 


)h. Kurz vor der Stadt IM PARADIES UND IM ELEND, ihr Schicksal ist bestimmt 
ft er auf ein Dut- R “ — sie verschwindet hinter 
ind spielender Kinder IST KONIGIN UND MÄDCHEN ihrem Sohn. Trotz allem 
| bleibt überwältigt ZUGLEICH. bleibt Pasolinis Maria für 


mich eine der Schönsten. 
Es ist ihr eindringliches Gesicht, das einen Stolz 
und eine Andersartigkeit ausstrahlt, die fasziniert. 
Pasolinis Film ist detailgetreu, einzige Basis ist das 
Evangelium, das für ihn ein Werk unvermittelter 
Schönheit ist, Unvermittelt, das meint eine Schön- 
heit, die sich nichtals rein ästhetische begreift, son- 
dern auch eine zutiefst moralisch begründete ist. 
Die Großaufnahmen von Marias Gesicht sind die 
Momente, in denen Pasolinis Maria mir am nächs- 
ten kommt. Sie ist gleichzeitig fremd und erhaben, 
kindlich-unschuldig und stolz, sie erscheint als ei- 


8 Pier Paolo Pasolini: Il 
Vangelo secondo Matteo (dt,ı Daun 
1. Evangelium - Matthäus), 1964, 


9 Ich gehe hier nur auf. Ihr 
Erscheinen in den ersten 10 MI 
nuten ein. Marias Rolle zum 
Schluss des Films ist kurs, ale 
erscheint als verzweifelte 
Mutter zur Kreuzigung und spi® 
ter zur Kreuzabnahme. Ein paar 
bewegende Einstellungen wäh 
rend der Kreuzigung zeigen „ia 
lautlos klagend - sie wird hier 
von der Gottesmutter zur urel 
genen Mutter. Kein Wunder alno, 
dass Pasolini die Rolle seiner 
Mutter gab. 


mM 2 cf# zug ur Sprsımo 


GEBÄREN 


92 


Outside the Box #3 


10 Pasolinis Verfilmung zeigt 
uns Jesus und seine Geschichte 
auch als eine Art Sozialuto- 

pie, die, angesiedelt im südli- 
chen Italien, durchaus kämp- 
ferische Momente hat und in der 
Jesusfigur exemplarisch eine An- 
dersartigkeit zeigt, die in 
dieser durchkapitalisierten Welt 
nicht existieren kann. Er prä- 
sentiert uns in einer Mischung 
aus cinäma v&erite und christ- 
licher Ikonografie einen von einem 
naiven, fast schon magisch anmu- 
tenden Realismus getragenen Film, 
der von einer irrationalen Hoff- 
nung auf ein proletarisches 
Subjekt (das sich v.a. in Jesus 
verkörpert) getragen scheint. 


ll Diese Verpflanzung machte 

Je vous salue, Marie zu einem der 
Skandalfilme der 80er 
wurf der Blasphemie kam dabei vor 


Der Vor- 


allem aus der katholischen 
Kirche - ein Aufführungsstop in 
Rom und im Vatikan war u.a. 

die Folge. 


12 Eine der zentralen Szenen 
zeigt, wie Joseph immer wieder 
seine Hand auf Marias Bauch 
legt, sie diese aber mit einem 
„Nein“ wegstößt. Nach eini- 

gen Versuchen begreift er, dass 
er den Bauch wieder loslassen 
muss, um ihn anfassen zu dürfen 
- nur darin zeigt sich seine 
Akzeptanz. 


13 Das mag recht harsch klin- 
gen, doch ich lese Godards Film 
stark in diese Richtung. Dabei 
muss ich aber zugeben, dass der 
Film nie vollkommen eindeutig 
wird. Durch die Art des Films, 
d.h. Brüche zwischen Ton und 
Bild, harte Schnitte, essayisti- 
sche Aneinanderreihung der 
Bilder, zeichenhafte Schauspie- 
ler etc., behält er etwas Of- 
fenes und sich der Interpretati- 
on Entziehendes. 
er nicht nur die Geschichte zwi- 
schen Maria und Joseph, son- 


Zudem erzählt 


dern zeigt auch eine moderne Eva 
und ihre Geschichte, auf die 


ich hier nicht eingehe. 


ne Erinnerung an ein auf eine gewisse Weise als 
selbstverständlich erfahrenes Leben. Ihre sinnliche 
Körperlichkeit erscheintinmanchen Momenten un- 
belastet von gesellschaftlicher Ideologie oder Schuld 
als archaisches Bild einer reinen Wirklichkeit des 
Körpers und erinnert darin an eine andere, irrati- 
onale Art des Erfahren-Könnens, die in der moder- 
nen, kapitalistischen Welt unmöglich scheint, viel- 
leicht immer schon unmöglich war.!® 

Doch Maria existiert nicht alleine und aus sich 
selbst heraus, sondern immer im Blickwechsel mit 
Joseph. Darin versichert sich ihr Dasein, der männ- 
liche Blick exponiert sie, prägt sie, bestimmt sie. 
Ihre erhabene Wirklichkeit ist eben doch fremdbe- 
stimmt, ihre Existenz benötigt die Versicherung 
männlicher Zustimmung , eine Versicherung, derer 
ihr entfremdeter Sohn 
nicht mehr bedarf. 


Der männliche Blick auf 
das Mysterium der den 
Gottessohn Gebärenden 
setzt sich im zwanzig 
Jahre später erschiene- 


MARIA IST VOR ALLEM DER 
INBEGRIFF EINER GEKNEBELTEN 
WEIBLICHKEIT, EINE (MÄNN- 

LICHE) KONZEPTION, DIE DIE 
KLUFT ZWISCHEN HEILIGEM UND 


Katharina Zimmerhackl 


Angelegenheit) verdeutlicht die Aspekte, um die es 
in der Ausformulierung der Beziehung zwischen 
Maria und Joseph bei Godard geht. Nachdem En- 
gel Gabriel schnoddrig ankündigt, dass Maria ein 
Kind bekommen wird, ist es um Joseph geschehen 
und seine Eifersucht kocht hoch. Immer wieder 
nötigt er Maria, ihm zu sagen, mit wem sie schlafe, 
fordert sie heraus, bedrängt sie — er ist der Inbe- 
griff des penetrierenden Männlichen. Selbst der 
Besuch Marias beim Gynäkologen schafft keine 
Abhilfe, erst als Joseph selbst „Hand anlegt“ um 
sich ihrer Jungfräulichkeit zu versichern -eine Ges- 
te, die an den ungläubigen Thomas erinnert - ist er 
besänftigt. Am Ende des Films hat er gelernt, dass 
seine Liebenichtim Eindringen, sondernim „Loslö- 
sen“ liegen muss’?, er akzeptiert, dass erein „Schat- 
ten Gottes“ sein wird, 
so wie eigentlich jeder 
Mann. Par excellence 
schildert uns Godard 
hier die Mystifizierung 
weiblicher Natur hin- 
sichtlich ihrer Gebär- 
fähigkeit gepaart mit ei- 


nen Je vous salue, Ma- SEXUALITÄT ZU ÜBER- nem kräftigen Schuss 

rie von Jean-Luc Go- BRÜCKEN VERSUCHT. DIE IN männlicher Angst da- 

dard fort. Hier ist es ’ vor. „Ich habe mich 
DER KIRCHE EXISTIERT. 


dieses Verhältnis zwi- 
schen Maria und Joseph, 
das zum tragenden Konflikt avanciert. Im Kont- 
rast zu Pasolini setzt Godard seinen Film in die 
Gegenwart, Maria ist ein junges Mädchen, Toch- 
ter eines Tankwarts. Das klingt erst einmal nach 
Komödie, doch Godard macht einen ernsthaften 
Versuch, das Sakrale und die Frage nach Schöp- 
fung in die profane Alltäglichkeit eines modernen 
Lebens zu verpflanzen.' 

Der Film beginnt, es erscheint eine verregnete 
Schweizer Landschaft, Gras wiegt im Wind. Dann 
sehen wir eine Wasseroberfläche, etwas wird hi- 
neingeworfen, immer wieder, mit immer mehr 
Kraft. Solch allegorische Einstellungen von Natur 
durchziehen den Film: Kreisrunder Mond oder 
hell scheinender Sonnenball, immer wieder wird 
uns der Bezug zur Natur bildlich eingehämmert, 
macht außerdem durch die Rückgriffe auf runde, 
leuchtende Formen diverse Verweise auf: Bauch 
der Schwangeren, Heiligenschein, Kreis als Sym- 
bol der Unendlichkeit u.v.m.. Aber erst einmal zur 
Story. Ein anfängliches Gespräch zwischen Joseph 
und seiner Geliebten Juliette (Sie Ich frag mich - 
Er Was? - Sie Alle Frauen sehnen sich nach etwas, 
das einmalig ist auf der Welt —- Pause — Er Merkst 
du nicht, das ich dir nicht zuhöre. Weißt du, Män- 
ner glauben, dass sie in eine Frauen eindringen kön- 
nen — das Bild wechselt zu Maria — Sie Wie weit 
bist du eigentlich mit Maria — Er Das ist meine 


schon immer gefragt, 
was wir eigentlich über 
eine Frau wissen, und ich habe herausgefunden, 
dass wir nicht mehr wissen können, als das was ein 
Mann schon gewusst hat: Da liegt ein Geheimnis.“ 
Der Ausspruch des Gynäkologen, der Maria ihre 
Jungfräulichkeit attestiert, schilder Godards Werk 
ganz gut, denn der Film huldigt auf gewisse Art 
weiblich-jungfräulicher Schönheit und verklärt sie 
zum unerklärlichen Mysterium, verbindet die Fra- 
ge jeglicher Schöpfung von Leben mit der Frau 
und bedient damit den Mythos Maria sehr deut- 
lich. Der weibliche Körper und die Schwanger- 
schaft erscheinen als das, was sich dem filmischen, 
d.h. männlichen Blick der Kamera zu entziehen 
vermag, als unerklärliches Geheimnis.'” 

Doch interessanterweise versucht der Film auch 
den Blick ins Innere Marias, in sie und auf ihr sich 
wandelndes Verhältnis zum eigenen Körper. Go- 
dards Maria ist jung, geht zur Schule, spielt Bas- 
ketball (runde Form!). Die Verkündigung ihres bal- 
digen Gebärens nimmt sie verwundert auf, doch 
die anfängliche Skepsis weicht schnell und sie 
nimmt es als gegeben an. Liebevoll aber fragend 
berührt sie ihren eigenen Körper, wir sehen ihre 
Hand Richtung Schritt gleiten, sehen sie beim zärt- 
lichen Abduschen. Maria nähert sich ihrem Kör- 
per an, scheint für Momente eins mit ihm. Doch 
dann sehen wir sie im Ringen mit sich selbst, im 
Kampf mit ihrem Körper. Sie liegt im Bett und 


harina Zimmerhackl 


an ihrem Laken, windet sich, bäumt sich auf. 
verflucht Gott (er ist ein Arsch, ein Vampir) 
was er von ihr fordert, auch wenn sie die Ein- 
igkeit der Erfahrung, die sie erlebt, aner- 
it, Es ist der Verlust der Sexualität, absolute 
lorwerfung: „Maria ist ein Körper, der von der 
e abgefallen ist. Ich, ich bin eine Seele, die die 
füngene eines Körpers ist. Meine Seele bereitet 
Übelkeit, das kommt von meiner Möse.“ Ich 
| eine Frau, auch wenn ich mein Kind nicht 
ich die Möse empfangen hab.“ Die inneren Mo- 
oge Marias, die über diesen Filmbildern lie- 
sind fragmentarisch und uneindeutig, geben 
klarheiten auf. Aber sie bilden gemeinsam mit 
ı Bildern einen Konflikt ab, der in den stum- 
1, gemalten Marien unsichtbar bleibt — den 
inpf um Weiblichkeit und Sexualität, den Maria 
‚Frau zu führen hat; das Scheitern und Festhal- 
an der Zuschreibung „Maria“, der sie als Frau 
Agesetzt ist. 

ich trotz allem Kreisen um den Körper und das 
eisch bleiben Godards Figuren seltsam körper- 
haben vielmehr symbolische Funktion in einem 
füge von Andeutungen und Textfragmenten. So 
it es im Film gar nicht darum, den Körper als 
chen zu repräsentieren und an ihm zu arbeiten 
le es Pasolini versucht), sondern er versucht, das 
thältnis zwischen Körper bzw. innerer Natur 
Geist abstrakt zu reflektieren. Ist der Körper 
selt oder wird die Seele verkörpert? Was bleibt, 
ın die Seele vom Körper abfällt? Fragen wie 
se werden immer wieder verhandelt - Maria 
| das Wunder ihrer unbefleckten Empfängnis 
einen darin symbolisch als Schnittstelle zwi- 
en den beiden Polen auf. 


ine Frau 


ıimer wieder neu wird sie uns präsentiert, Maria, 
heotokes — die Gott gebiert. Immer wieder wird 
ıd wurde sie inszeniert. Meist von Männern, denn 
inter jedem der Bilder, das ich beschrieben habe, 
»ckt ein Maler oder ein Regisseur, der Anweisun- 
n gab. Stell dich so hin, schau nach unten, warte, 
ein Haar liegt nicht richtig, Sie sind es, die das 
ntlitz verändern und durch diese immerwähren- 
€ Formung einen Mythos mit generieren, ein be- 
immtes Bild von Maria, von der Heiligen Mutter, 
n jeder Mutter und ihrem Kind. Eine Geschich- 
» weiblicher Enthaltsamkeit, unterdrückter Sexu- 
ät und deren Überhöhung bis ins Utopische — 
aria als Heilsversprechen für die Menschen — 
itt uns in den Bildern Marias entgegen, denn die 
arienverehrung zeigt ein ambivalentes Verhält- 
s von Verneinung des weiblichen Körpers einer- 
its und Sakralisierung einer bestimmten Weib- 
chkeitandererseits. Mariaisteinegesellschaftliche 


Projektionsflüche, die mit der Zeit vieles in sich 
aufgenommen hat, Eigentlich taucht Maria in der 
Bibel fast nicht auf, erst im Nachhinein entsteht in 
den P lien ihre Lebens- und Leidensge- 
schichte, wird sie durch diverse kirchliche Konzi- 
le offiziell zur jungfräulich Gottesgebärenden er- 
nannt, In Ihrer Ausformulierung ist das Symbol 
Maria doppeldeutig, man könnte sagen, sie schwebt 
zwischen dem demütigen Fiat" und dem revoluti- 
onären Magnifioat‘‘, Auf der einen Seite erscheint 
Maria als unterwürfige, dienende Magd als hy- 
phen-being, das sich „nur“ in der Relation mit dem 
Männlichen definiert - Braut des Heiligen Geis- 
tes, Tochter des Allmächtigen, Mutter Jesu Christi; 
auf der anderen Seite aber taucht sie als utopische 
Figur auf, die, durchdrungen von Gottes Geist, 
auf die Verlinderbarkeit der Welt verweist. 

Maria ist vor allem der Inbegriff einer geknebel- 
ten Weiblichkeit, eine (männliche) Konzeption, die 
die Kluft zwischen Heiligem und Sexualität zu 
überbrücken versucht, die in der Kirche existiert. 
Natürlich ist jedes Bild von ihr ein auf eine gewis- 
se Art gemachtes, eine Inszenierung als etwas Be- 
stimmtes, Doch in manchen Gesten oder Blicken 
scheint sich die Frau hinter „Maria“ zu regen und 
wird sichtbar - wie bspw. der Blick der Ognissanti- 
Madonna Ihr eine Eigenständigkeit verschafft, die 
den Frauen im Mittelalter auch als Vorbild galt 
und ihnen damit eine Identifikationsfigur bot!” Es 
ist eines der Anliegen der feministischen Theolo- 
gie, Maria auch als Frau zu lesen, die durch ih- 
re körperliche Präsenz die Inszenierung in ihre 
Schranken verweist, durch einen Blick manchmal, 
eine Geste, ein Detail. Erst in diesen Brüchen, in 
denen die Frau hinter Maria sich zeigt, wird die In- 
szenierung als solche sichtbar, zeigt sich der Kampf, 
der auf dem Körper der Frau ausgetragen wird, 
und verdeutlicht sich das Making-of eines abstrak- 
ten (Mutter-)Bildes, von dem das Marienbild ein 
sichtbarer Teil ist, Godards Maria ist es, die mir 
dabei zeigt, wie gewaltvoll diese Zurichtung auch 
ist. Ihr Aufbliumen und Ringen ist Zeugnis eines 
körperlichen Aufbegehrens, Kampf mit ihrer Se- 
xualität, mit ihrer inneren Natur. Pasolinis Maria 
hingegen scheint diesen Kampf nicht zu kennen, 
denn sie verweist in ihrer körperlichen Präsenz, in 
ihrer Wirklichkeit auch auf einen irrealen Zustand 
der Versöhnung, 


KATHARINA ZIMMERHACKL 
Grafikerin & Künstlerin, ist Redaktionsmitglied 
und lebt in Leipzig. 


14 Im französischen Original 
heißt es „Mon äme me fait mal nu 
in der 
wörtlichen dt. Übersetzung unge 
fähr „Meine Seele tut meinem 
Herzen weh und das ist meine 
Möse“ bzw., so steht es im dt. Un 
tertitel, 
mein Herz leiden und es ist mel» 
ne Scham.“ Die Synchronisierung 


ceoeur et c’est mon con“, 


„Meine Seele lässt 


entstellt das hier also etwas 


15 Fiat (lat. es werde) bezieht 
sich auf Lk 1,38: 
sprach: Siehe ich bin des Herrn 
Magd: Mir geschehe, wie du 
gesagt hast.“ 


„Maria aber 


16 Magnificat (von lat. lobprei- 
sen) hingegen verweist auf 
Marias Lobgesang (Lk 1,46-56), in 
dem sie Gott preist: „Er stößt 
die Gewaltigen vom Thron und er- 
hebt die Niedrigen. Die Hung- 
rigen füllt er mit Gütern und 
lässt die Reichen leer aus- 
gehen.“ 


17 Auch heute noch gibt es Ver- 
suche, Maria als utopisches 
Vorbild zu verstehen, indem man 
sowohl ihre Jungfräulichkeit 

als Unabhängigkeit, als Fähigkeit 
des >In-sich-Wurzelns< liest, als 
auch Enthaltsamkeit nicht se- 
xuell, 
haltung versteht, die sich Gott 
unterzuordnen versteht ohne sich 
selbst zu verlieren, 
vorbehält (gleichzeitige Demut 
und Erhabenheit). 


sondern als eine Geistes- 


sich ihm 


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Katharina Zimmerhackl 


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Atharina Zimmerhackl 


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Katharina Zimmerhack]l 


Outside the Box #3 97 GEBÄREN 


Iharina Zimmerhackl 


GEBÄREN 


98 


Outside the Box #f3 


Barbara Schnalzger 


Erst rette ich Polen, 


dann mach’ ich die Wäsche 


Ein zäher Mythos: 
die Figur der Matka Polka 


Matka Polka ist eine seltsame Zusammenstel- 
lung: Aus dem Polnischen übersetzt bedeutet die 
Wendung so viel wie »Mutter Polin«. Diese For- 
mulierung geht auf den polnischen Nationaldich- 
ter Adam Mickiewiez zurück. In seinem Gedicht 
Do Matki Polki („An die Mutter Polin“) wendet er 
sich 1830/31, kurz vor dem sogenannten Novem- 
beraufstand, in dem das geteilte Polen um seine 
nationale Unabhängigkeit kämpft, an die Mutter 
Polin: „O Mutter Polin, warne deinen Knaben!“ 
Sie soll ihre Söhne zu Kriegern erziehen, die dazu 
bereit sind, für die Nation Polen zu leiden und 
zu sterben. Es geht um 
mehr als eine Polin, die 
Mutter ist. Mickiewiez 
kreiert mit dem Bild 
der Matka Polka den 


PARADOX AN DER 
ETABLIERUNG DER SOG. 
»GESCHLECHTSCHARAKTERE« 


einem konkreten Beispiel zu zeigen, was Mütter 
im Fall Polens mit der Herausbildung einer mo- 
dernen Nation zu tun haben. 


Geschlechterverhältnis und Nation: 
ein kurzer Überblick 


Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts veränderte 
sich die Gesellschaftsstruktur in Europa grundle- 
gend: Die Auflösung von Feudalismus und Stän- 
degesellschaft fanden einen Kulminationspunkt 
in der Französischen Revolution, aus der unter 
Betonung der Gesamt- 
heit und Souveränität 
des Staatsvolkes ge- 
genüber ständischen 
und partikularen An- 


äußerst langlebigen IST, DASS FRAUEN GERADE sprüchen auf staatliche 
nationalen Mythos DURCH IHREN AUSSCHLUSS AUS Hoheit — verkürzt ge- 


einer symbiotischen 


sagt — ehemals Leibei- 


Verbindung von Mut- DER ÖFFENTLICHKEIT BZW. gene als frei und gleich 
terschaft und polni- IHREN EINSCHLUSS vorgestellte BürgerIn- 
scher Nation. Die Mat- IN DIE FAMILIE IN DIE nen hervor. Gleichzei- 


ka Polka übernimmt 
offenbar eine wichti- 
ge Funktion im polni- 
schen Nationalgefüge. 
Nicht nur in Polen geht 
die historische gesellschaftliche Genese einher 
mit einer tiefgreifenden Verknüpfung der essen- 
tialisierten Kategorien Geschlecht und Nation. 
„In der modernen Nation kann, sollte und wird 
jeder eine Nation haben, so wie jeder ein Ge- 
schlecht hat“, schreibt Benedict Anderson in Die 
Erfindung der Nation. Was macht »Nation« und 
»Gender: zur Pflicht und warum und wie bedin- 
gen sich die beiden unterschiedlichen Konstruk- 
tionen? Ich hole etwas aus, um diesen Zusam- 
menhang zu beschreiben. Anschließend komme 
ich auf die Figur der Mutter Polin zurück, um an 


BÜRGERLICHE GESELLSCHAFT 
INTEGRIERT WURDEN. 


tig verdichteten sich 
vor- und frühkapitalis- 
tische Produktionswei- 
sen zum Industriekapi- 
talismus: Die feudale 
‚Ökonomie des ganzen Hauses< wich zunehmend 
der Produktion für den Markt. Mit der Entwick- 
lung des Bürgertums und der Verbreitung kapita- 
listischer Produktionsverhältnisse entstand etwas 
grundsätzlich Neuartiges: eine strikte Grenzzie- 
hung zwischen privater Reproduktionssphäre 
(Familie) und Produktionssphäre (Gesellschaft, 
Markt). Entlang der Trennungslinie privat/öffent- 
lich wurden, und zwar rationalistischer als zuvor 
im Feudalismus, wo die Abtrennung des »Weibli- 
chen« vielmehr über soziale Zuordnung geschah, 
die Geschlechterrollen neu ausgehandelt. Es ent- 


rbara Schnalzger 


nd die Annahme von sich ergänzenden »Ge- 
hlechtscharakteren«, die von biologischen und 
turhaften »Gegebenheiten« abgeleitet wurden. 
tauen schienen für die Aufgaben als Hausfrau, 
ttin und Mutter, Männer für diejenigen im au- 
häuslichen Beruf quasi prädestiniert: „So wird 
mittels der an der natürlichen Weltordnung ab- 
esenen Definition der Geschlechtscharaktere 
glich, die Dissoziation von Erwerbs- und Fa- 
ilienleben als gleichsam natürlich zu deklarie- 
und damit deren Gegensätzlichkeit nicht nur 
notwendig, sondern für ideal zu erachten und 
harmonisieren“ (Karin Hausen in Polarisie- 
ing der Geschlechtercharaktere, 1977). Paradox 
‚der Etablierung der sog. Geschlechtscharakte- 
ist, dass Frauen gerade durch ihren Ausschluss 
; der Öffentlichkeit, bzw. ihren Einschluss in 
e Familie, in die bürgerliche Gesellschaft in- 
sriert wurden — eben dadurch, dass sie sich er- 
inzend zum anderen Geschlecht verhalten. So 
st sich auch erklären, wie der Widerspruch 
Yischen dem durch die Sphärentrennung legi- 
nierten Absprechen von Rechten (markantes 
ispiel Frauenwahlrecht: in den meisten Staaten 
st nach dem Ersten Weltkrieg, in der Schweiz 
gar erst 1971 eingeführt) und dem Egalitäts- 
spruch der bürgerlichen Gesellschaft aufgelöst 
irde: Frauen und Männer hatten scheinbar not- 


d unveränderbare 


Familie. Sie als 
lütter sorgte dafür, 
iss es kein vor- und nachnational gab. Ihre Auf- 
\be war die Reproduktion der Gesellschaft und 
? Weitergabe des Bewusstseins einer vermeint- 
überhistorischen Gemeinschaft. 

er Prozess des »nation building« stellt die 
ndlage der gesellschaftlichen Neuorganisati- 
in Staatsform dar. Die Vorstellung einer abs- 
ten, nationalen Gemeinschaft überlappte an- 
re Identitätsentwürfe, z.B. Zugehörigkeit zur 
orfgemeinschaft, zur Christengemeinschaft 
. Die Konstruktion eines nationalen Gebildes 
!huf - durch Ein- bzw. Ausschluss der/des als 
ders Wahrgenommenen - ein Zusammengehö- 
xkeitsgefühl und den Willen, am Projekt eines 
putschen, französischen, englischen etc.) Na- 
pnalstaates mitzumachen. Diese unfreiwillige 
eiwillige Integration in die Staatsnation bedeu- 
je zum einen zwar, dass mit der Formulierung 


ALS WESTLICHE 
EMANZIPATIONSANHÄNGERINNEN 


der Menschenrechte und der Etablierung eines 
Rechtssystems zumindest ein Ausgangspunkt ge- 
schaffen war, an den die Frauenbewegung(en) 
bzw. andere marginalisierte gesellschaftliche 
Gruppen mit ihren Forderungen anknüpfen 
konnten und können. Andererseits wurde damit 
keineswegs das Patriarchat oder die hierarchi- 
sche Organisation von Gesellschaft abgeschafft, 
wie etwa das asymmetrische Verhältnis von Frau- 
en und Männern zeigt. Geschlecht im Sinne der 
Neukonstitution als »Geschlechtscharakterd wie 
auch Nation wurden in der kollektiven Wahrneh- 
mung ab dem 18. Jahrhundert wichtige, wenn 
nicht die wichtigsten Ordnungsprinzipien über- 
haupt und sind es immer noch: Ein Leben ohne 
Geschlecht oder Nation scheint unvorstellbar, il- 
legal, pervers oder zumindest nicht normal«. 

In Polen stellt sich die historische Entwicklung 
diesbezüglich etwas anders dar, doch das mindert 
nicht die Bedeutung von Nation und Geschlecht, 
im Gegenteil: sie wird eher verstärkt. 


Die national-politische Aufladung von 
Mutterschaft in Polen 


„Als westliche Emanzipationsanhängerinnen um 
Gleichberechtigung kämpften, kämpften Polin- 
nen um ihre Nation“, schreibt die Philosophin 
Monika Piotrows- 
ka (dies: Die Tochter 
der Mutter Polin, in: 


inktionen im Na- UM GLEICHBERECHTIGUNG taz vom 08.03:2004). 
jnalstaat. Die Frau 2 Die Ausprägung von 
tte ihre wichtigste KAMPFTEN, Geschlechterrollen 

Ile in der Mikro- KÄMPFTEN POLINNEN UM hat in Polen einen 
Ile des ’Volkes«: in IHRE NATION. speziellen Weg ein- 


geschlagen. Ich fo- 
kussiere bei dessen 

Skizzierung die (sich verändernde) politische 
Aufladung von Mutterschaft, die in der Figur der 
Matka Polka evident wird. 

Im Bewusstsein um die Gefahr einer Reproduk- 
tion kulturalistischer Zuschreibungen durch de- 
ren Beschreibung sei darauf verwiesen, dass Ka- 
tegorisierungen tendenzielle Positionen anhand 
unterschiedlicher Erfahrungshorizonte und histo- 
rischer Prozesse verdeutlichen sollen. Anders als 
in den westlichen Industriestaaten vollzieht sich 
das polnische »nation building« nicht mit der Ent- 
stehung eines starken Bürgertums, sondern ent- 
lang eines fast 200-jährigen Kampfes um nationa- 
le Unabhängigkeit bzw. im Widerstand gegen das 
sozialistische Regime. Im historischen Zeitraf- 
fer sind das folgende Eckdaten: Am Ende des 18. 
Jahrhunderts wird das Königreich Polen-Litauen 
zwischen Preußen, Russland und dem Habsbur- 


1 Geschlecht wurde zwar auch 
vor dieser Entwicklung bipolar 
imaginiert, die jeweiligen Zu- 
schreibungen fußten allerdings 
erst ab dem 18. Jahrhundert auf 
wissenschaftlichen’, biologisier- 
ten Erklärungen. 


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66 


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GEBÄREN 


100 


Outside the Box #3 


ger Reich aufgeteilt. Nach einer kurzen Phase der 
staatlichen Souveränität Anfang des 20. Jahrhun- 
derts folgt die deutsche Besatzung und, im Zuge 
des Hitler-Stalin-Pakts, eine erneute Teilung Po- 
lens. Nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht mit 
nach Westen verschobenen Grenzen die Volksre- 
publik Polen als souveräner Staat, der jedoch in 
Polen als verlängerter Arm der Sowjetunion emp- 
funden wurde. In diesem geschichtlichen Verlauf 
ist die starke und persistente Bindung von Frau- 
en als Mütter an Familie und Nation zu veror- 
ten, mit der Matka Polka als ihren manifesten 
Ursprung. Worin begründet sich die Wirkungs- 
macht des Mythos und warum konnte er bis heu- 
te überleben? 


Die Erfindung der Matka Polka 


Der polnische Nationaldichter Adam Mickewicz 
erschuf 1830 mit seinem Gedicht An die Mutter 
Polin die tragische, aufopferungsbreite Gestalt 
der Matka Polka und verpflichtete Frauen 
damit, in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau 
qua Erziehung und 


Barbara Schnalzger 


Staat über sich hatte, der ihren Zusammenhalt 
garantieren konnte, wurde die Aufgabe der 
Formierung eines nationalen Bewusstseins in die 
Familie verlegt. Als »Volksmutter« erhält die Frau 
eine zweifelhafte politische Funktion. 
Es stimmt allerdings nicht ganz, diese Funktion 
allein im privaten, familiären Raum zu verorten. 
Der Kampf um die Nation Polen war zu dring- 
lich und vordergründig und musste gemeinsam 
geführt werden, Diskussionen um Geschlechter- 
differenzen hatten vergleichsweise wenig Raum. 
Die Matka Polka hatte in diesem Sinne eine Stel- 
lung zwischen der privaten und der öffentlichen 
Sphäre: etwa, wenn sie »organische Arbeit« leiste- 
te, d.h. im halböffentlichen Raum durch Sprach- 
und Geschichtsunterricht zur »Polonisierung« 
der Gesellschaft beitrug oder konspirative Auf- 
gaben übernahm. Dies führte zum einen dazu, 
dass Frauen an allen nationalen Aufständen be- 
teiligt waren. Die kobieta-rycere, die »kämpfende 
Frau«, wurde während der Teilungszeit sogar als 
neue Frauenrolle interpretiert. Die Widerstands- 
kämpferin Emilia Plater bspw. führte als Kapitä- 
nin eine ganze Truppe 


in Abwesenheit eines ZUGEHÖRIGKEIT im polnischen Novem- 
Staates die nationale beraufstand 1830/31 an. 
Identität und den ZUR NATION Das Bild der kobieta- 
Patriotismus aufrecht ODER PERSÖNLICHE rycerc gefährdete den 
zu erhalten. Warum, EMANZIPATION? Diskurs um die Mat- 


so lässt sich fragen, 
etablierte sich das 
stereotype Frauenbild der Matka Polka, das 


auch noch, wie ich später zeigen werde, bis . 


heute wirksam ist? Natürlich überschnitt sich die 
Matka Polka in ihrer ideologischen Ausrichtung 
mit der christlichen Auffassung von Frau- 
Sein, was zu ihrer Affirmation beitrug. In der 
Idealisierung der katholischen Kirche (Polen ist 
auch heute noch stark katholisch geprägt) wird 
die Frau ein Abbild der demütigen Mutter Gottes. 
Doch das ist noch nicht alles. Während es der 
Frauenbewegung in Westeuropa und den USA in 
ihrer unterschiedlichen (nationalen) Ausprägung 
und inhaltlichen Schwerpunktsetzung um die 
Erreichung gleicher und eigener Rechte ging, 
konnten sich Frauen in Polen auch deswegen 
lange nicht von der Rolle der Matka Polka 
trennen, da die Politisierung des Privaten als 
Credo der westlichen Frauenbewegung hier 
kaum nachvollziehbar war. Gerade die Trennung 
dieser Sphären eröffnete einen Schutzraum: 
Die Familie und die katholische Kirche waren 
Rückzugsräume und wichtigster Schauplatz 
des nationalen Widerstands. Da die fingierte 
polnische Nation während der Teilungen keinen 


ka Polka nicht, sondern 

ließ sich mit ihm verein- 
baren - beide Frauenrollen verkörpern eine abso- 
lute nationale Aufopferungsbereitschaft. 
Zum anderen resultierte gerade aus dem »gemein- 
samen Kampf für die nationale Sache die Un- 
möglichkeit, geschlechterspezifische Hierarchien 
zu benennen. Die Enthusiastinnen, ein informel- 
ler Verbund polnischer Romantikerinnen in den 
1830ern, oder Eliza Orzeszkowa in ihrem 1873 
erschienene Roman Martha, sprechen das Hand- 
lungs- und Argumentationsdilemma an, in dem 
Frauen tendenziell gefangen waren: Entweder 
die patriotische Gemeinschaft von Frauen und 
Männern oder das Umstürzen dieser Gemein- 
schaft zugunsten eigener Autonomie? Zugehörig- 
keit zur Nation oder persönliche Emanzipation? 


20. Jahrhundert: 
Matka Polka revisited 


Im Polen der Zwischenkriegszeit 1918-1939, der 
sog. Zweiten Republik, etablierten sich kurzzeitig 
bürgerliche Verhältnisse und damit eine Basis, auf 
der sich in westeuropäischen Ländern und den 
USA die Frauenbewegung herausgebildet hatte. 


Barbara Schnalzger 


In dieser vergleichsweise liberalen gesellschaft- 
lichen Situation erlangten polnische Frauen das 
Wahlrecht, sie drängten in die Universitäten und 
starteten eigene berufliche Karrieren. Themen 
wie Sexualität, Mutterschaft, Geburtenkontrol- 
le (Verhütung und Abtreibung wurde beispiels- 
eise verhandelt in der Kampagne für bewusste 
utterschaft, angestoßen u.a. von Tadeusz Boy- 
ele ski und Irena Krzywicka Ende der 1920er) 
und neue Familienmuster wurden in der Öffent- 
lichkeit diskutiert und der katholische Werteka- 
on in Frage gestellt. Dieses Frauenbild entsprach 
nicht der Matka Polka: In der Zwischenkriegszeit 
war der Mythos anscheinend weniger wirkungs- 
ächtig, da der Kampf ums nationale »Wir« im 
Zuge der polnischen Staatsbildung 1918 auch we- 
niger notwendig geworden war. Gleichwohl war 
er nicht verschwunden: Die wirtschaftliche und 
soziale Not in der Zweiten Republik war groß und 
lie Einbeziehung von Frauen in den Erwerbsbe- 
reich unerlässlich. Soziale Aktivitäten von Frauen 
önnen demnach wohl eher als mütterliche Ver- 
pflichtung zum Allgemeinwohl und weniger als 
feministisches Eingreifen gelesen werden. 

Es folgten deutsche Be- 


ven und schließlich eine 


nd Stalin. Frauen wur- 

den abermals in die na- 

ionale Pflicht genommen, diesmal vor allem als 
Sanitäterinnen oder Melderinnen im polnischen 
ntergrund und in Partisanenverbänden. Es gab 
ntergrundschulen und -universitäten, die Frau- 
ın ebenso besuchten wie Männer. Dokumente, 
ie Aufschluss über die Rolle von Frauen wäh- 
end des Zweiten Weltkriegs geben könnten, sind 
ar. Erinnert wird vor allem die Matka Polka, die 
ich selbstlos für ihr Volk opfert. Eine Revitalisie- 
ung des Mythos fand schließlich auch nach dem 
eiten Weltkrieg statt, als die Ermordung ei- 
es Großteils der polnischen Intelligenz, insbe- 
ondere der Massenmord an polnischen Jüdinnen 
nd Juden, zu einer drastischen Bevölkerungsde- 
imierung geführt hatte, die durch einen Gebur- 
enanstieg ausgeglichen werden sollte. Das zeigt 
ch u. a. an gesetzlichen Regelungen wie frühe 
/ensionierung von Frauen oder verlängerter Mut- 
rschaftsurlaub in der direkten Nachkriegszeit. 


er Realsozialismus rief Frauen in der 
olksrepublik Polen auf die Traktoren 
nd versprach die Gleichberechtigung der 
eschlechter. Zumindest stellenweise bewirkte 
as neue politische System ein Recht auf 


satzung und Plünderun- FRAUEN! 


erneute Aufteilung des STÖRT UNS NICHT, 
Landes zwischen Hitler WIR KÄMPFEN UM POLEN!“ Jahrhundert entlang 


U N . En 


Selbstbestimmung auch für Frauen. Sie hatten 
Zugang zu Bildung und Arbeit, durch den 
Aufbau von Kinderbetreuungsstätten wurden 
sie entlastet, Abtreibung wurde legalisiert. Doch 
die sozialistische Ideologie beschränkte die 
Emanzipation der Frauen auf ihre ökonomische 
Funktion, ihre Rolle als Mutter und Hausfrau 
wurde nicht angetastet. Das Leitbild der »Heldin 
durch Mutterschaft: wurde um ihre Werktätigkeit 
erweitert. Die opferbereite Haltung, mit der 
Frauen diese Doppelbelastung hinnehmen 
mussten, revitalisierte den Mythos der leidenden 
Mutter Polin. Bezeichnenderweise fällt genau 
in die sozialistische Zeit die Errichtung des 
Matka-Polka-Krankenhauses (Instytut Centrum 
Zdrowia Matki Polki, 1983) im polnischen Eod . 
Folgt man der Historikerin Gertrud Pickhan, so 
sollte der befremdlichen Hemdsärmeligkeit der 
Arbeiterinnen staatlicherseits durch Erinnerung 
an den Opfermythos entgegengewirkt werden 
(dies., Frauenrollen, Geschlechterdifferenz 
und nation-building in der Geschichte Polens, 
in: Deutsches Polen-Institut Darmstadt (Hg.), 
Jahrbuch Polen, Wiesbaden, 2006). Doch nicht 
nur staatliche Instanzen 
belebten den Mythos 
neu. Ähnlich wie im 
19. und frühen 20. 


des Konzepts der 

‚organischen Arbeits, 
wurde der gesellschaftliche Widerstand gegen 
das sozialistische Regime in horizontalen, 
staatsunabhängigen Netzwerken organisiert. In 
der Oppositionsbewegung Solidarnosc wirkten 
Frauen maßgeblich mit, wie etwa Shana Penn in 
Podziemie Kobiet (Der Untergrund der Frauen) 
zeigt. Nach dem Verbot der Solidarnose 1981 
waren es vor allem Frauen, die die Weiterführung 
der Solidarnose im Untergrund initiierten. In 
die Redaktion der Untergrundwochenzeitschrift 
Tygodnik Mazowsze, die ein wichtiges Element 
für den Zusammenhalt der Bewegung darstellte, 
traten bspw. erst 1985 Männer ein. Auch war 
es eine Frau, die den Beginn der Arbeiter_ 
innenbewegung mitinitiierte: die Werftarbeiterin 
und Kranführerin Anna Walentynowicz, deren 
Kündigung die erste Streikwelle bewirkte. 
Doch was stand auf den Mauern der berühmten 
Gda sker Leninwerft, wo die Solidarnose ihren 
Ausgang genommen hatte: „Frauen! Stört uns 
nicht, wir kämpfen um Polen!“(„Kobiety, nie 
przeszkadzajcie nam, my walezymy o Polsk !“). 
Ihre Verbündeten verwiesen sie im gemeinsamen 
Widerstand gegen das sozialistische Regime in 
geschlechtlich definierte Schranken. Das ist nicht 


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GEBÄREN 


102 


Outside the Box #3 


2 Durch eine Gesetzesänderung 
soll das ohnehin äußerst 
restriktive Abtreibungsgesetz 
weiter eingeschränkt werden. 
Abtreibungen sind dann auch im 
Falle einer gesundheitlichen 
Gefährdung von Mutter und/oder 
Kind und bei einer Vergewal- 
tigung gesetzlich verboten. 


Während der Bearbeitung dieses 
Artikels war noch nicht klar, 

ob der Gesetzesentwurf angenom- 
men werden würde. Weiter Informa- 
tionen bietet beispielsweise 

die polnisch/englischsprachige 
Homepage von The Network of East 
West Women: http://www.neww.eu/ 


verwunderlich, lässt 


Barbara Schnalzger 


des Sozialismus, wo Ab- 


sich doch die Grün- Bee Er treibungen noch legal 
dung der Solidarnose HASSLICH UND FAUL? durchgeführt werden 
als Akt der Wieder- WERDE FEMINISTIN konnten, und schränkt 
herstellung der patriar- ODER GEHE ZUM Frauen erheblich in ih- 
chalen Ordnung lesen. rer Selbstbestimmung 
In der Opposition, PSYCHOTHERAPEUTEN« ein. Vor allem die ka- 


so schien es, konnte 

man(n) wieder mündig werden und sich aus der 
sowjetischen Bevormundung befreien. In diesem 
Sinne ist auch die regimekritische polnische 
Science-Fiction Kultkomödie Seksmisja des 
polnischen Regissuers Juliusz Machulski von 
1983 zu verstehen: Zwei Männer werden ins 22. 
Jahrhundert transferiert. Sie finden eine Welt 
voller Frauen vor, Männer existieren nicht mehr. 
Die Frauenherrschaft (verrückte Feministinnen«) 
wird dabei unterschwellig verglichen mit der 
Sowjetherrschaft, die es zu bekämpfen gilt. 
Zusammen mit zwei Frauen (durch Beischlaf 
»bekehrt«) gelingt den Männern die Flucht. Ihre 
Begleiterinnen werden ihre Ehefrauen. Die 
beiden Paare vermehren sich und retten durch 
die Rekonstitution der Familie die gesamte 
Menschheit. Der platte Plot veranschaulicht, 
wie nahezu ungebrochen der Mythos der Matka 
Polka in die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse 
integriert wurde. So ist es nicht verwunderlich, 
dass von der vielfältigen Beteiligung von Frauen 
am Widerstand so wenig bekannt ist: tradiert 
wurden vor allem jene Aktivitäten, die ins Bild 
der Matka Polka passten. 


Von der Volksmutter zur Supermami 


Nach dem Zusammenbruch der bipolaren Welt- 
ordnung seit 1989 mussten Frauen in Polen wie 
auch in den meisten anderen postsowjetischen 
Staaten erkennen, dass die Demokratisierung 
und die bürgerliche Mündigwerdung erst mal nur 
Männer betrafen. Im Zuge der Rekonstituierung 
des polnischen Staates war die staatliche Elite da- 
ran interessiert, zu alten Ordnungsstrukturen zu- 
rückzukehren, indem an katholische Vorkriegst- 
raditionen angeknüpft wurde. Dies mündete in 
einer alarmierenden Verschlechterung der Posi- 
tion von Frauen: Steigende Arbeitslosigkeit und 
ein sinkendes Lohnniveau im Zuge des rigoros 
durchgeführten Übergangs von Plan- zu Markt- 
wirtschaft betraf vor allem Frauen. In der poli- 
tischen Repräsentation fehlten sie fast vollstän- 
dig. Eines der ersten Gesetze in Polen nach 1989 
war die Einführung eines rigiden Abtreibungs- 
verbotes im Jahr 1993. Dieses Gesetz hat sym- 
bolischen Charakter: Es schafft Distanz zur Zeit 


tholische Kirche repro- 
duziert das Bild der Matka Polka, aber auch poli- 
tisch und gesellschaftlich steht dieses Idealbild 
der Frau nach wie vor hoch im Kurs. Die polni- 
sche Geschlechterpolitik ist äußerst familienori- 
entiert, Frauen werden hauptsächlich als Mütter 
und Schwangere in den Blick genommen. Dem 
entgegen sind Frauen in Polen besser ausgebildet 
als Männer und müssen den neoliberalen Spagat 
zwischen Haushalt und Lohnarbeit bewerkstelli- 
gen - eine in Polen vergleichsweise unhinterfrag- 
te Situation. Der EU-Beitritt Polens 2004 wird 
vor allem im konservativen und rechten politi- 
schen Lager und von der Kirche im Sinne einer 
westlichen Vorherrschaft als äußere Bedrohung 
der polnischen Nation und - als deren Grundla- 
ge - der traditionellen Geschlechterverhältnisse 
wahrgenommen. Sexismus, Homophobie und An- 
tifeminismus werden erstaunlich offen geäußert. 
So klebten 2005 in Krakau und Warschau Plaka- 
te an den Wänden mit der Aufschrift: »Bist Du 
dumm hässlich und faul? Werde Feministin oder 
gehe zum Psychotherapeuten« (Urheber_in mei- 
nes Wissens unbekannt). Oder das jüngste Bei- 
spiel: Der polnische Premier Donald Tusk wurde 
angesichts der EU-Ratspräsidentschaft Polens von 
einer Journalistin gefragt, ob bereits „alle Knöp- 
fe bis auf den letzten“ zugemacht worden seien. 
Diese Redewendung meint schlicht die Frage 
danach, ob alle Entscheidungen schon getroffen 
wurden. Der Premier reagierte mit plattem Sexis- 
mus: „Wenn ich mir ihr Sommerkleid anschaue, 
dann erinnert mich das so gar nicht ans Zuknöp- 
fen, so bin ich, ich mag den Sommer eben.“ Sol- 
che Sätze lösen zwar öffentliche Empörung aus. 
Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass 
sogar auf höchster politischer Ebene derlei Aus- 
sagen oft gesagt und noch öfter gedacht werden. 
Zusammenfassend lassen sich verschiedene 
Gründe für die polnische Besonderheit in der Ge- 
schlechterfrage feststellen: Zum einen war Frau- 
Sein über einen langen Zeitraum mit dem Kampf 
um die Nation verknüpft. Seit 1989 gibt es keinen 
Anlass für nationale Unabhängigkeitsbestrebun- 
gen mehr. Der Matka Polka-Mythos wurde leicht 
modifiziert übernommen: Der patriotische As- 
pekt ist in den Hintergrund getreten, doch die 
Aufgaben der Frau liegen nach wie vor in der 


N 


Barbara Schnalzger 


U 


Familie. Sie soll als VIELEN WURDE KLAR, der 1990er in Polen 
Pe der fami- DASS GERADE IN DEM MOMENT, eine Vielzahl ver- 
liären Wärme und schiedener Frau- 
Garantin der intak- DER MEHR FREIHEIT UND enorganisationen 


ten polnischen Fa- 
milie fungieren. Die 
Geschlechterrollen 
und der traditionel- 
le Wert der Familie 
‚stellen nach wie vor eine offenbar unabdingba- 
re stabile Größe dar (2010 ergab eine Umfrage 
von CBOS, Polens größtem Zentrum für Mei- 
nungsumfragen, dass 92 % aller Polinnen und 
Polen sich nicht vorstellen können, ohne Familie 
glücklich zu sein). Zum anderen wird die Frau- 
enbewegung und Feminismus spätestens seit der 
staatlich diktierten Scheinemanzipation im Re- 
alsozialismus mit einem grotesken Totalitarismus 
assoziiert und ist auch heute noch oft als grund- 
sätzlich ideologisch verschrien. 


Ausblick 


Seit Anfang der 1990er regt sich aber auch Wi- 
derstand. Auslöser war das bereit genannte, 
1993 verabschiedete Abtreibungsgesetz. Es be- 
sagt, dass ein Schwangerschaftsabbruch nur 
durch eine eugenische, medizinische und kri- 
minologische Indikation erfolgen darf. Eine so- 
ziale Indikation wurde gestrichen. Des Wei- 
teren ist es dem behandelnden Arzt bzw. der 
Ärztin vorbehalten, einen Schwangerschaftsab- 
bruch aus moralischen Gründen abzulehnen.2 
Auch der Transformationsprozess, der zunächst 
eine Verschlechterung der Lebensverhältnis- 
se allgemein und vor allem für Frauen hervor- 
brachte, wie auch ein erneuter Ausschluss von 
weiblichen Personen aus der politischen Sphäre 
bewirkte eine Aktivierung von Frauen. Vielen 
wurde klar, dass gerade in dem Moment, der 
mehr Freiheit und Demokratie bringen sollte, 
ihre Selbstbestimmungsrechte beschnitten wur- 
den. Deswegen entwickelten sich seit Anfang 


DEMOKRATIE BRINGEN SOLLTE, 
IHRE SELBSTBESTIMMUNGSRECHTE 
BESCHNITTEN WURDEN. 


mit unterschiedli- 
chen Schwerpunk- 
ten wie Arbeit, 
Recht, Bildung, 
Gewalt, Gesund- 
heit, Sexualaufklärung und Wohlfahrt, also 
allen wahrgenommenen sozialen und poli- 
tischen Problemlagen. Sie tragen dazu bei, An- 
liegen von Frauen zu politisieren und versu- 
chen, Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. 
Nichts desto trotz bleibt die Mutter Polin per- 
sistent. Der Mythos war immer wandelbar und 
wurde dazu benutzt, Werte der jeweils aktuellen 
politischen Richtung auszuhandeln und weiter- 
zugeben. Die wechselseitige Hervorbringung von 
nationalen Selbstverständnissen und Geschlech- 
ter- bzw. Sexualitätskonzepten durch Diskurse, 
Handlungen und Redeweisen ist dabei immer 
noch geprägt von einem Bild der Frau, die gera- 
de durch ihre Aufgaben in der Familie Stärke zei- 
gen kann. Entwicklungen, die diesem Bild entge- 
gen stehen, sind umkämpft — man erinnere sich 
an die Angriffe auf die in Polen jährlich stattfin- 
denden Gleichheitsmärsche oder die nicht enden 
wollende Diskussion um die Gesetzgebung zur 
Abtreibung - veranschaulichen aber eine nicht 
mehr aufzuhaltende Pluralisierungen der Mei- 
nungen, bspw. auch durch queere Positionen, die 
mehr und mehr Aufmerksamkeit ein- und die von 
Politik und Gesellschaft propagierte Idee einer 
homogenen polnischen Nation herausfordern. 


BARBARA SCHNALZGER 
ist Redaktionsmitglied der outside the box 
und lebt in Leipzig. 


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